Freitag, 21. Juli 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Marie-Charlotte von Lehsten: "Die Rolle der Nacht in der archaischen und klassischen griechischen Literatur"

Ein Beitrag von Mirna Kjorveziroska. 

Am 6. Juli 2017 hat Marie-Charlotte von Lehsten im Rahmen der Plenumssitzung des GRKs vor dem Trägerkreis und den Kollegiatinnen und Kollegiaten einen Einblick in ihr Dissertationsprojekt "Die Rolle der Nacht in der archaischen und klassischen griechischen Literatur" geboten und einen Prospekt präsentiert, welche Fragen, die sich in der bisherigen Arbeit herauskristallisiert haben, beantwortet werden sollen, sowie welche Deutungskonturen, die sich bei den ersten Begegnungen mit dem Thema abgezeichnet haben, durch weitere Analysen zu vollständigen interpretatorischen Gebilden auszuformen sind.

Textkorpus und lexikalische Kodierung der Nacht 

Zunächst wurden die chronologischen und gattungstypologischen Grundkoordinaten des Textkorpus präzisiert, das sich über den Zeitraum vom 8. bis zum 5. Jh. v. Chr. erstreckt und poetische Texte von Homer bis zur attischen Tragödie sowie Prosaformate wie die Texte der klassischen Historiker umfasst. Des Weiteren wurde das lexikalische Spektrum vorgestellt, mit welchen Signifikanten die Nacht im Griechischen referentialisiert werden kann. Dabei war eine Absenz von lexikalischen Varianten und konkurrierenden Synonymen festzustellen, da nur das Femininum νύξ als herkömmliche Nachtbezeichnung zur Verfügung steht. Eine seltene Alternative stellt das Lexem εὐφρόνη dar, was u.U. als ein sprachlicher Verharmlosungsversuch zu deuten ist, das Erschreckende und das Bedrohliche der Nacht durch die Verwendung eines positiven Begriffs zu neutralisieren (zu deuten etwa als 'die Wohlwollende / fröhlich Machende'). Eine Subdifferenzierung konnte an den Nachtabschnitten bzw. an den liminalen Phasen aufgezeigt werden, die die Nacht zäsurieren und ihre Kontaktstellen mit dem Tag markieren: Lexikalisch unterschieden wird zwischen ἕσπερος/ἑσπέρα ('Abend'), ὄρθρος ('Morgengrauen'), und ἠώς/ἕως ('Morgenröte'). Analysiert werden müssen allerdings auch zahlreiche Textpassagen, die lexikalisch nicht ausgezeichnet sind bzw. das Substantiv νύξ nicht explizit enthalten, sondern in denen die Nacht assoziativ aktualisiert wird, durch Erwähnung von Ereignissen oder Handlungen, die man mit der Nacht verbindet. Eine solche Assoziationsumschrift der Nacht ist beispielsweise im Epos das kollektive Schlafengehen.

Die Absenz expliziter Nachtbeschreibungen und ihre Kompensation

Ebenso wenig wie auf die Vorkommnisse des Substantivs νύξ ließe sich Marie-Charlotte von Lehstens Untersuchung auf detaillierte descriptiones der Nacht beschränken. Eine Möglichkeit, die Seltenheit expliziter Nachtbeschreibungen im Textkorpus zu plausibilisieren, sieht von Lehsten in deren routinierter Präsenz: Die Nacht als eine allgemein bekannte, in einem konstanten Rhythmus immer wieder zu beobachtende Erscheinung verfügt nicht über die Aura des Einmaligen, Exotischen und Exklusiven, sodass dieser Status einer habituellen Selbstverständlichkeit jegliche deskriptiven Aufwände blockiert. Dem diskursiven Defizit ist dadurch beizukommen, dass auch all jene narrativen Konstellationen ausgewertet werden, die als Nachthandlungen kodiert sind oder in denen die Nacht lediglich als eine zeitliche Referenz, als ein temporaler Vektor figuriert. 


