Donnerstag, 17. Mai 2018

Vortrag von Prof. Dr. Tonio Sebastian Richter: „Koptische alchemistische Texte und ihre Agenten“

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten.
Anfang Mai 2018 war der Koptologe Prof. Tonio Sebastian Richter, ein Kooperationspartner des GRKs von der FU Berlin, für einige Tage in Mainz zu Gast und brachte sich hier in verschiedenen Veranstaltungen ein. Neben seinem Gastauftritt im Seminar „Wissenschaft im pharaonischen Ägypten?“ hielt er zwei öffentliche Vorträge, den ersten davon am 3.5. in der Plenumssitzung des GRKs.



Mitglieder des GRKs bei Kaffee und Kuchen mit Prof. Richter (Photo: Mari Yamasaki)

Unter dem Titel „Koptische alchemistische Texte und ihre Agenten“ gab uns Prof. Richter einen Überblick über die Wissens- und Beleglage zur koptischen Alchemie und erläuterte anhand von drei Beispieltexten, welche Erkenntnisse sich aus diesen über die Kontexte ihrer Entstehung und ihre Produzenten gewinnen lassen.


Antike Alchemie: „Heilige Kunst“

In einer einleitenden Begriffsklärung konzentrierte sich Prof. Richter auf die Begriffe „koptisch“ – die in griechischen Buchstaben notierte Schriftsprache Ägyptens im 1. Jt. n. Chr. und eine wichtige altchristliche Literatursprache – sowie „Alchemie“: Letzterer ist als Terminus in Bezug auf die Behandlung antiker Alchemie eigentlich anachronistisch, das Wort ist arabischen Ursprungs. In der Antike gebrauchte man den Begriff ἱερὰ/θεία τέχνη („heilige/göttliche Kunst“).
Thomas Hofmeier lokalisiert diese Kunst in einer Schnittmenge von Theorie, Praxis und Mystik, wobei in der frühesten Überlieferung zur Alchemie die Praxis dominiert: Man bediente sich technischer Methoden aus den unterschiedlichsten handwerklichen Bereichen, wie Fermentation, Destillation, Färben, Metallschmelze etc.
Die Theorie der Alchemie war eng mit der griechischen Philosophie verknüpft; die mystische Komponente ist durch die für Ägypten typische Verbindung von Handwerkskünsten mit Tempeln und Kult bedingt sowie durch die Vorliebe byzantinischer Kompilatoren für Texte mystischen Charakters.

Als ein „Grundtext“ der antiken Alchemie können die vier Bücher des Pseudo-Demokritos aus dem 1. Jh. n. Chr. gesehen werden, die vier Themen umfassen – Gold-, Silber- und Edelsteinherstellung sowie Purpurrezepte – und den Charakter der frühesten alchemistischen Texte zeigen: Als Sammlungen von Rezepten mit dem Ziel der Imitation wertvoller Naturprodukte und des Erkenntnisgewinns über die Reaktionen von Stoffen untereinander.
Generell, so Prof. Richter, läuft man allerdings bei der Alchemie Gefahr, ahistorische oder anachronistische Ansätze zu gebrauchen und Erkenntnisse zur mittelalterlichen Alchemie auf die der Antike zu übertragen. Versucht man eine kulturell und historisch spezifische Kontextualisierung der antiken Alchemie, bieten sich vier potentielle Arten von Quellen: 

  1. Archäologische Befunde: Leider war es bislang nicht möglich, archäologische Funde sicher einem alchemistischen Gebrauch zuzuordnen.
  2. Papyri aus Ägypten: Diese stellen die einzigen zeitgenössischen und kontextualisierbaren Quellen dar; es handelt sich dabei v.a. um Rezeptsammlungen.
  3. Die CAAG („Collection des anciens alchimistes grecs“): Diese byzantinische Kompilation beinhaltet Texte vom 1.-8. Jh. n. Chr., u.a. des Pseudo-Demokrit und Zosimos von Panopolis. Die mittelalterlichen Manuskripte können allerdings nicht als zeitgenössische Quellen für die antike Alchemie gelten.
  4. Bilder in den Manuskripten der CAAG: Die Illustrationen in den Manuskripten, die z.B. Ausstattungen von Laboratorien zeigen, vermitteln gewisse Eindrücke, wurden aber ohne Beschreibungen oder Kontext aus anderen Texten herausgenommen und eingefügt.

Medico-magico-alchemistische Papyrussammlungen

Vor dem Hintergrund der geschilderten Quellenlage bieten die ägyptischen Papyri also am ehesten die Möglichkeit, die alchemistischen Texte zu kontextualisieren und Informationen über ihre Produzenten zu gewinnen.


