Freitag, 21. Juli 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Sonja Speck: "Ursprünge und Entwicklung altägyptischer Körperkonzepte in prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik"

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten. 

In der Plenumssitzung des GRKs am 13. Juli 2017 stellte Sonja Speck ihr Dissertationsprojekt "Ursprünge und Entwicklung altägyptischer Körperkonzepte in prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik" vor. Sie präsentierte zunächst das Korpus der von ihr untersuchten Quellen und gab sodann einen Einblick in ihr aktuelles Arbeits- und Interessensfeld.

Quellenkorpus und Methodik

Ganz allgemein betrachtet ist es das Ziel von Sonja Specks Arbeit, die Wurzeln der altägyptischen anthropomorphen Plastik, die dank eines festen Kunstkanons über einen hohen Wiedererkennungswert verfügt, analytisch aufzuarbeiten. Durch das Nachzeichnen der Entwicklung dieser Wurzeln soll dann schließlich auch das Verständnis der daraus abgeleiteten anthropomorphen Plastik in der pharaonischen Zeit neu konturiert werden.

Den Kern der Arbeit bildet hierfür der Zeitraum von Mitte/Ende des 5. Jahrtausends bis etwa 2700 v. Chr., in dem es die Merimde-, Badari-, und Naqada-Kultur sowie den Beginn der altägyptischen Kultur bis zur dritten Dynastie zu untersuchen gilt. Die Analyse wird dabei anhand von 550-600 Objekten durchgeführt, die in dieser Arbeit zum ersten Mal als ein zusammenhängendes Korpus im Fokus stehen: Es handelt sich um sehr vielfältige Plastiken, deren Gemeinsamkeit im Vorhandensein anthropomorpher Elemente besteht. So werden beispielsweise Gefäße mit anthropomorphen Füßen ebenso einbezogen wie menschliche Figuren, Modellszenen mit mehreren gruppierten Personen ebenso wie Einzelfiguren. Beim Blick auf dieses Korpus lässt sich schnell erkennen, wie bestimmte Charakteristika – z.B. sog. "Vogelköpfe" und weiße Röcke (vgl. Abb. 1) – zwischen den unterschiedlichen Objekttypen wandern.

Eine Besonderheit des Projekts besteht darin, dass für die Untersuchungen keine Texte herangezogen werden können, da sich der Schriftgebrauch im betrachteten Zeitraum erst in rudimentärer Form entwickelte bzw. auf sehr wenige Bereiche (v.a. Verwaltung) beschränkt war. Sonja Speck begegnet diesem Umstand durch die Heranziehung einer ganzen Bandbreite sich ergänzender Methoden, in erster Linie aus dem Bereich bildwissenschaftlicher und kognitionswissenschaftlicher Ansätze, die sie mit einer selbstentwickelten Technik der 3D-Dokumentation zur Untersuchung der Entwicklung von Körperproportionen verbindet.
 
Abb. 1: Frauenfigur, ca. 3500-3400 B.C.E., Brooklyn Museum, Charles Edwin Wilbour Fund,
07.447.505 (Photo: Brooklyn Museum, 07.447.505_SL1.jpg).

Kunst und Kognition

Zur Zeit beschäftigt sich Sonja Speck vertieft mit der Frage, wie sich in Bildwerken Spuren gedanklicher Prozesse aufspüren lassen. Obwohl die Verbindung von Kognition und Kunst in der Forschung bislang meist an zweidimensionalen Werken analysiert wurde, geht Sonja Speck davon aus, dass bei der Herstellung eines dreidimensionalen Kunstgegenstands ganz ähnliche kognitive Abläufe stattfinden – auch wenn hier die Spuren der "Konvertierung" einer Umweltwahrnehmung in ein Kunstwerk weniger offensichtlich sind.

Primäre Referenz für die Verbindung von Kognition und Kunst ist John Willats (v.a. Art and Representation, 1997), dem die Schaffung eines Vokabulars für Bildern zugrundeliegende Darstellungssysteme zu verdanken ist. Willats unterscheidet die beiden grundlegenden Kategorien der "drawing systems" und "denotation systems", anhand derer alle Arten von Darstellungen beschrieben werden können – mit Blick auf die Kunstproduktion lassen sie sich auch als "Werkzeuge" bezeichnen, mittels derer ein Künstler eine Darstellung kreiert. "Drawing systems" betreffen dabei die Art und Weise der Umsetzung räumlicher Elemente in Zeichnungen, etwa die Kategorien der Perspektive, der Schrägprojektion, Orthogonalprojektion; "denotation systems" hingegen beziehen sich auf die Umsetzung von wahrgenommenen Elementen wie Kanten oder Konturen in Linien, Punkte oder Flächen.

Ein weiterer wichtiger Punkt für Sonja Specks Projekt ist die Frage nach der Herkunft der (realweltlichen bzw. mentalen) Vorlagen bildlicher Darstellungen. Während man Bilder lange Zeit als Produkt eines realen oder vorgestellten Blickes, also der visuellen Wahrnehmung des Künstlers ansah, hat sich dies inzwischen als defizient erwiesen: Gerade vor dem Hintergrund vermeintlicher Anomalien – z.B. im Bereich der "drawing systems" der invertierten Perspektive, bei der der Bildbetrachter den Fluchtpunkt bildet, oder sog. "Klappbildern", bei denen sich der Blickwinkel ändert – stellen sich kognitive Ansätze als fruchtbarer und zielführender dar. 