 Definitorische vs. konnotative Konzepte von Nacht

Marie-Charlotte von Lehsten hat zwei Kategorien vorgestellt, die eine binäre Klassifikation ihrer Fragestellungen ermöglichen. So oszillieren die zu eruierenden definitorischen Konzepte von Nacht um die Frage 'Was ist Nacht?' und sollen Wesensmerkmale, grundlegende Prädikationen dieses Naturphänomens zusammenbündeln. Zentral ist dabei, ob die Nacht nur ex negativo, als Abwesenheit von Licht, oder als eine Entität sui generis aufgefasst wird. Es wird jedoch nicht der Anspruch erhoben, eine einheitliche, kohärente, allgemein gültige Antwort in emphatischer Ausschließlichkeit aus den verschiedenen Texten herauszudestillieren. Intendiert wird vielmehr ein Vergleich verschiedener definitorischer Sedimente, die als Panorama erfasst und in ihren Synergien oder Rivalitäten beschrieben werden. Die konnotativen Konzepte gehen ihrerseits von folgendem Fragekatalog aus: 'Wie wird die Nacht wahrgenommen?'; 'Was wird mit der Nacht assoziiert?'; 'Welche Emotionen werden mit der Nacht verbunden?'; 'Welche Arten von Handlungen kommen in der Nacht vor?'; 'Wie unterscheiden sich die Nachthandlungen von ihren Analoga tagsüber?'. Auch hier wurde darauf hingewiesen, dass die Konnotate keinen invariablen Fundus bilden, sondern gattungsspezifisch und kontextsensitiv sind: So stehen etwa in den Tragödien die erotischen Semantiken, Liebe und Sexualität – entgegen dem intuitiven modernen Verständnis – regelmäßig außerhalb des Assoziationsradius der Nacht. Marie-Charlotte von Lehsten hat zudem betont, dass es sich in erster Linie um heuristische Kategorien handelt: Bei der praktischen Applizierung auf konkrete Textpassagen können nicht alle Erkenntnisse strikt nur der definitorischen oder der konnotativen Formation des hier entwickelten methodischen Substrats zugeordnet werden und es ist mit zahlreichen Interferenzen zu rechnen.

An einem Beispiel aus dem pseudo-euripideischen Rhesos (V. 285–289) wurde die abundante Konnotierung der Nacht als Zeit der Transgression illustriert. In einer Unterhaltung zwischen Hektor und einem Boten, der von Rhesosʼ nächtlicher Ankunft mit einem großen Heer berichtet, wird retrospektiv die Angst der Anwesenden geschildert, die Rhesosʼ Einmarsch als eine feindliche Aktion eingestuft haben. Im Modus einer kollektiven Deutung wird demonstriert, wie eine Handlung durch die Verabsolutierung des temporalen Bezugsrahmens bzw. nur aufgrund des Zeitindex Nacht, ohne Berücksichtigung anderer situativer Kriterien, als militärische Bedrohung, als Subversionsakt klassifiziert wird.


Allerdings hat Marie-Charlotte von Lehsten keine ausschließliche Prävalenz der negativen Lesarten postuliert, sondern deutlich gemacht, dass die Nacht auch positive Konnotate absorbieren kann. Auf die exponierten Gefahrsemantiken antithetisch beziehbar ist beispielsweise eine Textpassage aus der Ilias, wo der Nacht eine Schutzfunktion attribuiert wird: Hypnos, der Schlaf, evoziert einen früheren Konflikt mit Zeus, bei dem Zeus ihn aus dem Himmel verstoßen hätte, hätte ihn nicht Nyx, die Nacht, in Schutz genommen. Durch diese Angst vor dem eruptiven Zorn des höchsten Gottes exkulpiert Hypnos den Ungehorsam gegenüber Hera, die mit seiner Hilfe Zeusʼ Wachsamkeit manipulieren will. An Hypnosʼ formulierter Begründung für den abgelehnten Auftrag ließ sich darüber hinaus auch eine Inszenierung der Nacht als einer Autoritätsinstanz im griechischen Pantheon beobachten, wobei infolge dieser Machtkonzentration selbst Zeus eine Konfrontation mit ihr vermeidet. Das ist wiederum mit der Rolle der Nacht im mythologischen Stammbaum kongruent, wo sie mit hohem Alter prämiert wird bzw. eine der ersten Positionen in den genealogischen Götterphantasien einnimmt.

