Montag, 17. Juli 2017

"Körper und die Medizin der Alten Welt" – 37. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin"

 
Am 1. und 2. Juli 2017 fand im Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Mainz das nunmehr 37. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises (IAK) "Alte Medizin" statt. Organisiert von Prof. Dr. Tanja Pommerening, Prof. Dr. Livia Prüll und in diesem Jahr auch Prof. Dr. Marietta Horster, fand die Tagung bereits zum zweiten Mal im neuen Format mit sowohl einer thematisch gebundenen Sektion (unter dem Titel "Körper und die Medizin der Alten Welt") als auch der Möglichkeit zur Präsentation offener Themen statt. Unter den Vortragenden war dabei auch das GRK durch unsere Kolleginnen Shahrzad Irannejad und Rebekka Pabst vertreten.

 

Körper und Medizin in der griechisch-römischen Antike


Nach der Begrüßung und Einführung in das Tagesthema durch die Organisatorinnen wurde das Treffen durch den Keynote-Vortrag von Prof. Dr. Philip van der Eijk (Berlin) eingeleitet. Unter dem Titel "Making Sense of the Body" beschäftigte er sich mit griechischen Vorstellungen über die Abläufe und Prozesse im Körper. Von den verschiedenen Methoden, Wissen in dieser Hinsicht zu erlangen – etwa Sektion, metaphorische Übertragung, Deutung körperlicher Zeichen – untersuchte van der Eijk vor allem die letztere: Bereits bei Hippokrates sind Listen für die Auslegung medizinischer Semiotika belegt.
Als spezielles Beispiel für ein solches Vorgehen präsentierte van der Eijk Galens Äußerungen über die Möglichkeit, durch bloße Berührung Aussagen über die Mischung der vier Qualitäten – heiß, kalt, trocken, nass – im menschlichen Körper zu erlangen. Das Konzept der Mischung ("krasis") tritt schon bei Hippokrates auf, wird von Galen jedoch deutlich ausgeweitet und zu einem Schlüsselkonzept seiner Lehre – vor allem erhält es durch die Möglichkeit des Erfühlens einen empirischen Zugang. Interessant sind dabei auch die außergewöhnlichen Fähigkeiten, die Galen dem menschlichen Tastsinn zuschreibt, etwa das mit ihm verknüpfte Erinnerungsvermögen.
 
Auch die weiteren Präsentationen des ersten Tages waren der griechischen Antike gewidmet: Dr. med. Malte Stoffregen (Berlin) verhandelte in seinem Vortrag "Zur Kenntnis operativer Geschlechtskorrekturen in der Medizin des Hellenismus" zwei Passagen des Diodorus Siculus aus moderner medizinischer Sicht und verglich die dort geschilderten Befunde und Maßnahmen mit ähnlichen Belegen in späteren Texten.
 
PD Dr. med. Mathias Witt, M.A. (München) stellte unter dem Titel "Die Zurichtung des Körpers – 'Organiké' und 'Organikoí': orthopädische Maschinen im antiken Alexandria" einen speziellen (von der allg. Chirurgie abgegrenzten) Zweig der antiken Chirurgie vor, der sich der Einrenkung von Knochen mit mechanischen Hilfsmitteln widmete. Im Fokus standen dabei die Beleglage zu diesem Gegenstand, die Einordnung der als "organikoí" bezeichneten Ärzte, sowie deren medizinische Praktiken und Geräte.
 
Der erste Konferenztag wurde beschlossen vom Vortrag Prof. Dr. Josef Neumanns (Halle), "Behinderte Götter und Menschen in der griechisch-archaischen Mythologie und Gesellschaft", mit Fokus auf den homerischen Figuren Hephaistos und Thersites, die vor dem Hintergrund der im griechischen Begriff "teras" kristallisierten Verbindung von Missbildung und Furcht vor Unheil als stigmatisierte, im Kreis ihrer Gesellschaft Zurückweisung und Hohn erfahrende Charaktere gedeutet wurden.

 

Der menschliche Körper aus verschiedenen kulturhistorischen Blickwinkeln betrachtet


Der zweite Konferenztag begann mit der Fortsetzung der Sektion zum Thema "Körper". Den Anfang machte unsere Kollegin aus dem Graduiertenkolleg, Shahrzad Irannejad, Pharm.D. (Mainz), die über den "Healthy body (as vessel for the soul) in the medieval Islamicate world" referierte. Als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung dienten Schriften des mittelalterlichen Gelehrten Avicenna (10. Jh.), dessen Auffassung nach der Körper, sofern gesund, der ihm innenwohnenden Seele zur endgültigen Perfektion verhelfen konnte. Avicenna bezieht sich jedoch u.a. auf antike Schriften, wie die des Aristoteles oder Hippokrates, sodass in seine Werke antike Ideen einflossen und sich mit der mittelalterlichen Denkweise mischten. Vor diesem Hintergrund diskutierte die Sprecherin die Frage, inwiefern diese beiden Vorstellungswelten miteinander in Konflikt standen, welche Definition von einem "gesunden Körper" jeweils zugrunde lag und wie Avicenna mit derartigen Spannungen umging.