Alchemie und Magie
Als ersten Text präsentierte Prof. Richter ein Purpurrezept auf dem Papyrus Berlin P 8316 aus dem 7.-8.Jh., der als Teil einer Sammlung von 21 Papyri 1985 angekauft und 1904 ediert wurde. Die Texte der Sammlung sind zwei Bereichen zuzuordnen, der Magie und der Alchemie, die aber einander dahingehend nahestehen, dass beide eine Beeinflussung zum Ziel haben: Beeinflussung von Menschen und von Stoffen.
Der Herausgeber, Adolf Erman, ließ freilich in seinen Besprechungen der Texte die typische Geringschätzung der Wissenschaftler seiner Zeit gegenüber antiker Magie, dem kulturellen Milieu der koptischen Texte und dem nicht standardgemäßen sprachlichen Ausdruck erkennen: Das Purpurrezept wird als Scharlatanerie gebrandmarkt, obwohl es laut Prof. Richter sogar ohne Kenntnis antiker Färbetechniken verständlich ist und in seinem Grundprinzip sogar noch zu Ermans Zeit praktiziert wurde.
Da das Rezept in seinem Inhalt ähnlichen alchemistischen Texten sehr nahe kommt und die Berliner Sammlung im Ganzen mit der sog. „Theban Magical Library“ aus dem 3. Jh. vergleichbar ist, folgert Prof. Richter, dass sich hier möglicherweise ein Muster erkennen lässt, das die alchemistische Tätigkeit im spätantiken Ägypten als typischerweise mit medico-magischer Praxis verbunden zeigt.

Ägyptische Kloster-Alchemie?
Der zweite vorgestellte Papyrus, British Library Or. Ms. 36691(1) aus dem 10. Jh., wurde in Sohag erworben und lässt sich wohl dem nahegelegenen berühmten Schenute-Kloster zuordnen: Dafür spricht die Erstbeschriftung des Palimpsests mit einem christlichen Text ebenso wie der paläographische Befund. Die alchemistische Zweitbeschriftung ist einem professionellen Schreiber zuzuordnen, der evtl. für das Kloster tätig war; die flüchtige Verarbeitung lässt allerdings darauf schließen, dass die Kopie für den Privatgebrauch gedacht war. Der Schreiber hatte also evtl. ein persönliches Interesse an dem Text, praktizierte vielleicht sogar selbst Alchemie, da der Inhalt des Papyrus in praxisorientierten Rezepten besteht. Auf der anderen Seite muss auf jeden Fall die Verbindung zum Kloster festgehalten werden: Vielleicht fungierte auch dieses als Ort der Rezeption alchemistischen Wissens.

Gelehrte Schreibkunststücke
Auch die dritte vorgestellte Assemblage dreier Papyri aus der Bodleian Library (Bodl. Mss. Copt. (P) a.1-3) lässt sich auf das 9.-10. Jh. datieren. Die drei Manuskripte stehen in inhaltlichem Zusammenhang; zwei von ihnen wurden von der gleichen Hand geschrieben, einem geübten, aber sicherlich nicht professionellen Schreiber. Auch er scheint also ein persönliches Interesse am Inhalt und Besitz der Texte gehabt zu haben.
Bestimmte Eigenheiten seiner Schrift verraten dabei einiges über seinen Hintergrund: Er macht ausgiebigen Gebrauch fachtextlicher Schriftregister und -codes und verwendet etwa Minuskelformen, arabische Buchstaben, kryptographische Austauschalgorithmen und Symbole für Metalle. Auch baut er Spielereien wie die Kombination von Zahlwörtern mit Zahlzeichen (vgl. „e1ns“) ein. Alle diese Elemente waren nur für nichteingeweihte Leser rätselhaft, erschlossen sich fachkundigen Personen jedoch sofort – eine Haltung, die aus der spätantiken und arabischen Alchemie als einer Art Geheimwissenschaft gut bekannt ist.

Der Schreiber des Papyrus a.1 beherrscht ähnliche Schreibkunststücke, und auch er wurde sicherlich nicht in einem Skriptorium ausgebildet: In seiner Schrift finden sich signifikante Idiosynkrasien, die es möglich machen, auch andere Papyri diesem Schreiber zuzuordnen – so etwa ein medizinischer Papyrus, der sich im Louvre befindet. Hierdurch wird also bereits für das 9.-10.Jh. die in späterer Zeit gut dokumentierte Verbindung von Alchemie und Medizin bezeugt.

Eine Verbindung zu einem klösterlichen Umfeld gibt es hier hingegen nicht; die Texte entstammen vermutlich einem weltlichem Milieu, in dem alchemistische und heilkundliche Praxis ausgeübt und gelehrt wurde. Auf den Kontext des Unterrichts verweisen Beobachtungen zu einer zweiten Hand in dem Papyrus, welche Prof. Richter zum Abschluss seiner Präsentation als wirkungsvollen Cliffhanger für seinen folgenden Vortrag „Die 'Maschine der Weisen'. Ein utopisches Projekt, ein Lehrer, der schweigt, und eine überzählige Hand in den koptischen Papyri der Bodleian Library aus frühislamischer Zeit“ nutzte.

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