Fragen und Anregungen: Der Potentialis der Dissertation

Sollte man die Choreographie der Plenumssitzungen mit grammatischer Terminologie beschreiben, würde sich folgende Skizze ergeben: Während die Vorträge der jüngsten Generation im Graduiertenkolleg die morphologische Signatur des Futurs tragen und zahlreiche Fragen und Ansätze katalogisieren, denen man in den nächsten Arbeitsstadien nachgehen wird, kommen in der anschließenden Diskussion diverse Vorschläge zur Sprache, die möglicherweise in die Dissertation implementiert werden könnten und vorläufig als Potentialis festgehalten werden. Eine Anregung betraf beispielsweise die Eruierung der Affinitäten zwischen der Nacht und bestimmten Räumen, die als Schauplätze für nächtliche Handlungen favorisiert werden, wodurch stabile Chronotopoi herauszuarbeiten wären, an denen die Nacht partizipiert. Marie-Charlotte von Lehsten hat diese Fragestellung mit der transgressiven Funktion der Nacht in Korrelation gebracht und erklärt, dass der Nexus zwischen Nacht und Raum dahingehend zu definieren ist, dass nachts viele Räume zugänglicher werden bzw. dass die Nacht als Katalysator unter anderem für topographische Grenzüberschreitungen fungiert. Ferner wurde eine Öffnung des Textkorpus auch auf das Corpus Hippocraticum hin suggeriert, um die Auswirkungen der Nacht auf Körperfunktionen und Krankheitsbilder zu bestimmen. Ein anderer Vorschlag bezog sich auf die Berücksichtigung von Irregularitäten im Tag-Nacht-Wechsel, die sich etwa als Sonnenfinsternis manifestieren.
 

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Sonja Speck: "Ursprünge und Entwicklung altägyptischer Körperkonzepte in prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik"

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten. 

In der Plenumssitzung des GRKs am 13. Juli 2017 stellte Sonja Speck ihr Dissertationsprojekt "Ursprünge und Entwicklung altägyptischer Körperkonzepte in prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik" vor. Sie präsentierte zunächst das Korpus der von ihr untersuchten Quellen und gab sodann einen Einblick in ihr aktuelles Arbeits- und Interessensfeld.

Quellenkorpus und Methodik

Ganz allgemein betrachtet ist es das Ziel von Sonja Specks Arbeit, die Wurzeln der altägyptischen anthropomorphen Plastik, die dank eines festen Kunstkanons über einen hohen Wiedererkennungswert verfügt, analytisch aufzuarbeiten. Durch das Nachzeichnen der Entwicklung dieser Wurzeln soll dann schließlich auch das Verständnis der daraus abgeleiteten anthropomorphen Plastik in der pharaonischen Zeit neu konturiert werden.

Den Kern der Arbeit bildet hierfür der Zeitraum von Mitte/Ende des 5. Jahrtausends bis etwa 2700 v. Chr., in dem es die Merimde-, Badari-, und Naqada-Kultur sowie den Beginn der altägyptischen Kultur bis zur dritten Dynastie zu untersuchen gilt. Die Analyse wird dabei anhand von 550-600 Objekten durchgeführt, die in dieser Arbeit zum ersten Mal als ein zusammenhängendes Korpus im Fokus stehen: Es handelt sich um sehr vielfältige Plastiken, deren Gemeinsamkeit im Vorhandensein anthropomorpher Elemente besteht. So werden beispielsweise Gefäße mit anthropomorphen Füßen ebenso einbezogen wie menschliche Figuren, Modellszenen mit mehreren gruppierten Personen ebenso wie Einzelfiguren. Beim Blick auf dieses Korpus lässt sich schnell erkennen, wie bestimmte Charakteristika – z.B. sog. "Vogelköpfe" und weiße Röcke (vgl. Abb. 1) – zwischen den unterschiedlichen Objekttypen wandern.

