Samstag, 24. Januar 2015

Vortrag von Prof. Dr. Rainer Warland - Einblicke in die Hölle. Höllenstrafen und Sozialkritik byzantinischer Weltgerichtsdarstellungen

Ein Beitrag von Tristan Schmidt.
 
Am 22. Januar 2015 setzte Prof. Dr. Rainer Warland die Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" mit einem Beitrag zur Bildwelt byzantinischer Weltgerichtsdarstellungen fort. Herr Prof. Warland lehrt derzeit als Professor für Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Forschung bezieht sich vorwiegend auf Themen der spätantiken sowie der byzantinischen Kunst. Zahlreiche Untersuchungen zur byzantinischen Zeit konzentrieren sich auf den kappadokischen Raum, wo er etwa die Wandmalereien dortiger Höhlenkirchen untersucht, die auch im aktuellen Vortrag eine zentrale Rolle spielten.
 

Das Drehbuch des Weltgerichts

 
Prof. Warland ging in seinem Vortrag der Bildwelt der byzantinischen Weltgerichtsdarstellungen nach. Diese weisen im mittelalterlichen Westen wie im byzantinischen Osten über die Jahrhunderte hinweg eine Konstanz in der Nutzung bestimmter Inhalte auf. Während Darstellungen der Weltentstehung mit dem Text des Buchs Genesis ein klares Vorbild aufweisen, fehlt den Darstellungen des Weltgerichts hingegen ein solches einheitliches 'Drehbuch'. Anhand der Bildprogramme lässt sich vielmehr ein fiktiver Text rekonstruieren, dessen Inhalte verschiedenen biblischen wie apokryphen Referenzstellen entstammen. An einer entsprechenden Darstellung in der bekannten Chora-Kirche (Kariye Camii) in Istanbul aus dem 14. Jahrhundert kann man Entlehnungen aus den Evangelien des Markus und Matthäus, der Offenbarung sowie dem Buch der Psalmen entdecken. Es tauchen auch Elemente auf, die in diesen Texten keine Erwähnung finden, wie etwa die Waage des Richters.
 

Für jedes Verbrechen die passende Strafe

 
Ein besonderes Merkmal byzantinischer Weltgerichtsdarstellungen ist die teilweise sehr detaillierte Darstellung spezifischer Verbrechensarten und deren Bestrafung, die gemäß dem ius talionis das Vergehen widerspiegelt. Szenen aus der Mavriotissakirche im nordgriechischen Kastoria um ca. 1200 zeigen etwa einen Wucherer, der von einem Geldsack um den Hals niedergedrückt bzw. erstickt wird. Derartige Darstellungen sind ab dem Jahr 1200 allgemein gut belegt. Hier stellt sich die Frage, wie weit diese Darstellungen zurückreichen und wo man ihre Entstehung verorten kann. Hierzu bietet sich Kappadokien in besonderem Maße zur Untersuchung an, da dort Höhlenkirchen aus dem 10. Jahrhundert erhalten sind, die Antworten auf diese Fragen bereithalten können. 
 
Anhand der Wandmalereien zweier dieser Kirchen zeigte Prof. Warland auf, dass auch dort schon Szenen zu finden sind, die, ähnlich wie in Kastoria, bestimmte männliche und weibliche Sünder zeigen, etwa den Trinker, die Gottesleugnerin, die  ungehorsame Frau, oder den Mörder, die in ihren Verbrechen entsprechender Weise bestraft werden. Auch die Waage und ein dreiköpfiger Höllenhund tauchen auf. Diese kommen in den biblischen Grundlagen nicht vor, sind allerdings aus ägyptischen und griechisch-antiken Kontexten (Gerichtsszenen; Unterweltsdarstellungen) bekannt.
 
Eine interessante Parallele der Bildmotive sieht Herr Warland in einer Predigt Ephraims von Amida, eines Patriarchen von Antiochia aus dem 6. Jahrhundert. Bereits dort ist von Elementen die Rede, die in den späteren Bildkompositionen wieder auftreten. Auch die individuellen Strafen entsprechend der Vergehen werden thematisiert, wobei die Auswahl der Sünder in der Predigt der Auswahl in einer der Höhlenkirchen entspricht. Dies könne als Hinweis dafür dienen, dass die Formierung dieser Bildsprache bereits in dieser Zeit zu verorten ist.
 
Was die Art der Strafen angeht, so stellt man an den teils grotesken Darstellungen eine Überzeichnung fest, wie sie auch in antiken Komödien zu finden sind, weshalb man eine ähnlich karikierende Darstellung auch hier vermuten kann. Ein Blick auf eine karolingische Unterweltsdarstellung, die Visio Wettini von Walahfrid Strabo, sowie eine Unterweltsdarstellungen aus einer Aeneishandschrift (Vergilius Vaticanus) um das Jahr 400 zeigen ähnliche Verbrechensarten und deren Bestrafung, wie sie in den byzantinischen Weltgerichtsdarstellungen zu finden sind.
 

Gegenbilder im Funeralkontext

 
All das führt Prof. Warland zu der Vermutung, dass die gezeigten Höllenstrafen sich im 6. Jahrhundert ausformten und selbst auf antike Unterweltsdarstellungen zurückgreifen. Dies sei auch ein Argument gegen die bisher postulierte Entwicklung der Vorstellung eines universellen Gerichts hin zu einem individuellen Gericht im Laufe des Mittelalters. Vielmehr seien individuelle Strafen bereits von Anfang an in den Bildern sichtbar.

Abschließend stand die Frage nach dem Zweck der teils stark überzeichneten Höllenstrafen. Erkennbar ist eine enge Verbindung zum Funeralkontext: Alle gezeigten Kirchen, die diese Bildzusammenstellungen aufweisen, sind Grabkirchen. Die Szenen wurden demnach von den Besitzern der Grabstätten in Auftrag gegeben. Prof. Warland vermutet, dass diese drastischen Darstellungen, neben der Funktion der Ermahnung, als Gegenbilder zu verstehen sind, die gegenüber Gott einen Zustand aufzeigen sollten, dem die Verstorbenen in jedem Fall entgehen wollten.

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