Samstag, 25. Dezember 2021

Von menschlichen Tieren und tierischen Menschen. Zum reziproken Einfluss griechisch-römischer Konzepte von Mensch und Natur

Ein Beitrag von Judit Garzón Rodríguez

Am 2. Dezember 2021 hatte das Graduiertenkolleg 1876 im Rahmen der Ringvorlesung Dr. Dominik Berrens zu Gast. Herr Berrens, ein ehemaliger Doktorand des GRK, der derzeit an der Universität Innsbruck tätig ist, stellte Aspekte seines Promotionsprojektes vor, u. a. die Frage nach Selbstbeschreibungsformeln der Gesellschaft sowie der Darstellung sozialer Insekten, zwei für ihn eng miteinander verbundene Forschungsgebiete.

In seinem Vortrag „Von menschlichen Tieren und tierischen Menschen. Zum reziproken Einfluss griechisch-römischer Konzepte von Mensch und Natur“ untersuchte Berrens die Konzepte der so genannten „sozialen Tiere“ (ζῷα πολιτικά = „soziale Tiere“) anhand verschiedener Primärquellen wie der Historia animalium des griechischen Philosophen Aristoteles und der Historia naturalis des römischen Enzyklopädisten Plinius. So wurden durch die Verwendung von Tieren wie Bienen und Ameisen und deren „soziale Organisation“ bestimmte Vorstellungen von Regierungsformen in antiken Texten dargestellt. 

Analogien zwischen der Tier- und der Menschenwelt, d. h. Tiere, die Menschen darstellen, und Menschen, die Tiere darstellen, findet sich jedoch bereits in den frühesten Zeugnissen der griechischen Kultur. So gibt es beispielsweise Darstellungen auf Keramiken, auf denen menschliche Figuren mit tierischen Merkmalen – im Zusammenhang mit dem Bereich der Theaterinszenierung – zu sehen sind. Analogien zwischen Menschen und bestimmten Tieren finden sich ebenfalls häufig in literarischen Werken. Ein bekanntes Beispiel für ein Löwen-Gleichnis erscheint in Homers Ilias 3, 21 – 29, in dem Menealos mit einem Löwen verglichen wird. So steht der Löwe im Gleichnis für bestimmten Eigenschaften wie Stärke oder Macht und einer Fokussierung auf die Beute.

Auch in späteren Texten tauchen häufig Vergleiche zwischen Tieren und Menschen auf. Ein gängiger Vergleich ist zum Beispiel der zwischen Bienen und Dichtern, der möglicherweise auf die Metapher honigsüßer Gesang zurückgeht. Mit anderen Worten: Honig ist = Gesang / Rede, so wie Biene = Dichter / Redner ist. Eine weitere Analogie besteht zwischen dem Bienenkönig (die Königsbiene galt in der Antike in der Regel als männlich) und dem menschlichen König. In diesem Sinne wurden weitere Analogien zur sozialen Organisation von Bienen und Menschen gezogen. Ausgehend von dieser Vorstellung einer Sozialität im Tierreich wurden Bienen seit der Antike immer als Monarchie mit einem mehr oder weniger starken König an der Spitze und einer sehr komplexen sozialen Organisation verstanden.

Ameisen wurden dagegen als „anarchisch“, d.h. ohne Herrscher, beschrieben. So lässt sich aus den Textquellen eine gewisse Bewunderung für die Ameisen herauslesen, die sich vor allem aus der Tatsache ergibt, dass ihr Gemeinwesen trotz des scheinbaren Fehlens eines Anführers gut organisiert ist. Dominik Berrens analysierte auch die Rolle der Ameisen in modernen Diskursen, wo sie immer häufiger mit der Idee eines demokratischen Staates in Verbindung gebracht werden. Er stellte klar, dass die Ameisengesellschaft je nach der Einstellung des Textes zu dieser Form der (menschlichen) Regierung negativ oder positiv dargestellt wird. So werden Bienenstöcke und Ameisenhaufen auch als Legitimation für die mit ihnen verbundene Staatsform genannt.

Der Vortrag gab einen Einblick in die enge Beziehung zwischen Menschen und sozialen Insekten. Berrens verdeutlichte anhand vieler Beispiele die reiche literarische Auseinandersetzung mit Bienen und Ameisen im griechisch-römischen Kulturkreis. Er betonte, dass Insekten als eng mit dem Menschen verwandt angesehen wurden, insbesondere im Hinblick auf ihre soziale Lebensweise. So sind ihre Darstellungen laut Berrens oft stark von Anthropomorphismen geprägt. In diesem Sinne findet eine häufige Nutzung vermenschlichender Begriffe in Zusammenhang mit Tieren in Texten der griechisch-römischen Antike. Aus diesem Grund lässt sich schlussfolgern, dass die Grenzen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Domänen in manchen Fällen, wie die von Berrens skizzierten, sehr diffus sind.

In seiner Arbeit betonte er ebenfalls die Idee, dass menschliche Werte und Institutionen auf die Tierwelt übertragen werden, während gleichzeitig Beobachtungen aus der Tierwelt zum Maßstab menschlichen Handelns werden. Für Dominik Berrens spiegelt dies ein Naturverständnis wider, in dem alles auf allen Ebenen ähnlich oder gleich organisiert ist und daher Analogieschlüsse zulässt.

Montag, 13. Dezember 2021

Ein Spaziergang durch den (Zauber-)Wald. Der Wald in der Ausstellung „BeZAUBERnde ORTE“

Ein Beitrag von Francisco José Gómez Blanco

Bereits in frühen Zeiten hat der Mensch gespürt, dass es sich beim Wald um viel mehr als um ein dunkelgrünes, schattiges Naturgebiet handelt – üppig in Leben und Ressourcen für den alltäglichen Bedarf, aber voller Gefahren und Geheimnisse. Die zuerst mündliche, später schriftliche Tradition hat uns ein Bild vom Wald aus der Vormoderne geliefert, das einen Ort zeigt, in dem der Mensch eine friedliche Verbindung mit dem Jenseits finden, sich aber auch unter dunklen Baumkronen verlaufen und bösen Gottheiten, Fabelwesen und Untieren begegnen kann oder sogar selbst zur Wildnis wird. In der, für den Sommer 2022 geplanten, Ausstellung „BeZAUBERnde ORTE“ streben wir danach, die Interpretation des Menschen von Naturorten wie Gewässern, Wüsten und Wäldern vorzustellen. Dafür stehen Mythen und Erzählungen im Vordergrund, die uns über jene Orte und deren zauberhafte Bewohnener berichten.

Wir wollen unsere Ausstellung „BeZAUBERnde ORTE“ mit dem Thema „Wald“ eröffnen. Der Wald wird dabei als ein ambivalenter Ort präsentiert, der eine Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation darstellt, in dem die Trennung zwischen Mensch und Tier teilweise aufgehoben ist. Gegensätzliche Elemente wie Harmonie und Chaos, Licht und Schatten, Geräusche und Stille sowie Elemente mit emotivem Bezug, die den Wald als Ort der Sehnsucht oder als furchterregenden Ort darstellen, weisen auf jene Ambivalenz hin, die dem Wald seit frühester Zeit gegeben wurde. Dafür wird die Ausstellung in dem Themenbereich in drei Stationen eingeteilt.

Abb. 1: Der Pfad führt in den Wald in der Nähe von Gütenbach (Schwarzwald). Foto: Francisco Gómez.

Station I bezieht sich auf Emotionen und Wertigkeiten, die der Wald selbst erzeugt und die den Wald als ambivalenten Ort darstellen. Hierbei geht es darum, wie der Wald durch das Sehen, Hören, Riechen und Fühlen wahrgenommen werden kann. Bäume bilden die knarrende Abgrenzung eines in Schatten verlaufenden Pfades (Abb. 1), während verschiedene Wald(fabel)wesen aus ihrem Versteck zwischen Wurzeln, hinter Steinen und unter dem Moos die Besuchenden betrachten. Neben den starrenden Augen dieser Kreaturen werden auch die Feuchtigkeit des grünen Bewuchses sowie die Geräusche des Holzes, des Windes in den Ästen und die der Nagetiere unter den gefallenen Blättern in allen Ecken zu spüren sein.

