Freitag, 30. November 2018

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Alexandra Hilgner: „Vom anthrax zum Karfunkelstein. Granat in Kunst und Kultur der Angelsachsen.“


Ein Beitrag von Oxana Polozhentseva.

 
Am 15. November 2018 hat unsere Kollegin und Koordinatorin des Graduiertenkollegs, Alexandra Hilgner, im Rahmen der Plenumssitzung des GRKs allen Teilnehmenden einen Einblick in ihr spannendes Dissertationsprojekt „Vom anthrax zum Karfunkelstein. Granat in Kunst und Kultur der Angelsachsen.“ geboten. Die heroische Welt des frühen Mittelalters wurde dem breiteren Publikum aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive, nämlich mittels der Granatcloisonné-Objekte, gezeigt.

Warum Granat?
Wenn man sich mit der materiellen Kultur der Angelsachsen beschäftigt, begegnet man zwangsläufig einer besonderen Verzierungsform, dem sog. Cloisonné: Es handelt sich dabei um einen Schmuckstein (in unserem Fall Granat) in einem meist goldenen Stegwerk (Abb. 1). 
Abb. 1: Typisches Granatcloisonné. Hier die Beigaben aus dem Grab des Merowingerkönigs Childerich.
 (© RGZM / Volker Iserhardt).



Das Granatcloisonné ist aber keine angelsächsische Erfindung, denn es lässt sich in Kontinentaleuropa seit dem 5. Jh. n. Chr. finden, wo es zu Merowingerzeit seine Blüte erlebt und später Wege zum insularen Europa sowie nach Skandinavien findet. Diese Art von Schmuckherstellung entwickelte sich dementsprechend im frühen Mittelalter zu einem universellen Trend, so dass die Erforschung dieser Objektgattung für die Fragen nach der stilistischen und ikonografischen Bedeutung, nach dem sozialen Prestige sowie nach den herstellungstechnischen Aspekten besonders ergiebig zu sein scheint. Im Fokus der Forschung von Alexandra Hilgner stehen die „Verschiebung“ des Granatcloisonné-Stils nach England und Skandinavien und die möglichen Ursachen dafür.

 
Was ist Granat?
Granate sind Silikate mit unterschiedlicher chemischer Struktur, so dass mehrere Granatarten zu differenzieren sind: Seit der Antike bekannt sind Almandin, Pyrop, Spessartin und Grossular. Durch diverse chemische Zusammensetzungen kann Granat weitaus mehr Farben als nur Rot haben. Auch die Herkunft von Granat variiert stark: Die wichtigsten Vorkommen von Almandin und Pyrop, die für die Schmuckherstellung im frühen Mittelalter von besonderer Bedeutung waren, sind Indien sowie Sri Lanka und Europa (Tschechien, in den böhmischen Mittelgebirgen). Granat entsteht in sehr tiefen Gesteinsschichten und gelangt durch magmatische Prozesse an die Oberfläche (Abb. 2). 

Abb. 2: Rohgranat in seiner natürlichen Form. 
(Quelle: Wikipedia, CC.)


Fragestellung und Methodik
Das Besondere an diesen Mineralien ist, dass man ihre Herkunft mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Analysen bestimmen kann. Deswegen wird Granatschmuck zu einem hervorragenden Forschungsobjekt, welches eine interdisziplinäre Fragestellung zulässt. Naheliegend ist die Vernetzung mit folgenden Fachbereichen: Frühmittelalterarchäologie (als Schwerpunkt hier insbes. Archäologie der Angelsachsen); naturwissenschaftliche Untersuchungen (Provenienzbestimmung mittels μ-RFA); goldschmiedetechnologische Untersuchungen (Qualitätsstudien); zeitgenössische Quellen, antike Naturwissenschaften (und ihre Rezeption), Edelsteinallegorese, biblische Quellen.

Die Methodik, die Alexandra Hilgner für ihr Dissertationsprojekt entwickelt hat, ist dementsprechend eine faszinierende Synthese aller obengenannten Fächer und Vorgehensweisen: Die Granatcloisonné-Objekte werden nach ihrer Herkunft, Typologie, Technologie, Chronologie und auch nach ihrer Qualität befragt; des Weiteren werden die sprachlichen Quellen untersucht (von Interesse sind Beschreibungen, Terminologie und Kontext); als Letztes versucht unsere Kollegin die „Sprache“ der Objekte zu entziffern (Fernhandel, Kulturkontakte, soziale und symbolische Bedeutung usw.).


