Dienstag, 16. Dezember 2014

Vortrag von Jun.-Prof. Dr. Marion Gindhart – Weltuntergänge. Zu einer Poetik der Auflösung in der lateinischen Literatur

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

Als vierte Vortragende im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" präsentierte Frau Jun.-Prof. Dr. Marion Gindhart ihre Überlegungen zu zwei Kerntexten der römischen Antike, die global imaginierte Überschwemmungsszenarien thematisieren.

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Noch bevor sich der Vortrag jedoch den zentralen lateinischen Texten widmete, zog Frau Gindhart zunächst ein Resümee aus den Präsentationen der letzten Wochen. Dabei rekapitulierte sie die Ergebnisse der Vorträge von Prof. Dr. Andrew R. George und von Prof. Dr. Jochen Althoff zu altorientalischen Schöpfungsmythen und griechischen Kosmogonien und leitete von diesen als Vorstellungen zur Entstehung der menschlichen Zivilisation zu denen des Untergangs und der Neukonsolidierung über. 

Ovid oder: der Wolf schwimmt mit den Schafen


Als ersten wichtigen Text präsentierte Frau Gindhart ein mythisch geformtes Narrativ aus den Metamorphosen Ovids, die deukalionische Flut. In dieser Erzählung aus dem ersten Buch der hexametrischen Dichtung beschließt zunächst der Göttervater Jupiter, dass die Menschheit aufgrund ihrer Verdorbenheit – die er zuvor paradigmatisch in Form des Lycaon repräsentiert sah – ausgelöscht werden solle. Als Modus der Zerstörung wählt er ein globales Flutereignis, das durch den Regen herbeigeführt werden soll. Dieses Ereignis schildert Ovid ausdrucksstark mit drastischen Bildern der Zerstörung, durchbricht diese jedoch regelmäßig durch geradezu komische Aspekte, etwa dass im Frieden der Sintflut sogar Schaf und Wolf nebeneinander schwimmen können. Lediglich zwei Personen können dem Untergang entgehen: der Sohn des Prometheus Deukalion und dessen Cousine Pyrrha. Durch göttliche Offenbarung wird diesen aufgrund ihrer Frömmigkeit eine Möglichkeit eröffnet, das menschliche Geschlecht wiederherzustellen und zwar indem sie die Gebeine der großen Mutter hinter sich werfen. Diesen kryptischen Ausspruch bringt sie dazu, Steine aufzusammeln, die sie über ihre Schultern werfen und aus denen ein neues Menschengeschlecht entsteht. Nach dem Rückgang der Flut erholt sich auch die übrige Welt wieder von der Zerstörung, neue Pflanzen und Tiere entstehen.

Seneca, der Untergangsprophet


Im Gegensatz zu Ovid, der in seinem Werk einen einmaligen und in der Vergangenheit liegenden Kataklysmos imaginiert, entwirft der stoische Philosoph Seneca im dritten Buch seiner Naturales quaestiones die Theorie eines zyklischen Ereignisses, das die Welt immer wieder von der moralischen Verderbtheit der Menschen reinige und in den Zustand einer Urfeuchtigkeit zurückführe. Auch er nutzt zur Imagination dieser Ereignisse die drastischen Beschreibungen einer gewaltigen Flut, die die Welt und die Menschheit mit ihr heimsucht und vernichtet. Dafür rekurriert er sogar per Zitierung auf die deukalionische Flut Ovids, rügt diesen jedoch im selben Moment dafür, dass er die Erhabenheit der Thematik durch alberne Spielereien – wie die erwähnte Schaf-Wolf-Paarung – ins Lächerliche ziehe. Im Gegenzug nutzt Seneca die Drastik seiner Ausführungen, um bei seinen Rezipienten eine Urangst vor dem allgegenwärtigen Zerstörungspotential der Natur zu evozieren. Entsprechend dieser eher düsteren Darstellung schließt er seine Ausführungen mit der pessimistischen Aussage ab, dass nach der vernichtenden Reinigung zwar ein neues Menschengeschlecht entstünde, dieses jedoch im Kern schon nach der Entstehung verdorben und damit wieder zum Untergang verdammt sei. Jedoch ließ Frau Gindhart ihre Zuhörer nicht mit diesen Gedanken zurück, sondern führte fort, dass Seneca im direkt darauffolgenden Buch den Nil als Quelle des Lebens und Gegenbild der zerstörenden Flut darstelle, was ein Kontrastprogramm zum Ende des dritten Buchs bildet.     

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