Mittwoch, 23. Dezember 2020

Grenzüberschreitung: die Schlange als Trickster in Genesis 3. Gastvortrag von Prof. Dr. Régine Hunziker-Rodewald.

Ein Beitrag von Sibel Ousta.

Am 16. Dezember 2020 hielt die evangelische Theologin und Professorin Dr. Régine Hunziker-Rodewald (Université de Strasbourg) im Rahmen des Forschungsprogramms des GRKs 1876 einen virtuellen Gastvortrag mit dem Titel „Grenzüberschreitung: die Schlange als Trickster in Genesis 3“ (Abb. 1). Der Vortrag konzentrierte sich vorrangig auf die Frage, wie die Schlange als Trickster im dritten Kapitel des ersten Buches des Tanach (Genesis 3) beschrieben wird. Dementsprechend lag der Fokus nicht in der Thematisierung der Erbsünde als Folge der Grenzüberschreitung, sondern auf der ambivalenten Figur der Schlange und ihrem Handeln im Garten Eden, was sie in doppelter Hinsicht selbst zu einer „Grenzfigur“ macht: auf einer metaphorischen Ebene zwischen Wissen und Handeln sowie auf einer biologischen Ebene, welche sie zwischen Gott – Mensch und Tier – Mensch stellt.

 

Abb. 1. Szene aus dem Buch der Genesis in der Monreale Kathedrale in Palermo (12. Jh.).

 

Wortspiele in der Genesis 3

Zu Beginn des Vortrages machte Régine Hunziker-Rodewald auf die wenig untersuchte Figur der Schlange als Trickster in der Forschung aufmerksam, weshalb sie viele eigene Hypothesen und Theorien in den Vortrag einfließen ließ. Eine davon beschäftigt sich mit der Verwendung der hebräischen Wörter arum (listig, intelligent) und arom/erom (nackt), womit in Genesis 2-3, laut Régine Hunziker-Rodewald, bewusst bei (fast) identischen Lautformen mit Mehrfachbedeutung gespielt wird. Die Schlange, die am Anfang des Buches als „arum beschrieben wird, führt den Menschen – auf Ebene des hebräischen Vokabulars – zur Wahrnehmung seiner Erscheinung als „arom“. Er wird damit gewissermaßen der Schlange ähnlich. Es finden sich weitere Wortspiele in Genesis 3, zu denen auch die Verwendung des Wortes „elohim“ gehört, das sowohl für „Gott“ als auch für „Götter“ stehen kann.[1]

 

Kognitive Fähigkeiten und Aussehen der Schlange

In Genesis 3,1–5 wird die Schlange als ein Tier klassifiziert, „das listiger war als alle anderen Tiere des Feldes, die Gott erschaffen hatte“. Aus ihrer Listigkeit bzw. Intelligenz resultieren außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten, die ihr in Genesis 3 im Vergleich zu anderen Tieren zugewiesen werden, so etwa die Fähigkeit zu sprechen und über dasselbe Wissen wie Gott zu verfügen. Wie Régine Hunziker-Rodewald anführte, wird das Wissen der Schlange über Gottes Wissen in Vers 4 bestätigt, als bekannt gegeben wird, dass die Schlange – ohne zuvor mit Gott gesprochen zu haben – von der Folge wisse, die sich aus dem Essen der Früchte ergebe.[2] Diese bezeichnet die (Er-)Kenntnis von Gut und Böse, die sich den Menschen nach dem Verzehr der Früchte offenbare und nicht den sofortigen Tod. Die Mortalität wird im Anschluss an die Grenzüberschreitung dann von Gott über den Menschen verhängt, und zwar nicht als Strafe, sondern um zu verhindern, dass die nun „Gottgleichen“ auch Unsterblichkeit erlangen (Gen 3,22).

Die einzigen benennbaren Eigenschaften der Schlange sind ihre Klassifizierung als Tier, ihr Wissen und ihre Sprachfähigkeit, womit in Genesis 3 keine konkreten Aussagen zu ihrem Erscheinungsbild getroffen werden. Ein einziger Hinweis findet sich in Vers 14, in dem es heißt, dass Gott die Schlange als Strafe für ihren Ungehorsam dazu verdammt, auf ihrem Bauch zu kriechen.[3] Die Nachwelt schloss daraus, dass die Schlange vor ihrer Strafe wahrscheinlich gehen oder womöglich sogar fliegen konnte (Abb. 2), was zu Assoziationen der Schlange mit Fabel-/Flügelwesen führte, die in Verbindung mit ihrer Listigkeit auch zu Darstellungen der Schlange als Monster beigetragen haben. Der hebräische Text äußert sich dazu nicht, gibt aber indirekt zu verstehen, dass die Schlange ein Mischwesen (Gott–Mensch–Tier) von männlichem Geschlecht war, das sich in Hinblick auf seine Taten zwischen Respektlosigkeit und Opposition gegenüber Gott bewegte.

 

Abb. 2. Darstellung einer fliegenden Schlange auf der Tarragona-Tafel, Madrid (Buchholz UF 32 2000, Abb. 25).


  

Die List der Schlange

Die Worte der Schlange zielen darauf ab, die Menschen – vorrangig die Frau – im Garten Eden dazu zu bewegen, von den Früchten zu kosten. In Übersetzungen (so wurde es auch ins Deutsche übertragen) wird der Akt des Ungehorsams durch eine Frage eingeleitet: „Hat Gott wirklich gesagt, ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“.[4] Régine Hunziker-Rodewald verwies in ihrem Vortrag darauf, dass der überlieferte hebräische Text eine Interpretation als Frage nicht hergebe. Eine korrekte Wiedergabe ins Deutsche wäre vielmehr die folgende: „So hat Gott also gesagt, ihr dürft von keinem Baum des Lebens essen …“. Es handelt sich um einen unvollständigen Satz, der laut Régine Hunziker-Rodewald die Frau provoziert, die Aussage der Schlange richtigzustellen. Die List der Schlange kommt somit nicht – wie gewöhnlich behauptet – in einer Lüge zum Ausdruck, sondern in einer Provokation.

Diese Provokation hat zur Folge, dass sich die Frau dazu entscheidet, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, womit sie eine Kette von Ereignissen auslöst, die mit der Verfluchung der Schlange zu einem Kriechtier und zu einer ewig währenden Feindschaft mit der Frau[5] ihren Endpunkt erreicht. Laut Régine Hunziker-Rodewald geht die Schlange in Genesis 3 als Verliererin hervor, was als ein Charakteristikum der Trickster-Gestalt bei der Suche nach dem Aussagewillen des Textes zu berücksichtigen ist und weiterer Untersuchungen bedarf.

 



[1] Siehe hierzu Genesis 3,5: „[…] dass ihr wie Gott/Götter (כֵּֽאלֹהִ֔ים) sein werdet.“

[2] Genesis 3,4–5: „Mitnichten werdet ihr sterben. Sondern Gott weiß, dass euch die Augen aufgehen werden und dass ihr wie Gott/Götter sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst
 
[3] Vgl. Genesis 3,14: „Auf deinem Bauch wirst du kriechen, und Staub wirst du fressen dein Leben lang.“

[4] Vgl. Genesis 3,1.

[5] Ewig meint hier einen Fluch/eine Feindschaft, die an die Nachkommen der Schlange und die der Frau weitergeben wird, vgl. Gen 3,15: „Zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchse.


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