Donnerstag, 7. Februar 2019

Besuch unserer Kooperationspartner aus Heidelberg vom SFB 933 „Materiale Textkulturen“

Ein Beitrag von Katharina Zartner.

Am 24. Januar hatten wir Besuch von unserem Kooperationspartner aus Heidelberg: Eine siebenköpfige Gruppe des Heidelberger Sonderforschungsbereichs 933 „Materiale Textkulturen“ kam nach Mainz zu unserer Plenumssitzung. Die gegenseitigen Besuche des SFBs und des GRKs sind inzwischen zu einer liebgewonnenen Tradition geworden – und doch stand das Treffen diesmal unter einem besonderen Stern. Für den SFB 933 war für Februar die Begehung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft angesetzt, die über die Weiterförderung des Forschungsverbundes (dritte Förderphase) entscheiden wird. Beim Stichwort „Begehung“ werden bei uns, den Mitgliedern des Mainzer GRKs 1876, sofort Erinnerungen wach. Knapp eineinhalb Jahre ist es inzwischen her, dass wir uns der gleichen Herausforderung stellen mussten. Bei uns allen ist noch präsent, wie viel kleinteilige, wochenlange Vorbereitungsarbeit eine solche Begehung erfordert, wie groß die Aufregung ist und, nicht zuletzt, wie viel davon abhängt. Unsere Begehung im September 2017 haben wir in Teamarbeit gemeistert und konnten uns schließlich über die Bewilligung der Weiterförderung freuen. Vor diesem Hintergrund war es für uns selbstverständlich, mit unseren Gästen auf deren Wunsch hin eine kleine „Probe-Begehung“ durchzuführen und Vorträge sowie Projektposter vorab zu begutachten.

Von fruchtbaren Obstgärten
Prof. Dr. Ludger Lieb, der Sprecher des SFBs 933, stellte uns die Strukturen und Leitideen des Sonderforschungsbereichs in einem Kurzvortrag vor. Zunächst gab er einen kurzen Überblick über die beeindruckende Liste an beteiligten altertumswissenschaftlichen Disziplinen, in der wir auch fast alle im GRK 1876 vertretenen Fächer wiederentdecken konnten. Untersuchungsgegenstand aller beteiligten Disziplinen sind Texte in Relation zu den jeweiligen Medien bzw. Objekten, auf denen sie niedergeschrieben wurden. Den Aufbau der verschiedenen Forschungsbereiche und Teilprojekte im SFB beschrieb Prof. Lieb als Obstgarten. So benötigen die Forschungsfragen einen fruchtbaren Boden, um starke Wurzeln bilden zu können, sowie motivierte, engagierte Gärtner, d.h. Forschende, die den Ideen zu Wachstum verhelfen und schließlich bei der Ernte gute Ergebnisse hervorbringen. Die Früchte des wissenschaftlichen Arbeitens dienen wiederum als Grundlage zur Weiterverarbeitung in weiterführender Forschung. Davon, wie sich die Forschungsarbeit des SFBs 933 genau gestaltet, konnten wir uns anhand ausgewählter, für die Begehung vorgesehener Beiträge ein Bild machen.

Die Teilprojekte: 
Einblicke in vergangene und künftige Forschung
In einem weiteren Kurzvortrag berichtete Adrian Heinrich, Doktorand der Assyriologie, über die Entwicklung von neuen Methoden und Lösungsstrategien im SFB. Darüber hinaus zeigte er anhand eines Tontafelfragmentes, wie unabdingbar es für ein umfassendes Verständnis ist, einen Text nicht losgelöst von seinem Material zu betrachten, sondern Text und Material als eine Einheit zu verstehen. Diese Herangehensweise ermöglicht es, auch aus dem kleinsten Textfragment noch Erkenntnisse zu gewinnen.

Einblicke in weitere bestehende Teilprojekte sowie geplante Forschungsvorhaben für die dritte Förderphase boten uns die Mitglieder des SFBs 933 bei einer Posterpräsentation. Dr. Stefan Ardeleanu stellte das Teilprojekt „Beschriebenes und Geschriebenes im städtischen Raum der griechisch-römischen Antike und des Mittelalters“ (TP A01) vor, das sich mit beschrifteten Denkmälern im (halb-)öffentlichen Raum beschäftigt. Mit Inschriften in liturgischen Räumen hingegen beschäftigt sich das Projekt „Schrift und Schriftzeichen am und im mittelalterlichen Kunstwerk“ (TP A05), welches Lisa Horstmann vorstellte und das u.a. die Bedeutung der Anbringung sowie der Sichtbarkeit von Schrift in mittelalterlichen Kirchen zum Gegenstand hat. Paul Schweitzer-Martin, Mitarbeiter im Projekt „Die papierene Umwälzung im spätmittelalterlichen Europa“ (TP A06), präsentierte interessante Einblicke in die Anfänge der Nutzung des Papiers als Schriftmedium. Anett Rózsa, erst seit kurzem Teil des Heidelberger Forschungsverbundes, gab schließlich einen Überblick über das spannende Projekt zu „Materialität und Präsenz magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter“ (TP A03), an dem sie in Zukunft mitarbeiten wird.

