Donnerstag, 16. Mai 2019

Der Bekleidete unter den Nackten – der Nackte unter den Bekleideten: Ein Tandemvortrag von Sonja Speck und Katharina Zartner zum Thema Nacktheit im Alten Ägypten und im Alten Vorderen Orient



Ein Beitrag von Rebekka Pabst 

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit stellt einen der Grundpfeiler des GRK 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ dar. Als besonders fruchtbar haben sich dabei die Tandems erwiesen, bei denen sich je zwei Kollegiat/inn/en aus verschiedenen Fachdisziplinen für ein Thema zusammenschließen, das mit ihren jeweiligen Dissertationsprojekten verknüpft ist. Im Rahmen eines Vortrags in der Plenumssitzung vom 25.04.2019 stellten Sonja Speck und Katharina Zartner ihr gemeinsames Tandemprojekt „Der Bekleidete unter den Nackten – der Nackte unter den Bekleideten: Nacktheit im Alten Ägypten und im Alten Vorderen Orient“ vor (Abb. 1)


Abb. 1: Die beiden Referentinnen Sonja Speck (oben) und Katharina Zartner (unten)
(Fotos: Rebekka Pabst)


Was bedeutet Nacktheit?
Gegenwärtig wird unter „Nacktheit“ meist ein Fehlen von Bekleidung beim Menschen verstanden. Häufig wird auch von „Blöße“ gesprochen, wobei damit meist die Nacktheit bestimmter Körperteile – primär der Genitalbereiche – gemeint ist. Doch Nacktheit bedeutet mehr als das objektive Fehlen von Kleidern. Zusätzlich wird Nacktheit auch mit der subjektiven Empfindung von Scham und Schutzlosigkeit verbunden. Außerdem ist zu beachten, dass die Art bzw. Norm der Kleidung von Kultur zu Kultur stark variieren kann. Deshalb kann „Nacktheit“ nicht immer (nur) in Abhängigkeit von Kleidung definiert werden. So kann bereits das Fehlen von Haaren oder Schmuck ein Zustand sein, der als nackt beschrieben wird. Dies verdeutlicht, wie schwierig es ist, „Nacktheit“ eindeutig zu definieren. Für ihren Vortrag fokussierten sich Sonja Speck und Katharina Zartner deshalb auf Darstellungen, bei denen die Oberfläche der menschlichen Körper (nahezu) vollständig unbedeckt ist (Abb. 2)

Abb. 2: Darstellungen von „Nacktheit“ im Alten Ägypten und Alten Vorderen Orient
(Titelfolie der Präsentation von Sonja Speck und Katharina Zartner)



Nacktheit im Alten Ägypten vs. Nacktheit im Alten Orient
Innerhalb der ägyptologischen Forschung ist das Thema bisher nur stellenweise aufgearbeitet worden. Meist wird die Darstellung von Nacktheit dabei mit Sexualität und Statusmangel in Verbindung gebracht. So wurden bisher insbesondere Darstellungen der weiblichen Nacktheit interpretiert. Mitunter wird behauptet, dass Frauen deutlich sexualisiert dargestellt werden – und das unabhängig von ihrem sozialen Satus. Grund hierfür sei ihr vergleichsweise niedriger Rang innerhalb der ägyptischen Gesellschaft. Im Gegensatz dazu würden Männer der Elite bis auf wenige Ausnahmen stets bekleidet abgebildet.

Dabei fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass auch Männer durchaus nackt dargestellt wurden. Ein Beispiel hierfür sind Statuenensembles aus Privatgräbern der 5. und 6. Dynastie, welche – neben Frauen und Kindern – auch hochrangige männliche Würdenträger unbekleidet zeigen. Eine genderspezifische Darstellung von Nacktheit ist somit nicht gegeben. Auch die Behauptung, dass Nacktheit ein Indiz für einen niedrigen sozialen Satus sei, lässt sich nicht zweifelsfrei bestätigen. So sind beispielsweise in Darstellungen handwerklicher Tätigkeiten sowohl bekleidete wie unbekleidete arbeitende Personen vertreten. Nacktheit ist somit optional und erschließt sich aus dem Kontext der abgebildeten Tätigkeiten. Wie die aufgeführten Beispiele zeigen, besitzt Nacktheit an sich damit keine festgelegte Bedeutung und ist vielmehr als ein Element innerhalb einer Gruppe bildlicher Marker anzusehen. Die Referentin Sonja Speck plädierte daher dafür, Nacktheit kontextabhängig zu betrachten.

