Montag, 19. Dezember 2016

Vortrag von Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst – "Sie ziehen auf Kamelen in die Schlacht und werfen ihre Speere." Beja (Sudan) Identität und Kamelwirtschaft in historischer Perspektive

Ein Beitrag von Mirna Kjorveziroska.
 
Im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Kult, Kunst und Konsum – Tiere in alten Kulturen" hielt am 15. Dezember 2016 Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst (Universität zu Köln) einen Vortrag über die praktischen Funktionen und kulturellen Semantiken des Kamels bei den Beja, einer nordostafrikanischen Ethnie. Da die Afrikanistik im Fächerspektrum des Graduiertenkollegs nicht vertreten ist, sollte der Vortrag – wie auch der am 10. November 2016 veranstaltete Workshop mit Bechhaus-Gerst während ihres Aufenthalts als Gastwissenschaftlerin am GRK – die Auseinandersetzung mit der grundlegenden binären Chiffre "Spezifität–Universalität" intensivieren und die (Nicht-)Übertragbarkeit der im Graduiertenkolleg herausgearbeiteten Konzepte aufzeigen.
 

Historische und geographische Koordinaten der Beja

Die Beja bewohnen den Sudan, Teile von Eritrea und Ägypten, bzw. den Raum zwischen dem Nil und dem Roten Meer. Definierbar als eine ethnische Gruppe von 1,5 bis 2 Millionen Personen sind sie in erster Linie durch die gemeinsame, als kuschitisch zu klassifizierende Sprache, wobei meistens auch eine weitere Sprachkompetenz, nämlich Kenntnisse des Arabischen, vorauszusetzen ist. Im 6. Jahrhundert wurden sie christianisiert, im 15. Jahrhundert konvertierten sie zum Islam. Die "dezente Marginalisierung", die die Beja heutzutage erleiden, steht im Kontrast zu ihrer früheren politischen Einbindung: Sie waren durch ein Vasallenverhältnis mit großen weltgeschichtlichen Entitäten wie dem Römischen und später dem Byzantinischen Reich verbunden. Die historischen Informationen über die Beja basieren größtenteils auf Fremdquellen (zum Teil unter der antiken Bezeichnung "Blemmyer"), die die generelle, bei ihrer Auswertung stets zu bedenkende Tendenz aufweisen, die Beja-Beschreibungen als Projektionsfläche für diverse Imaginationen des Anderen zu instrumentalisieren, von dem es sich abzugrenzen gilt. Seit dem 5. Jahrhundert sind auch schriftliche Quellen der Beja selbst überliefert, allerdings handelt es sich dabei fast ausschließlich um diplomatische Korrespondenz auf Koptisch oder Griechisch. 
 

Ökonomische Aspekte: Kamelkarawanen

Versucht man, die Verbindung zwischen den Beja und den Kamelen zu datieren, wird man mit divergierenden Forschungsmeinungen konfrontiert, die sich auf eine grobe gemeinsame Aussage reduzieren lassen, dass die interessierende Verbindung um die Zeitenwende bereits vorhanden gewesen sein muss. Die Einführung des Kamels hat die Mobilität der Beja maximiert, sodass sie sich der weiten Wüste nunmehr bemächtigen konnten. Sie kontrollierten die dort befindlichen Smaragd- und Goldminen und indem die Kamele als Lasttiere den Transport der Kostbarkeiten ermöglichten, etablierte sich ein Karawanenhandel, der bis ins 19. Jahrhundert hinein als wichtigste Einnahmequelle für die Beja galt. Mathematisch waren die Karawanen folgendermaßen konfiguriert: Sie umfassten 500 bis 1500 Kamele, wobei je ein Mann für die Versorgung von vier Tieren verantwortlich war. Vor diesem Hintergrund wurden also die Kamele mit dem Wohlstand der Beja assoziiert – nicht zuletzt infolge der Kontiguität mit den Kostbarkeiten, mit denen man sie belud.
 