Alle Vertreter*innen des SFBs 933 präsentierten sich und ihre Projekte auf überzeugende, professionelle und charmante Weise und hatten keine Schwierigkeiten, unsere teils kritischen Fragen zu beantworten. Wir sind überzeugt, dass bei solch guter Vorbereitung einer Weiterförderung nichts im Wege steht.


Gemütlicher Ausklang

Nach der erfolgreichen Begehungsprobe war eine Stärkung verdient. Beim gemeinsamen geselligen Abendessen in einem ostafrikanischen Restaurant haben wir den Abend gemütlich ausklingen lassen. Hier bot sich die Möglichkeit, unsere Gäste näher kennenzulernen, sich über Forschungsinteressen und die individuellen Dissertationsprojekte auszutauschen und in gemütlicher Atmosphäre zu plaudern (Abb. 1).  

Abb. 1: Tagesausklang in geselliger Runde bei leckeren ostafrikanischen Spezialitäten
 (Fotos: Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen)


Zum Schluss ein kleiner Nachtrag: Inzwischen hat die Begehung in Heidelberg stattgefunden und wir haben von Mainz aus natürlich alle Daumen gedrückt. Die Gutachtergruppe hat den SFB 933 mit Nachdruck zur Weiterförderung empfohlen; die endgültige Entscheidung fällt der DFG-Hauptausschuss im Mai. Wir wünschen unseren Heidelberger Kooperationspartnern, dass ihre harte Arbeit mit der Bewilligung der Weiterförderung belohnt wird, und hoffen, dass wir bei unserem Gegenbesuch in Heidelberg im Mai gemeinsam anstoßen können!

Freitag, 14. Dezember 2018

Gastvortrag von Jun.-Prof. Dr. Camilla Di Biase-Dyson: „Metaphern in der Medizin“

Ein Beitrag von Mirna Kjorveziroska.

Am 29. November 2018 hat Jun.-Prof. Dr. Camilla Di Biase-Dyson (Göttingen) in der Plenumssitzung einen Gastvortrag unter dem Titel „Metaphern in der Medizin. Fallstudien aus der altägyptischen Textwelt“ gehalten. Der Vortrag bündelte nicht nur eindrückliche Beispiele aus dem das Zeitintervall von 1900–1070 v. Chr. umfassenden Korpus, wie Krankheit, Heilung oder innere Bestandteile des Körpers metaphorisch benannt und erklärt werden, sondern stellte auch grundsätzliche Überlegungen über den Konnex zwischen Bildsprache und Fachsprache im Alten Ägypten an. 

Semantische Überraschungen
Als Ausgangspunkt zur Identifizierung und Systematisierung der altägyptischen medizinischen Metaphern fungierten konventionalisierte Verben, in deren Radius sich eine Umkodierung der erwarteten Aktantenrollen bemerkbar macht, indem das Agens oder das Patiens gegen den gewöhnlichen Belebtheits- oder Unbelebtheitsstatus verstößt. Die Metaphorizität ist somit in den zwei Buchstaben des (fehlenden) Negationspräfixes verdichtet, Hauptprotagonisten der Dramaturgie des Übergangs von der proprie- zu der metaphorice-Sprachverwendung sind die Antonyme ,belebt–unbelebt‘. 

So können Metaphern dadurch generiert werden, dass ein Patiens überraschenderweise belebt wird – wenn man statt Korn einen Patienten wiegt oder misst (= untersucht) oder wenn man nicht einen Knoten, sondern einen Patienten löst (=heilt). Mit ähnlichem Überraschungseffekt lässt sich einem gängigen verbum movendi ein unbewusstes Agens zuordnen: Anstelle der Person als Gesamtheit führt nur die Krankheit, der Schmerz oder ein partikuläres Organ eine selbständige Bewegung aus, etwa wenn die Krankheit aus dem Mund des Betroffenen heraussteigt, der Schmerz sich ausbreitet, der Schleim keinen Weg aus dem Bauch findet oder das Herz geht (Metapher für den Pulsschlag). Des Weiteren können auch Kommunikationsverben mit einzelnen Körperteilen verbunden werden, wobei ein überraschender Nominativ der Sache den erwarteten Nominativ der Person ersetzt: Es ist beispielsweise für die Diagnostik von großer Relevanz, ob Herzgefäße sprechen oder stumm/taub bleiben. 


