Dienstag, 20. Februar 2018

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Katharina Zartner: „Beschützer der Herden, Gegner der Wildnis, Herr der Tiere – Eine Untersuchung zur Figur des sechslockigen Helden“

Ein Beitrag von Marie-Charlotte von Lehsten.

Am 8. Februar 2018, in der letzten Plenumssitzung des GRKs im Wintersemester 2017/18, gab uns Kollegiatin Katharina Zartner einen spannenden Einblick in ihr Dissertationsprojekt aus dem Bereich der Vorderasiatischen Archäologie. Zentrales Thema ihrer Arbeit bildet eine in der Ikonographie des Vorderen Orients vom 3.-1. Jt. v. Chr. recht prominente Figur, die heute zumeist – unter Bezugnahme auf deren auffällige und ungewöhnliche Frisur – als der „sechslockige Held“ bezeichnet wird (vgl. Abb. 1).


Abb. 1: Der sechslockige Held in Profilansicht, Reliefplatte aus dem Südwestpalast in Ninive, neuassyrisch (heute im British Museum, BM 124792). Alle Photos: Katharina Zartner.

Der „sechslockige Held“ – zwischen Prominenz…

Neben der besonderen Haartracht zählt zu den bedeutendsten ikonographischen Charakteristika des sechslockigen Helden der Umstand, dass dieser meist nackt und sein Gesicht fast immer in frontaler bzw. en-face-Ansicht gezeigt wird. Diese Elemente machen deutlich, dass es sich bei der Figur nicht um ein menschliches Wesen handelt; doch fehlen andererseits Attribute, die sie als göttlich kennzeichnen würden: Wir haben es also mit einer mythischen Figur, einer Art „Zwischenwesen“, zu tun.
Häufig steht der sechslockige Held dabei im Kontext von Naturelementen, er tritt z.B. im Kampf mit Wildtieren oder bei der Pflege von Herdentieren auf (vgl. Abb. 2); eine solche Darstellung ist jedoch keineswegs zwingend, auch andere Kontexte sind möglich.

Abb. 2: Der sechslockige Held im Zweikampf mit einem Büffel, Rollsiegel und moderne Abrollung aus Tello, akkadisch (heute im Louvre, AO 6070).

Als ein prominentes Motiv muss der sechslockige Held aus mehreren Gründen gelten: Zum einen wurde kaum ein anderes Bildmotiv im Alten Orient über eine derart lange Zeit von drei Jahrtausenden und mit einer vergleichbaren ikonographischen Persistenz tradiert. Zum anderen zeichnet die Figur auch eine große Fülle an Fundstücken in sehr unterschiedlichen Kontexten aus: Das wichtigste Medium der Überlieferung sind Rollsiegel – administrative Instrumente, die von Herrschern wie auch Privatleuten genutzt wurden (vgl. Abb. 2) –, doch der sechslockige Held erscheint beispielsweise auch auf Palastreliefs von gewaltiger Höhe (vgl. Abb. 3) ebenso wie in Form von apotropäischen Figürchen im Privatbereich.

Abb. 3: Der sechslockige Held als Löwenbezwinger, Relief aus dem Palast Sargons II. in Khorsabad, neuassyrisch (heute im Louvre, AO 19861).

… und Ungewissheit

In der genannten kontextuellen Vielfalt deutet sich aber bereits ein weiterer Umstand an, der den sechslockigen Helden zu einem lohnenswerten (und herausfordernden) Untersuchungsgegenstand macht: Trotz der großen Prominenz in der altorientalischen Bildkunst konnte diese Figur und ihre Funktion von der Forschung bislang noch nicht in überzeugender Weise eingeordnet und gedeutet werden.
Katharina Zartner zeigte dabei zunächst, dass sogar bestimmte bisherige Annahmen eher auf forscherischer Konvention als auf gesicherten Untersuchungsergebnissen beruhen. Dies betrifft beispielsweise die moderne Benennung der Figur als „Held“ ebenso wie die gängige Identifikation der Figur mit dem akkadischen Begriff laḫmu.

Held?
Die moderne Bezeichnung „Held“ wird im Bereich der Vorderasiatischen Archäologie gerne für Figuren verwendet, die als Wesen zwischen Mensch und Gott und in der Funktion als Tierbezwinger auftreten, sie verfügt jedoch nicht über eine klare Definition als terminus technicus und hat überdies auch keine Entsprechung im Sumerischen oder Akkadischen. Die Verwendung des Begriffs „Held“ ist daher kritisch zu sehen und wird von Katharina Zartner auch nur vorläufig mangels besserer Alternativen beibehalten: Letztlich gilt es, eine treffendere Benennung für die Figur des sechslockigen „Helden“ zu finden.

Laḫmu?
Auch die antike Bezeichnung der Figur als laḫmu muss laut Katharina Zartner als fraglich gelten, obwohl die Identifikation (Sechslockiger Held = laḫmu) sich im Fach inzwischen als mehr oder weniger gängige Meinung durchgesetzt hat. Konkrete Belege für eine solche Gleichsetzung gibt es jedoch kaum: Sie geht auf Beobachtungen von Ebeling (1928/29) [Anm. 1] und Wiggermann (1983) [Anm. 2] zurück, die eine mit einem bestimmten apotropäischen Spruch beschriftete Terrakotte des sechslockigen Helden mit der Anweisung in einem Ritualtext (KAR VII Nr. 298) zur Herstellung von apotropäischen laḫmu-Figuren inklusive ebendieser Inschrift in Verbindung bringen. Attraktiv wird die Identifikation durch die Semantik von laḫmu, „der Haarige“; problematisch ist hingegen der Umstand, dass auch andere Figuren ohne Sechs-Locken-Frisur die genannte Inschrift tragen.
Weitere Ungereimtheiten bestehen z.B. darin, dass laḫmu-Figuren in Texten stets mit Tempeln assoziiert werden, wohingegen die archäologischen Fundstätten von Exemplaren des sechslockigen Helden viel häufiger Paläste sind.
 