Der Pfad führt den Besuchenden zur Station II, die den Wald als zauberhaften Ort vorstellt: den Zauberwald. Die Wesen, die ihn bewohnen, und die Mythen und Märchen, die über fantastische Geschehnisse erzählen, sind hierbei Mittel dafür, die angesprochenen Ambivalenz und Liminalität des Waldes deutlich zu zeigen. Zu den Bewohnern des Zauberwaldes zählen Gottheiten und Geister, die dort ihre Kultstätte haben, wie die Göttin Artemis oder die frechen Satyrn der griechischen Mythologie; fantastische Tiere, wie das Einhorn, aber auch zahlreiche andere Tiere und Untiere, die den Helden in den Mythen als Beute dienen. Diese letzten, monströsen Bestien verwüsteten Städte und deren Umgebung, bis ein oder mehrere Helden zu einer Jagd nach ihnen aufbrachen, letztendlich das Tier erlegten und somit die Welt von jener Gefahr befreiten und den Wald wieder zu einem sicheren Ort machten. Einem solchen Ereignis begegnen wir in der griechischen Mythologie in Gestalt der Jagd auf den Kalydonischen Eber (Abb. 2). Als Strafe der Götter wurde die Stadt Kalydon von einem Rieseneber bedroht. Zahlreiche Krieger und Jäger aus anderen Ortschaften versammelten sich dort, um die Stadt von dem Ungeheuer zu befreien, und zogen dafür in den Wald, wo Meleager und Atalante das Tier erlegten und später (jedoch mit dramatischen Konsequenzen) als ehrenvolle Helden der Stadt anerkannt wurden. Neben fantastischen Wesen, die den Wald bewohnen, und adeligen Persönlichkeiten, die dort Ruhm erlangen, erzählen Mythen und Märchen auch über andere Bewohner des dunkelgrünen Forsts, die niedriger Herkunft waren und armen Schichten der Gesellschaft zugehörten: Ausgestoßene und Arme nennen den Wald ihr Zuhause, Banditen finden dort ihr Versteck. Nicht selten sind die Familien in den Märchen der Brüder Grimm die Ärmsten aller Armen und müssen ihre Kinder aus diesem Grunde im tiefen Wald aussetzen. Der Wald bildet somit eine Grenze, nicht nur zwischen Fantastischem und Realem, sondern auch zwischen Heroen und Außenseitern.


Abb. 2: Siana-Schale, ca. 560 v. Chr. Antikensammlung der Universität Mainz, Inv. 72. Foto: Angelika Schurzig.

Zuletzt kommen die Besuchenden an die Station III. Hier geht es um die religiöse und soziale Bedeutung, die der Wald für den Menschen in der Vormoderne hatte sowie die damit verbundenen Praktiken. Die Gewinnung von natürlichen Ressourcen, wie das Holzfällen und das Jagen, mögen zunächst als pragmatische, profane Praktiken erscheinen, stehen jedoch eng in Verbindung mit der religiösen Bedeutung des Waldes. Denn die Gottheiten und andere Wesen, die im Wald wohnen, müssen zuerst den Menschen segnen, können ihn aber auch bestrafen, wenn der Mensch die göttliche Regelung im Walde nicht respektiert. Der Wald steht somit nochmals für die Grenze zwischen Menschen- und Götterwelten, wobei der heilige Hain als Treffpunkt zwischen beiden dient. Dort kann der Mensch Rituale ausführen, die die zornige Gottheit zu besänftigen suchen, jedoch kann der Mensch dort auch selbst von der Gottheit beeinflusst werden, wie zum Beispiel im Fall der Mänaden: Frauen, die im Rahmen des Dionysos-Kultes in orgiastischen Wahnsinn getrieben wurden und in die Wildnis zogen (Abb. 3), oder der Ritter Iwein, der, nach dem mittelalterlichen Roman, ebenfalls von Wahnsinn getrieben in den Wald zog und, sich die Kleider vom Leibe reißend, dort wie ein „wilder Mann“ lebte. Dadurch wird klar, dass der Wald als ein Ort der Transformation zu verstehen ist.


Abb. 3: Pentheus wird von Mänaden getötet. Wandmalerei von Casa dei Vettii (Pompeji, VI 15, 1). Foto: Wikipedia.

Ziel der Ausstellung ist es, die unterschiedlichen Konzepte von Wald aus der Vormoderne zusammenzubringen und den Besuchenden einen Eindruck davon zu geben, wie der Wald in früheren Zeiten wahrgenommen wurde. Der Charakter des Waldes als ambivalenter Ort der Transformation und als Grenze wird einerseits durch auserwählte Exponate vermittelt, die auf bestimmte Aspekte, Details und Persönlichkeiten aus Erzählungen zum Wald Bezug nehmen, andererseits durch die gesamte Atmosphäre vom geheimnisvollen Wald, die die Raumgestaltung selbst liefert.

Freitag, 26. November 2021

Einblicke in die Anfänge der Menschheit: Gastvortrag von Prof. Dr. Daniel Richter

Ein Beitrag von Christoph Appel

Am 18. November 2021 fanden sich die Mitglieder des Graduiertenkollegs virtuell zum ersten Gastvortrag des Wintersemesters 2021/22 zusammen. Mit Professor Daniel Richter, derzeit Vertretungsprofessor für Ur- und Frühgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, konnte ein Referent gewonnen werden, dessen Forschung neue Perspektiven auf die inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte des GRK liefert. In seinem Vortrag Die zeitliche Einordnung der Entstehung von Homo sapiens in Afrika und dessen Besiedlung Mitteleuropas illustrierte er die grundlegende Relevanz einer naturwissenschaftlich fundierten Datierung bei der Interpretation prähistorischer Fragestellungen und Funde, namentlich der Herausbildung des Homo sapiens (H.s.).

Eingangs gab Daniel Richter einen instruktiven Einblick in die verschiedenen Datierungsmethoden mittels Dosimetrie, d.h. der Quantifizierung ionisierender Strahlung auf geologischen Sedimenten, kulturellen Artefakten oder auch bestimmten organischen Überresten. Da die einzelnen Verfahren auf jeweils unterschiedliche physikalische Eigenschaften der untersuchten Stoffe rekurrieren, weichen auch die durch sie erfassten archäologischen Ereignisse voneinander ab. So kann das Alter erhitzter Gesteine (z.B. Feuersteine) durch Thermolumineszenz-Datierung ermittelt werden. Neben Prozessen der Erhitzung lassen sich auch solche des Absterbens zeitlich eingrenzen, beispielsweise das Alter von Zahnschmelz durch Elektronenspinresonanz.

Im Hauptteil des Vortrages stellte der Referent, in umgekehrter chronologischer Abfolge, drei Beispiele aus der prähistorischen Praxis vor, die zugleich für bedeutende Etappen der Entwicklung des H.s. stehen: Geißenklösterle (Schwäbische Alb) und Brno (Tschechien) als Repräsentanten der archäologischen Kulturen des Aurignaciens bzw. Bohuniciens sowie Jebel Irhoud (Marokko) als Fundstätte der mutmaßlich ältesten Belege des anatomisch modernen Menschen.


Abb. 1: Höhle Geißenklösterle (source).


Abb. 2: Ausgrabungsstätte bei Jebel Irhoud (Marokko) (© Shannon McPherron, MPI EVA Leipzig).

Im Verlauf seiner Ausführungen erläuterte Daniel Richter zunächst die Bedeutung des Geißenklösterle als einer der frühesten Aurignacien-Fundstellen Europas, die auf ein Vorkommen des H.s. vor etwa 40 000 Jahren hindeuteten. Ansätze einer Besiedlung Europas, vermutlich ebenfalls durch H.s., reichten jedoch etwa 48 000 bis 44 000 Jahre (Bohunicien) zurück, müssten jedoch gemäß dosimetrischer Befunde als vorerst gescheitert gelten. Gleichzeitig markierten die Etappen europäischer Präsenz eine Fortsetzung der eigentlichen Anfänge des H.s., die auf einen Zeitraum vor etwa 300 000 Jahren zu datieren seien. Nach einer Darstellung grundlegender phylogenetischer Modelle zur Evolution des modernen Menschen (Out of Africa I/II) arbeitete der Referent, unter Würdigung der Funde in Irhoud und im Vergleich mit weiteren afrikanischen Fossilien, heraus, dass für die Herausbildung des H.s. von einem panafrikanisch-multiregionalen Ursprung in mehreren evolutionären Strängen auszugehen sei. Diese hätten sich parallel fortentwickelt, wobei einzelne Stränge wiederum ausgestorben seien. Von besonderem Interesse war in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass Veränderungen in der Erscheinung des Gesichts vor solchen des Gehirnschädels anzusetzen seien.

Abb. 3: Zwei Ansichten einer zusammengesetzten Rekonstruktion der frühesten bekannten Homo sapiens-Fossilien von Jebel Irhoud (Marokko) basierend auf modernster Computertomografie (micro-CT) mehrerer Originalfossilien (© Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig).

