Sonntag, 2. August 2015

21. Kongress der Société Internationale Renardienne, Zürich, 15.-19. Juli 2015

Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld.
 
Vom 15. bis 19. Juli 2015 fand in Zürich das 21. Colloque der Société International Renardienne statt, an dem Tier-begeisterte Mediävisten aus der ganzen Welt teilnahmen. Die Sociéte Renardienne, die bereits seit 40 Jahren besteht und von KENNETH VARTY gegründet wurde, hat es sich zum Ziel gesetzt, Wissenschaftler von allen Kontinenten ‒ mit Ausnahme der Antarktis ‒ zusammen zu bringen und einen internationalen, interdisziplinären Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen auch Sprachgrenzen keine Rolle mehr spielen (Fn. 1). Die Société findet sich alle zwei Jahre ‒ stets in einer anderen Stadt ‒ zusammen. Die drei Oberthemen des diesjährigen Colloque lauteten: Das allegorische Tier – die Tierallegorie, Vögel und "Grenzfälle" von Kurzgeschichten.
 
Abb. 1: Das historische Hauptgebäude der Universität Zürich, das von 1911 bis 1914 entstand, ist "!das Herzstück wissenschaftlicher Lehre" in Zürich (Fn. 2) (Foto: Stephanie Mühlenfeld).

Tagungsauftakt, sprechende Vögel und ein vin d'honneur auf dem Zürichsee

 
Eröffnet wurde die Tagung von RICHARD TRACHSLER (Universität Zürich) und BAUDOUIN VAN DEN ABEELE (Faculté de philosophie, arts et lettres, Université Catholique de Louvain-la-Neuve), dem Präsidenten der Société. RICHARD TRACHSLER, der langjähriges Mitglied der Sociéte und Mitherausgeber des Reinardus-Jahrbuchs ist, fungierte in diesem Jahr gemeinsam mit LARISSA BIRRER als Organisator und 'Gastgeber' des Colloque. Den Auftakt der wissenschaftlichen Vorträge bildete BAUDOUIN VAN DEN ABEELES Plenarvortrag zu dem Thema Les oiseaux dans l'espace domestique médiéval: présences familières, hôtes forcés, rêves apprivoisés. VAN DEN ABEELE erklärte, dass domestizierte Vögel nur äußerst selten Gegenstand mittelalterlicher Texte oder ikonographischer Darstellungen seien. Zunächst müsse man sich auch überlegen, inwieweit das Konzept von 'Domestizierung' ‒ wie wir sie heute im Allgemeinen verstehen ‒ auf Vögel im Mittelalter anwendbar sei. Deutlich werde, so VAN DEN ABEELE, dass Vögel, die im Kontakt zu Menschen auftreten, meist einer der drei folgenden Gruppen zugeordnet werden könnten: 1. Vögel, die zu einem Hühnerhof gehören (also Hühner und Enten, aber auch ‒ weniger häufig vertreten ‒ Pfauen, Fasanen und Perlhühner), 2. Gezähmte Vögel (Singvögel, Sittiche und Kraniche) und 3. Jagdvögel (Falken, Sperber und Habichte). VAN DEN ABEELE belegte die These, dass diese Vögel des Öfteren als domestizierte Tiere auftreten, sehr anschaulich anhand von verschiedenen ‒ überwiegend spätmittelalterlichen ‒ Bild- und Textzeugnissen. 
 
Auf den Plenarvortrag folgte eine Sektion aus drei Vorträgen, die sich mit sprechenden Vögeln beschäftigten. Den Anfang machte STEPHANIE MÜHLENFELD, Kollegiatin des DFG-Graduiertenkollegs "1876 ‒ Frühe Konzepte von Mensch und Natur", mit einem Vortrag zu dem Thema Le troubadour avec un bec recourbé ‒ De l'art de la séduction du perroquet dans des textes moyen-haut-allemands et ancien français. Anhand von mittelhochdeutschen, altfranzösischen und altokzitanischen Texten zeigte die Doktorandin auf, dass Papageien in der mittelalterlichen Literatur sehr häufig als besonders höfische, kultivierte und verführerische Tiere dargestellt werden, die bei der Damenwelt hoch im Kurs stehen. Darüber hinaus beeindruckten sie bei der Werbung um die Zuneigung der schönen Dame mit ihrer Intelligenz und Cleverness und würden auch als 'Kuppler' tätig. Es zeige sich jedoch zuweilen, dass dem Papagei jedes Mittel recht sei, um seine Ziele zu erreichen. So schrecke er beispielsweise nicht davor zurück, Intrigen zu spinnen oder Drohungen auszustoßen. 
 