Grundlegend ist in diesem Bereich David Marrs Modell des Sehens als Informationsverarbeitung des Gehirns, dessen Kern die bei der visuellen Wahrnehmung ablaufende Übertragung einer betrachterzentrierten Beschreibung in eine interne objektzentrierte Beschreibung bildet: Im Gegensatz zu dem flüchtigen Sinneseindruck kann die interne objektzentrierte Beschreibung dauerhaft im Gehirn gespeichert werden und ist unabhängig von situativen Merkmalen wie etwa dem Blickwinkel – daher dient sie als Ausgangsbasis sowohl für das Wiedererkennen von Objekten als auch für die künstlerische Darstellung ebensolcher. Die kognitiven Prozesse, die bei der Sinneswahrnehmung, der Transformation in eine objektzentrierte Beschreibung und deren Bereitstellung für die künstlerische Wiedergabe ablaufen, unterscheiden sich dabei in Hinblick auf Zwei- oder Dreidimensionalität des zu produzierenden Kunstwerks nicht.

Eine andere für die Untersuchungen anthropomorpher Figuren zentrale Kategorie, die ursprünglich der Mathematik entstammt, aber auch in der Bildwissenschaft anwendbar ist, ist die der sog. topologischen Transformationen. Diese basieren auf dem Prinzip, dass bestimmte grundlegende Eigenschaften von Objekten invariabel bestehen bleiben, während sich andere speziellere Parameter wie Größe oder Oberflächenform ändern können – wobei die Wiedererkennung des Objekts nach wie vor gewährleistet ist. Beispiele für topologische Transformationen sind etwa Kinderbilder, schematische Diagramme und Karikaturen.  

"Drawing systems", "extendedness" und anthropomorphe Plastik

Sonja Speck widmet sich in ihrem Projekt nun der Frage, ob bzw. wie sich die beschriebenen Kategorien, insbesondere die "drawing systems", auch für eine Untersuchung vormoderner Plastiken fruchtbar machen lassen – vor allem in Hinblick auf das Identifizieren von Konzepten. Als Beispiel präsentierte sie eine Frauenfigur, bei der sich Charakteristika wie der vergrößerte Unterkörper oder das einem Vogelschnabel ähnelnde Gesicht (vgl. Abb. 1) als topologische Transformationen beschreiben lassen können. Während historisierende Deutungsversuche wie medizinische Diagnostik des vergrößerten Gesäßes und Zuordnung eines solchen physischen Phänomens zu bestimmten Ethnien heute abzulehnen sind, eröffnet die kognitionsorientierte Betrachtung neue Horizonte: Ausgehend von der Annahme einer Fertigung der Plastik auf der Basis einer internen objektzentrierten Beschreibung und mittels topologischer Transformation (als ein "Werkzeug" aus dem Bereich der "drawing systems"), lässt sich postulieren, dass gerade in den Bereichen der "Verformung" nach hinter der Darstellung stehenden Konzepten zu suchen ist. Topologische Transformationen können also als eine Art Markierung von Konzepten fungieren.

Noch nicht ganz entschieden zeigte sich die Referentin in Bezug auf die Frage, ob auch "denotation systems" auf die Beschreibung von Plastiken angewendet werden können, zumal die grundlegende Situation für deren Anwendung im Willats’schen Sinne – die Umsetzung aus der Drei- in die Zweidimensionalität – bei der Anfertigung von Plastiken nicht gegeben ist. Dennoch kommen auch dort unterschiedliche Darstellungssysteme zum Einsatz.

Eine ebenfalls von Willats propagierte Klassifikation bestimmter Merkmale, die sich in jedem Fall gewinnbringend zur Anwendung bringen lässt, ist die sog. "extendedness". Sie bezieht sich auf Körper (Klumpen, Platten, Stäbe) und die Art ihrer Darstellung in zweidimensionalen Abbildungen (etwa als Kreis, längliche Region, Linie) sowie die Art und Weise, wie ein Betrachter einer Abbildung die abgebildeten Konturen, Silhouetten etc. wiederum als "ursprüngliche" dreidimensionale Formen rekonstruiert. Ähnlich wie sich hier mutmaßlich universale Deutungsmuster eruieren lassen (z.B. wird ein abgebildeter Kreis nicht primär als Frontalansicht eines Stabes identifiziert), scheint sich dies auch in den untersuchten Plastiken niederzuschlagen, denn diese zeigen tendenziell generische Ansichten von Menschen, die offenbar schnell erkannt werden sollten. Typische Merkmale sind beispielsweise die Frontalansicht und die Symmetrie der Körperhälften. Gerade erstere wird bei fast allen untersuchten Plastiken, aber auch im späteren ägyptischen Kunstkanon ausgesprochen konsequent eingehalten.

Die Wahl der Körperform bei einer Plastik und die mit ihr verbundene "extendedness" kann obendrein Aufschluss über dahinterstehende Konzepte, Teilkonzepte oder Konzeptgrenzen geben: Manche Figuren weisen z.B. eine erkennbare Untergliederung in Unter- und Oberkörper auf, während andere nur über einen stab- oder plattenförmigen Körper verfügen. An einem solchen lässt sich dementsprechend ein Konzept vom Körper als einer Einheit erschließen.

 

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