Mittwoch, 5. Oktober 2016

Internationale Konferenz: "Finding, Inheriting or Borrowing? Construction and Transfer of Knowledge about Man and Nature in Antiquity and the Middle Ages"

Ein Beitrag von Dominik Berrens, Nadine Gräßler und Katharina Hillenbrand.

Am 14. September war es soweit: Die erste internationale Tagung des GRKS startete in den Räumlichkeiten des Institute Français (Abb. 1) und setzte sich am 15. und 16. September im Erbacher Hof fort (Abb. 2). Unter dem Titel "Finding, Inheriting or Borrowing? Construction and Transfer of Knowledge about Man and Nature in Antiquity and the Middle Ages" (Link zum Programm) wurden Mechanismen, die bei der Entstehung und Rechtfertigung von Wissen in den vormodernen Kulturen greifen, vorgestellt, theoretisiert und einem transdisziplinären Vergleich zugänglich gemacht. Die verschiedenen Aspekte von Wissensentstehung wurden hierfür zunächst in einem methodologischen Panel sichtbar gemacht (Panel A) und anschließend anhand konkreter Beispiele aus Dissertationsprojekten des GRKs im Vergleich mit ähnlichen Konzepten anderer Disziplinen hinsichtlich der Frage nach der Universalität, Spezifität und Tradierung von Wissensbestandteilen beleuchtet (Panels B-D).

Beginn von Panel A am 14.09. (Foto: Idan Breier).

Panel A: "Methodological and Theoretical Aspects"

Theoretische Annäherungen an das Thema erfolgten durch Beitragende aus der Ägyptologie (Susanne Beck, Tübingen: "Transfer of Knowledge: From Mesopotamia to Egypt"), der Theologie (Jeffrey L. Cooley, Boston: "Epistemology in the Biblical Tradition: Judean Knowledge-Building, Scribal Craftsmanship, and Scribal Culture") und der Judaistik (Lennart Lehmhaus, Berlin: "Talmudic Bodies and Nature – Constructing and Authorizing Knowledge in Late Antique Jewish Tradition"), die alle Beispiele aufzeigten, in denen auf verschiedenste Weise fremdes Wissen oder fremde Praktiken inkorporiert und unterschiedlich legitimiert wurden. Anhand der Beispiele wurden Formen des Wissenstransfers erkennbar, ohne dass bereits Fragen der Spezifität oder Tradierung adressiert werden mussten.

Panel B: "Of Man and Moon. Knowledge and Cultural Meaning of the Moon"

Das erste "thematische" Panel beleuchtete Konzepte vom Mond, die besonders im Dissertationsprojekt von Victoria Altmann-Wendling bearbeitet werden, aber auch im Projekt von Tim Brandes eine Rolle spielen. Beide trugen dementsprechend Überlegungen zu ihrer Thematik vor (Tim Brandes: "'He Assigned Him as the Jewel of the Night' – The Knowledge of the Moon in Mesopotamian Texts of the Late 2nd and 1st Millennium BC" und Victoria Altmann-Wendling: "Shapeshifter – Knowledge of the Moon in Graeco-Roman Egypt") und fokussierten Formen des Wissens über lunare Phänomene und mögliche Tradierungswege zwischen den Kulturen. Die Überlegungen wurden durch Beiträge aus der Klassischen Philologie (Liba Taub, Cambridge: "Plutarch’s Concept of the Moon in his 'De facie in orbe lunae' against the Background of his Predecessors"), der Numismatik (José Miguel Puebla Morón, Madrid: "Iconography of the Moon in the Coinage of Greek Sicily"), der keltischen Archäologie (Allard Mees, RGZM Mainz: "Early Celtic Time Cycles: Adaption and Creation") und der Byzantinistik (Alberto Bardi, München: "Reception and Rejection of Foreign Astronomical Knowledge in Byzantium") bereichert. Alle Vorträge gaben wichtige Einblicke in die Bedeutung des Mondes und das (transferierte) Wissen über ihn in anderen kulturellen Kontexten. Im Anschluss wurden besonders praktische Fragen des Wissenstransfers diskutiert, etwa die zusätzliche Bedeutung nicht-schriftlicher Traditionen und entsandter Experten, aber auch Fragen der Wissenslegitimierung.

Panel B am 15.09. (Foto: Idan Breier).

