Dienstag, 13. Dezember 2016

Vernetzungstreffen Mainz-Heidelberg

Ein Beitrag von Dominik Berrens.

Das Graduiertenkolleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" möchte künftig enger mit dem Heidelberger SFB 933 "Materiale Textkulturen" zusammenarbeiten. Teilweise bestanden zwar bereits zuvor Kontakte zwischen einzelnen Mitgliedern beider Projekte (nicht zuletzt sind die Heidelberger Professoren Joachim Friedrich Quack und Stefan Maul Kooperationspartner des GRK), um aber die Möglichkeiten weiterer gemeinsamer Projekte auszuloten und um sich generell besser kennenzulernen, traf man sich in der Woche vom 05. bis 11.12.2016 gleich zweimal. 

Das GRK in Heidelberg

Am Montag, dem 05.12. machte sich daher eine recht große Delegation aus Mainz auf den Weg nach Heidelberg. Im Rahmen eines Kolloquiums konnte sich das GRK dort präsentieren. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik und die Organisation des GRK durch die Sprecherin Tanja Pommerening stellten die beiden Doktorandinnen Imke Fleuren und Stephanie Mühlenfeld erste Ergebnisse aus ihren Promotionsprojekten vor. In einem Tandemvortrag beschäftigten sich beide mit den Konzepten vom Panther in den jeweils von ihnen untersuchten Kulturen. Eindrucksvoll konnten sie so die Möglichkeiten, aber auch die Schwierigkeiten der interdisziplinären Forschung im Rahmen des GRK demonstrieren. Sie zeigten, dass im Alten Ägypten und im mittelalterlichen Europa durchaus Ähnlichkeiten in den Eigenschaften der Pantherkonzepte nachweisbar sind, was auf eine mögliche Universalität oder eine Tradierung solcher Eigenschaften hindeuten könnte. Größtenteils dürften die Konzepte jedoch kulturell spezifisch geprägt sein. Nach den Vorträgen und der anschließenden Diskussion konnten in zwangloser Runde in einem Heidelberger Café Kontakte geknüpft und mögliche Formen der Zusammenarbeit besprochen werden.

Die Mainzer Delegation in der Heidelberger Altstadt (Foto: Sonja Gerke).

Gegenbesuch in Mainz

Der Gegenbesuch der Heidelberger in Mainz fand am Donnerstag, dem 08.12. statt. Im Rahmen der Plenumssitzung des GRK präsentierte der Sprecher des Heidelberger SFB, der germanistische Mediävist Ludger Lieb, kurz das Forschungsprogramm und den Aufbau des SFB. In 22 wissenschaftlichen Teilprojekten und drei sogenannten Serviceprojekten werden nicht nur schrifttragende Artefakte wie Papyri, Ostraka, Inschriften, Amulette etc. untersucht, sondern auch sogenannte Metatexte. Darunter sind Texte zu verstehen, die nicht real existieren, sondern in anderen Texten erzählt oder beschrieben werden. Im Fokus der Untersuchungen stehen dabei die Fragen nach der Materialität der jeweiligen Textträger, aber auch nach der Rolle der schrifttragenden Artefakte in ihrer jeweiligen Kultur, nach ihrer Herstellung und Nutzung und nach ihrer Präsentation.

Anschließend stellten drei Teilprojekte ihre Fragestellungen und erste Ergebnisse vor. Den Anfang machte der Ägyptologe Joachim Friedrich Quack, der eine Einführung in das interdisziplinäre Teilprojekt (A03) zur Materialität und Präsenz magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter gab. Im Speziellen trug er dabei in Vertretung seiner erkrankten Doktorandin Carina Kühne erste Ergebnisse des ägyptologischen Unterprojekts (UP1) "Ächtungsfiguren und ihre Deponierung" vor. Dabei handelt es sich um figürliche Darstellungen, auf denen eine Feindesliste aufgeschrieben ist. Die genaue Gestaltung dieser Figuren veränderte sich im Laufe der Zeit und reicht von eher abstrakten Darstellungen im Alten Reich zu individuell ausgearbeiteten in jüngerer Zeit. Dieser Wandel in der figürlichen Darstellung geht mit dem der Aufschrift einher. So erhalten die abstrakteren Figuren des Alten Reiches ihre Individualität durch eine konkretere Benennung der Feinde im Text, während die detaillierter ausgearbeiteten Figuren aus jüngerer Zeit keine genaueren Beschreibungen in Textform benötigen.

Als nächstes präsentierte die Alttestamentlerin Friederike Schücking-Jungblut ihr Projekt (C02 UP2) mit dem Titel "Zwischen Literatur und Liturgie – Pragmatik und Rezeptionspraxis poetischer/liturgischer Schriften der judäischen Wüste". Mit ihrer Mitarbeiterin Anna Krauß untersucht sie die erhaltenen Schriftrollen etwa aus Qumran und versucht anhand verschiedener Faktoren (z. B. Format, Layout, Schreiberhände, Zusammenstellung der Texte etc.) Rückschlüsse auf ihre Verwendung zu gewinnen.

Als Beispiel zeigte Anna Krauß das kleine Fragment 4Q448, das vom Anfang einer Schriftrolle aus Leder stammt, deren Umfang jedoch nicht rekonstruiert werden kann. Interessanterweise sind darauf verschiedene Texte (ein Psalm sowie ein Text über König Jonathan Hammelech) erhalten, die auch von unterschiedlichen Händen verfasst wurden. Die genaue Verwendung und auch die Herkunft der Schriftrolle ist daher nicht sicher zu bestimmen und nach wie vor Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte.

Zuletzt stellte Ludger Lieb sein eigenes Teilprojekt (C05) vor, das den Titel "Inschriftlichkeit. Reflexionen materialer Textkultur in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts" trägt. Hierbei handelt es sich um ein Forschungsvorhaben, das sich nicht direkt mit schrifttragenden Artefakten beschäftigt, sondern mit den bereits erwähnten Metatexten, genauer mit Erzählungen über Inschriften oder Texte. Nach Herrn Liebs allgemeineren Ausführungen gab die Doktorandin Laura Velte Einblicke in die Methodik ihrer Dissertation. Sie reflektierte dabei den Begriff "Metatext" und stellte ihre Theorie zu metanarrativen Verfahren in der Literatur des Mittelalters dar.

Nach jedem Vortrag bot sich ausreichend Raum für anregende Diskussionen, die bei einem gemeinsamen Abendessen noch weiter geführt werden konnten. Sicherlich können auch künftig beide Projekte fruchtbar zusammenarbeiten und von ihrer jeweiligen Expertise in methodischer und inhaltlicher Hinsicht profitieren.

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