Dienstag, 31. August 2021

Öffentlichkeitsarbeit einmal anders: eine Ausstellung für das GRK 1876

Ein Beitrag von Alexandra Hilgner und Ulrike Steinert

Das Graduiertenkolleg 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ ist ein altertumswissenschaftliches Kolleg, bestehend aus verschiedenen altphilologischen sowie archäologischen Disziplinen. Gerade in der Archäologie ist die Forschung oft sehr objektbasiert, während die Philologie hilft, die Geschichten hinter den Objekten in einen inhaltlichen Rahmen zu setzen. Daher bietet es sich an, die Themen des Kollegs, möglichst öffentlichkeitswirksam, auch in einer Ausstellung aufzuarbeiten. 

Die Entstehung einer Ausstellung: erste Schritte

Kuratiert wird die Ausstellung von zwei Mitarbeiterinnen des GRKs: von Alexandra Hilgner, einer der beiden Koordinatorinnen, und von Postdoktorandin Dr. Ulrike Steinert. Beide Kuratorinnen konnten bereits Erfahrungen in der Konzeption und Durchführung von Ausstellungen sammeln.  Der Aufwand, der mit dem Konzipieren einer Ausstellung verbunden ist, sollte keineswegs unterschätzt werden.

Alexandra Hilgner erinnert sich: „Bereits im Sommer 2019 haben wir uns erste Gedanken zum Konzept gemacht. Nach der Begutachtung und Bewilligung innerhalb unseres internen wissenschaftlichen Beirats [bestehend aus Mitgliedern des Leitungsgremiums und externen Partnern], konnten wir im Sommer 2020 erfolgreich einen Antrag bei der ‚Schule des Sehens‘ der Johannes Gutenberg-Universität einreichen“. In diesem Schau- und Experimentierraum, mitten auf dem Gelände der Universität, soll die Ausstellung im Sommer 2022 eröffnen. 

Zu Beginn musste ein Thema gefunden werden. Es sollte aus dem GRK kommen und möglichst viele KollegiatInnen inhaltlich einbinden können – andererseits sollte es für potentielle BesucherInnen spannend sein, sie neugierig machen, faszinieren und fesseln können. „Wir haben beschlossen, die Natur zum Hauptdarsteller zu machen, mit einem Fokus auf Orte in der Natur und was Menschen damit verbinden. Denn Orte in der Natur haben uns Menschen schon immer in ihren Bann gezogen, bewegt, Gefühle geweckt und unsere Fantasie beflügelt“, merkt Ulrike Steinert an.

Somit lautet der Titel der Ausstellung:

beZAUBERnde ORTE. Naturbegegnungen in vormodernen Gesellschaften

Seit Herbst 2020 arbeiten die KollegiatInnen des GRKs in Arbeitsgruppen zu den einzelnen Themen der Ausstellung. Alexandra Hilgner erläutert die Message der Ausstellung, deren Kernaussage: „Ziel der Ausstellung ist es, über Exponate und Erzählungen die Bedeutung von Naturorten in den Vorstellungswelten vergangener Zeiten zu zeichnen und zu zeigen, dass diese Orte Menschen schon immer bewegt und fasziniert haben.“

Wälder, Gewässer, Wüsten – drei Landschaften und Lebensräume, in/von denen Menschen seit Urzeiten gelebt haben – sind Orte, um die sich seit jeher Geschichten, Mythen, kulturelle Erinnerungen und wiederkehrende Bilder ranken, die vom „Zauber“ dieser Orte und von ihren geheimnisvollen Eigenschaften, Kräften und Wesen erzählen. „Wir wollen einen Fokus auf diese drei Landschafträume lenken, die wir in Themeninseln innerhalb der Ausstellung präsentieren werden“, ergänzt Ulrike Steinert.  

Neugierig geworden? In den nächsten Wochen und Monaten wird es stetig weitere Informationen zum Ausstellungskonzept sowie dem Arbeitsfortschritt geben!

Donnerstag, 5. August 2021

Konzepte vom toten Körper in den Stillleben der römischen Wandmalerei. Plenumsvortrag von Nathalie Julia Rodriguez de Guzman.

Ein Beitrag von Francisco José Gómez Blanco

Das Sommersemester 2021 kommt zu seinem Ende und somit auch die Reihe an Plenumssitzungen, in denen die Kolleginnen der 6. Kohorte des GRK 1876 uns ihre jeweiligen Forschungsprojekte vorstellten. In der letzten Sitzung präsentierte Nathalie Rodriguez de Guzman, Doktorandin der klassischen Archäologie, ihre ersten Schritte in der Untersuchung der Konzepte vom toten Körper anhand von Darstellungen vom Stillleben der römischen Wandmalerei. Nathalie setzt sich in ihrem Dissertationsprojekt „Konzepte vom toten Körper in der römischen Bildkunst von der späten Republik bis zur mittleren Kaiserzeit“ mit der Darstellung des toten Körpers in verschiedenen Bildträgern auseinander, u. a. in Kleinfunden, Mosaiken, Statuen, Reliefs und, wie sie uns dieses Mal vorstellte, in der Wandmalerei. Anhand einiger Bilder von Fischen und Mollusken in der römischen Wandmalerei zeigte Nathalie das Vorkommen toter Körper in Stillleben und verglich den toten Körper von Wassertieren mit Darstellungen verschiedener toter Vogelarten. Ihr Quellenverzeichnis untersuchter Stillleben in der Wandmalerei umfasst bisher 166 erhaltene Funde, ausschließlich aus Pompeji und Herculaneum.

