Montag, 30. April 2018

Episode 2: Eindrücke aus Athen von der Frühzeit bis ins Mittelalter

Von unseren drei Tagen in Athen war der zweite ganz der Akropolis mitsamt dem Akropolismusem und den umliegenden antiken Sehenswürdigkeiten, v.a. der griechischen und römischen Agora, gewidmet. Der Besuch der Ausgrabungsstätte des DAI im Kerameikos am nächsten Tag vervollständigte unsere Eindrücke von der Entwicklung der „Stadt des Wissens und der Kultur“ von der Antike bis zum Mittelalter.
 

Die Akropolis

Die Akropolis gab dabei ein eindrucksvolles Zeugnis davon, wie sich auf einem exponierten Platz erst menschliche Siedlungen (ab 5000 v. Chr.), dann Befestigungen und Paläste (mykenische Zeit) und schließlich eine sakrale Anlage (ab Ende 6. Jh.) entwickelten. Auch wenn heute hauptsächlich die Überreste der Gebäude aus klassischer Zeit vor Ort sichtbar sind, wissen wir doch auch viel über die anderen Epochen: So blieben z.B. viele archaische Statuen nach der Zerstörung der Akropolis durch die Perser (480 v. Chr.) im sog. „Perserschutt“ erhalten und konnten von uns im Akropolismuseum besichtigt werden.


Abb. 1: Der Parthenon-Tempel auf der Akropolis (Photo: Marie-Charlotte v. Lehsten)

Unter den erhaltenen Gebäuden zeugt vor allem der Parthenontempel (dessen umfangreiche Sanierungsgerüste zum Glück kurz vor unserer Besichtigung abgebaut worden waren, vgl. Abb. 1) von der typisch athenischen Verbindung von Politik und Religion: Der in seiner Größe, den Kosten (15t Silber) und auch der Architektur alle bisherigen griechischen Bauten übertreffende Tempel diente sowohl der Repräsentation von Athens Macht und Wohlstand als auch der Aufbewahrung der gerade nach Athen verlegten Bundeskasse des attisch-delischen Seebundes. Als eine Art Finanzreserve fungierte auch die monumentale 12 Meter hohe, aus Gold und Elfenbein gefertigte Athena-Statue des Pheidias in seinem Inneren. Das Schmuckwerk des Tempels, bestehend aus Skulpturen an den Giebeln und Metopen sowie einem Relief-Fries um die Cella herum, zeigt ebenfalls die Verbindung der Welten von Göttern, Heroen und Athenern (vgl. Abb. 2).


Abb. 2: Überreste der Metopen und des Parthenon-Ostgiebels (Photo: Rebekka Pabst)


Athen im Mittelalter

Vom mittelalterlichen Athen ist heute, zum Teil bedingt durch die Ausgrabungspraxis und Bestrebungen des 19. Jahrhunderts, das klassisch-antike Erscheinungsbild der Monumente wiederherzustellen, nicht mehr allzu viel zu sehen. Dennoch zeugt so manche architektonische Veränderung an Tempeln und Mauern sowie die Präsenz zahlreicher mittelalterlicher Kirchen im Stadtbild davon, dass Athens Geschichte im Mittelalter eine Fortführung fand, die keineswegs weniger bewegt war als die Antike. Während ein Goteneinfall am Ende des 4. Jahrhunderts zu Zerstörungen geführt hatte und die Stadt unter Kaiser Theodosios II (+450) einiger Monumente und Kunstwerke verlustig ging, die nach Konstantinopel verbracht wurden, ging das städtische Leben in der Spätantike dennoch weiter, wenn auch in kleinerem Ausmaß. Die slawische Einwanderung im 7. Jahrhundert erschwerte die Situation für die byzantinische Stadt erheblich, war doch das gesamte Hinterland nun in fremder Hand und die Verbindung zu Konstantinopel regelmäßig blockiert. Für diese Zeit wissen die historiographischen Quellen wenig über Athen zu berichten. Umso wichtiger ist dafür eine andere Quellengattung: die Graffiti-Inschriften auf der Akropolis, insbesondere im Parthenon, der Maria geweihten Hauptkirche der Stadt. Aus den dort erhaltenen Gebeten, Obituarien und Kurznachrichten ergibt sich das Bild einer kontinuierlichen administrativen und ekklesiastischen Organisation in Athen.

Im 8./9. Jh. setzte eine Rekuperation des Hinterlandes ein. Die Hauptstadt des Themas Hellas (eine militärisch-administrative Einheit, vergleichbar einer Provinz) wurde von Theben nach Athen verlegt und das Bistum entwickelte sich zu einem Erzbistum. Die Archäologie belegt, dass nun auch das Stadtgebiet wieder über die spätrömischen Mauern hinaus expandierte. Vom ökonomischen Aufschwung, der die gesamte Region betraf, profitierte auch Athen, das etwa in den Handelsverträgen mit Venedig im 11. und 12. Jh. als Handelsplatz genannt wird. Eine Zäsur stellte der vierte Kreuzzug 1204 dar, in Folge dessen die Stadt in fränkische Hände fiel und fortan das Zentrum des Herzogtums Athen war, zunächst unter der Familie de la Roche, dann als untergeordnete Stadt unter katalanischer Herrschaft und schließlich ab 1388 unter der Florentiner Familie Acciauoli. Die fränkische Phase endete 1456, als die Osmanen die Stadt eroberten und sie bis in die 1820er Jahr hielten.

