Montag, 11. Juni 2018

Roboter – Androide – Maschinen. Internationale Tagung in Bologna, 29.-30.05.2018

Ein Beitrag von Sandra Hofert.
Ein Bett, hergestellt vom Zauberer Clinschor, das in der Kemenate eines großen Schlosses ununterbrochen hin und her fährt, wie in Wolframs von Eschenbach Parzival (s. Abb. 1), ein Baum aus Erz mit einem Rad an der Spitze, darauf die Figur eines Trompeters, der beim Herannahen eines fremden Ritters in sein Horn bläst, wie in Heinrichs von dem Türlin Diu Crône, oder ein großes, mit Schwertern und Kolben beschlagenes Rad, das jeden Eindringling am Eintritt in die Burg hindert, wie im Wigalois Wirnts von Grafenberg – immer wieder werden die Ritter mittelalterlicher Literatur mit magisch-mechanischen Wunderwerken konfrontiert. Doch literarische Automaten finden sich nicht nur in höfischen Romanen, denn schon antike Literatur kennt Maschinen verschiedenster Form.
Abb. 1: Ritter Gawein auf dem Zauberbett. Pariser Elfenbeinschnitzerei (ca. 1320–1330) im Museo Civico Medievale (Medieval Museum) in Bologna (Photo: Sandra Hofert)
Die zahlreichen Varianten unterschiedlicher technischer Werke, ihre Rolle im narrativen Zusammenhang und im historischen Kontext standen im Zentrum der Tagung „Robots – Androides – Machines. Les automates entre la magie et la technique en Littérature depuis l’Antiquité“, die vom 29. bis zum 30. Mai 2018 im Dipartimento di Lingue, Letterature e Culture moderne in Bologna (Italien) stattfand.


In der von Michael Dallapiaza (Bologna) in Kooperation mit Danielle Buschinger (Amiens) organisierten Veranstaltung haben sich in diesem Jahr über 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen versammelt, um sich dem Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu nähern:
Danielle Buschinger eröffnete die Tagung mit einem Vortrag zu den Kriegsmaschinen im Werk Livre des faits d'armes et de chevalerie von Christine de Pizan und dessen mittelhochdeutscher Fassung Das buoch von dem vechten und von der ritterschaft (Staatsbibliothek in Berlin, Ms. germ. fol. 1705). Im Zentrum des Vortrags von Friedrich Wolfzettel (Frankfurt a. M.) mit dem Titel „La descente aux enfers dans la Joyeuse Garde du Lancelot en prose: un roman noir avant la lettre“ stand die Burg Joyeuse Garde aus dem Prosa-Lanzelot. Ferner sprach Ronny F. Schulz (Kiel) über Diomenas künstliches Paradies in Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyrland.

Es war ein interessantes und abwechslungsreiches Programm mit zahlreichen weiteren anregenden Beiträgen, die in Kürze in einem Tagungsband erscheinen werden.

Auch das GRK 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ war vertreten durch Sandra Hofert (die Autorin dieses Beitrags). In diesem Vortrag, mit dem Titel Geliebte Statuen, Statuen Geliebter, standen zwei besondere magisch-technische Wunderwerke im Zentrum: der Statuensaal in Thomas’ Tristran (um 1170), in dem Tristran u. a. eine belebte Statue seiner geliebten Ysolt konstruieren lässt, und das Scheingrab Blanscheflurs bei Konrad Flecks Flore und Blanscheflur (um 1220), das von einer technischen Installation des Liebespaares beherrscht wird. Beide Kunstwerke spielen mit der Grenze zwischen An- und Abwesenheit, lebendig und tot sowie Vergessen und Erinnern, denn beide Kunstwerke sind nach einer Vorlage entworfen, beide sind durch technische Installationen verlebendigt und beide führen schließlich dazu, dass sich die Protagonisten wieder auf den Weg zum eigentlichen Original machen.