Mehr-Metaphern und Weniger-Metaphern:
Glossen als Messinstrumente für Metaphorizität
Im Anschluss an das präsentierte Tableau verschiedener medizinischer Metaphern wurde die Frage nach der zeitgenössischen Wahrnehmung der metaphorischen Ausdrücke aufgeworfen – ob sie bereits konventionalisiert und in ihrer Bildlichkeit unauffällig, intransparent waren oder aber als erklärungsbedürftiges Novum erkannt wurden. Als Messinstrumente für den Grad der wahrgenommenen Metaphorizität wurden die Glossen präsentiert. Ihre Präsenz ließe sich nämlich als schriftgewordener Verwunderungsausruf, als Signal für sprachliche Innovation, als Vignette zur Markierung einer Sprachneuerung deuten. Die Absenz von Glossen ist analog als Indiz dafür anzusehen, dass die nicht-glossierten, nackten Metaphern zum selbstverständlichen Teil des medizinischen Fachlexikons geworden waren.

Zu unterscheiden ist zwischen mehreren Erklärungsmustern bzw. Glossenformaten. Im einfachsten Fall enthält die Glosse eine Erklärung der Metapher, gegebenenfalls auch einen Hinweis zum rekonstruierten Assoziationsweg, der zu ihrer Bildung geführt hat. So wird die Diagnose ,Das Herz trocknet‘ als jener Zustand aufgelöst, wenn es zu Beschwerden infolge einer Blutgerinnung kommt. Die Formulierung ,Das Herz ertrinkt‘ sei ihrerseits eine Metapher für die Vergesslichkeit, wenn ein Mensch in seine Gedanken versinkt und sich nicht mehr konzentrieren kann. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Erweiterung des bildlichen Rahmens, wenn die Metapher durch eine andere Metapher erklärt wird. Der ,Tanz des Herzens‘ wird als eine pathologische Erscheinung gedeutet, wenn das Herz sich von der linken Brust entfernt; die ,Dunkelheit des Herzens‘ wird wiederum durch die Enge und Finsternis im Leib des Zornigen aufgeschlüsselt. Schließlich können die Glossen elaborierte Vergleiche entspinnen und auf alltägliche Situationen verweisen, um die Metaphern zu erläutern. Das Symptom ,Das Herz ist heiß‘ wird mit der Situation eines Mannes verglichen, der von einem stechenden Insekt gepeinigt wird; ,das Herz ist betrübt‘ sei der metaphorische Ausdruck für ein Befinden, wie wenn ein Mann ungeritzte Sykomorenfeigen gegessen hat. Spätestens an dieser Stelle drängt sich die Erkenntnis auf, dass Metaphern nicht dazu dienen, das Verständnis zu erleichtern, sondern dass ihre primäre Funktion vor allem in der Veranschaulichung, in der Modellierung von einprägsamen Bildern besteht.


Das Tempus der Metaphorizität: 
Metaphern im Präsens, Nicht-Metaphern im Präteritum 

In einem argumentativen Postskriptum, aber auch in der anschließenden Diskussion wurde die relativierende Überlegung aufgeworfen, dass die besprochenen Formulierungen, die der moderne Philologe als Metaphern rubriziert, für die Altägypter proprie-Propositionen über die Wirklichkeit waren. Wenn das Herz und der Schleim einen höheren ontologischen Status genießen und als selbständige belebte Wesen gelten, wenn die Wunde als Versteck des auszutreibenden Feindes betrachtet oder wenn die Krankheit als ein in den Körper eingetretener Bösewicht verstanden wird, sind die obigen Beispiele als geistesgeschichtliche Zeugnisse für eine alteritäre Weltanschauung, aber nicht als Produkte von bildsprachlicher Filigranarbeit zu analysieren. 