Auch im Alten Vorderen Orient existierten verschiedene Arten von Nacktheit. So konnten z. B. besiegte Feinde unbekleidet dargestellt werden, was häufig als Zeichen der Unterwerfung verstanden wird. Obwohl die Möglichkeit besteht, dass Besiegten die Kleidung geraubt wurde, muss dennoch offen bleiben inwiefern diese Bilder der Realität entsprechen. Auch bestimmte Berufsgruppen können nackt dargestellt werden, hierbei ist aber zwischen alltäglichen Berufen (Fischer, Jäger, Hirten etc.) und Berufen, die der Unterhaltung (z. B. Tänzer, Akrobaten, Musiker) dienen, zu unterscheiden. Selbst aus dem kultischen Bereich sind Nacktdarstellungen von Kultdienern belegt. Jedoch wurde dem Thema Nacktheit in der Altorientalistik/ Vorderasiatischen Archäologie verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Eine Ausnahme stellen die Figurinen nackter Frauen dar, welche bereits im Neolithikum auftauchen. Vielfach wurden sie als Muttergöttinnen interpretiert oder allgemein mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Die Referentin Katharina Zartner spricht sich jedoch dafür aus, dass diese Deutung mangels textlicher Quellen oder anderer gesicherter Anhaltspunkte offen bleiben muss. Auch im Alten Vorderen Orient kann Nacktheit in ganz unterschiedlichen Bereichen auftauchen. Ein einheitliches Konzept von der Nacktheit an sich wird es jedoch nicht gegeben haben. Vielmehr erklärt sich die jeweilige Konnotation durch den Kontext. 


Bedeutungen von Nacktheit: Der sechslockige Held und prä- und frühdynastische anthropomorphe Plastik
Im zweiten Teil ihres Vortrages stellten Sonja Speck und Katharina Zartner Fallstudien aus ihren jeweiligen Dissertationsprojekten vor.
Katharina Zartner beleuchtete die Bedeutungsmöglichkeiten der dargestellten Nacktheit des sechslockigen Helden, der zudem Gegenstand ihres Dissertationsprojektes („Beschützer der Herden, Gegner der Wildnis, Herr der Tiere – Eine Untersuchung zur Figur des sechslockigen Helden“) ist. Da Nacktheit – abhängig vom jeweiligen Kontext – immer mit Bedeutung aufgeladen ist, ist anzunehmen, dass die Nacktheit auch in diesem Fall einen konkreten Inhalt vermittelt. Generell wird der sechslockige Held bis zur zweiten Hälfte des 2. Jt. v. Chr. unbekleidet abgebildet, meist trägt er jedoch einen Gürtel um die Hüfte. Lässt sich diese Darstellung vielleicht mit Ringern vergleichen, welche ebenfalls lediglich einen Gürtel tragen? Der Gürtel dient dazu, Gegner im Kampf zu packen. Interessanterweise wird der sechslockige Held oft im Kampf mit Tieren oder Mischwesen gezeigt, sozusagen in der Rolle eines Ringers. Eine weitere Möglichkeit der Interpretation ist die Vorstellung, dass Nacktheit eine gewisse Wildheit und Fremdheit ausdrückt. So geht z. B. aus schriftlichen Quellen wie dem Gilgamesch-Epos hervor, dass Nacktheit als wild und unzivilisiert empfunden wurde. Im Falle des sechslockigen Helden könnte seine Beziehung zu Tieren im Allgemeinen in Kombination mit der Nacktheit darauf deuten, dass er im Bereich der wilden, unzivilisierten Natur zu verorten ist. Des Weiteren kommt eine Verbindung zum Berufstand der Hirten in Frage, die ebenfalls nackt dargestellt werden konnten. Wenn der sechslockige Held den Kampf mit wilden Tieren aufnimmt, dann geschieht dies zum Schutz der wehrlosen Herdentiere, um die er sich kümmert. Da diese drei vorgeschlagenen Auslegungen nicht kontrovers zueinander stehen, scheint auch eine Kombination aller drei Bedeutungsebenen möglich (Abb. 3)