Herr der Tiere?
Als Beispiel für einen weiteren Aspekt der Untersuchung des sechslockigen Helden thematisierte und problematisierte Katharina Zartner dessen Bezeichnung und Funktion als „Herr der Tiere“. Der Begriff geht ursprünglich auf das Epitheton πότνια θηρῶν (potnia thērōn), „Herrin der Tiere“, der griechischen Göttin Artemis zurück (vgl. Ilias 21,470f.) und fand von dort seinen Weg in die moderne Archäologensprache. Die neuere Forschung kritisiert jedoch die nicht sehr einheitliche Verwendung des Begriffs, die sich teils auf der Ebene der Semantik bewegt – und dabei „reale“ Jagdszenen und mythische Szenen gleichermaßen umfassen kann – und teils auf eine Darstellungsrubrik mit bestimmten ikonographischen Aspekten bezieht.
Die Fragestellungen zum sechslockigen Helden als „Herrn der Tiere“ gehen jedoch über die Unbestimmtheit der modernen Terminologie hinaus: Während der sechslockige Held in der Frühdynastischen Glyptik sehr häufig in Tierkampfszenen auftritt, erscheinen parallel auch andere anthropomorphe „Heldenwesen“ in ähnlicher Funktion. Katharina Zartner arbeitet daher daran, diese Typen voneinander abzugrenzen bzw. möglichen Verbindungen und Entwicklungen nachzuspüren und so sowohl dem Ursprung der Figur des sechslockigen Helden als auch den Bedeutungsaspekten des Tierkampfes und der Anwendbarkeit des Begriffes „Herr der Tiere“ auf den Grund zu gehen.


Zielsetzung und Methodik der Arbeit

Katharina Zartners primäres Ziel ist es, vor dem Hintergrund der bereits skizzierten Häufigkeit und Vielfältigkeit des sechslockigen Helden und auch der vielen noch offenen Fragen zu einem besseren Verständnis der Figur zu gelangen und dabei auch ihre Funktion für die damaligen Menschen zu ergründen. Denn eines steht fest: Wichtig war der sechslockige Held – nur in welcher Hinsicht, das gilt es noch herauszufinden.
Dabei sind auch die Veränderungen miteinzubeziehen, die die Darstellung der Figur während der drei Jahrtausende erlebt (so tritt der sechslockige Held z.B. ab einer bestimmten Zeit auch bekleidet auf; und erscheint auch in manchen Formen – etwa als apotropäisches Figürchen oder auf Reliefs – nur zu bestimmten Zeiten), und nach einem etwaigen Bedeutungswandel im Laufe der Zeit zu fragen. Die Ergebnisse könnten dann auch allgemeinere Rückschlüsse auf die Vorstellungswelt des Alten Orients zulassen, etwa in Bezug auf den Umgang der Menschen mit der Natur.

Die Grundlage für die Untersuchungen bildet dabei eine relationale Datenbank, die Katharina Zartner für ihr Projekt erstellt und unter Nutzung von Daten zu archäologischem Material aus verschiedensten Publikationen befüllt. Durch die Möglichkeit, die Datenbank nach unterschiedlichen Gesichtspunkten – z.B. Objektgattung, regionale Verteilung, interagierende Figuren – auszuwerten, ergibt sich ein wertvolles Hilfsmittel zur ikonographischen Analyse.
Die Auswertung des Materials wird schließlich sowohl unter Hinzuziehung antiker textlicher Quellen als auch vor dem Hintergrund theoretischer Fragstellungen geschehen, etwa aus dem Bereich der Kulturtheorie und der Kognitionswissenschaften.
Als Beispiel für letztere führte Katharina Zartner das Phänomen der „minimalen Kontraintuitivität“ an, das bei der nicht „realitätsgemäßen“ Kombination verschiedener Elemente etwa von Mensch und Tier in einer Figur vorliegt und damit ein Merkmal von Darstellungen von Mischwesen generell und auch des sechslockigen Helden bildet. Laut Boyer (2001) [Anm. 3] und Atran (2002) [Anm. 4] sind Darstellungen, die eine minimale Kontraintuitivität aufweisen, einprägsamer als andere. Zugleich bleibt die Frage, welche Botschaft durch die Andersartigkeit eines solchen Mischwesens transportiert werden sollte.


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Anm. 1: E. Ebeling, Talim, Archiv für Orientforschung 1928-1929, 218–219.
Anm. 2: F. A. M. Wiggermann, Exit talim! Studies in Babylonian Demonology, JEOL 1983, 90–105.
Anm. 3: P. Boyer, Religion Explained. The Evolutionary Origins of Religious Thought, New York 2001.
Anm. 4: S. Atran, In Gods we Trust. The Evolutionary Landscape of Religion, Oxford 2002.

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