Daniel Richters Vortrag führte dem Auditorium die inhaltlich-methodische Breite paläoanthropologischer Forschung vor Augen. Nicht nur, aber zuvorderst für diejenigen Projekte innerhalb des GRK, die sich mit den ältesten fassbaren Ausprägungen menschlicher Kultur beschäftigen, dürfte abermals deutlich geworden sein, dass sich die Entwicklung des H.s. bereits in ihren Anfängen keineswegs als uniform erweist. Vielmehr sind dem Konzept des frühen modernen Menschen von Anbeginn an Komplexität und Vielfalt eingeschrieben – was nicht zuletzt in der Arbeit des GRK widergespiegelt wird.

Weiterführende Meldungen

News Max-Planck-Gesellschaft, Der Homo sapiens ist älter als gedacht. Forscher entdecken in Marokko die bislang ältesten Fossilien unserer Art, 7. Juni 2017.

P. Gunz, Die Ersten unserer Art, Forschungsbericht Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, 2017.

Donnerstag, 11. November 2021

Quality and quantity from different perspectives: A fruitful International Methods Workshop

A blog post by Nicky van de Beek

On 8 and 9 October 2021, the online International Methods Workshop took place with the theme of Quality and Quantity: Approaches to Humans and nature in an interdisciplinary dialogue. The program included talks by German and international scholars as well as tandem presentations by members of the fifth cohort of the GRK. There were about 25 participants. Presentations of 30 minutes with 15 minutes of discussion were given in both German and English, with a concluding discussion at the end of each day. Social gathering were held via the platform of wonder.me.

A warm welcome by Prof. Althoff and Prof. Lauer was followed by a keynote lecture by Prof. Uwe Saint-Mont, professor of statistics and computer sciences at Nordhausen University of Applied Sciences. He explained how we as scientists are trying to gain answers from nature using both quantitative-mathematical and empirical-experimental approaches. Data is seen as the foundation of statistics, on which in turn the empirical sciences and science-based philosophy are built. Statements can either be true (or nearing the truth) or false, non-falsifiable or "wronger than wrong" (after Isaac Asimov):

"When people thought the Earth was flat, they were wrong. When people thought the Earth was spherical, they were wrong. But if you think that thinking the Earth is spherical is just as wrong as thinking the Earth is flat, then your view is wronger than both of them put together."


Fig. 1: The nature of empirical research (from the presentation of Uwe Saint-Mont).

Through precision, physicists attempted to expose falsehood, causing truth and measurement technology to be inextricably linked. Newton's invention of mathematics connected the theoretical with the practical. Problems from the natural sciences could now be approached using applied mathematics by solving differential equations. This connected theory with technology, and relations of ideas with matters of fact.

What wasn't connected, however, was speculation with rudimentary knowledge, illustrated by Prof. Saint-Mont with the plague epidemic of 1348. Back then, it was assumed that the physical elements were expressed in bodily fluids, and when these fluids were out of balance, a person became ill. Because the theory behind this problem was wrong, an estimated  one-third of the European population died. Needless to say, similar problems of pseudo-science and 'fake news' are plaguing our society today.


Fig. 2: Pieter Bruegel's "The Triumph of Death" reflects the social upheaval and terror that followed the plague that devastated medieval Europe.

Next, Dr. Fiona Coward of Bournemouth University treated us to a talk about networks and how they can be used in archaeology. Although sometimes dismissed as a buzzword, networks can connect any entities such as people, places and the things people use (material culture). People in (pre)history and today move around within the landscape, and certain places can be imbued with meaning (e.g. Uluru for the Aborigines). Furthermore, we share this world with other species that we interact with.

Networks basically consist of nodes (entities) and edges (their links). Using quantitative approaches, the measures of these networks can be calculated (such as degree, centrality, betweenness, etc.). When studying social change between Epipaleolithic and Early Neolithic peoples, networks can be used to document similarities between sites. The assumption here is that the more similarities exist, the more contact existed between sites.


Fig. 3: Networks of archaeological sites (from the presentation of Fiona Coward).

Dr. Coward noticed how the degree (number of connections) went up, but there was also increased density in the network. I.e. there was an explosion of material culture as people started producing more things. She found that material culture simplifies social interaction with strangers. Objects are durable, divisible and diverse, not just data points but items to be valued, with a biography of their own. In archaeology, objects are furthermore combined into assemblages. By taking the sites out of the equation and just looking at the material culture, the variability of human social relations could thus be explored.

With the next contribution by PD Dr. Tim Kerig, we delved into Neolithic mining operations across Europe. While the landscape of southern France is covered with stone artefacts, the deep shafts of Grimes Graves in Norfolk show how flint was unearthed using antlers for pickaxes. Over 200 mining sites can thus be identified in Europe. Stone, copper and jade were extracted and traded in the hinterland, the production cost of which can be quantified. In relation to the population, this can tell us something about the importance of this type of labor. Likewise, the production of staple bread can be quantified, relying on ethnographic measurements of labor time. Dr. Kerig then demonstrated how production (of stone artefacts and bread) essentially propelled civilizations.


Fig. 4: Civilization and the cost of labor (from the presentation of Tim Kerig).

Next, Dr. Christiane Hemker showed us many interesting approaches to the archaeology of medieval silver mining in Saxony. Through various techniques such as geobotany, sedimentology, physical anthropology and dendrochronology, the interaction between people and the mountain landscape is documented, reconstructed and presented to the public. This includes the study of the wood that was used in the mining process, the food that was consumed by the miners, and exciting 3D reconstructions that make all this research vivid to the public.


Video: 3D reconstruction of the Dippoldiswalde during medieval times.

Jan-Eric Schlicht from Kiel University combined his interest in philosophical theory with his knowledge of computational archaeology in a contribution about systems in archaeology. He discussed boundaries between disciplines (for example Near Eastern archaeology vs. ancient history), complex systems (illustrated by a termite mound that appears architecturally planned but isn't) and the process of neolithization. He concludes that quantitative and qualitative researchers will have to integrate at some level.

The first day was concluded with a triple resentation by Francisco José Gómez Blanco, Benny Waszk and Judit Garzón Rodríguez. Referring to their individual research projects (all concerned with 'bodies' in some way), they presented the topic of multimodal discourse analysis. After an introduction by Judit on the construction of a corpus (of ancient Egyptian penis iconography), Francisco showed how his images of gladiatorial violence fall into four categories. Benny explained how the decorated pillars of Göbekli Tepe contain no texts, so they can be approached through objective description and observations of the space made visible using photogrammetric techniques.


Fig. 5: Dissertation projects of the three GRK members.

On Saturday, the Methodenworkshop continued with the fields of social sciences and literature studies. Dr. Judith Glaesser from Tübingen showed how she used Qualitative Comparative Analysis in researching the important question why women earn less than men.

Prof. Udo Kelle from Hamburg University, social scientist and 'hobby archaeologist' introduced us to the hermeneutic circle illustrated by the treasure of Priam: If you only look for what you want to find, you will find what you're looking for. By using triangulation, a technique from psychology, this circle can be broken. Converging results can validate a statement, diverging results identify problems with validity or methodology, and complementary results (such as absolute and relative dating in archaeology) can aid interpretation and provide breadth and depth.

Dr. Sandra Rodríguez Piedrabuena from the University of Seville subsequently demonstrated how to analyze a text (in this case Euripides) by using QDA software. She used this to study characters in the text based on the clustering of similar words. By visualizing this material in a dendrogram or 3D graph, new insights into linguistic aspects of a text can be gained. No doubt many more uses can be found for textual analysis using this software.

A final tandem presentation was given by Christoph Appel and Jessica Knebel on quantitative metaphor analysis. Studying the concept of 'love' in ancient Egyptian love songs and Attic tragedies, the doctoral students came to some interesting conclusions, such as the lack of the word 'love' in ancient Greek. Using methods of digital analysis provided by the TLA (Thesaurus Linguae Aegyptiae) and TLG (Thesaurus Linguae Graecae), they demonstrated the possibilities of digital corpus analysis of ancient texts.

The Methodenworkshop was concluded by a discussion and some delighted words from Prof. Claudia Lauer.


Fig. 6: Some of the participants of the Methodenworkshop.

Mittwoch, 8. September 2021

32. Tagung des Arbeitskreises ‚Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption‘ (AKAN)

Ein Beitrag von Christoph Appel

Nachdem die Unwägbarkeiten der Corona-Pandemie im Sommer 2020 die alljährliche Tagung des AKAN – wenngleich nicht die Veröffentlichung eines weiteren Sammelbandes [1]  – verunmöglicht hatten, fanden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erstmals zu einer eintägigen Online-Konferenz zusammen. Zwar musste auf symposiastische Geselligkeit, nicht jedoch auf vielfältige wissenschaftliche Impulse durch einen bunten Strauß von Themen verzichtet werden. Stellvertretend für die thematische Breite des AKAN, stifteten die Vorträge Inspiration und Diskussion aus so unterschiedlichen Bereichen wie der antiken Alchemie, Physiologie, Zoologie, Agronomie, Nautik, Astronomie und Geographie.