Den zweiten Vortrag zu sprechenden Vögeln mit dem Titel Psittacus mytho-physicus. Der Papagei in den "Aestivorum libri tres" von Johannes Bisselius SJ (1601-1682) hielt FRANZISKA SCHNOOR (Stiftsbibliothek St. Gallen). SCHNOOR erläuterte, der Papagei werde in den Schriften des Jesuiten Johannes Bisselius mit der biblischen Geschichte der Moabiterin Ruth in Verbindung gebracht. Der Vortrag zeigte auf, welche Rolle dem Papagei in Bisselius' Version der Ruth-Geschichte zukommt. Darüber hinaus wurde dargelegt, wie sich die Papageien-Elegie innerhalb der naturwissenschaftlichen und poetischen Literatur verorten lässt. 
 
Den dritten Vortrag der Sprechende Vögel-Sektion mit dem Titel Zwischen Artikulation, Imitation und Inspiration: Sprechende Vögel in der legendarischen Literatur hielt JULIA WEITBRECHT (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel). Die Altgermanistin erklärte, dass in der Hagiographie zwar sehr häufig Tiere als Begleiter der Heiligen anzutreffen seien, sprechende Tiere jedoch bildeten innerhalb dieser Literatur eine "signifikante Ausnahme". Dieses Phänomen ‒ so WEITBRECHT ‒ sei darauf zurück zu führen, dass jene sprechenden Tiere "nicht an den Fiktionalitätskontrakt der Fabel gebunden" seien. Ihrer Sprachfähigkeit liege vielmehr "göttliche Inspiration" zugrunde. 
 
Nach einer kurzen Kaffeepause folgten daraufhin die drei Vorträge OLGA VASSILIEVA-CODOGNETS (EHESS, Paris), THOMAS GAUTHEYS (EPHE, Paris) und THIERRY BUQUETS (CNRS Craham, Caen). Während sich VASSILIEVA-CODOGNET mit den Tieren beschäftigte, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Darstellungen des Rads der Fortuna auftreten, widmete sich THOMAS GAUTHEY den Elefantendarstellungen in drei verschiedenen Handschriften, die zeitlich der Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Renaissance zuzuordnen sind (Paris, Bibliothèque Nationale de France, Mss. Fr 223, Fr 594 und Fr 12423). Der Beitrag BUQUETS beleuchtete schließlich die moralisierenden Exegesevarianten, die in Bezug auf die Giraffe überliefert sind. 
 
Um den Mittwochabend gemütlich bei einem vin d'honneur und 'Mümpfeli' (schweizer Bezeichnung für Fingerfood) auf dem Zürichsee ausklingen zu lassen, begaben sich die Mitglieder der Société Renardienne nach den Vorträgen zum Seeufer, wo die Gastgeber bereits ein Boot gechartert hatten. Bei dieser kleinen 'Warm-up-Party' auf dem See ergaben sich viele interessante Gespräche in angenehmer Atmosphäre und zahlreiche neue Kontakte wurden geknüpft.

Abb. 2: Blick vom Boot aus auf den Zürichsee
(Foto: Stephanie Mühlenfeld).
Abb. 3: Das Großmünster in der Abendsonne
(Foto: Stephanie Mühlenfeld).