Gender-Aspekte: Konstruktion von Männlichkeit

Das Kriegertum der Beja stellte für ihre Gegner und Beobachter ein Faszinosum dar, für dessen ästhetische Artikulation das Gedicht Fuzzy Wuzzy von Rudyard Kipling als Paradigma fungiert. Als konstitutive Elemente des Bildes eines Beja-Kriegers wurden die Waffe, das Kamel und die wilden lockigen Haare aufgefasst. Die Reitkunst, die Geschicklichkeit im Umgang mit dem Kamel war als Demonstration von Männlichkeit kodiert; ferner wurde die Kamelmilch als Katalysator von physischen Qualitäten wie Stärke und Attraktivität des Helden mit dem männlichen Schönheitsideal in Korrelation gebracht. Wie genderexklusiv das Kamel konnotiert wurde, können auch einige den Frauen auferlegte Restriktionen bei den täglichen Praktiken illustrieren, etwa dass weiblichen Beja das Melken von Kamelen verboten war. Im Fall der Kamele erscheint die Gender-Logik hingegen invertiert – die weiblichen Tiere wurden infolge ihrer Rolle im Fortpflanzungsprozess aber auch als Reittiere höher geschätzt. Diese Privilegierung manifestiert sich auch darin, dass zur Bewirtung wichtiger Gäste, als ultimativer Gestus der Gastfreundschaft, ausschließlich männliche Kamele geschlachtet wurden, die allgemein weniger vielseitig genutzt werden konnten.
 
Die enge Verbindung zwischen dem Krieger und seinem Kamel lässt sich als Analogon der für die europäische Mediävistik überaus relevanten, in zahlreichen Texten exemplifizierten Relation zwischen dem Ritter und seinem Pferd interpretieren, wodurch ein im Graduiertenkolleg vertretenes Fach apostrophiert wird. Vor dem Hintergrund dieser Parallelisierung der beiden Konstellationen erscheint das Tier, das dem Helden in einer kulturellen Formation zugeordnet wird, als Variable, die sich unterschiedlich (um-)besetzen lässt. Es wird also eine Alternative, ein Substitut des den Mediävisten gut bekannten Pferdes präsentiert, das seine Rolle bei der Modellierung eines Heldenbildes zu übernehmen vermag – eine holzschnittartige Beobachtung, die weitergedacht werden soll, um nicht nur die funktionale Ähnlichkeit zu exponieren, sondern auch die Feintextur der Unterschiede zwischen dem Kamel und dem Pferd als Begleiter des Kämpfers herauszuarbeiten.
 

Sprachliche Aspekte: Zeit- und Raumangaben

Der Umgang mit Kamelen und deren Versorgung war für die Beja ein essentieller Bestandteil des Alltags, eine den Tagesablauf diktierende Routine und beeinflusste ihre Konzeptualisierung von Zeit und Raum. So hat sich ein differenzierter Set von Lexemen entwickelt, die den physiologischen Rhythmus der Kameltränkung als Strukturierungsinstrument des zeitlichen Kontinuums bzw. als Referenzpunkt für Zeitabschnitte postulieren, sodass es je eine separate Vokabel gibt, die etwa das Gehen zur Tränke, die Rückkehr von der Tränke, den ersten oder den zweiten Tag ohne Tränkung bezeichnet und somit als Zeitangabe funktioniert. Ähnlich lässt sich die linguistische Besonderheit beobachten, dass ein einziges Verb komplexe Sachverhalte der Fortbewegung ausdrückt bzw. den Modus und die Richtung der mit Kamelen immer wieder unternommenen Streifzüge lapidar expliziert: "den ganzen Tag in der Hitze reiten, ohne einen Schatten zu finden"; "westlich vom Roten Meer reiten"; "auf das Rote Meer zureiten" etc. Bemerkenswert sind also die starke Präsenz der Kamele im kognitiven Haushalt der Beja und die daraus resultierende linguistische Produktivität eines Tiers, das die Bildung zahlreicher Spezialtermini provoziert hat und ihrer Semantik in diversen Nuancierungen zugrunde liegt.

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