Abb. 2: Bild und Text im Widerspruch. Die Grabplatte Blanscheflurs (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cpg 362, fol. 54r)
 
Insgesamt war es ein sehr vielfältiges und interessantes Programm mit spannenden Diskussionen in freundlicher Atmosphäre in einer schönen und eindrucksvollen Stadt und so möchte ich mich schließlich an dieser Stelle nochmal ganz herzlich bei Michael Dallapiaza und Danielle Buschinger für die Organisation der Veranstaltung bedanken und bei dem GRK 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ für die Finanzierung meines Bologna-Aufenthaltes.

Donnerstag, 31. Mai 2018

11th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East (ICAANE) – München, 03.-07. April 2018

Ein Beitrag von Katharina Zartner.


Direkt nach Ostern, vom 03. bis zum 07. April, fand die sog. ICAANE (kurz für „International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East“), eine der wichtigsten Konferenzen auf dem Gebiet der Vorderasiatischen Altertumskunde, bereits zum elften Mal statt. Gastgeber der im Zweijahresrhythmus stattfindenden Konferenz war diesmal die Ludwig-Maximilians-Universität München bzw. das Institut für Vorderasiatische Archäologie unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Adelheid Otto. Renommierte Professor_innen, (Nachwuchs-)Wissenschaftler_innen und Studierende aus dem weiten Feld der Vorderasiatischen Archäologie sowie aus benachbarten Disziplinen haben sich bei traumhaftem Frühlingswetter in Bayerns Hauptstadt zusammengefunden, um verschiedenste aktuelle Forschungsfragen zu diskutieren und sich auszutauschen.

Das wissenschaftliche Angebot war dabei sehr reichhaltig. Fünf Tage lang fanden mehr als 300 Vorträge in acht thematisch eingeteilten, parallel laufenden Sektionen statt: Mobility in the Ancient Near East, Images in Context, Archaeology as Cultural Heritage, Engendering Near Eastern Archaeology, Societal Contexts of Religion, Shaping the Living Space, Field Reports und Islamic Archaeology.

Zusätzlich gab es eine ganze Reihe an Workshops mit je bis zu zwölf Einzelvorträgen, in denen in kleineren Gruppen über verschiedene Themenschwerpunkte bezogen auf eine Region (z.B. das bronzezeitliche Zypern) oder Periode (z.B. die sog. Dark Ages in Mesopotamien) oder auf eine bestimmte (Be-)Fundgattung (wie achämenidische Residenzen oder glasierte Ziegel) diskutiert wurde. Während der Pausen bot sich außerdem die Gelegenheit, sich auf ca. 50 Postern über interessante und innovative Projekte, z.B. zum Thema Kulturgüterschutz, zu informieren oder an den Ständen der Fachverlage einen ersten Blick auf neu erschienene Literatur zu werfen. 

Eine derart große Konferenz bietet besonders für Nachwuchswissenschaftler_innen einzigartige Möglichkeiten, um mit renommierten Forschenden sowie dem wissenschaftlichen Nachwuchs auf internationaler Ebene in Kontakt zu kommen, Fragen zu stellen und wertvolles Feedback in Bezug auf die eigene Arbeit einzuholen. Durch den Besuch verschiedener Vorträge mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung (Ausgrabungsberichte, Ikonographie, Landschaftsarchäologie usw.) konnte ich zum einen wertvolle Einblicke in die unterschiedlichen Arbeits- und Herangehensweisen innerhalb der Archäologie gewinnen und zum anderen sowohl in methodischer als auch in inhaltlicher Hinsicht viel Nützliches und Interessantes dazu lernen.