Das Stillleben in den Wandmalereien aus Pompeji und Herculaneum wurde bereits sehr umfassend publiziert: Wichtige Sekundärliteratur zu diesem Thema sind die 10-bändige Reihe zu den Malereien und Mosaiken in Pompeji  und die Untersuchungen von Wolfgang Helbig  und Felix Eckstein . Häufig dargestellte Tiere werden dabei oft – aber nicht immer – als „tot“ beschrieben; jedoch werden keine weiteren Angaben gemacht, weshalb sie als „tot“ zu bezeichnen sind. Sind alle in Stillleben dargestellten Tiere tot? Und wenn nicht, welche Bildelemente lassen den Betrachter ein Tier als tot zu erkennen? Wie werden tote und lebendige Tier im Stillleben unterschieden? Diese und weitere Fragen möchte Nathalie beantworten.

Nathalies Beobachtungen lassen feststellen, dass es sich bei toten Körpern im Stillleben ausschließlich um Körper von Tieren handelt. Sie können in drei Gruppen unterteilt werden: Fischkörper, Vogelkörper und Körper von Säugetieren. 

Fische (und andere Wasserwesen)

In den Stillleben aus Pompeji und Herculaneum sind Fische mit 31 Darstellungen sehr häufig vertreten. Nathalie unterteilt die Bilder von Fischen in fünf Gruppen: Fische, die zu zweit oder zu dritt an der Wand aufgehängt wurden; Fische, die meist in einem Haufen am Boden oder auf einem Fensterbank liegen; Fische, die ebenfalls liegen, aber aus einem Korb herausfallend; Fische, die sich U-förmig winden; und Fische, die übereinander gekreuzt präsentiert wurden und in der Luft zu schweben scheinen (Abb. 1).

Abb.1. Nathalie erzählt über Fische in der Wandmalerei. 

Allgemein ist bei diesen Fischen zu beobachten, dass, lebendig oder tot, ihr Körper keine Verletzungen aufweist. Nicht einmal in der Gruppe der am Maul aufgehängten Fische sind Spuren von Verletzungen zu erkennen. Dass es sich hauptsächlich um tote bzw. sterbende Fische handelt, wird dem Betrachter trotzdem klar, da sich alle Fische im Stillleben außerhalb des Wassers befinden. Eine liegende Lage auf dem Rücken bzw. auf der Seite, in der ihr heller Bauch sichtbar ist, spricht auch für die Darstellung toter Fische. Hingegen können Fische, die ihren Kopf und Schwanz anheben, auf ein lebendiges bzw. sterbendes Tier hindeuten. Dass bei einigen Fischdarstellungen mit dieser Körperhaltung zusätzlich eine Schnur zu erkennen ist, die sie in dieser Position halten, legt einen wirtschaftlichen Kontext nahe, wie der Vergleich mit anderen römischen Bildmedien, aber auch einen ethnographischen Blick auf die heutige Fischwirtschaft zeigen kann: Denn in dieser U-förmigen, gebundenen Körperhaltung lassen sich die Kiemen sofort erkennen. Sind sie stark durchblutet, weisen sie einen dunkelroten Farbton auf und zeigen, dass der zum Kauf angebotene Fisch frisch ist (Abb. 2). Römische Handwerker hoben demnach absichtlich – vermutlich im Interesse der Auftraggeber der Wandmalereien – die roten Kiemen der U-förmig gebundenen Fische hervor, um sie als frische und somit als qualitätsvolle Speiseprodukte darzustellen.

Abb. 2. Die roten Kiemen in Wandmalerei und auf dem Fischmarkt. Detail der Wandmalerei aus dem Tablinium im Haus des M. Lucretius Fronto, Pompeji.

