Dienstag, 29. März 2016

Colloque "Mondes animaliers dans le monde médiéval et à la Renaissance", Amiens, 8.-11. März 2016

Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld.

Vom 8. bis 11. März 2016 fand in Amiens die Tagung "Mondes animaliers dans le monde médiéval et à la Renaissance" statt, an der über 60 Vortragende aus unterschiedlichen Disziplinen der Mittelalterforschung teilnahmen. Die Tagung, die von Danielle Buschinger (Amiens) organisiert wurde, findet einmal jährlich in Amiens statt, wobei ein gemeinsames Oberthema in seinem gesamten Facettenreichtum aus den unterschiedlichsten Perspektiven heraus beleuchtet wird. Bei dem diesjährigen Treffen lag der Fokus auf literarischen und bildhaften Tierdarstellungen von der Antike bis zur Renaissance, was ein sehr breites Spektrum an Fragestellungen und Aspekten eröffnete. Neben den spannenden Vorträgen und der Teilnahme an lebendigen Diskussionen hatten die Teilnehmer auch stets die Möglichkeit, den wundervollen Tagungsort mit seinen faszinierenden Sehenswürdigkeiten und Denkmälern genauer kennenzulernen. Bereits auf dem Weg zur "Maison de la Culture", wo die Tagung stattfand, passierten die Teilnehmer einen der imposantesten hochgotischen Sakralbauten Frankreichs, die Kathedrale Notre Dame d’Amiens (Abb. 1 und 2).
Abb. 1: Kathedrale Notre Dame d‘Amiens (Foto: Stephanie Mühlenfeld).


Abb. 2: Das älteste und schönste Fachwerkhaus Amiens’, die "Maison du Pèlerin", befindet sich direkt gegenüber der Kathedrale (Foto: Stephanie Mühlenfeld).


Tagung im Theater: Vorhang auf für das Tier im Mittelalter


Nach der Ankunft der Teilnehmer in der "Maison de la Culture" (Abb. 3), die nicht ausschließlich Tagungszentrum ist, sondern auch mehrere Kinos und Theaterbühnen beheimatet, startete das Programm am 8. März mit einem Vortrag Natalia Petrovskaias (Universität Utrecht) zu dem Thema "L'image du monde animalier". Daraufhin folgten die Beiträge Max Sillers (Innsbruck) und Angelicá Riegers (RWTH Aachen) zu den Themen "Mensch-Tier-Beziehung(en) im Mittelalter. Anmerkungen zu einem komplexen Verhältnis in Kunst und Literatur" und "La Ménagerie merveilleuse du Roman d'Alexandre en prose". Weitere interessante Beiträge beschäftigten sich mit "Mythe et hybridité au Moyen Âge français" (Friedrich Wolfzettel, Frankfurt a. M.), mit der allegorischen Welt im Bestiarium Raymond Lulles (Constantin Teleanu, Université Paris Sorbonne, Centre Pierre Abélard) und mit "Weiße[n] und schwarze[n] Schwänen bei Richard und Siegfried Wagner" (Peter P. Pachl, Berlin).
 
Auch an den folgenden drei Tagen konnten sich die Besucher des Colloque an einem äußerst bunten und abwechslungsreichen Vortragsprogramm erfreuen, das von Themen wie "Insekten und Spinnentiere in der Spruchdichtung von Hans Sachs" (Florent Gaubade, Limoges) bis hin zu der Frage führte, ob Engeln – aufgrund ihres Besitzes von Flügeln – eine Position zwischen Mensch und Tier zukomme (Petya Ivanova, Genève).

Abb. 3: Der etwas andere Tagungsort ‒ die "Maison de la Culture": Tagungsräumlichkeiten, Kino und Theater in Einem (Foto: Stephanie Mühlenfeld).

Tierisch schwierige Sangspruchrätsel


Mit einem Beitrag zu dem Thema "Ich weiz ein wunderlîchez tier ein wîser man erriete ez schier – Tierisch schwierige Rätsel in der Sangspruchdichtung" wurde auch das Graduiertenkolleg "1876 Frühe Konzepte von Mensch und Natur" durch Stephanie Mühlenfeld (die Autorin dieses Blogbeitrags) vertreten. In meinem Vortrag habe ich anhand zweier Sangsprüche, die in der Kolmarer Liederhandschrift (Cgm 4997 der Bayerischen Staatsbibliothek) überliefert sind, exemplifiziert, was die mittelalterlichen Sangspruch-Tierrätsel für moderne Menschen so 'tierisch schwierig' macht. Das erste Problem, das sich für neuzeitliche Rezipienten ergibt, ist auf konzeptioneller Ebene zu sehen. Es resultiert daraus, dass das Wissen über ein Tier nicht zu allen Zeiten dasselbe war und ist. In Bezug auf diese konzeptionelle Ebene kann daher festgehalten werden, dass Konzepte kulturellen Transformationsprozessen unterliegen, innerhalb derer sie gefestigt werden könnten, innerhalb derer es aber auch zum Verlust einzelner Konzeptbestandteile kommen kann. Außerdem ist an ausdrucksseitige Verständnisprobleme zu denken, die durch Hapax legomena und dialektal überformte Ausdrücke hervorgerufen werden. Schließlich tritt noch eine dritte Schwierigkeit hinzu: Die Intention der Sangspruchdichter. Die Rätsel waren oftmals darauf ausgelegt, nur sehr schwer lösbar zu sein, um entweder die Klugheit des Rätselstellers oder aber die des Ratenden zu betonen. Insgesamt sind also mindestens drei Gründe zu erkennen, aus denen Tierrätsel in der Sangspruchdichtung so "tierisch-schwierig" sind.

Weitaus weniger schwierig erscheint es, ein Fazit aus meinen in Amiens gewonnenen Eindrücken zu ziehen: Was sich mir bot, war eine äußerst interessante Tagung mit netten Kollegen in angenehmer Atmosphäre.

Abschließend möchte ich mich ganz herzlich für die Finanzierung meines Amiens-Aufenthaltes durch das Graduiertenkolleg „1876 - Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ bedanken.

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