 

Von mittelalterlichen Fledermaus-Konzepten bis zu der Frage, ob der Rabe hebräisch spricht

 
Auch an den folgen Tagen fand ein sehr spannendes Vortragsprogramm statt. So bereicherte etwa JACQUELINE LECLERCQ-MARX (Université Libre de Bruxelles) das Colloque um einen sehr interessanten Fledermaus-Vortrag, der den Titel Drôle d'oiseau. La chauve-souris dans les mentalités médiévales trug. Außerdem informierte CATERINA AGNUS (Università di Torino) über die allegorische Komponente des Bären Brun im Roman de Renard. STEFANO PEZZÈ (Università Ca' Foscari Venezia) beleuchtete die Darstellung von weißen Hirschen und Hinden in der italienischen Renaissance-Dichtung und in altfranzösischen, höfischen Erzählungen. Im Vortrag von PAUL WACKERS (Universiteit Utrecht) ging es um Allegorien im Dialogus creaturarum und REVITAL RAFAEL-VIVANTE (University of Bar-Ilan) beschäftigte sich mit der Frage, ob Raben hebräisch sprechen. Ihr Vortrag trug den Titel Do Ravens Speak Hebrew? The Raven as Allegorical Figure in "Meshal Ha-Qadmoni" by Isaac Ibn Sahula (Castille, 1281).
 
Am Donnerstag Spätnachmittag wurde das Tagungsprogramm ergänzt durch einen Besuch der beeindruckenden Handschriftenabteilung der Züricher Universitätsbibliothek, die derzeit ca. 650 mittelalterliche Handschriften umfasst (Fn. 3).
 
Am Freitag Abend waren alle Mitglieder der Société eingeladen, an dem großen Bankett im Dozentenfoyer der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich teilzunehmen. Hoch oben über den Dächern der Stadt bot sich ein wunderbares Panorama auf den Zürichsee und bei Wein und leckerem Zürcher Geschnetzeltem ergaben sich spannende Unterhaltungen.
 

St. Gallen und Appenzell: Der Zauber alter Handschriften und eine Bergwelt, die an Heidi und den Alm-Öhi erinnert

Am Sonntag unternahmen die Tagungsteilnehmer einen Ausflug nach St. Gallen und Appenzell. In der Stiftsbibliothek St. Gallen konnten die Mitglieder der Société an einer Führung teilnehmen und sich von dem Anblick 1200 Jahre alter Handschriften verzaubern lassen. Die Bibliothek besitzt über 2100 Manuskripte, von denen ganze 400 in der Zeit vor dem Jahr Tausend entstanden sind. Darüber hinaus kann zurzeit die Sonderausstellung Wenn Bücher Recht haben. Justitia und ihre Helfer in Handschriften der Stiftsbibliothek St.Gallen bestaunt werden, die noch bis zum 8. November läuft (Fn. 4).

Im Anschluss an den Aufenthalt in St. Gallen ging es mit dem Bus weiter nach Appenzell. Die kleine Stadt ist geprägt von malerischen Häusern im regional-typischen Baustil, die zum Teil von bunten, hölzernen Fassaden geschmückt werden. Neben dem bekannten Appenzeller Käse ist es wohl vor allem dieses idyllische Stadtbild mit seinen zahlreichen Souvenir-Läden, das sehr viele Touristengruppen anzieht. Des Weiteren lassen sich von hier aus ganz hervorragend Wanderungen unternehmen und die umliegende Landschaft dürfte einen jeden Besucher daran erinnern, dass er im Land Heidis und des Alm-Öhis unterwegs ist, denn hier finden sich überall einzelne, freistehende Bauernhöfe, die sich perfekt in die Bergwelt einpassen.

Abb. 4: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 196, S. 379. Schulhandschrift: Venantius Fortunatus, Gedichte; Aenigmata (Rätsel) eines Dichters namens Symphosius oder Symposius (Fn. 5).
Rätsel aus dem zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts, in denen es um Tiere und Pflanzen geht (Die Lösung ist jeweils in roten Majuskeln angegeben; auch 'exotische' Tiere wie etwa der Tiger kommen darin vor).

Abschließend möchte ich mich sehr herzlich für die Finanzierung meines Zürich-Aufenthaltes durch das DFG-Graduiertenkolleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" bedanken. Die Teilnahme am 21. Colloque der Société Renardienne sowie die Eindrücke, die ich in Zürich und St. Gallen sammeln durfte, waren eine ungemein bereichernde Erfahrung für mich.

Fußnoten:
[1] http://www.sir-irs.com/. Zugriff am 02.08.2015 um 13:11 Uhr.
[4] http://www.stibi.ch/de-ch/info/ausstellung.aspx. Zugriff am 03.08.2015 um 10:36.
[5] http://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0196/379/0/Sequence-382. Zugriff am 02.08.2015 um 15:17 Uhr.
 

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