Donnerstag, 22. Oktober 2020

Ein Tag außerhalb des Büros. Ein Forschungsbesuch im Ägyptischen Museum der Universität Bonn.

Ein Beitrag von Judit Garzón Rodríguez

Von großer Relevanz innerhalb einiger Forschungsarbeiten, wie in diesem Fall meiner, ist die Gewinnung von Kontakten zu verschiedenen Museen, in denen sich Studienobjekte befinden können. Oft ist es möglich, auf Bilder und Informationen zu jedem Objekt in den der Öffentlichkeit zugänglichen Datenbanken zuzugreifen. Manchmal ist es jedoch notwendig, den direkten Kontakt mit den KuratorInnen dieser Abteilungen zu suchen, um spezifischere Informationen zu erhalten. Es gibt jedoch auch Anlässe, zu denen ein Besuch des Museums selbst und der Magazinräume absolut notwendig ist. Dies war der Grund für meinen Besuch des Ägyptischen Museums der Universität Bonn.

Nach einer etwa zweistündigen Zugfahrt begrüßte mich Dr. Frank Förster, der Kurator des Museums, am Eingang des Gebäudes, in dem sich seit 2001 (durch das Engagement von Prof. Ursula Rößler-Köhler) die Ägyptische Sammlung mit rund 3000 ausgestellten Objekten befindet. Bevor ich mich an die Arbeit machte, erhielt ich freundlicherweise eine kurze Führung durch das Museum, bei der ich nicht nur mehr über die Geschichte der Sammlung, sondern auch über die gesamte Arbeit hinter der Eröffnung eines Museums erfahren konnte.

 

Sammlung des Museums (Fotos: J. Garzón Rodríguez) 

 

Unter dem Namen "Drei Wege nach Ägypten" gliedert sich die Sammlung ägyptischer Objekte in drei Bereiche: das historisch-kulturelle Panorama, die Studiensammlung und das Sammlungskabinett. Zusätzlich zu diesen drei Bereichen gibt es gelegentliche Sonderausstellungen, die der Thematik des Museums mehr Dynamik verleihen. 

Für meine Untersuchungen hatte Dr. Frank Förster bereits einige sehr interessante Objekte vorbereitet. Diese konnten nach einer Inspektion im Magazin und in den Museumsvitrinen des Museums mit ein paar weiteren Objekten ergänzt werden, an die vor meinem Besuch keiner von uns gedacht hatte – sehr erfreuliche Überraschungen, die ein persönlicher Besuch mit sich bringt. Mehrere Stunden lang konnte ich jedes der Objekte genauer untersuchen, die Informationsblätter zu jedem von ihnen durchsehen und mir meine eigenen Notizen machen. Darüber hinaus hatte ich die Möglichkeit, auch eigene Fotos zu machen, was für meine Arbeit sehr wertvoll ist, da selbst die kleinsten Details für die eigene Forschung relevant sind. 

 

 Inv.-Nummer Kos 87. (Foto: J. Garzón Rodríguez)

Alle Objekte, die Teil meiner Forschung an diesem Tag waren, zeigen den Penis in einer akzentuierten Weise. Dabei handelte es sich nicht nur um Statuetten oder winzige Amulette, sondern in einem Fall auch um eine Öllampe in Form eines Penis mit Hoden. Jedes der Objekte liefert mir relevante Informationen, die durch den Vergleich mit den anderen Objekten, die Teil meiner Forschung und in meiner eigenen Datenbank enthalten sind, ausgewertet werden können. Mein eintägiger Aufenthalt im Ägyptischen Museum der Universität Bonn war zweifellos sowohl persönlich als auch für meine Forschung ein Gewinn und eine großartige Gelegenheit, mehr über die Geschichte dieser interessanten Sammlung zu erfahren.

 

Maßstab des Museums. (Foto: J. Garzón Rodríguez)


 

Donnerstag, 15. Oktober 2020

3. Treffen der Arbeitsgruppe „Body, Nature, Culture“ – Körper und Gewalt in der griechisch-römischen Welt

 Ein Beitrag von Jessica Knebel.

 

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein wesentliches Kennzeichen des Graduiertenkollegs 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“. Um diese zu fördern, wurde unter anderem die Arbeitsgruppe „Body, Nature, Culture“ von der Postdoktorandin Dr. Ulrike Steinert ins Leben gerufen. Am 15.10.2020 traf sich die Arbeitsgruppe zum dritten Mal. Die erste Sitzung, die von Dr. Ulrike Steinert (Altorientalische Philologie) und David Usieto Cabrera (Vorderasiatische Archäologie) ausgerichtet wurde, widmete sich Metaphern aus Mesopotamien, vor allem Metaphern in medizinischen Texten, die in Verbindung mit dem weiblichen Körper stehen, und Schöpfungs-Metaphern. Thematisch setzten sich die Teilnehmenden im zweiten Treffen, welches von Judit Garzón Rodríguez (Ägyptologie) und Dr. Andrea Babbi (Archäologie) geleitet wurde, mit dem sozialen Körper und der sozialen bzw. ethnischen Identität auseinander. In der dritten digitalen Sitzung leiteten die Doktoranden Christoph Appel (Klassische Philologie) und Francisco José Gómez Blanco (Klassische Archäologie) die Diskussion über Körper und Gewalt in der griechisch-römischen Welt. Diese Thematik ist eng mit den Dissertationsprojekten der beiden Doktoranden verbunden, tangiert darüber hinaus aber auch weitere Projekte innerhalb des Graudiertenkolleg. Zur Vorbereitung auf das Treffen wurde eine Literaturauswahl zusammengestellt (siehe unten).