Zu Beginn gab INGOLF VERENO (Staufen) einen Einblick in Ps.-Demokrits Physika kai mystika, die wohl älteste und maßgebliche griechische alchemistische Schrift. Dabei arbeitete er heraus, wie das Werk im Zeichen einer Allegorie des Quecksilbers, unter der Oberfläche von Rezepten zur Metall und Purpurgewinnung, eine philosophische Seelenkunde entfaltet.

CHRISTOPH APPEL (Mainz) beschäftigte sich mit antiken Reflexionen zum Phänomen der Trunkenheit. Am Beispiel literarischer und naturwissenschaftlicher Quellen konnte gezeigt werden, dass zentrale griechisch-lateinische Metaphern des Rausches (Verletzung, Wärme, Feuchtigkeit etc.) populäre Wissensbestände repräsentieren, die von der Fachschriftstellerei jedoch nur selektiv geteilt werden.

In einem Kommentar zur Zoologie in Platons Timaios entwickelte SERGIUSZ KAZMIERSKI (Regensburg) grundlegende Gedanken zum Gegenstand einer historisch angelegten Naturwissenschaft. Anhand des Phänomens der Atmung demonstrierte er exemplarisch die philosophischen Wertigkeiten von Sein und Werden als Prinzipien einer physiologisch dimensionierten Kosmologie.

THORSTEN FÖGEN (Durham, UK) widmete sich der Rolle von Schädlingen in der römischen Agrarschriftstellerei. Ausgehend von einer lexikalischen Problematisierung des Konzepts ‚Schädling‘ konnte er zeigen, dass die agronomischen Programme Catos und Columellas wesentlich, etwa bei der Konstruktion des Gutes oder den Hinweisen zur Verarbeitung der Erzeugnisse, durch einen Anthropozentrismus geprägt sind, der eine ökonomische Qualifizierung des potenziell schadhaften Tieres vornimmt.

Mit der nautischen Fachschriftstellerei in Gestalt der sog. Libri navales des Varro setzte sich BORIS DUNSCH (Marburg) auseinander. Dabei macht er deren Existenz selbst besonders in Abgrenzung zur Ephemeris navalis – zum Gegenstand seines Vortrages und diskutierte verschiedene Testimonien mit Bezug zur Behandlung von Wetterzeichen und Winden für die Seefahrt.

WOLFGANG HÜBNER (Münster) führte die Teilnehmer durch das fünfte Buch der Astronomica des Manilius, das den sog. Paranatellonten, Sternbildern außerhalb der Tierkreiszeichen, gewidmet ist. Dabei stellte er wesentliche Überlegungen zu Figur und Wesen der dargebotenen Sternbilder sowie der Verarbeitung astronomischer Quellen vor. Insbesondere beeinflussen nach Manilius diese Sternbilder im Sinne einer Sympathielehre die unter ihnen geborenen menschlichen Charaktere.

Abschließend beschäftigte sich PHILIPP KÖHNER (Marburg) mit der Rolle Nordafrikas auf der Tabula Peutingeriana, verbunden mit einer Erörterung von Wissensgehalten und Zielpublikum der Quelle. Hierbei thematisierte er die relative Informationsarmut des afrikanischen Raumes gegenüber dem europäischen und arbeitete, etwa an den Beispielen des Tritonsees oder Karthagos, die Rom-Bezogenheit der Karte, fern jeder praktischen Nutzbarkeit, heraus.

Wie gewohnt werden die Beiträge der Tagung in Form eines Sammelbandes beim Wissenschaftlichen Verlag Trier publiziert. Die nächste Tagung des AKAN ist für Sommer 2022, hoffentlich in Präsenz, geplant.


[1] J. Althoff – D. De Brasi – S. Föllinger (Hrsg.), AKAN – Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption XXXI (Trier 2021).


Dienstag, 31. August 2021

Öffentlichkeitsarbeit einmal anders: eine Ausstellung für das GRK 1876

Ein Beitrag von Alexandra Hilgner und Ulrike Steinert

Das Graduiertenkolleg 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ ist ein altertumswissenschaftliches Kolleg, bestehend aus verschiedenen altphilologischen sowie archäologischen Disziplinen. Gerade in der Archäologie ist die Forschung oft sehr objektbasiert, während die Philologie hilft, die Geschichten hinter den Objekten in einen inhaltlichen Rahmen zu setzen. Daher bietet es sich an, die Themen des Kollegs, möglichst öffentlichkeitswirksam, auch in einer Ausstellung aufzuarbeiten. 

Die Entstehung einer Ausstellung: erste Schritte

Kuratiert wird die Ausstellung von zwei Mitarbeiterinnen des GRKs: von Alexandra Hilgner, einer der beiden Koordinatorinnen, und von Postdoktorandin Dr. Ulrike Steinert. Beide Kuratorinnen konnten bereits Erfahrungen in der Konzeption und Durchführung von Ausstellungen sammeln.  Der Aufwand, der mit dem Konzipieren einer Ausstellung verbunden ist, sollte keineswegs unterschätzt werden.

Alexandra Hilgner erinnert sich: „Bereits im Sommer 2019 haben wir uns erste Gedanken zum Konzept gemacht. Nach der Begutachtung und Bewilligung innerhalb unseres internen wissenschaftlichen Beirats [bestehend aus Mitgliedern des Leitungsgremiums und externen Partnern], konnten wir im Sommer 2020 erfolgreich einen Antrag bei der ‚Schule des Sehens‘ der Johannes Gutenberg-Universität einreichen“. In diesem Schau- und Experimentierraum, mitten auf dem Gelände der Universität, soll die Ausstellung im Sommer 2022 eröffnen. 

Zu Beginn musste ein Thema gefunden werden. Es sollte aus dem GRK kommen und möglichst viele KollegiatInnen inhaltlich einbinden können – andererseits sollte es für potentielle BesucherInnen spannend sein, sie neugierig machen, faszinieren und fesseln können. „Wir haben beschlossen, die Natur zum Hauptdarsteller zu machen, mit einem Fokus auf Orte in der Natur und was Menschen damit verbinden. Denn Orte in der Natur haben uns Menschen schon immer in ihren Bann gezogen, bewegt, Gefühle geweckt und unsere Fantasie beflügelt“, merkt Ulrike Steinert an.

Somit lautet der Titel der Ausstellung:

beZAUBERnde ORTE. Naturbegegnungen in vormodernen Gesellschaften

Seit Herbst 2020 arbeiten die KollegiatInnen des GRKs in Arbeitsgruppen zu den einzelnen Themen der Ausstellung. Alexandra Hilgner erläutert die Message der Ausstellung, deren Kernaussage: „Ziel der Ausstellung ist es, über Exponate und Erzählungen die Bedeutung von Naturorten in den Vorstellungswelten vergangener Zeiten zu zeichnen und zu zeigen, dass diese Orte Menschen schon immer bewegt und fasziniert haben.“

Wälder, Gewässer, Wüsten – drei Landschaften und Lebensräume, in/von denen Menschen seit Urzeiten gelebt haben – sind Orte, um die sich seit jeher Geschichten, Mythen, kulturelle Erinnerungen und wiederkehrende Bilder ranken, die vom „Zauber“ dieser Orte und von ihren geheimnisvollen Eigenschaften, Kräften und Wesen erzählen. „Wir wollen einen Fokus auf diese drei Landschafträume lenken, die wir in Themeninseln innerhalb der Ausstellung präsentieren werden“, ergänzt Ulrike Steinert.  

Neugierig geworden? In den nächsten Wochen und Monaten wird es stetig weitere Informationen zum Ausstellungskonzept sowie dem Arbeitsfortschritt geben!

Donnerstag, 5. August 2021

Konzepte vom toten Körper in den Stillleben der römischen Wandmalerei. Plenumsvortrag von Nathalie Julia Rodriguez de Guzman.

Ein Beitrag von Francisco José Gómez Blanco

Das Sommersemester 2021 kommt zu seinem Ende und somit auch die Reihe an Plenumssitzungen, in denen die Kolleginnen der 6. Kohorte des GRK 1876 uns ihre jeweiligen Forschungsprojekte vorstellten. In der letzten Sitzung präsentierte Nathalie Rodriguez de Guzman, Doktorandin der klassischen Archäologie, ihre ersten Schritte in der Untersuchung der Konzepte vom toten Körper anhand von Darstellungen vom Stillleben der römischen Wandmalerei. Nathalie setzt sich in ihrem Dissertationsprojekt „Konzepte vom toten Körper in der römischen Bildkunst von der späten Republik bis zur mittleren Kaiserzeit“ mit der Darstellung des toten Körpers in verschiedenen Bildträgern auseinander, u. a. in Kleinfunden, Mosaiken, Statuen, Reliefs und, wie sie uns dieses Mal vorstellte, in der Wandmalerei. Anhand einiger Bilder von Fischen und Mollusken in der römischen Wandmalerei zeigte Nathalie das Vorkommen toter Körper in Stillleben und verglich den toten Körper von Wassertieren mit Darstellungen verschiedener toter Vogelarten. Ihr Quellenverzeichnis untersuchter Stillleben in der Wandmalerei umfasst bisher 166 erhaltene Funde, ausschließlich aus Pompeji und Herculaneum.