Objekte: Granatcloisonné unter der Lupe
Dieser Forschung liegen etwa 50 Objekte aus England und Schottland (Cambridge Museum of Archaeology and Anthropology, Norwich Castle Museum, National Museums of Scotland) und ca. 50 Vergleichsobjekte aus Schweden (Statens Historiska Museum Stockholm) zugrunde. Die Auswahl der Objekte erfolgt unter der Prämisse, dass von jedem relevanten Objekttyp mit Granateinlagen mindestens ein Exemplar untersucht wird (Abb. 3). 

Abb. 3: Technologische Untersuchungen: Mikroskopieren.
 (Foto: Alexandra Hilgner.)


Mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden lassen sich mit großer Genauigkeit mehrere Aspekte der Granatbenutzung eruieren, z. B. die Zuweisung zu konkreten Rohstoffquellen des frühen Mittelalters, die Datierung usw. Auch die technologischen Veränderungen (von den hochwertigen primär verarbeiteten Granatplättchen in der Merowingerzeit bis zur zunehmenden Tendenz des Recyclings von Granatplättchen im 7. Jh.) werden in der Arbeit von Alexandra Hilgner berücksichtigt.


Sprache: Granat in schriftlichen Quellen
Der Granat findet sich in den schriftlichen Quellen häufig. Die besondere Herausforderung dabei ist aber zu erkennen, wann es sich in einem Text gerade um den Granat handelt, denn es gibt verschiedene Begriffe für Granat (Abb. 4). 
 Abb. 4: Unterschiedliche Bezeichnungen für Granat in der Antike und im frühen Mittelalter.


Eine erste umfangreiche Beschreibung von Granat ist bei Theophrastos im ‚De Lapidibus‘ (4. Jh. v. Chr.) zu finden. Da wurden einige Charakteristiken eines Edelsteins namens anthrax (wörtl.: glühende Kohle) genannt – rote Farbe, Unbrennbarkeit und hoher Wert, Eigenschaften, die zu der Zeit sehr gut dem Granat zugeschrieben werden können. Auch Plinius der Ältere erwähnt in seiner ‚Naturalis Historia‘ (ca. 77–79 n. Chr.) Granat unter dem Namen carbunculus (eine direkte Übersetzung von anthrax). Für das Frühmittelalter sind aber die biblischen Quellen, in denen die Edelsteine generell eine große Rolle spielen, von absoluter Bedeutung: Auch der Granat ist an einigen Stellen überliefert, so werden z. B. die Bezeichnungen anthrax und carbunculus für den feuerroten Stein (hebr. nofech) in der Brustplatte Aarons in den bedeutendsten Bibelübersetzungen Septuaginta (griech. ca. 3. Jh. v. Chr. – 2. Jh. n. Chr.) und Vulgata (lat. 4. Jh. n. Chr.) benutzt. Andere Quellen, die im Frühmittelalter rezipiert werden und die Vorstellungen über Granat maßgeblich beeinflussen, sind die Werke von antiken Naturwissenschaftlern, wie Epiphanios von Salamis (315–403 n. Chr.) und Isidor von Sevilla (ca. 560–636 n. Chr.). Dem Granat wird in diesen Texten die Fähigkeit zugeschrieben, im Dunkeln zu leuchten. Dieses endogene Leuchten des Granats kann als einer der Gründe für seine Popularität betrachtet werden. Im ausgehenden Frühmittelalter kommt ein neuer Aspekt hinzu, der später auch für die mittelalterliche Edelsteinallegorese von großer Bedeutung sein wird: Rote Edelsteine (vor allem Granat) werden generell mit dem Blut Christi in Verbindung gebracht. 


Die „Sprache“ der Objekte
Die Granatobjekte müssen auch in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Die Etablierung neuer Eliten in England im 6. Jh. führte zur Entwicklung eines neuen elitären Stils, für dessen Ausdruck Granat ein wichtiger Teil war. Der Granatcloisonné-Schmuck wird für die Kriegerelite der Zeit charakteristisch, was aus archäologischen Befunden ersichtlich ist. Die Objekte „sprechen“ also über regionale Unterschiede, Einflüsse anderer Regionen und Kulturen und über individuelle Geschichten der einzelnen Granatcloisonné-Objekte. Deren „Sprache“ ist so kompliziert und facettenreich, dass die Aufgabe, sie zu entschlüsseln, zu einer anspruchsvollen Herausforderung für die Forschenden wird.


Fragen und Anregungen
Der Projektvorstellung von Alexandra Hilgner folgte eine anregende Diskussion mit vielen Fragen und Kommentaren von den Zuhörerinnen und Zuhörern des Vortrages. Besonders betont wurden die Möglichkeit, dieses Projekt in den größeren Kontext der übergeordneten Themen des GRKs 1876 einzubinden, und die auffallenden Anknüpfungspunkte mit anderen zur Zeit laufenden Dissertationen.

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