Montag, 2. Oktober 2017

Das Tier im Text und im Buch - Arbeit mit mittelalterlichen Originalcodizes beim 6. Alfried-Krupp-Sommerkurs für Handschriftenkultur an der Universitätsbibliothek Leipzig vom 17.09. bis 23.09.2017

Ein Beitrag von Sandra Hofert.
 
Jeder Codex ist ein unikales historisches Objekt und gibt Auskunft über den zeitgenössischen Umgang mit den verschiedenen Texten. Daher ist bei der Beschäftigung mit mittelalterlichen Texten die Arbeit an den Originalquellen ein zentraler Bestandteil, denn viele Informationen lassen sich nur durch eine Handschriftenautopsie gewinnen (vgl. Abb. 1).

 
Abb. 1: Mittelalterliche Codizes ganz nah.
 
So ist auch die Arbeit mit mittelalterlichen Handschriften ein wichtiger Bestandteil meines Promotionsprojekts und ich habe mich sehr gefreut, dass ich die Gelegenheit bekommen habe, meine Kompetenzen in diesem Bereich weiter auszubauen, und Mitte September 2017 am 6. Alfried-Krupp-Sommerkurs für Handschriftenkultur an der Universitätsbibliothek Leipzig teilnehmen konnte. Gefördert durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sowie durch den Mediävistenverband e.V. bekamen 21 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und mit-, aber natürlich auch voneinander zu lernen.
 
Der Kurs war interdisziplinär ausgerichtet: Aus der ganzen Welt kamen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler verschiedener Fachbereiche wie Philosophie und Philologie, aber auch Geschichts-, Kunst- und Kulturwissenschaft zusammen, um sich mit mittelalterlichen Handschriften als Objekten zu beschäftigen.
 
Das Kursprogramm war äußerst vielfältig: An den Vormittagen hielten etablierte Experten verschiedener Bereiche zahlreiche Überblicksvorlesungen zu ganz unterschiedlichen Themen der Handschriftenkunde: So führten beispielsweise Prof. Dr. David Ganz (Cambridge) und Dr. Christine Glaßner (Wien) in die Paläographie ein, das Team des Leipziger Handschriftenzentrums stellte die Grundlagen der Kodikologie vor, PD Dr. Wolfgang Beck (Jena) gab einen Einstieg in die Schreibsprachenbestimmung und Prof. Dr. Martina Backes (Freiburg), Dr. Falk Eisermann (Berlin) und Dr. Christoph Mackert (Leipzig) führten in das Thema Büchersammlungen und Bibliotheken ein.
 
Prof. Dr. Kathrin Müller (Berlin) gab anhand verschiedener Beispiele von Beatus-Vir-Psaltern einen Einblick in die Vielfältigkeit des Buchschmucks. So zeigte sie beispielsweise die große Schmuckinitiale, die am Beginn des Beatus vir im Psalter von St. Albans aus dem frühen 12. Jahrhundert zu finden ist (Albani Psalter, Hildesheim, St. Godehard, Cod. 1, S. 72). Das große B, das mehr als ein Drittel der Seite einnimmt, zeigt eine gängige Komposition: Die Initiale wird von König David "bewohnt", der ein Buch und eine Harfe in Händen hält, während ihm ein großer Vogel als Symbol für die göttliche Inspiration die Psalmen direkt ins Ohr eingibt (s. Abb. 2).
 
 
Abb. 2: Der Vogel der göttlichen Inspiration.

Nach den jeweiligen Vorträgen gab es Gelegenheit für Fragen und Diskussionen, wobei sich hier besonders die verschiedenen fachlichen Hintergründe der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer als fruchtbar erwiesen haben und es zu lebendigen Diskussionen kam.
 
Am Mittwoch gab es darüber hinaus noch einen ganz besonderen Abendvortrag, bei dem Dr. Agnieszka Budzinska-Bennett (Basel) nicht nur einen Einblick in die Entstehung und Entwicklung der Notenschrift gab, sondern auch verschiedene Beispiele früher Notation mit musikalischem Leben erfüllt hat, indem sie zusammen mit einer Kollegin die mittelalterliche Notenschrift gesanglich interpretierte (s. Abb. 3).
 


Abb. 3: Musiknotation wird zum Leben erweckt.
 
Außer am Donnerstag, wo eine Exkursion zur Domstiftsbibliothek in Merseburg stattfand und dort u. a. die Merseburger Zaubersprüche bewundert werden konnten, waren die Nachmittage dazu da, sich in kleinen Gruppen intensiv mit je einer Handschrift zu beschäftigen. Dabei wurden dem Kurs verschiedene Handschriften und Fragmente aus dem Bestand der Leipziger Universitätsbibliothek zur Verfügung gestellt, meist lateinische medizinische und/oder philosophische Sammelhandschriften aus dem 13. bis 15. Jahrhundert.

 
Abb. 4: Beispiel: Leipzig, UB, Ms. 1150 1r.
 
Am Ende der Woche konnten schließlich alle Gruppen ihre jeweiligen Ergebnisse vorstellen und im Plenum über ihre Arbeit diskutieren.
 
Es war eine Woche, in der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht nur ein vertiefender Einblick in zahlreiche kodikologische Fragestellungen gegeben, sondern v. a. die Arbeit an einem sehr breiten Bestand von Originalobjekten ermöglicht wurde. Ob Pergamentseiten oder Seiten aus Papier, ob ein Wasserzeichen in Form eines Ochsenkopfes oder eines Einhorns, ob ein einfacher Holzeinband oder ein Bezug aus Schweinsleder – eine mittelalterliche Handschrift ist ein unikales historisches Objekt, bei dem Medialität und Inhalt ineinander übergehen. Das konnten die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in dieser Woche hautnah erleben.
 

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