Im Anschluss daran stellte Rebekka Pabst, B.A. (Mainz), die ab Oktober zur Gruppe der Kollegiat*innen unseres GRKs gehören wird, "Überlegungen zu den Konzepten von Fleisch (äg. jwf) als Heilmittel sowie als Metapher für den menschlichen Körper im Alten Ägypten" vor und präsentierte einen Teil der Ergebnisse ihrer kürzlich abgeschlossenen Masterarbeit (Abb. 1). Sie legte dar, dass das ägyptische Wort für Fleisch innerhalb der Textquellen in den verschiedensten Kontexten auftritt und sich dessen Bedeutung nicht nur auf tierisches Fleisch im Sinne von Nahrung beschränkt, sondern dass jwf auch den menschlichen oder den göttlichen Körper sowie Teile davon bezeichnen kann, und dass der Terminus darüber hinaus auch im Zusammenhang medizinischer Texte als Bestandteil von Rezepten zur Wundheilung auftritt. 

Mit medizinischen bzw. pharmakologischen Texten beschäftigte sich auch der letzte Vortrag innerhalb der Körper-Sektion: Dr. Petros Bouras-Vallianatos (London) referierte zu "Two late Byzantine collections of recipes: The cases of Nikephoros Blemmydes and Gregory Chioniades". Während die Schriften der beiden geistlichen Gelehrten sich inhaltlich doch deutlich unterschieden, so ist ihnen ein entscheidender Punkt gemeinsam: In ihren Rezepten erwähnen beide verschiedene heilende Substanzen, die aus dem asiatischen Raum stammen und zuvor im byzantinischen Raum unbekannt waren, wie Galgant oder Kampher. Anhand dieser Beispiele kann untersucht werden, welchen Einfluss andere Kulturen auf die byzantinischen pharmakologischen Arbeiten ausübten und welcher Stellenwert den neuen und "exotischen" Ingredienzen gegenüber den traditionellen Heilmitteln zukam.

Abb.1: Referentin Rebekka Pabst auf dem 37. Treffen des IAK "Alte Medizin" (Foto: M.-C. v. Lehsten).



Die Medizin der Alten Welt – Offene Themen


Nach einer kleinen Pause mit Kaffee und Gebäck folgte die nächste Sektion, die den "offenen Themen" gewidmet war und den Vortragenden somit mehr Raum in der Themenwahl bot. Zu Beginn referierte Dr. des. Frank Ursin, M.A. (Ulm) über "Gallensteine und Leberverstopfung in den medizinischen Fachschriften der Antike". Während durch archäologische Befunde belegt ist, dass Gallensteine kein alleiniges Übel unserer modernen Zeit sind – so litt bspw. bereits die berühmte Gletscher-Mumie "Ötzi" darunter – fehlen solche Belege für die Griechen und Römer völlig und auch in den textlichen Quellen gibt es bestenfalls zwei vage Hinweise. Entgegen der verbreiteten Forschungsmeinung, dass Griechen und Römer gar nicht unter Gallensteinen litten, argumentierte Ursin in seinem Beitrag, dass die Erkrankung möglicherweise lediglich anders benannt worden war.

Dr. Sophia Xenophontos (Glasgow) behandelte in ihrem Vortrag mit dem Titel "Philosophical protreptic in Galen's Exhortation to the Study of Medicine" ein in der Forschung bereits kontrovers diskutiertes Werk – spricht Galen im ersten, erhaltenen Teil doch von Kunst, während seine Ausführungen zur Medizin im zweiten Teil des Werkes heute verloren sind. Xenophontos betrachtete die Schrift aus einem neuen Blickwinkel und nutzte sie, um sich ein Bild von Galens Beziehung zu seinem Auditorium sowie von seinem Einfluss im Bereich der Protreptik zu machen.

Dr. med. dent. Siegwart Peters (Leichlingen) nahm schließlich noch die "Krankenversorgung außerhalb des römischen Militärs – Zivile valetudinaria" in den Blick. In Analogie zu den gut belegten und bereits untersuchten römischen Militärkrankenhäusern stellte Peters die Frage, ob ähnliche Einrichtungen nicht auch im zivilen Bereich zu erwarten wären. Im Anschluss an eine gründliche Analyse (in)schriftlicher Quellen, um zu einer möglichst genauen Begriffsdefinition von 'valetudinarium' zu gelangen, wurden auch archäologische Befunde hinzugezogen und Architekturgrundrisse (z.B. von villae rusticae oder sog. "Arzthäusern" wie dem in Pompeji) im Hinblick auf geeignete Raumeinheiten untersucht.

Den Abschluss des zweitägigen Arbeitskreistreffens bildete der Bericht "The Digital Corpus of Greek Medical Papyri: An appraisal" von Dr. Nicola Reggiani (Parma; stellvertretend auch für seine beiden Kolleginnen Dr. Isabella Bonati und Francesca Bertonazzi), der das DIGMEDTEXT-Projekt der Universität Parma vorstellte. Ziel des Projektes war es, eine digitale Sammlung der griechischen Papyri medizinischen Inhalts zu erstellen. Auf diese Weise steht nun ein rund 300 Texte umfassendes Korpus online zur Verfügung, welches durch die Verknüpfung mit der lexikographischen Ressource "Medicalia Online" neue Möglichkeiten der Forschung eröffnet und so unser Wissen über die antike Medizin erweitern kann.

 

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