Eine Besonderheit des Projekts besteht darin, dass für die Untersuchungen keine Texte herangezogen werden können, da sich der Schriftgebrauch im betrachteten Zeitraum erst in rudimentärer Form entwickelte bzw. auf sehr wenige Bereiche (v.a. Verwaltung) beschränkt war. Sonja Speck begegnet diesem Umstand durch die Heranziehung einer ganzen Bandbreite sich ergänzender Methoden, in erster Linie aus dem Bereich bildwissenschaftlicher und kognitionswissenschaftlicher Ansätze, die sie mit einer selbstentwickelten Technik der 3D-Dokumentation zur Untersuchung der Entwicklung von Körperproportionen verbindet.
 
Abb. 1: Frauenfigur, ca. 3500-3400 B.C.E., Brooklyn Museum, Charles Edwin Wilbour Fund,
07.447.505 (Photo: Brooklyn Museum, 07.447.505_SL1.jpg).

Kunst und Kognition

Zur Zeit beschäftigt sich Sonja Speck vertieft mit der Frage, wie sich in Bildwerken Spuren gedanklicher Prozesse aufspüren lassen. Obwohl die Verbindung von Kognition und Kunst in der Forschung bislang meist an zweidimensionalen Werken analysiert wurde, geht Sonja Speck davon aus, dass bei der Herstellung eines dreidimensionalen Kunstgegenstands ganz ähnliche kognitive Abläufe stattfinden – auch wenn hier die Spuren der "Konvertierung" einer Umweltwahrnehmung in ein Kunstwerk weniger offensichtlich sind.

Primäre Referenz für die Verbindung von Kognition und Kunst ist John Willats (v.a. Art and Representation, 1997), dem die Schaffung eines Vokabulars für Bildern zugrundeliegende Darstellungssysteme zu verdanken ist. Willats unterscheidet die beiden grundlegenden Kategorien der "drawing systems" und "denotation systems", anhand derer alle Arten von Darstellungen beschrieben werden können – mit Blick auf die Kunstproduktion lassen sie sich auch als "Werkzeuge" bezeichnen, mittels derer ein Künstler eine Darstellung kreiert. "Drawing systems" betreffen dabei die Art und Weise der Umsetzung räumlicher Elemente in Zeichnungen, etwa die Kategorien der Perspektive, der Schrägprojektion, Orthogonalprojektion; "denotation systems" hingegen beziehen sich auf die Umsetzung von wahrgenommenen Elementen wie Kanten oder Konturen in Linien, Punkte oder Flächen.

Ein weiterer wichtiger Punkt für Sonja Specks Projekt ist die Frage nach der Herkunft der (realweltlichen bzw. mentalen) Vorlagen bildlicher Darstellungen. Während man Bilder lange Zeit als Produkt eines realen oder vorgestellten Blickes, also der visuellen Wahrnehmung des Künstlers ansah, hat sich dies inzwischen als defizient erwiesen: Gerade vor dem Hintergrund vermeintlicher Anomalien – z.B. im Bereich der "drawing systems" der invertierten Perspektive, bei der der Bildbetrachter den Fluchtpunkt bildet, oder sog. "Klappbildern", bei denen sich der Blickwinkel ändert – stellen sich kognitive Ansätze als fruchtbarer und zielführender dar. 

Grundlegend ist in diesem Bereich David Marrs Modell des Sehens als Informationsverarbeitung des Gehirns, dessen Kern die bei der visuellen Wahrnehmung ablaufende Übertragung einer betrachterzentrierten Beschreibung in eine interne objektzentrierte Beschreibung bildet: Im Gegensatz zu dem flüchtigen Sinneseindruck kann die interne objektzentrierte Beschreibung dauerhaft im Gehirn gespeichert werden und ist unabhängig von situativen Merkmalen wie etwa dem Blickwinkel – daher dient sie als Ausgangsbasis sowohl für das Wiedererkennen von Objekten als auch für die künstlerische Darstellung ebensolcher. Die kognitiven Prozesse, die bei der Sinneswahrnehmung, der Transformation in eine objektzentrierte Beschreibung und deren Bereitstellung für die künstlerische Wiedergabe ablaufen, unterscheiden sich dabei in Hinblick auf Zwei- oder Dreidimensionalität des zu produzierenden Kunstwerks nicht.