Im Hinblick auf mein eigenes Dissertationsprojekt waren vor allem Vorträge der Sektion „Images in Context“, die vorrangig ikonographischen Themen gewidmet war, von Interesse; so zum Beispiel die Vorträge von Albert Dietz (München) und Diederik Meijer (Leiden) zu altorientalischen Wettergottheiten, da beide Forscher mit ähnlichem Material (Rollsiegel und andere Bildträger mit unterschiedlichen Darstellungsvarianten einer bestimmten Figur) arbeiten bzw. vor ähnlichen Fragen stehen (Wie lassen sich die Botschaften der antiken Bildwelt entschlüsseln?).
Als inspirierend und zukunftsweisend habe ich den Vortrag von Elisa Roßberger und Anna Kurmangaliev empfunden, die ein online-Datenbank-Projekt der LMU zur Erfassung von Siegeln und Siegelabrollungen vorstellten, dessen Grundprinzip es ist, komplexe Darstellungen in kleinere Einheiten zu zerlegen und so die Suche nach Einzelmotiven zu ermöglichen und gleichzeitig den jeweiligen Kontext und mögliche Parallelen aufzuzeigen.
Darüber hinaus ist mir besonders ein Vortragsblock aus der Sektion „Field reports“ in Erinnerung geblieben, in dem die neueren Grabungsergebnisse aus Ur (unter der Leitung von Elizabeth Stone) im heutigen Südirak vorgestellt wurden. Der Fundort faszinierte mit seinem Kultbezirk, den Wohngebäuden und dem berühmten Königfriedhof bereits ganze Generationen von Archäologen und dennoch scheint all das erst die Spitze des Eisbergs gewesen zu sein. Adelheid Otto stellte den Grabungsbefund eines Elitehaushaltes vor, Emily Hammer machte auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie viele Erkenntnisse sich durch „remote sensing“, z.B. durch die Verwendung von Satellitenaufnahmen, gewinnen lassen und Anne Löhnert behandelte die neuesten Keilschrift-Textfunde, insbesondere Schultafeln.

Abb. 1: Die Autorin bei ihrem Vortrag mit dem Titel „Hairy Heroes“ (Foto: Francesca Meneghetti)

Meinen eigenen Vortrag mit dem Titel „Hairy Heroes“ habe ich in der oben bereits erwähnten Sektion „Images in Context“ präsentiert (Abb. 1). Vorgestellt habe ich einen Auszug aus meinem Dissertationsprojekt zur Figur des sechslockigen Helden, work in progress sozusagen. Im Fokus stand die problematische Frage nach der Identität der Figur mit einer anschließenden Spurensuche nach möglichen Hinweisen in der Bildkunst.
Gerade am Vortag war mir in der Aula der LMU ein modernes Dekorelement aufgefallen, welches das altorientalische Motiv des sechslockigen Helden aufgreift (Abb. 2) und die vielfältige Präsenz des Motivs – teilweise bis heute – unterstreicht. Zwar bin ich eigentlich nicht abergläubisch, doch scheint das Emblem als Glücksbringer gewirkt zu haben, denn die auf den Vortrag folgende Frage- und Diskussionsrunde war anregend und fruchtbar: Ich habe auf verschiedenste Arten ermutigende und zustimmende Worte, interessante Fragen, konstruktive Rückmeldungen und hilfreiche Literaturhinweise erhalten. All das soll nach Möglichkeit auch in die Publikation des Vortrages mit einfließen, welche im zur Konferenz geplanten Sammelband (ICAANE proceedings) erfolgen wird. 


Abb. 2: Modernes Emblem mit einer Darstellung des sechslockigen Helden im Kampf mit einem Löwen in der Aula der LMU München

Eine Konferenz wie die ICAANE bietet die Möglichkeit, die in stundenlanger, kleinteiliger Arbeit am Schreibtisch erarbeitete Theorie sozusagen einem Praxistest zu unterziehen und sich zusätzliches Feedback und konstruktive Kritik einzuholen. Bei den Diskussionen nach den Vorträgen, in den Kaffeepausen oder auch abends in entspannter Runde bei einem (natürlich bayrischen) Bier findet ein wertvoller Austausch mit einem internationalen Fachkollegium statt – über Forschungsfragen, über die aktuellste Fachliteratur sowie über laufende oder zukünftige Projekte. Es sind u.a. solche Gespräche, die helfen, unsere tägliche Arbeit in einen weiteren Kontext zu setzen, die uns einen neuen Blickwinkel einnehmen lassen und die somit neuen Input für individuelle Forschungsprojekte liefern. Nach einer lehrreichen Konferenzwoche mit zahlreichen interessanten Vorträgen, anregenden Gesprächen und fruchtbaren Diskussionen sowie vielen schönen Erinnerungen bin ich inzwischen wieder an meinen Schreibtisch im Graduiertenkolleg 1876 zurückgekehrt. Mitgebracht habe ich viele neue Ideen und Ansätze für mein Dissertationsprojekt, seitenweise Notizen mit Ideen und Literaturhinweisen und eine große Portion Motivation für die nächsten Wochen und Monate!