Keynote Lecture: "Transmitting Symbolic Concepts from the Perspective of Cultural Cognition: the Acquisition and Transfer of Folk-Biological Knowledge"

Panel B wurde ergänzt und abgerundet von Roy Ellens (Kent, Anthropologie) Keynote Lecture, die sich auf theoretischer Ebene mit der Frage nach unterschiedlichen Arten der Wissenstradierung, beispielsweise solcher zwischen Generationen oder verschiedenen Gruppen, auseinandersetzte und auf verschiedene Erklärungsmuster einging, die im späteren Verlauf der Konferenz als theoretischer Referenzrahmen immer wieder herangezogen wurden.

Panel C: "The End of the World in Fire – Imaginations from Antiquity to the Middle Ages"

In Panel C wurden Konzepte des Weltendes in Feuer thematisiert, ein Teilaspekt des Dissertationsprojektes von Dominic Bärsch, der mit seinem Vortrag "Poets, Prophets and Philosophers – Otto von Freising’s End of the World" einen Ausblick in mittelalterliche Autorisierungsstrategien des Weltendes gab. Ziel war es, durch transdisziplinäre Vergleiche mögliche Antworten auf Spezifität und Universalität der Konzepte seiner Untersuchung zu finden. Zu diesem Zweck zeigten der Iranist Götz König (Berlin: "The Idea of an Apocalyptic Fire According to the Middle Iranian Sources and the Question of an Old Iranian Heritage"), der Klassische Philologe Knut Usener (Wuppertal: "Burning for a Fresh Start") und der nordische Religionswissenschaftler Jens Peter Schjødt (Aarhus: "Some Reflections on the Ragnarok Myth in Scandinavia") unterschiedliche kulturelle Vorstellungen eines Weltfeuers auf, die bemerkenswerte Schnittmengen aufwiesen. Die Abschlussdiskussion kreiste dementsprechend um die Frage, inwieweit in den Einzelfällen von Spezifität oder bereits von Universalität zu sprechen sei. Dabei wurde der stets bedeutsame individuelle Kontext betont, der einer jeden, das Wissen annehmenden Kultur beigemessen werden muss.

Panel D: "Pejorative Description and Distinction Based on Human Perceptions of Animals"

Der letzte Tag widmete sich ganz der Frage nach dem Wissen über Tiere, die auf negative Weise zur Charakterisierung von Menschen eingesetzt werden. Das Panel bezog dabei Aspekte mehrerer Dissertationsprojekte des GRKs mit ein. Vortragende des GRKs waren Tristan Schmidt (Byzantinistik: "Beasts of Prey as Means of Exclusion and Vilification of Social Groups in the Byzantine Political Discourse") und Imke Fleuren (Ägyptologie: "Animal Imagery as a Means to Describe 'The Other' in Ancient Egypt"), die beide Aspekte ihrer Arbeiten vorstellten und insbesondere die Bedeutung andersartiger Gruppen in der jeweiligen Kultur und des jeweils mit diesen verbundenen Tieres eruierten.

Das Panel wurde durch Beiträge aus der Klassischen Philologie (Cristiana Franco, Siena: "According to the Rung. Towards an Intersectional Analysis of Animal Representations" sowie Fabio Tutrone, Pisa: "'Some of you are dogs who can both bark and bite' (Pro. Rosc. Amer. 57): Cicero, Lucretius, and the Ambiguities of Roman Dogness"), der jüdischen Studien (Idan Breier, Tel Aviv: "Shaming by Naming: 'Dog' as a Derogatory Term for Human Beings in Ancient Near Eastern Sources"), der Klassischen Archäologie (Sandra Kyewski, Basel: "Monkey Business. The Defamation of Men through Animal-Like Faces") und der Altorientalistik (Seth F. C. Richardson, Chicago: "Nature Engaged and Disengaged. The Case of Mesopotamian Literatures") ergänzt. Auffällig war besonders, dass der Hund in fast allen Kulturen zur Herabsetzung des Anderen diente, durchaus aber auch positive Eigenschaften verkörpern konnte. In der Diskussion wurde dies als ein Hinweis auf eine universell ähnliche Wahrnehmung des am frühesten domestizierten Haustieres gedeutet, Tradierungen und Übernahmen von Konzepten seien aber ebenso denkbar.

Die Abschlussdiskussion der internationalen Tagung hob die Beobachtungen der vergangenen Tage auf ein abstrakteres Niveau und beleuchtete insbesondere die Vorträge vor dem Hintergrund der in der Keynote Lecture Roy Ellens vorgestellten theoretischen Modelle. 

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