Eine andere für die Untersuchungen anthropomorpher Figuren zentrale Kategorie, die ursprünglich der Mathematik entstammt, aber auch in der Bildwissenschaft anwendbar ist, ist die der sog. topologischen Transformationen. Diese basieren auf dem Prinzip, dass bestimmte grundlegende Eigenschaften von Objekten invariabel bestehen bleiben, während sich andere speziellere Parameter wie Größe oder Oberflächenform ändern können – wobei die Wiedererkennung des Objekts nach wie vor gewährleistet ist. Beispiele für topologische Transformationen sind etwa Kinderbilder, schematische Diagramme und Karikaturen.  

"Drawing systems", "extendedness" und anthropomorphe Plastik

Sonja Speck widmet sich in ihrem Projekt nun der Frage, ob bzw. wie sich die beschriebenen Kategorien, insbesondere die "drawing systems", auch für eine Untersuchung vormoderner Plastiken fruchtbar machen lassen – vor allem in Hinblick auf das Identifizieren von Konzepten. Als Beispiel präsentierte sie eine Frauenfigur, bei der sich Charakteristika wie der vergrößerte Unterkörper oder das einem Vogelschnabel ähnelnde Gesicht (vgl. Abb. 1) als topologische Transformationen beschreiben lassen können. Während historisierende Deutungsversuche wie medizinische Diagnostik des vergrößerten Gesäßes und Zuordnung eines solchen physischen Phänomens zu bestimmten Ethnien heute abzulehnen sind, eröffnet die kognitionsorientierte Betrachtung neue Horizonte: Ausgehend von der Annahme einer Fertigung der Plastik auf der Basis einer internen objektzentrierten Beschreibung und mittels topologischer Transformation (als ein "Werkzeug" aus dem Bereich der "drawing systems"), lässt sich postulieren, dass gerade in den Bereichen der "Verformung" nach hinter der Darstellung stehenden Konzepten zu suchen ist. Topologische Transformationen können also als eine Art Markierung von Konzepten fungieren.

Noch nicht ganz entschieden zeigte sich die Referentin in Bezug auf die Frage, ob auch "denotation systems" auf die Beschreibung von Plastiken angewendet werden können, zumal die grundlegende Situation für deren Anwendung im Willats’schen Sinne – die Umsetzung aus der Drei- in die Zweidimensionalität – bei der Anfertigung von Plastiken nicht gegeben ist. Dennoch kommen auch dort unterschiedliche Darstellungssysteme zum Einsatz.

Eine ebenfalls von Willats propagierte Klassifikation bestimmter Merkmale, die sich in jedem Fall gewinnbringend zur Anwendung bringen lässt, ist die sog. "extendedness". Sie bezieht sich auf Körper (Klumpen, Platten, Stäbe) und die Art ihrer Darstellung in zweidimensionalen Abbildungen (etwa als Kreis, längliche Region, Linie) sowie die Art und Weise, wie ein Betrachter einer Abbildung die abgebildeten Konturen, Silhouetten etc. wiederum als "ursprüngliche" dreidimensionale Formen rekonstruiert. Ähnlich wie sich hier mutmaßlich universale Deutungsmuster eruieren lassen (z.B. wird ein abgebildeter Kreis nicht primär als Frontalansicht eines Stabes identifiziert), scheint sich dies auch in den untersuchten Plastiken niederzuschlagen, denn diese zeigen tendenziell generische Ansichten von Menschen, die offenbar schnell erkannt werden sollten. Typische Merkmale sind beispielsweise die Frontalansicht und die Symmetrie der Körperhälften. Gerade erstere wird bei fast allen untersuchten Plastiken, aber auch im späteren ägyptischen Kunstkanon ausgesprochen konsequent eingehalten.