Das Stillleben in den Wandmalereien aus Pompeji und Herculaneum wurde bereits sehr umfassend publiziert: Wichtige Sekundärliteratur zu diesem Thema sind die 10-bändige Reihe zu den Malereien und Mosaiken in Pompeji  und die Untersuchungen von Wolfgang Helbig  und Felix Eckstein . Häufig dargestellte Tiere werden dabei oft – aber nicht immer – als „tot“ beschrieben; jedoch werden keine weiteren Angaben gemacht, weshalb sie als „tot“ zu bezeichnen sind. Sind alle in Stillleben dargestellten Tiere tot? Und wenn nicht, welche Bildelemente lassen den Betrachter ein Tier als tot zu erkennen? Wie werden tote und lebendige Tier im Stillleben unterschieden? Diese und weitere Fragen möchte Nathalie beantworten.

Nathalies Beobachtungen lassen feststellen, dass es sich bei toten Körpern im Stillleben ausschließlich um Körper von Tieren handelt. Sie können in drei Gruppen unterteilt werden: Fischkörper, Vogelkörper und Körper von Säugetieren. 

Fische (und andere Wasserwesen)

In den Stillleben aus Pompeji und Herculaneum sind Fische mit 31 Darstellungen sehr häufig vertreten. Nathalie unterteilt die Bilder von Fischen in fünf Gruppen: Fische, die zu zweit oder zu dritt an der Wand aufgehängt wurden; Fische, die meist in einem Haufen am Boden oder auf einem Fensterbank liegen; Fische, die ebenfalls liegen, aber aus einem Korb herausfallend; Fische, die sich U-förmig winden; und Fische, die übereinander gekreuzt präsentiert wurden und in der Luft zu schweben scheinen (Abb. 1).

Abb.1. Nathalie erzählt über Fische in der Wandmalerei. 

Allgemein ist bei diesen Fischen zu beobachten, dass, lebendig oder tot, ihr Körper keine Verletzungen aufweist. Nicht einmal in der Gruppe der am Maul aufgehängten Fische sind Spuren von Verletzungen zu erkennen. Dass es sich hauptsächlich um tote bzw. sterbende Fische handelt, wird dem Betrachter trotzdem klar, da sich alle Fische im Stillleben außerhalb des Wassers befinden. Eine liegende Lage auf dem Rücken bzw. auf der Seite, in der ihr heller Bauch sichtbar ist, spricht auch für die Darstellung toter Fische. Hingegen können Fische, die ihren Kopf und Schwanz anheben, auf ein lebendiges bzw. sterbendes Tier hindeuten. Dass bei einigen Fischdarstellungen mit dieser Körperhaltung zusätzlich eine Schnur zu erkennen ist, die sie in dieser Position halten, legt einen wirtschaftlichen Kontext nahe, wie der Vergleich mit anderen römischen Bildmedien, aber auch einen ethnographischen Blick auf die heutige Fischwirtschaft zeigen kann: Denn in dieser U-förmigen, gebundenen Körperhaltung lassen sich die Kiemen sofort erkennen. Sind sie stark durchblutet, weisen sie einen dunkelroten Farbton auf und zeigen, dass der zum Kauf angebotene Fisch frisch ist (Abb. 2). Römische Handwerker hoben demnach absichtlich – vermutlich im Interesse der Auftraggeber der Wandmalereien – die roten Kiemen der U-förmig gebundenen Fische hervor, um sie als frische und somit als qualitätsvolle Speiseprodukte darzustellen.

Abb. 2. Die roten Kiemen in Wandmalerei und auf dem Fischmarkt. Detail der Wandmalerei aus dem Tablinium im Haus des M. Lucretius Fronto, Pompeji.

Im Stillleben kommen auch weitere Wasserwesen vor, die in der römischen Küche einen gehobenen Speisecharakter innehatten, u.a. Muränen, Tintenfische, Krebse und Muscheln. Sie sind wesentlich seltener als die üblichen Fische vertreten und bei ihnen lässt sich etwas deutlicher feststellen, ob sie tot oder lebendig dargestellt wurden – selbst, wenn sie keine Verletzungen aufweisen. Tote Muränen werden etwa auf einer Stufe dargestellt, mit erschlafft herabhängendem Kopf und Schwanz. Ähnlich herabhängend wurden die Fangarme von Tintenfischen präsentiert, was ebenso darauf hinweist, dass sie tot sind. Bei den unterschiedlichen vertretenen Krebsarten – wie Taschenkrebs, Languste oder Hummer – scheint es hingegen unmöglich festzustellen, ob sie lebendig oder tot gezeigt werden, da Krebse eine Zeit lang außerhalb des Wassers überleben können. Muscheln werden im Gegenteil ausschließlich lebendig dargestellt, da sie immer geschlossen sind. 


Vögel im Vergleich

Vogelarten sind mit 53 Bildern die größte Gruppe an toten Tieren in den Stillleben. Darunter fallen Hühner, Rebhühner, Enten, Drosseln, Tauben und Gänse. Trotz der hohen Anzahl an Darstellungen werden Vögel nur auf zwei verschiedene Weisen wiedergegeben: Einzeln oder in kleinen Gruppen hängen sie entweder durch einen Ring am Schnabel an der Wand oder liegen mit herabhängendem Kopf auf einer Stufe. Vögel sind im Unterschied zu Fischen ausnahmslos als tote Tiere zu verstehen. Während Vögel immer als geordnet abgelegt oder aufgehängt dargestellt wurden, werden Fische – und weitere Wasserwesen – aufeinandergestapelt bzw. anderweitig durcheinanderliegend dargestellt. Nathalie fasst dies als Andeutung für Bewegung auf. Eindeutig scheint jedoch, dass es Absicht ist, Fische im Stillleben nicht wie die Vögel nebeneinandergelegt darzustellen, was ihren toten Zustand stärker betont hätte (Abb 3).

Abb. 3. Vergleich der Fisch- und Vogeldarstellungen in der Wandmalerei. Oben: Tablinium im Haus des M. Lucretius Fronto, Pompeji; Unten links: Detail aus dem Tablinium im Praedium der Iulia Felix, Pompeji. Museo archeologico nazionale di Napoli; Unten rechts: Detail im Porticus des Tempio di Iside, Pompeji. Museo archeologico nazionale di Napoli.

Die unterschiedliche Anordnung beider Tierarten im Stillleben führte Nathalie sowohl auf den Verwesungsprozess des toten Körpers als auch auf den kulinarischen Wert der Tiere zurück. Dabei spielt das Zeitgefühl, das dem Betrachtenden durch das Bild vermittelt wird, eine wichtige Rolle; um anzudeuten, wie lange die dargestellten Tiere bereits tot sind. Während bei den Vogeldarstellungen kein Hinweis darauf zu finden ist, wird bei Fischdarstellungen – vor allem bei jenen mit einem Korb – deutlich gezeigt, dass die Tiere, erst kürzlich gestorben oder gerade gefangen worden sind. Zur Andeutung des Frischfanges von Wassertieren zählen auch die Bilder von (eventuell noch) lebendigen Krebsen und lebendigen Muscheln sowie, wie bereits erwähnt, die absichtlich hervorgehobenen roten Kiemen der U-förmig gebundenen Fische. Die Absicht, dieses Zeitgefühl über die toten Tiere zu vermitteln, hängt mit der Totenstarre von Tieren zusammen, die wiederum ihre Zubereitungsmöglichkeit als genießbare Speisen beeinflusst. Sie löst sich bei Fischen spätestens 12 Stunden nach dem Tod, sodass der Fisch – wie allgemein bekannt – zeitnah zuzubereiten ist. Hingegen löst sich die Totenstarre bei Geflügel erst nach drei Tagen, was wiederum dem Vogelfleisch sein besonderes Aroma gibt, sodass das Abwarten der Totenstarre die Qualität des Geflügels sogar steigert. In diesem Zusammenhang kann erklärt werden, warum im römischen Stillleben bei Fischen (und Wasserwesen) der zeitnahe Fang oder die Frische der Tiere so deutlich als Qualitätshinweis aufgezeigt wurde, während der frisch eingetretene Tod des Geflügels nicht sichtbar ist, da diese längere Zeit tot liegen müssen, um wohlschmeckender zu sein. 