Austausch in Fortsetzungen
Die neulich eingeführte Praxis des Graduiertenkollegs, die/den Gastexpert/in/en auch am Folgetag nach der Plenumssitzung und dem gemeinsamen Abendessen zum weiterführenden zweistündigen Vormittagsaustausch mit den Doktorandinnen und Doktoranden einzuladen, hat sich auch diesmal vorzüglich bewährt. In einem anderen situativen Rahmen konnten thematische Cliffhanger des Vortrags in der Plenumssitzung aufgegriffen und weiterverfolgt, aber auch allgemeine Fragen zur für mehrere entstehende Dissertationen unentbehrlichen Metaphertheorie diskutiert werden (Abb. 1).

 Abb. 1: Jun.-Prof. Dr. Camilla Di Biase-Dyson (Mitte) im Gemeinschaftsraum des Graduiertenkollegs
mit den Doktorandinnen und Doktoranden sowie Post-Docs.
(Foto: Katharina Zartner)



Dienstag, 4. Dezember 2018

Do Pots and Bones Tell the Same Stories? Research Visit at the University of Bristol – School of Chemistry, November 20-23

A blog post by Sina Lehnig


In order to gain knowledge about the process of food procurement up to certain cooking practices of a cultural group, archaeologists interview the material they recover during their excavations. This includes the analysis of animal bones and plant macro remains, as well as the investigation of certain types of ceramics that were possibly used for transport and the final preparation of food. By doing so they receive information about which animals and plants the inhabitants of a certain region have cultivated or perhaps even imported. However, it is often difficult to assess the actual importance that plants, animals and their products had in people’s everyday lives and diets. The discovery of sheep and goat bones therefore does not yet indicate with certainty whether the animals were kept because of their meat or their secondary products such as milk, cheese and wool. The same applies to cattle, where cows can be used for transport, work, or dairy production. Similar questions arise when it comes to the function of certain vessels in the food preparation process. Due to their shape and characteristics, it is possible to draw conclusions about their use in food storage and preparation, but these conclusions can be regarded as controversial.

In order to get more clarity about the meaning of certain foods and resources in the everyday life of the people who inhabited my research area, the Roman and Byzantine Negev desert, an Organic Residue Analysis (ORA) on ceramics is planned. Since resource exploitation and the acquisition and treatment of food in an arid environment are connected to special challenges (high temperatures, evaporation and low precipitation connected to difficulties for the supply of plants and animals as well as to the storage of food that easily spoils), an analysis that goes beyond the study of bones and plant remains holds additional potential.

Organic residues are often invisible leftovers inside ceramic vessels that come from its original content, from either a single-product use or an accumulation of individual uses. The porous structure of the pottery that can be compared to that of a sponge absorbs organic residues. The most durable and widely occurring among them are lipids. They are the main constitutes of plant and animal cells together with carbohydrates and proteins. Since lipids are hydrophobic they will not readily dissolve in water and therefore survive for long times. The same applies to the durability of the pottery itself: once fired, the material is extremely long-lived. Together, ceramics and lipids form a perfect couple to address archaeological questions regarding diet, resource acquisition/exploitation and vessel use. ORA enables the characterisation of resources including terrestrial animal fats (ruminant and non-ruminant fats, carcass fats and dairy fats can be distinguished), aquatic fats (fish, shellfish, marine mammals), plant oils and waxes, beeswax, as well as resins, tars and bitumens. This information can then be used to clarify whether certain fats only occur in certain vessel forms. Furthermore, they can be compared with the results on animal husbandry and food we have from the archaeozoological analysis.

To evaluate the potential an ORA could have for my research project in the Negev desert, I visited the School of Chemistry at the University of Bristol (Fig. 1) where Prof. Richard Evershed and Dr. Julie Dunne developed a highly regarded laboratory (Fig. 2) for the investigation of organic residues from archaeological sites. I had the chance to see the institution with its technical equipment and to receive an in-depth introduction to the whole method from Prof. Evershed himself. After presenting my research design to both scientists on site, we discussed a possible collaboration. To check the potential of an ORA on ceramic material that comes from the Negev desert, a first survey will be carried out on 60 sherds from the ancient settlement Elusa. I am already looking forward to the results of the study and to comparing them with the data from my other research. This will also show how coherent the picture is that the ORA and archaeozoology draw.
 
Fig.1: Wills Memorial Building at Bristol University (Source: S. Lehnig)

Fig.2: Laboratory at the School of Chemistry where the ORA is carried out (Source: J. Linstädter)

My research stay in Bristol was a great experience and a wonderful opportunity to receive more insight into methods that are a real gain for archaeological research. The contact with the local scientists has shown how important it is that archaeologists and scientists work closely together, network and improve each other’s knowledge about their fields of research.