Montag, 26. März 2018

„Âventiure? Waz ist daz?“ Internationale Tagung in Amiens, 14.-16.03.2018

Ein Beitrag von Sandra Hofert.

Von einem Waldmenschen danach gefragt, was diese âventiure sei, nach der er suche, antwortet Kalogrenant – eine Figur des mittelhochdeutschen Artusromans Iwein von Hartmann von Aue –, er als prächtig bewaffneter Ritter sei auf der Suche nach einer Herausforderung, nach einem Kampf, in dem er sich beweisen und Ruhm und Ehre erlangen könne.
Der mittelhochdeutsche Begriff der âventiure stammt aus dem Altfranzösischen und kann so etwas wie „Zufall“, „Geschick“ oder auch „zufällige ritterliche Begegnung“ bezeichnen. Doch die Verwendung des Wortes ist uneinheitlich und variantenreich. Im Parzival des Wolfram von Eschenbach beispielsweise kann âventiure neben „Gefahr“, „Schicksal“ oder „göttliche Vorsehung“ auch „Neuigkeit“ und „Erzählung“, also eine literarische Vorlage, bezeichnen.
Die verschiedenen Facetten dieses polyvalenten Begriffes standen im Zentrum der Tagung Ce qui advient… les déclinaisons de l’aventure, die vom 14. bis zum 16. März 2018 in der Maison de la Culture in Amiens (Frankreich) stattfand.

Abb. 1: Der Tagungsort. Maison de la Culture Place Léon Gontier (alle Fotos: Sandra Hofert).
In der jährlich von Danielle Buschinger organisierten Veranstaltung, die immer unter einem bestimmten Oberthema steht, haben sich in diesem Jahr über 30 Vortragende aus unterschiedlichen Bereichen der Mittelalterforschung versammelt und den âventiure-Begriff aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Rudolf Bentzinger (Berlin) beispielsweise stellte die Frage, ob sich der âventiure-Begriff auch auf die Historien und Legenden der spätmittelalterlichen Historienbibel übertragen lasse und sprach damit das zentrale Thema der Wechselbeziehungen zwischen biblischen und weltlichen Erzählmustern an. Macià
Riutort Riutort (Tarragona) hat überlegt, ob die spätmittelalterlichen ævintýri als Grundlage des neuen Genres ævintýri im skandinavischen 19. Jahrhundert verstanden werden können. Der Vortrag von Ronny Schulz (Kiel) beschäftigte sich mit der Figur des Auberon/Alberich und seiner Rolle als Vermittler zwischen höfischen Romanen und der Chanson de Geste, einer erzählenden Gattung altfranzösischer Epen. Im Zentrum der Überlegungen von Max Siller (Innsbruck) stand das Verhältnis von literarisch inszeniertem Rittertum und der tatsächlich-historischen Realität. Am Beispiel von Leben und Werk des Oswald von Wolkenstein stellte er die Frage nach einer „Psychoklasse“ der Ritter. Wiebke Witt (Kiel) fragte nach der Identitätsgenese und -akzeptanz im Zuge von âventiure am Beispiel des Prosa-Lancelots und Tolkiens Der Herr der Ringe. Ferner beleuchtete Friedrich Wolfzettel (Frankfurt a. M.) in einem Gastvortrag die Rolle des Löwen in zahlreichen literarischen Werken und die Bedeutung des Aufeinandertreffens von Mensch und Tier.

Es war ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm mit zahlreichen weiteren anregenden Beiträgen, die alle im zeitnah erscheinenden Tagungsband nachgelesen werden können.
Auch das GRK 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ war vertreten durch Sandra Hofert (die Autorin dieses Beitrags). In diesem Vortrag ging es um den späten Artusroman Diu Crône Heinrichs von dem Türlin und die Dekonstruktion der traditionellen Aventiurefahrt, exemplarisch gezeigt an der Episode Gaweins bei Amurfina – einer Passage, in der der „Musterritter“ des Artushofes wie Iwein die Hand einer Landesherrin gewinnt, wie Tristan mit den Wirkungen eines Liebestrankes konfrontiert wird und sich wie Erec zu verligen droht. Am Ende dieser Episode ist Gawein der gleiche wie zuvor, seine Frau Amurfina jedoch, die als wunderbare Feenfigur eingeführt wurde, hat sämtliche Elemente des Wunderbaren verloren. Gaweins Treffen mit ihr bleibt eine wunderbare Episode in einem episodenhaften Text und veranschaulicht als solche exemplarisch die Bewegung des Wunderbaren durch das Werk: Dieses bewegt sich von Aventiure zu Aventiure, sammelt sich bei einzelnen Figuren und Motiven, verlässt diese wieder und geht auf andere über. Das Wunderbare verändert sich immer wieder – um neu zu verwundern.


Abb. 2: Vortrag „Wunderbare Dekonstruktion der Aventiurefahrt. Gawein und Amurfina in Heinrichs von dem Türlin Diu Crône“.


Insgesamt war es ein sehr abwechslungsreiches und interessantes Programm mit lebendigen Diskussionen in angenehmer Atmosphäre in einer schönen und eindrucksvollen Stadt und so möchte ich mich schließlich an dieser Stelle nochmal ganz herzlich bei Danielle Buschinger für die Organisation der Veranstaltung bedanken und bei dem Graduiertenkolleg 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ für die Finanzierung meines Amiens-Aufenthaltes.



Abb. 3: Kathedrale Notre Dame d’Amiens.

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