In der anschließenden Diskussion wurden Fragen aufgeworfen, ob die unterschiedlichen Fisch- und Vogelarten Hinweise auf die geographische und saisonale Speisekultur der römischen Bevölkerung geben könnten oder gar über eine bestimmte Verwendung der Räume, in denen die Wandmalereien eingebracht wurden. Nathalie wird sie mit ihrer Forschung sicherlich bald beantworten. Auf diese und weitere Antworten sind wir im Graduiertenkolleg 1876 sehr gespannt.


Literaturhinweise:

F. Eckstein, Untersuchungen über die Stillleben aus Pompeji und Herculaneum. Berlin, 1957.

W. Helbig, Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei. Leipzig, 1873.

Pompei. Pitture e mosaici I-X. Rom, 1990-2003.


Donnerstag, 8. Juli 2021

“Lights of Eternity”. A Plenumsvortrag by Yossra Ibrahim

A Blogpost by David Usieto Cabrera

On June 24th, 2021, the members of the GRK 1876 "Early Concepts of Humans and Nature" met once more for an online plenary session. During this meeting, the Egyptologist Yossra Ibrahim presented her dissertation project entitled:” Lights of Eternity – Investigating Concepts, Tradition and Innovation in the Ancient Egyptian Celestial Diagrams”, which started in October 2020. 

Figure 1. Yossra’s Doctoral Project.


Her study aims to investigate and assert the different versions of the celestial diagram, as well as to highlight the various foreign influences on these sets of illustrations that date from different periods of time and space, including on a larger scale from the New Kingdom up to the Graeco-Roman period. As Yossra clearly defined, scenes that depict astronomical elements (celestial diagrams) are considered a unique source of information to build the concept of astronomy in her dissertation. As Figure 2 shows, these scenes can vary in shape and form as well as in locations, such as inside  coffin lids, water clocks, and religious buildings (i.e. temples). 

Moving forward, Yossra’s study aims to highlight the evolution of ideas and the reception and introduction of the zodiac and foreign concepts. The dissertation aims to offer an insight into the understanding of the celestial diagrams and how they developed over time. 

 

She uses diverse iconographic material to investigate, under a comparative multilateral approach on case-by-case basis to glean the similarities, and to examine what is common and what has changed. 

Figure 2. Tomb of Ramses V/VI. (photo from Theban Mapping Project)


Regarding concepts that are relevant for her study, she is focusing on different concepts such as immortality and perpetual rebirth, but overall, as in the case of the diagrams, she focuses on the iconographic perspective and hence,  not relying so much on textual sources. She argued that the textual sources have been deeply analyzed in the past and as a result, the iconographic perspective has either been forgotten or neglected. 

The discussion that followed the presentation was very rich and productive in terms of expectations and future work. As an example, she mentioned that the tradition of depicting these stars, ceilings and other celestial objects is kind of a magical way of depicting the deceased to the final resting place. This specific question is rather problematic, and as Yossra specifies, it varies greatly throughout time and space (i.e. a specific tradition of depicting stars during the Ramesside period). As a whole, her exciting project awaits further results that will be determinant for the study of celestial diagrams in ancient Egypt. 

Figure 3. Discussion about Yossra’s studies.

 

Donnerstag, 24. Juni 2021

Ein Vortrag von Dr. Chiara Ferella "Metaphors and Concepts of Body and Soul in Doctrines of Rebirth: A Case Study"

 Ein Beitrag von Jessica Knebel

Am 10.06.2021 präsentierte Dr. Chiara Ferella in der GRK-Plenumssitzung eine Fallstudie aus ihrem seit 2018 laufenden Postdoc-Projekt "Metaphors in Early Greek Concepts of Cosmos, Nature, Body and Mind". In ihrem anregenden Vortrag diskutierte Chiara Ferella das Konzept der Wiedergeburt und die damit zusammenhängenden Ideen und Metaphern des Körpers und der Seele nach Empedokles. 


Abb. 1: Titelfolie von Chiaras Vortrag.

Zu Beginn konkretisierte Chiara Ferella den Begriff der Wiedergeburt, der gewöhnlicherweise als Wanderung der Seele von einem Körper zu einem anderen aufgefasst werde. Diese Vorstellung der Seelenwanderung vermittle die Idee einer Entität, die von einem Körper zum nächsten übergehe. Herbert Long definiere die Metempsychose für das archaische und klassische Griechenland als „(…) belief that at death the soul passes into another body“ (Long 1948). Dies setze voraus, dass die Seele die vitale Agency sei und der Körper als Behälter der Seele passiv konzeptualisiert werde. Die Agency der Seele könne durch Reise-Metaphern ausgedrückt werden, beispielsweise „wandert die Seele“, „die Seele bewegt sich“, „die Seele geht über in“ oder „die Seele geht hinein und hinaus“. 

Nach Platon sei die Seele unendlich und besitze eine halbgöttliche vitale Agency, weswegen sie den Tod des Körpers überdauere und weitere Körper durchlaufe. Platon setze folglich den Fokus auf der Kontinuität der Seele. Daher stellte Chiara Ferella die Frage, ob diese Konzeptualisierung auch für vorplatonische Autoren, die sich zur Wiedergeburt äußerten, gültig sei. Als Fallstudie dient die Lehre zur Wiedergeburt von Empedokles. Methodisch verwendete Chiara Ferella die von Lakoff und Johnson geprägte konzeptuelle Metapherntheorie. 

Beginnend mit Empedokles’ Fragment DK 31 B 115 zeigte Chiara Ferella auf, dass die Formulierung „die harten Wege/Pfade des Lebens zu vertauschen“ der konzeptuellen Metapher LEBEN IST EINE REISE zuzuordnen sei. In diesem Fragment ließen sich weitere Wörter der Reise-Metaphorik zurechnen, beispielsweise „wandern“, „folgt ihm ins Meer“ und „wirft ihn“. Allerdings wies Chiara Ferella darauf hin, dass Reise-Metaphern nicht immer die Idee der Wiedergeburt ausdrücken müssen. Vielmehr berichte das Fragment davon, dass ein Gott aus der göttlichen Gemeinschaft ausgestoßen wurde und dies die zahlreichen Reise-Metaphern begründen würde. Hingegen würden sich andere Fragmente auf Empedokles Idee zur Wiedergeburt beziehen: Der Körper wird mit einer „unbekannten Tunika aus Fleisch“ eingekleidet (DK 31 B 126) oder Individuen werden „als Löwen geboren“ (DK 31 B 127) und dies könne auf eine körperliche Transformation hindeuten. Ein anderes Fragment (Abb. 2) beschreibt, dass „der Vater seinen Sohn in veränderterer Form hochhebt“ (DK 31 B 137). Anhand mehrerer Textbeispiele demonstrierte Chiara Ferella, dass Empedokles die Kontinuität einer individuellen Identität zur Nächsten postuliere.

Abb. 2: Textausschnitt zu DK 31 B 137

Chiara Ferella schlussfolgerte, dass Empedokles die Metapher der körperlichen Transformationen verwende, um die Wiedergeburt zu konzeptualisieren. Während Platon die Kontinuität der Seele betone, akzentuiere Empedokles Veränderungen des Körpers. Damit sei die Seele bei Empedokles abwesend oder inaktiv, während sich der Körper aktiv in eine andere Form transformiere. Wie Chiara Ferella anmerkte, wird Empedokles‘ Idee der Wiedergeburt durch Konzepte ausgedrückt, die eher einer Metamorphose als einer Metempsychose zuzuordnen sind. Die Vorstellung, dass die Seele einer Person den Tod überdauere, ist bereits in traditionellen Epen zu fassen: Zum Beispiel treffen die Seelen von Odysseus in der Unterwelt auf die Seele seiner Mutter und seiner Mitstreitenden, die die perfekten Abbilder der Individuen darstellen, und zwar wie sie im Leben waren. In diesem Beispiel sichere die Seele ihre postmortale Existenz.

Chiara Ferellas Vortrag verdeutlichte, dass besonders durch die Analyse von Metaphern verschiedene Konzepte (z. B. von Körper und Seele) sowie ganze Gedankensysteme aufgedeckt werden können. Die Metaphernanalyse helfe dabei, antike Denkprozesse zu ermitteln, ohne den Inhalt dabei mit modernen Gedanken zu assimilieren. Damit schloss Chiara Ferella ihren spannenden Vortrag zu Empedokles Konzept der Wiedergeburt ab und regte im Anschluss eine lebhafte Diskussion an.