Die Wahl der Körperform bei einer Plastik und die mit ihr verbundene "extendedness" kann obendrein Aufschluss über dahinterstehende Konzepte, Teilkonzepte oder Konzeptgrenzen geben: Manche Figuren weisen z.B. eine erkennbare Untergliederung in Unter- und Oberkörper auf, während andere nur über einen stab- oder plattenförmigen Körper verfügen. An einem solchen lässt sich dementsprechend ein Konzept vom Körper als einer Einheit erschließen.

 

Donnerstag, 13. Juli 2017

Forschungskolloquium der Altertumswissenschaften in Potsdam 04.07.2017

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

"Da haben Sie absolutes Glück gehabt, dass Sie am ersten Tag nach dem furchtbaren Weltuntergangswetter hierhergekommen sind!" Mit dieser Einleitung begrüßte mich Frau PD Dr. Nicola Hömke am Dienstagnachmittag auf dem wunderschönen Campus der Universität Potsdam, der noch in der letzten Woche von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht wurde.


Abb. 1: Porticus und Neues Palais (Foto: Dominic Bärsch).

Frau Hömke hatte mich vor einigen Monaten eingeladen, die Ergebnisse meiner Dissertation im dortigen Forschungskolloquium vorzustellen und mit dem Auditorium über diese zu diskutieren. Da sie selbst eine Expertin auf dem Gebiet der Ästhetik des Schrecklichen in der antiken und spätantiken Literatur ist, versprach ich mir auch zahlreiche Anregungen und Denkanstöße besonders für den Bereich der lateinischen Literatur. Diese stellte ich in meinem Vortrag "Ruet moles et machina mundi – Variationen des Weltuntergangs in der lateinischen Literatur" deshalb auch bewusst in den Vordergrund und warf nur einige Seitenblicke auf die griechischen Autoren. So wurden meine Erwartungen auch nicht enttäuscht, da sich an den Vortrag eine rege Diskussion anschloss, die mir einige interessante Anstöße lieferte, die ich in der Endphase meiner Dissertationsphase in mein Projekt einarbeiten kann. Besonders spannend gestaltete sich die Vermutung Frau Hömkes, dass es Ähnlichkeiten zwischen den antiken Narrativen eines zeitlichen Endes der Welt und eines räumlichen Endes ebendieser geben könnte. Gemeinsame Nachforschungen sollen diese These in den nächsten Wochen untermauern oder entkräften.

Nach dem eigentlichen Vortrag wurde dann noch das gemeinsame Abendessen mit einigen Teilnehmern des Kolloquiums begangen. In ausgesprochen angenehmer Atmosphäre wurden mir Einblicke in das Potsdamer Universitätsleben gewährt und akademische Anekdoten ausgetauscht.

Dieser Kurzausflug in den Norden hat mir vor allem gezeigt, dass die Universitätsstadt Potsdam eine wahre Perle ist, die oft durch die geographische Nähe zu Berlin zu Unrecht in dessen Schatten gerückt wird, sich im Gegenteil jedoch keinesfalls verstecken muss: Sie kann sowohl mit einer wunderschönen Erscheinung als auch mit ausgezeichnetem und herzlichem wissenschaftlichem Personal aufwarten.

Für die Erfahrungen, Rückmeldungen und Denkanstöße möchte ich mich einerseits bei Frau Hömke und ihren Mitarbeitern bedanken, die keine Mühen gescheut haben, meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Als Abschiedsgeschenk wurde mir sogar der gerade erst erschienene Tagungsband "Bilder von dem einen Gott – Die Rhetorik des Bildes in monotheistischen Gottesdarstellungen der Spätantike" überreicht, der das Ergebnis eines interdisziplinären Arbeitsprojektes ist und wertvolle Untersuchungen zu dem Gebiet der religiösen Rhetorik bereitstellt.

Andererseits sei aber auch dem Graduiertenkolleg gedankt, das meine Reise hierhin auch mit finanziellen Mitteln anteilig unterstützt hat.