Mittwoch, 30. Mai 2018

19th International Congress of Classical Archaeology in Cologne and Bonn, 22-26 May 2018





A weblog entry by Sina Lehnig


Already a few weeks before the 19th AIAC (Associazione Internazionale di Archeologia Classica) congress finally started, there was an excited anticipation in the air, which surrounded all classical archaeologists. The International Congress of Classical Archaeology constitutes the world's most important forum for the archaeology of ancient Mediterranean cultures and this year it was going to be held in my hometown Cologne, co-organised by Diana Wozniok, a long-time friend of mine. Of course, this made me feel even more personally involved and I was excitedly looking forward. What awaited me was more than 1300 participants who share the same passion for archaeology, fruitful exchange, the possibility to present my own research and to meet colleagues from other countries. 

The AIAC is not a new invention but looks back on a history of some 100 years, since the first congress was held in Athens in 1905. Since then, the congress has been conducted in a 5-year cycle in alternating host cities all over Europe, the Mediterranean region and the USA. This year the focus of the AIAC was on the investigation of “Archaeology and Economy in the Ancient World”. Especially today, economic aspects enter various areas of public life: urban development, religion, art, housing, food and death. But how and to which degree did economic efforts affect the life of ancient societies? While the field of ancient history has already been dealing with the investigation of past economies, awareness of an archaeological approach and the incorporation of material culture has only grown over the past decades. Within the AIAC congress, economy should be understood as a central element of classical societies, which has to be addressed in archaeological research. 

Fig 1. The big hall of the historical "Gürzenich" in Cologne filled with classical archaeologists (Photo: Aehab Asad)

The first day began with all participants gathering at the "Gürzenich" in Cologne, a historical building, which is usually used for the famous Karneval celebrations (Fig.1). Important figures from classical archaeology, like Andrew Wilson, gave speeches on the role of economy in ancient societies and the breaks were used to talk to colleagues while trying to grab a coffee or snack. On this occasion, I also met my Israeli friends and colleagues from the University of Haifa again, with whom I am working together in the framework of my dissertation project (Fig.2).

Fig 2. Our group of archaeologists from Israel and Germany celebrating our successful panel 
(Photo: Aehab Asad)

On the next day, the participants had to move to Bonn, the neighbour city of Cologne, where the panels were to take place at the University. It was not an easy task to decide for a panel or presentation due to their incredibly large number. Finally, I chose to participate in a panel, which discussed the production and distribution of food and other products in the Roman and Byzantine Eastern Mediterranean. 

Thursday was the most important day of the congress for me, since it was when I presented my own research. Together with my colleagues from the University of Haifa in Israel, I formed a closed panel, which discussed the rise and fall of the Byzantine Empire in the Negev Desert (ERC-project title: “Crisis on the Margins of the Byzantine Empire. A Bio-Archaeological Project in the Negev Desert”; Head: Guy Bar-Oz). The research focuses on the application of scientific, bio-archaeological methods to answer questions of rise and collapse. Our team consisted of researchers applying Archaeozoology, Archaeobotany, Radiocarbondating, Isotope Analysis, Dendrochronology and aDNA-Analysis (Fig.3). 

Fig 3. Racheli Blevis talking about the Negev-trade in fish (Photo: Aehab Asad)

Within my talk, I presented the preliminary results of my study on animal husbandry and trade in the Negev town Elusa (Fig.4). I pointed out important differences and developments within the Roman, Byzantine and Islamic settlement periods, which show how not only the interaction between people and their natural environment, but also their trade relations to far-off regions, changed over time. 
Our panel was a great success and I am proud to be a part of this new and innovative research. 

Fig 4. My presentation on animal husbandry and trade in Elusa (Photo: Jörg Linstädter)

Two more days of intense panels, discussions and meetings followed until the congress week ended on Saturday. The whole event was closed with a great party bringing everyone together again. After a lot of intellectual input, this was the best way to celebrate a successful congress and to preserve good memories.