Literaturauswahl
Inwood, B. (2001). The Poem of Empedocles. A Text and Translation with an Introduction. Rev. ed. Toronto/Buffalo/London.
Lakoff, G. and Johnson, M. (1980). Metaphors we live by. Chicago. 
Long, H. S. (1948). A Study of the Doctrine of Metempsychosis in Greece from Pythagoras to Plato. Princeton.
Trépanier, S. (2020). “The Spirit in the Flesh: Empedocles on Embodied Soul” in H. Bartoš and C. G. King (eds.), Heat, Pneuma, and Soul in Ancient Philosophy and Science. Cambridge Univ. Press.

Donnerstag, 10. Juni 2021

Der Umgang mit dem toten Körper: Bestattungsformen und Todeszeremonien im vor-islamischen Persien – Ein Plenumsvortrag von Maral Schumann

 Ein Beitrag von Sibel Ousta

In der dritten Plenumssitzung des Sommersemesters 2021 gewährte uns Maral Schumann, seit Oktober 2020 Doktorandin in der Vorderasiatischen Archäologie, einen ersten Einblick in ihr Dissertationsprojekt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit, welche einen interdisziplinären Ansatz verfolgt, steht eine neue Kategorisierung der bislang dokumentierten archäologischen Grab- und Bestattungsfunde der Sasaniden. Mit der Einbeziehung von neuen Kriterien sollen die in der Forschung etablierten und teilweise problematischen Begriffe der ober- und unterirdischen Bestattung umgangen werden, die den mehrteiligen Bestattungsprozess der Sasaniden – bestehend aus beiden Bestattungsformen – nicht berücksichtigen und daher leicht zu Fehlinterpretationen führen können.  

Zu Beginn ihres Vortrages bestimmte Maral Schumann zunächst die geographischen und zeitlichen Grenzen ihrer Arbeit, welche an die Lebensspanne (ca. 224–651 n. Chr.) und den Lebensraum der Sasaniden anlehnen. Letztere umfasste ein Kerngebiet, das sich über ganz Vorder- und Mittelasien erstreckte. Dabei befinde sich die Mehrheit der zu untersuchenden Funde auf der Seidenstraße, was Maral Schumann zufolge u.a. auf die starken Handelsbeziehungen der Sasaniden mit ihren Nachbarländern zurückgeführt werden könne (Abb. 1).

 

Abb. 1: Überblick über die archäologischen Fundorte und ihre Nähe zur Seidenstraße (Hauptroute der Seidenstraße: orange; andere Karawanenstraßen: rot) 

Die Quellen, die Maral Schumann in ihrer Untersuchung berücksichtigen möchte, bestehen aus archäologischen Funden, Schriftquellen sowie bildlichen Darstellungen, weshalb eine Vielzahl von methodischen Herangehensweisen für sie in Frage kommt; darunter etwa die Prototypensemantik, die Semiotik in den Philologien und Bildwissenschaften sowie die Ikonographie. Die Heranziehung verschiedener Quellengattungen begründet Maral Schumann mit ihrem unterschiedlichen Informationsgehalt, welcher nur zusammengenommen die Bestattungsformen und Todeszeremonien der Sasaniden umfassend beleuchten könne.

Wie Maral Schumann betonte, stellte die offizielle Staatsreligion der Sasaniden, welche der Lehre des Zoroastrismus folgte, eine Besonderheit dar, da dieser im Laufe der Zeit unterschiedliche Tradierungen fasste und zu einem sehr variablen Umgang mit dem toten Körper beitrug. Die Sasaniden übernahmen diese von den Achämeniden (ca. 6.–4. Jh. v. Chr.), dem ersten persischen Großreich, in deren Tradition sie standen. Die allgemeinen Bestattungsprinzipien der Zoroastrier sahen ein Ritual bestehend aus mehreren Etappen vor, welches sich an einem bestimmten Kernkonzept orientierte. Dieses basiere auf der Grundaussage, dass ein Leichnam unrein sei und daher nicht mit den (Natur-)Elementen (Feuer, Wasser und Erde) in Berührung kommen dürfe. In der Praxis führte dieser Grundsatz zu einer komplexen Bestattungsform, die zunächst darin bestand, den Leichnam in einem hochgelegenen Ort durch Aasvögel bzw. -tiere entfleischen zu lassen. In einem zweiten Schritt wurden die Knochen der Verstorbenen in verschließbaren und wasserundurchlässigen Behältern beigesetzt, welche ausschließlich für diesen Zweck entweder aus Stein, Lehm (Ton) oder Kalk (Gips) hergestellt wurden (Abb. 2).

 

Abb. 2: Die allgemeinen Bestattungsprinzipien der Zoroastrier.

Es bestand auch die Möglichkeit, den Leichnam bis zur offiziellen Beisetzung im Rahmen einer Körperbestattung in der Erde zwischenzulagern. Der tote Körper wurde in diesem Fall nach Ablauf von sechs Monaten exhumiert und schließlich nach zoroastrischem Vorbild in einer für ihn vorgesehenen Grabstätte bzw. -behälter beigesetzt. 

Dabei entwickelten sich recht früh regionale Besonderheiten und Sonderregelungen für die Bestattung bestimmter Personengruppen (Adelige, Frauen etc.), sodass sich in der archäologischen Überlieferung verschiedene Varianten des zoroastrischen Bestattungsritus‘ nachweisen lassen. Aus diesem Grund unterscheiden sich die (Knochen-)Behälter zumeist in ihrer Größe, Form, Verzierung und ihrem Material (Abb. 3).

Abb. 3: Das Kernkonzept in seinen verschiedenen Varianten.

Diese verschiedenen Merkmale führten in der Forschung zu Widersprüchen, die sich aus der unsachgemäßen Trennung und Kategorisierung der archäologischen Funde ergaben. So wird in der Literatur zwischen ober- und unterirdischen Bestattungen unterschieden, wobei Maral Schumann die Einordnung der zu untersuchenden Funde in drei Gattungen als methodisch sinnvoller erachtet: (1) Körper-/Erdbestattungen, (2) Körperbestattungen (Balsamierung) und anschließende Beisetzung, (3) Aussetzung im Freien (Entfleischung) und anschließende Beisetzung der freigelegten Knochen. Diese neue Kategorisierung schließt an die zeitgenössischen Beschreibungen antiker Autoren zwischen dem 5. Jh. v.Chr.–6. n. Chr. an, welche in unterschiedlichem Umfang von jenen drei Bestattungsformen der persisch-stämmigen Bevölkerung (Achämeniden, Parther, Sasaniden etc.) berichten. 

Weiterhin ist die Kontextualisierung der archäologischen Funde problematisch, da sie in der Literatur entweder als sasanidische Bestattung (Zoroastrische Bestattung) oder als Sasaniden-zeitliche Bestattung klassifiziert werden, wobei letzteres verschiedene religiöse Bestattungen (christlich, jüdisch, etc.) einschließt (Abb. 4). Um die Arbeit inhaltlich einzugrenzen, möchte sich Maral Schumann im Rahmen dieser Begrifflichkeiten den zoroastrischen Bestattungen in sasanidischer Zeit zuwenden.  

 

Abb. 4: Zur Forschungsproblematik in der Bezeichnung der archäologischen Funde.

Nach einem kurzen Ausblick auf die nächsten Untersuchungsschritte und Zielsetzung der Arbeit von Maral Schumann, welche zum einen darin besteht, die Todeszeremonien und -rituale der Sasaniden zu rekonstruieren, und zum anderen, die bisher in der Forschung unklar gebliebenen Funde neu zu beleuchten, folgte dem Vortrag eine lebhafte Diskussion mit vielen Fragen und Anregungen.  



Donnerstag, 13. Mai 2021

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Nicky van de Beek „A Tomb with view. Representations of landscape in ancient Egyptian tombs from the old to the New Kingdom (ca. 2700–1050 BCE)“

 Ein Beitrag von Maral Schumann.

In der Plenumssitzung des GRK 1876 am 29.04.2021 präsentierte Nicky van de Beek ihr Promotionsprojekt „A Tomb with view. Representations of landscape in ancient Egyptian tombs from the old to the New Kingdom (ca. 2700–1050 BCE)”. Sie begann mit einer Definition für Landschaft unter Berücksichtigung der sichtbaren Merkmale eines Geländes, geophysikalischer Landformen, aber auch menschliche Konstruktionen, Flächennutzung bzw. natürliche Gegebenheiten mit kulturellen Prägungen sowie Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Landschaft in Ägypten. Deiche, die von saisonal überschwemmten Auen gesäumt sind, veränderliche Landschaft wie jährliche Überschwemmung, neu vermessene Felder, veränderter Verlauf des Nils, Gründung neuer Städte, Geomorphologie, Städte und Dörfer auf Dämmen und ehemaligen Kanälen, wiederholendes Umstrukturieren und Anpassung der Bewässerungslandschaft, sind die Aspekte, die man bei der Betrachtung der damaligen ägyptischen Landschaft in Betracht ziehen soll.