Im Stillleben kommen auch weitere Wasserwesen vor, die in der römischen Küche einen gehobenen Speisecharakter innehatten, u.a. Muränen, Tintenfische, Krebse und Muscheln. Sie sind wesentlich seltener als die üblichen Fische vertreten und bei ihnen lässt sich etwas deutlicher feststellen, ob sie tot oder lebendig dargestellt wurden – selbst, wenn sie keine Verletzungen aufweisen. Tote Muränen werden etwa auf einer Stufe dargestellt, mit erschlafft herabhängendem Kopf und Schwanz. Ähnlich herabhängend wurden die Fangarme von Tintenfischen präsentiert, was ebenso darauf hinweist, dass sie tot sind. Bei den unterschiedlichen vertretenen Krebsarten – wie Taschenkrebs, Languste oder Hummer – scheint es hingegen unmöglich festzustellen, ob sie lebendig oder tot gezeigt werden, da Krebse eine Zeit lang außerhalb des Wassers überleben können. Muscheln werden im Gegenteil ausschließlich lebendig dargestellt, da sie immer geschlossen sind. 


Vögel im Vergleich

Vogelarten sind mit 53 Bildern die größte Gruppe an toten Tieren in den Stillleben. Darunter fallen Hühner, Rebhühner, Enten, Drosseln, Tauben und Gänse. Trotz der hohen Anzahl an Darstellungen werden Vögel nur auf zwei verschiedene Weisen wiedergegeben: Einzeln oder in kleinen Gruppen hängen sie entweder durch einen Ring am Schnabel an der Wand oder liegen mit herabhängendem Kopf auf einer Stufe. Vögel sind im Unterschied zu Fischen ausnahmslos als tote Tiere zu verstehen. Während Vögel immer als geordnet abgelegt oder aufgehängt dargestellt wurden, werden Fische – und weitere Wasserwesen – aufeinandergestapelt bzw. anderweitig durcheinanderliegend dargestellt. Nathalie fasst dies als Andeutung für Bewegung auf. Eindeutig scheint jedoch, dass es Absicht ist, Fische im Stillleben nicht wie die Vögel nebeneinandergelegt darzustellen, was ihren toten Zustand stärker betont hätte (Abb 3).

Abb. 3. Vergleich der Fisch- und Vogeldarstellungen in der Wandmalerei. Oben: Tablinium im Haus des M. Lucretius Fronto, Pompeji; Unten links: Detail aus dem Tablinium im Praedium der Iulia Felix, Pompeji. Museo archeologico nazionale di Napoli; Unten rechts: Detail im Porticus des Tempio di Iside, Pompeji. Museo archeologico nazionale di Napoli.

Die unterschiedliche Anordnung beider Tierarten im Stillleben führte Nathalie sowohl auf den Verwesungsprozess des toten Körpers als auch auf den kulinarischen Wert der Tiere zurück. Dabei spielt das Zeitgefühl, das dem Betrachtenden durch das Bild vermittelt wird, eine wichtige Rolle; um anzudeuten, wie lange die dargestellten Tiere bereits tot sind. Während bei den Vogeldarstellungen kein Hinweis darauf zu finden ist, wird bei Fischdarstellungen – vor allem bei jenen mit einem Korb – deutlich gezeigt, dass die Tiere, erst kürzlich gestorben oder gerade gefangen worden sind. Zur Andeutung des Frischfanges von Wassertieren zählen auch die Bilder von (eventuell noch) lebendigen Krebsen und lebendigen Muscheln sowie, wie bereits erwähnt, die absichtlich hervorgehobenen roten Kiemen der U-förmig gebundenen Fische. Die Absicht, dieses Zeitgefühl über die toten Tiere zu vermitteln, hängt mit der Totenstarre von Tieren zusammen, die wiederum ihre Zubereitungsmöglichkeit als genießbare Speisen beeinflusst. Sie löst sich bei Fischen spätestens 12 Stunden nach dem Tod, sodass der Fisch – wie allgemein bekannt – zeitnah zuzubereiten ist. Hingegen löst sich die Totenstarre bei Geflügel erst nach drei Tagen, was wiederum dem Vogelfleisch sein besonderes Aroma gibt, sodass das Abwarten der Totenstarre die Qualität des Geflügels sogar steigert. In diesem Zusammenhang kann erklärt werden, warum im römischen Stillleben bei Fischen (und Wasserwesen) der zeitnahe Fang oder die Frische der Tiere so deutlich als Qualitätshinweis aufgezeigt wurde, während der frisch eingetretene Tod des Geflügels nicht sichtbar ist, da diese längere Zeit tot liegen müssen, um wohlschmeckender zu sein. 

In der anschließenden Diskussion wurden Fragen aufgeworfen, ob die unterschiedlichen Fisch- und Vogelarten Hinweise auf die geographische und saisonale Speisekultur der römischen Bevölkerung geben könnten oder gar über eine bestimmte Verwendung der Räume, in denen die Wandmalereien eingebracht wurden. Nathalie wird sie mit ihrer Forschung sicherlich bald beantworten. Auf diese und weitere Antworten sind wir im Graduiertenkolleg 1876 sehr gespannt.


Literaturhinweise:

F. Eckstein, Untersuchungen über die Stillleben aus Pompeji und Herculaneum. Berlin, 1957.

W. Helbig, Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei. Leipzig, 1873.

Pompei. Pitture e mosaici I-X. Rom, 1990-2003.