Mittwoch, 21. Januar 2015

Dissertationsprojekt von Victoria Altmann-Wendling: "Der Mond in den religiösen Texten des griechisch-römischen Ägypten"

Ein Beitrag von Sonja Gerke.
 
"Die alten Einwohner von Ägypten, sagt man, waren beim Anblick der Welt von Staunen über die ganze Natur und von Bewunderung ergriffen; darum nahmen sie zwei ewige Götter an, die Sonne und den Mond."
 

Ewiger Gott und beleuchteter Himmelskörper

 
Mit oben stehendem Zitat lässt Diodor das elfte Kapitel des ersten Buches seiner Bibliotheca historica beginnen und auch Victoria Altmann-Wendling diente es als Einstieg in die Vorstellung ihres Dissertationsvorhabens im Zuge der Plenumssitzung des Graduiertenkollegs.

Der Mond ist als beleuchteter Himmelskörper, als Lichtquelle in einer Nacht ohne künstliche Beleuchtung, aber auch durch seine mit bloßem Auge zu beobachtende Veränderlichkeit der Mondphasen zu allen Zeiten ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens und erfuhr bzw. erfährt noch immer in zahlreichen Kulturen große Aufmerksamkeit, die bis hin zur religiösen Verehrung reichen kann. Die altägyptische Kultur ist vor allem für die Verehrung der Sonne äußerst populär, doch auch der Mond spielte zu allen Zeiten der ägyptischen Geschichte eine wichtige Rolle, was in der ägyptologischen Forschung bisher im Vergleich zum Sonnenkult jedoch kaum beachtet wurde.
 

Die astronomischen Grundlagen

 
Um sich mit der ägyptischen Sichtweise auf den Mond beschäftigen zu können, müssen zunächst die astronomischen Grundlagen vermittelt werden, was Victoria Altmann-Wendling im Rahmen ihres Vortrags mit Hilfe von selbst erstellten Grafiken und anschaulichen astronomischen Erläuterungen ausgezeichnet gelang. Von zentralem Interesse waren hierbei vor allem Auf- und Untergangs-Konstellationen von Mond und Sonne, z. B. ob und wann beide Gestirne gemeinsam sichtbar sind oder wie groß die von der Erde aus sichtbare beleuchtete Mondoberfläche ist sowie die Veränderungen dieser Konstellationen innerhalb eines Mondzyklus.

Ein Mondzyklus – auch genannt "Lunation" – beschreibt einen vollständigen Umlauf des Mondes um die Erde, in dem alle Mondphasen durchlaufen werden, was insgesamt 29,53 Tage dauert. Dieser Umlauf bzw. die Dauer einer solchen Lunation bildet in zahlreichen Kulturen die Grundlage für ein kalendarisches Gerüst, auf dem auch unser heutiges kalendarisches System beruht. In der chinesischen und der islamischen Tradition wird auch heute noch ein tatsächlicher Lunarkalender verwendet, aber auch in zahlreichen antiken Kulturen fand dieses System Verwendung. Anders als in den meisten anderen Kulturen beginnt der altägyptische Mondmonat allerdings nicht mit dem sogenannten "Neulicht" – also der Mondphase, in der der Mond zum ersten Mal wieder von der Sonne angestrahlt und somit sichtbar wird – sondern mit dem Neumond, also einer Phase, in der der Mond "unsichtbar" wird, da er sich genau zwischen Erde und Sonne befindet, was eine ganz besonders genaue Beobachtung des Himmels voraussetzt.

Ein ebenfalls wichtiges Detail – besonders im Vergleich zur "europäischen" Sichtweise auf den Mond – ist die Tatsache, dass der Mond in Ägypten durch die geografische Nähe zum Äquator nicht wie in unseren Breiten eine stehende, sondern eine liegende Mondsichel in seinen zu- oder abnehmenden Phasen aufweist, was sich ebenfalls in der ikonografischen Umsetzung niederschlägt.
 

Die altägyptische Sichtweise

 
Mit ihrem Dissertationsprojekt möchte Victoria Altmann-Wendling einen Beitrag zur Erforschung der Bedeutung des Mondes in einer späten Phase der altägyptischen Kultur leisten. Besonders durch die religiösen Texte, die vor allem aus den großen Tempeln der griechisch-römischen Zeit (Edfu, Philae, Dendara etc.) stammen, lassen sich Aussagen über die Beobachtung des Mondes seitens der Ägypter treffen, da sie Aufschluss darüber geben, wie diese Wahrnehmungen religiös/mythologisch ausgedeutet oder erklärt wurden. So schildert ein Text aus Edfu (E III, 211-212) etwa ausführlich den Ablauf eines ganzen Mondzyklus, kann aber aufgrund von Stilistik und Motivik bei weitem nicht als "astronomische Abhandlung" bezeichnet werden, sondern verwendet textgattungsbedingt spezielle Ausdrucksformen. Zudem lassen diverse Textstellen Rückschlüsse auf ein explizites astronomisches Wissen zu, wie z. B. auf Kenntnisse bezüglich des Zusammenhangs zwischen den unterschiedlichen Mondphasen und der Stellung von Erde und Sonne oder dass der Mond nicht selbst leuchtet, sondern lediglich das reflektierte Sonnenlicht abgibt. Da diese Annahmen jedoch nicht explizit ausformuliert, sondern "mythologisch ausgedeutet" werden, müssen diese Annahmen zum altägyptischen astronomischen Wissen weitgehend spekulativ bleiben, insofern sie sich nicht durch andere Textquellen bestätigen lassen.

Durch Epitheta und Beschreibungen bzw. wiederkehrende Formulierungen lassen sich aus den Texten bestimmte Themenbereiche ableiten, die vorrangig mit dem Mond in Verbindung gebracht werden. Besonders häufig werden beispielweise seine Leuchtkraft (besonders bei Vollmond), das Altern und Verjüngen oder der Bezug zur Sonne (Vergleich bzw. Mond als Ersatz der Sonne) genannt. Aber auch Bilder wie Auge, Stier und Pfeiler sind häufig auftretende Motive, um den Mond zu beschreiben.


Abb.: Götterprozession vor Mondsichel und -scheibe mit Udjat-Auge. Tempel von Dendara, Decke des Pronaos. (Foto: Stefan Baumann).

Die Tempeltexte sind meist Teil von Ritualszenen mit Götterdarstellungen, die z. B. unterschiedliche, von der Lokaltheologie abhängige Götterprozessionen (meist 14-15 Gottheiten) in Verbindung mit der Mondscheibe (ebenfalls in unterschiedlichen Ausführungen) zeigen können (siehe Abb.). Diese werden ebenfalls in die Untersuchung miteinbezogen und auf ikonografische Details und ihre Bedeutung hin untersucht, um Aussagen zur Konzeptualisierung des Mondes zu erhalten.
 

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