Ab. 1: Ober- und Unterägypten in Texten

Nicky hat die Semantik, die den philologischen Aspekt betrifft, anhand von Beispielen wie dem Wort „Land“ bzw. „Black land (km.t)“ für das Land Ägypten und „Red land (dšr.t)“ für Wüste oder fremdes Land gedeutet. Zudem wurde innerhalb Ägyptens zwischen Ober- und Unterägypten unterschieden (Abb.1).

Klima und Klimaschwankungen in Ägypten wurden ebenfalls thematisiert und welche Einflüsse diese auf den Nilstand und die damit verbundenen Überschwemmungen oder Dürren hatten. Diese beschränkten oder beförderten den landwirtschaftlichen Kreislauf. Auch Tierarten wie Nilpferde, Krokodile, Addax, Oryx, Mendesantilopen oder Kuhantilopen, die teilweise bereits ausgestorben sind, werden als Teil der Landschaft betrachtet.

Ziel des Projekts von Nicky van de Beek ist die Beantwortung folgender Fragen: 

Wie sah die eigentliche Landschaft aus (geoarchäologisch, zooarchäologisch, archäobotanisch)? 

Wie wurde die Landschaft in Grabszenen dargestellt? 

Was sind die konzeptionellen Kategorien hinter diesen Darstellungen?

Für ihre Untersuchung verwendet sie hauptsächlich archäologische Quellen bzw. Grabdarstellungen. Neben einigen fragmentarisch erhaltenen Quelle, die auf Landschaftsdarstellungen hinweisen, gibt es auch zahlreiche vollständig erhaltene Grabszenen. Diese Grabszenen stellen Landschaften mit den dazugehörigen Elementen dar: Sie zeigen einerseits Flora und Fauna, anderseits präsentieren sie Aktivitäten, die in diesen Landschaften stattfanden, wie u. a. die Nilpferd-Jagd, Fischen mit dem Netz und Viehtransport (Abb. 2).  

Ab. 2: Beispiel für eine Grabszene mit Landschaftsaktivitäten.

Nicky van de Beek möchte neben solchen Grabszenen auch andere Quellen wie autobiografische Texte, Modelle und Stelen, die in Zusammenhang mit Landschaft stehen, analysieren. 

Um Kategorien zu definieren und Konzepte zu entwickeln, verwendet sie sowohl die Prototypen-Theorie als auch Semantik als Methode. 

Die häufig vorkommenden Kombinationen von Text und bildlichen Darstellungen unterstützen eine genauere Klassifizierung und Kategorisierung von Landschaftselementen bzw. Flora und Fauna. Wie vielfältig solche Darstellungen sein können, zeigte Nicky anhand von Beispielen von unterschiedlichen Kultivierungsgraden in verschiedenen Landschaftsdarstellungen. Die Landschaftsdarstellungen können eine wilde Jagd in der Wüste zeigen, aber auch ästhetisch eingerichtete Gärten (Abb.3).

Ab.3: Eine wilde Jagd in der Wüste (links), ein ästhetisch eingerichteter Garten (rechts).

Der Rolle der Grabbesitzer in Landschaftsdarstellungen in ägyptischen Gräbern sollte besondere Berücksichtigung finden. Jene wurden aktiv oder passiv dargestellt. In manchen Szenen sind sie sogar abwesend. Der Grabbesitzer in aktiver Rolle nimmt an Aktivitäten wie Jagd oder Fischfang teil, und sein Name ist in dem Textteil erwähnt. Bei passiv dargestellten Grabbesitzern oder bei im Bild abwesenden Grabbesitzern werden die Namen und sogar deren Mitbeteiligung an den Aktivitäten, die in solchen Landschaften stattfanden, erwähnt.

Unsere Kollegin Nicky van de Beek wird die Szenen mit verschiedenen Landschaftselementen in einer Datenbank erfassen. Es wird der Zusammenhang zwischen Bildern und Texten aufgezeichnet und mit Hilfe von zeitlicher und räumlicher Kartierung der Szenen sowie terminologischen Untersuchungen ein entsprechendes Netzwerk erstellt (Abb. 4). 

Ab.4: Idee eines semantischen Netzwerks

Als Beispiel hat sie das Wort „Marshland“ ausgewählt und von frühdynastischer Zeit bis zum neuen Reich konnte sie vier verschiedene Wörter bzw. Hieroglyphen dafür finden. Daneben dokumentierte sie auch unterschiedlich dargestellte Sumpfgebiete, die sich in Zeit und Region variieren.

Die Datenbank könnte auch als eine Art Enzyklopädie fungieren und könnte eventuell bei einer detaillierten und genaueren Identifizierung der verschiedenen Landschaftselemente,  z. B. unterschiedlicher Fischarten oder Vogelarten, helfen. Neben der Vielfalt der Flora und Fauna lassen sich aus solchen Landschaftsdarstellungen in Zusammenhang mit Texten weitere Informationen gewinnen, etwa über verschiedene Sport- und Freizeitaktivitäten, statussymbolische Funktion der Landschaftselemente, religiöse Funktion und Aktivitäten in diesem Zusammenhang, wirtschaftliches und soziales Interesse der Bevölkerung durch die Zeit und in verschiedenen ägyptischen Siedlungen und Gruppen.

Die Sitzung wurde mit einer lebhaften Diskussion über Interaktionen zwischen Menschen und Landschaft, die Verbindung zwischen unterschiedlichen Terminologien und näherer Bestimmung von Landschaftselementen sowie Funktion solcher Grabszenen beendet. 

 

Montag, 10. Mai 2021

Developing a network during a global pandemic: the ASOR case

A Blogpost by David Usieto Cabrera

Building and developing a network during a doctorate under regular conditions can be a difficult task for many, but doing it during a global pandemic doubles the obstacles. Online conferences have become one of the best options to continue presenting new research while giving researchers the opportunity to expand their network. 

Conferences have severely adapted into switching the attendance to online platforms after everything started go get cancelled. This has experienced incredible growth as it is an excellent alternative to face-to-face interaction for several reasons: flexibility of time and schedule, cost savings and technological advances. 

My doctoral research was intended to be presented at one of the most important annual conferences for ancient-world and classics scholars: the American School of Oriental Research (ASOR), to be held at Boston from 15 to 21 November 2020. 

Unfortunately, the spread of COVID-19 as well as consequent lockdown measures around the entire world made it impossible to hold a physical conference. In response to this, and following the example of many other academic conferences, it was decided to be hosted virtually. More than 430 presenters from at least 20 different countries shared their work in over 80 sessions and workshops. To overcome difficulties such as visa problems, travel restrictions or shortcuts in finance on institutes and researchers, a virtual conference via Zoom offered itself as a complete solution.


Figure 1: Zoom lecture at ASOR.

his opened up a great number of opportunities for scholars all over the world and especially for Early-Stage Researchers like me. To keep everyone connected and engaged with each other’s lectures, the organizers used a very effective tool: an 24/7 online chat that trespassed professional boundaries to connect scholars regardless of origin, time and place.

This online chat allowed us to engage even more with the conference, despite obvious initial limitations, such as the impossibility to give a live lecture but instead a pre-recorded one, or the time differences between the US, Europe, Asia and Australia. Researcher like me, who have had no previous contact with this sort of conferences before and had only a few contacts, had to start from scratch regarding technology and time management. It was a challenge to participate in a conference that was originally planned for 4 days but later programmed to last 2 weeks, divided in 4 full time days each week. A challenge, because time scheduling became tighter in terms of being committed for 2 weeks, and having to decide in the same day between 4 or 5 different rounds that were planned to occur simultaneously. 

Not only was this experience very fruitful professionally, but on a personal level as well, as it opened up the possibility of participation for those researchers who, for whatever reason, could not afford to travel the world to give a lecture. An obvious output of this sort of virtual Conference is the facilitation of participation in such a relevant overseas conference and the engagement of everyone involved at every moment. 

One question rises ever since we settled into this new life: Are these online conferences beneficial or good for us, the early career researchers? I absolutely agree on this, mainly due to the facilitation on everything related to Conference bureaucratic paperwork (travel tickets, organizing travel or worrying about visa issues) as it allows us to focus entirely on our lecture. Furthermore, technology has allowed us to be connected 24/7 and using it as a tool to create research networking is brilliant. Nowadays, it is possible to attend different Seminars, Conferences or lectures that are held in various places in the world (Sydney, Chicago, or Moscow) in the same day without moving away from your office. 


Figure 2: An image of my pre-recorded lecture.