An Monumenten des mittelalterlichen Athen ist insbesondere die Akropolis zu nennen, die zunächst die orthodoxe Bischofs- und Erzbischofskirche beherbergte (Parthenon) und in dieser Funktion auch eine bedeutende Rolle als Pilgerzentrum spielte. Auch die Ziviladministration war dort verortet, und dies auch in der fränkischen Zeit, wo der Mauerring nochmals erweitert wurde und – unter den Acciauoli – die Propylaia als florentinischer Palast neukonzipiert wurden. Die städtischen Kirchen, von denen 25 byzantinische noch heute zu sehen sind, zeugen von einer intensiven Stiftungstätigkeit der mittelalterlichen Stadtelite und von einer verfeinerten Marmorproduktion noch in mittelalterlicher Zeit.


Der Kerameikos

An unserem letzten Tag in Athen verließen wir das Gebiet innerhalb der antiken Stadtmauern und besuchten den Kerameikos im Nordwesten der Akropolis. Hier befindet sich einer der bedeutendsten Friedhöfe Athens, berühmt vor allem durch seine prächtigen Grabmonumente.


Melanie Spiegelhalter vom DAI Athen erklärt dem GRK den Kerameikos (Photo: Mari Yamasaki)

Die frühesten Gräber, die bisher im Gelände des Kerameikos entdeckt wurden, stammen bereits aus der Bronzezeit. Bis zu seiner Aufgabe im 6. Jahrhundert n. Chr. durchlief der Friedhof verschiedene Phasen unterschiedlich ausgeprägter und gearteter Nutzung. Inspiriert durch Reisen nach Ägypten (z.B. durch Solon [ca. 640-560 v. Chr.]), wo monumentale Kalksteinstatuen in Gräbern und Heiligtümern zu sehen waren, gelangte die Idee für die Errichtung marmorner Grabstelen erstmals in archaischer Zeit nach Athen. Doch bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde der Grabplastik im Kerameikos wieder ein Ende gesetzt. Kurz zuvor war Athen durch die Perser zerstört worden. Um einer Wiederholung des für die Athener traumatischen Ereignisses vorzubeugen, wurde der Bau einer Fortifikationsanlage geplant, die die Stadt weitläufig umfassen sollte. Da das Unternehmen jedoch unter hohem zeitlichen Druck ausgeführt wurde, kamen als Baumaterial auch Grabsteine und Denkmäler der aristokratischen Familien zum Einsatz. Zusätzlich war es niemandem erlaubt, ein Grabmal zu errichten, das mehr Arbeit erforderte als zehn Mann in drei Tagen leisten konnten. Erst um 430 v. Chr. setzte erneut der Bau marmorner Grabmäler in der Kerameikosnekropole ein. In hellenistischer Zeit waren der übertriebene Aufwand und Luxus der Grabanlagen erneut zu einem Problem geworden, dem durch neue Gesetze und unter Androhung von Strafe Einhalt geboten wurde. Trotz der wiederholten Eindämmung des Grabluxus im Kerameikos bleiben es doch die monumentalen Stelen und Grabbauten, für die der Friedhof bekannt ist. Die Entdeckung einer dieser Grabstelen (der Brüder Agathon und Sosikrates) leitet 1863 die großflächige Freilegung des Geländes ein. Zuerst durch die Archäologische Gesellschaft in Athen durchgeführt, wurde die Erkundung des Kerameikos von 1913 bis heute vom Deutschen Archäologischen Institut übernommen.

Eine wichtige Rolle spielt der Kerameikos heute nicht nur als archäologische Stätte, sondern auch als Biotop inmitten der Millionenstadt Athen. Bereits 1914 wurde das Gebiet vom Deutschen Archäologischen Institut systematisch bepflanzt. Der Fluss Eridanos, der das Gelände durchzieht, bietet hierfür beste Voraussetzungen. Ziel des Projektes war es, den Grabmälern einen würdigen Rahmen zu geben. Daher erfolgte eine Auswahl vor allem indigener Pflanzen mit antiker Tradition (hierzu zählen z.B. Zypressen, Olivenbäume, Kiefern, Granatapfelsträucher, Myrte, Rosmarin und Lorbeer). Im Frühjahr ist das gesamte Gelände von einem Teppich wildwachsender Blumen überzogen. Der Duft von Ringelblumen, Kamille und Rauke liegt in der Luft. Vor allem in der Nähe des Eridanos kann man Frösche und griechische Landschildkröten beobachten.

Kröte inmitten von duftenden Kamillenblumen (Photo: Tanja Pommerening)


Der Besuch des Kerameikos war eine besondere Erfahrung des Zusammenspiels von Natur und Kultur. Auch die fesselnde und engagierte Führung durch Melanie Spiegelhalter, eine Doktorandin des Deutschen Archäologischen Instituts, hat den Kerameikos zu einem Highlight unseres Athen-Aufenthalts gemacht!




Gruppenbild auf dem Kerameikos-Gelände (Photo: Jochen Althoff)

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