Abb. 3:  Abrollung eines Siegels mit Darstellung des sechslockigen Helden
Akkadzeit (2. Hälfte 3. Jt.)
(© The Trustees of the British Museum, CC BY-NC-SA 4.0)


Sonja Speck präsentierte einige Beispiele der prä- und frühdynastischen anthropomorphen Plastik, die sie im Rahmen ihres Dissertationsprojekts („Ursprünge und Entwicklung altägyptischer Körperkonzepte in prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik“) untersucht. Sie legte dar, dass in der bisherigen ägyptologischen Forschung die Nacktheit als das zentrale Merkmal dieser Objektgruppe gelte. Zwar weisen die Figuren und Figurinen häufig keine Bekleidung auf, aber die Darstellung von Kleidung ist auch nicht selten. Vielmehr ergibt sich sogar eine Art Gleichgewicht. Daher ist die Frage zu stellen, ab wann eine prä-/frühdynastische Figur überhaupt als nackt bezeichnet werden kann. Die Referentin spricht sich dafür aus, erst dann von Nacktheit zu sprechen, wenn keine Kleidung an der Figur erkennbar ist und der unbekleidete Körper sichtbar ist. Zudem fehlen der prä- und frühdynastischen Plastik die Gruppen bildlicher Marker, mit denen Nacktheit erst bedeutsam gemacht wird ebenso wie der ikonographische Kontext, da es sich bei der Mehrzahl der prä- und frühdynastischen Plastik um Einzelfiguren handelt. Damit sind aber sämtliche Merkmale der Darstellung von Nacktheit in der nachfolgenden Epoche des pharaonischen Ägypten nicht gegeben. Die Referentin schließt daraus, dass sich Inhalt und Bewertung des Phänomens Nacktheit im Lauf der Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach verändert hat. Generell ist jedoch festzuhalten, dass der menschliche Körper die Grundlage der Darstellung bildet, attributive Details hingegen zusätzliche Bedeutungen aufbauen. Dabei ist die Nacktheit wertneutral. Anatomische Details und sonstige Attribute wie Kleidung oder Schmuck sind dagegen gleichwertige Bedeutungsträger. 

Fazit: Nacktheit ist relativ 
Abschließend stellen Sonja Speck und Katharina Zartner fest, dass die Darstellung der Nacktheit sowohl im Alten Ägypten wie auch im Alten Vorderen Orient stark kontextabhängig ist. Ein einheitliches, übergreifendes Konzept von Nacktheit lässt sich nicht belegen. Vielmehr kann Nacktheit dagegen ein Teil von verschiedenen Konzepten sein. So bekommt Nacktheit dann eine Bedeutung, wenn sie mit anderen Elementen kombiniert bzw. in einen bestimmten Kontext gesetzt wird. Die Nacktheit für sich besitzt keine Bedeutung. Sie kann daher als eine neutrale, nicht wertende Darstellung des menschlichen Körpers angesehen werden, solange sie nicht zum Alleinstellungsmerkmal wird. Nacktheit ist in höchstem Maße spezifisch – selbst innerhalb desselben Kulturkreises. Deshalb lässt sich die moderne Konzeption der Nacktheit, die meist vor dem Hintergrund der Sexualität betrachtet wird, nicht (ohne Weiteres) auf alte Kulturen übertragen.

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