Zu Beginn der Sitzung erörterten die Teilnehmenden, wie Gewalt definiert werden kann. Hierzu wurde auf die Definition von Pimentel und Nuno Simöes Rodrigues hingewiesen, die Gewalt als „form of transgression or excess in regard to a norm“ verstehen (Pimentel – Nuno Simöes Rodrigues 2018, S. 3). Bereits diese Semantik wurde hinterfragt. In der lebhaften Diskussion regten die Teilnehmenden an, Gewalt als Handlung gegen den eigenen Willen zu verstehen und zwar in dem Sinne, dass eine andere Person Kontrolle über den eigenen Körper oder den Geist einnimmt. Nach dieser Bedeutung rückt die Perspektive desjenigen in den Mittelpunkt, dem die Gewalt widerfährt. Anschließend verwiesen die Diskussionsteilnehmenden auf die ambivalente Gestaltung von Gewalt. Einerseits kann sie gefährlich sein, vor allem wenn sie mit Wut einhergeht, andererseits ist sie auch ein legitimes Mittel, wie im Kriegswesen. Innerhalb der Sitzung hinterfragten die Diskutierenden auch, ob Tiere Gewalt ausüben können. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass Gewalt innerhalb einer Gruppe von Tieren als tabu gelte (z. B. ein Wolf tötet einen anderen Wolf des Rudels), während eine gruppenübergreifende Gewalt häufig als legitim eingestuft werde (z. B. ein Wolf, der ein Schaf tötet). Ein weiterer Diskussionspunkt betraf den universalen Charakter von Gewalt und Macht. Da Macht ein notwendiger Aspekt von Gewalt sei, könne die Relation von Gewalt und Macht als universal eingestuft werden. Dennoch machten die Teilnehmenden darauf aufmerksam, dass lokale Spezifika stets zu berücksichtigen seien.

 

Abb. 1: Virtuelles Meeting der Arbeitsgruppe „Body, Nature, Culture“.

 

Auch die Frage danach, wie Gewalt in Texten oder anderen Quellen zu identifizieren sei, stand im Zentrum der Diskussion. Für die griechisch-römische Welt können Gewalt-Konzepte aus bildlichen und textlichen Quellen rekonstruiert und anschließend miteinander verglichen werden. Dies ist jedoch nicht für alle im GRK angesiedelten Dissertationsprojekte der Fall, da einigen Projekte ausschließlich archäologisches Material zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang verwiesen die Diskutierenden darauf, dass Gewalt selbst in Textquellen nicht über ein Wort, sondern aus dem Kontext herauszulesen sei. Dieses gilt auch für bildliche oder archäologische Quellen. So können etwa durch die Analyse der überlieferten Quellen Rituale darüber rekonstruiert werden, wie ein toter Körper in einer Kultur zu einer bestimmten Zeit zu behandeln und zu bestatten war. Ein Text muss also nicht unbedingt die Gewalthandlung wiedergeben, sondern nur das Resultat dieser beschreiben, zum Beispiel einen geschändeten Leichnam (= Resultat). Im Kopf der (antiken) Leserschaft wurde die Gewandhandlung vermutlich dadurch kreiert, da der Leichnam gegen die geltenden Regeln behandelt wurde. Hierbei ist zu beachten, dass es sich bei den Quellen nur um die Repräsentation von Gewalt in Texten, Bildern und archäologischen Stätten handelt, die von der Perspektive der damaligen Autorenschaft wiedergegeben wurde. Demnach repräsentieren die Quellen nur Ausschnitte der Realität zu einer gewissen Zeit. Als weiteres Beispiel wurden christliche Märtyrer aufgeführt (siehe Cobb 2008). Zwar wurden christliche Märtyrer bis zum Tode gefoltert, allerdings erfolgte dies freiwillig, da diejenige Person selbst entschieden hatte, diesen Prozess zu durchlaufen, um dadurch zum Märtyrer zu werden. Durch diese freiwillige Handlung liege von einem christlichen Standpunkt aus keine widerwillige Gewalteinnahme über den Körper eines anderen vor. 
 
Die Arbeitsgruppe „Body, Nature, Culture“ ist als offene Diskussionsplattform angelegt. Bei jedem Treffen sollen zwei bis drei Teilnehmende in ein für ihre Arbeit relevantes Thema einführen. Zur Diskussion wählen diese zwei bis drei Teilnehmenden ausgewählte Beiträge von wissenschaftlicher Relevanz aus. Auch das dritte Treffen der Arbeitsgruppe hat sich für den interdisziplinären Austausch als fruchtbar erwiesen. In der anregenden Diskussion wurde nicht nur über Gewalt und den Körper in der griechisch-römischen Welt gesprochen, sondern die Teilnehmenden erörterten auch grundsätzliche Fragen zur Gewalt und zogen verschiedene Vergleiche mit weiteren Kulturen. Zwar konnten nicht alle Aspekte der Thematik ausführlich diskutiert werden, dennoch besteht die Möglichkeit einzelne Aspekte, wie Gender innerhalb von Gewalthandlungen, in einem weiteren Treffen der Arbeitsgruppe aufzugreifen. Die Diskussion bereicherte auf jeden Fall die einzelnen Projekte innerhalb des Graduiertenkollegs. 

 

Literaturhinweise:

  • Stephanie Cobb, Dying to be Men. Gender and Language in early Christian Martyr Texts. New York, 2008. 
  • Helen Lovatt, The epic gaze. Vision, Gender and Narrative in Ancient Epic. Cambridge, 2013.
  • Andrew M. McClellan, Abused Bodies in Roman Epic. Cambridge, 2019.
  • María Cristina Pimentel / Nuno Simöes Rodrigues (Hrsg.), Violence in the ancient and medieval Worlds. Leuven-Paris-Bristol, 2018.
  • Heinrich Popitz, Phenomena of Power. Authority, Domination, and Violence. New York, 2017.