Samstag, 25. Juni 2016

Neuste Forschungen zur Interaktion von Zeit und Raum im alten Ägypten

Ein Beitrag von Simone Gerhards.

Vom 9. bis 11. Juni 2016 fand an der Université catholique de Louvain (Belgien) die internationale Konferenz "Temps et espace en Egypte ancienne – Time and Space in Ancient Egypt" statt. Die Organisatoren Prof. Claude Obsomer, Prof. Jean Winand und Gaëlle Chantrain boten ein reiches Spektrum an Vorträgen und Posterpräsentationen aus den Bereichen Linguistik, Philologie, Ikonographie und Religion. Diese dienten zum einem dazu, den aktuellen Stand der Dinge zum Thema "Zeit und Raum" wiederzugeben und zum anderen, neue und spannende Forschungsfragen zu diskutieren. Darunter befand sich auch das Poster über "Time and Space for sleeping" der Kollegiatin Simone Gerhards (und Autorin dieses Blogbeitrags). Der Fokus des Posters lag auf den Fragen, wann und wo geschlafen wurde. Auf Grundlage einer lexikologischen Auswertung von sechs ägyptischen Lexemen gaben Infografiken Aufschluss über die semantischen Verbindungen dieser Wörter zu bestimmten Orten und Zeiten. Interessant ist, dass nicht nur Angaben zu Schlafenszeiten und Schlafplätzen in schriftlichen Quellen existieren, sondern auch der Zeitpunkt des Schlafens selbst als Zeitreferenz dienen kann.

Abb. 1: Poster "Time and space for sleeping" von Simone Gerhards.
 

Zeit und Raum: abstrakte Konzepte und Alltagsempfinden

 
Um einen generellen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu geben, begannen Jean Winand und Gaelle Chantrain mit einer Einleitung zur Frage, was überhaupt als Zeit und Raum empfunden werde. Dabei wurden auch die unterschiedlichen Arten von kulturspezifischer "Zeit" angesprochen, die auch während der Konferenz immer wieder eine Rolle spielten: Zeit als lineare Größe, Zeit als zyklische Größe sowie Zeit eine Mischform aus beiden. Darüber hinaus bilden zwei Ebenen – Zeit als Ideologie (um z. B. Macht auszudrücken) und Zeit als Alltagswert (um z. B Verabredungen zu treffen), die Hauptachsen des Zeitempfindens. In den ägyptischen Erzählungen haben Zeit- und Raumerwähnungen beispielsweise oft die übergeordnete Aufgabe, die Geschichte inhaltlich zu strukturieren und dadurch Nähe oder Distanz zu einer Person oder einem Ort auszudrücken. Jean-Marie widmete sich bspw. semiotischen Überlegungen zum Raum-Zeit-Konzept. Er beschrieb Raum als eine Art abstraktes Konzept. Dabei spielen Farben, Formen oder die Textur des Raumes eine Rolle, aber auch Informationen, ob eine Tür offen oder geschlossen ist, könnten Empfindungen wie Freude oder Angst auslösen.

Zeit und Raum: Macht, Metapher und Materialisierung

 
Renata Langráfovás Vortrag eröffnete die erste Session des Tages. Sie berichtete von den Inschriften, die in der Grabkammer des Priesters Iuafaa in Abusir gefunden wurden und die weit über die "gewöhnlichen" Grabinschriften hinausgehen. Die Texte enthalten Rituale und Wissen über Aktivitäten, die Macht auf Erden sichern sollen. Für alle diese Aktivitäten sind bestimmte Zeit- und Ortsabgaben genannt, die nur in Verbindung mit ihrem jeweiligen Anbringungsort im Grab zu verstehen sind. Der anschließende Vortrag von Camilla Di-Biase-Dyson gab Einblicke in das spannende Gebiet der kognitiven Metapherntheorien. In Bezug auf die medizinischen Texte des alten Ägyptens eröffnet sich ein Forschungsfeld, das bisher noch wenig Beachtung gefunden hat. Maya Müller richtete in ihrem Beitrag den Blick auf den ikonographischen Bereich. Ihr Fokus lag dabei auf den technischen Darstellungstechniken von Raum und Zeit sowie deren Wandel im Laufe der ägyptischen geschichte. Der folgende Vortrag von Alicia Maravelia über "Of eternity, everlastingness & stars: notions of duration, time, spacce & the firmament in the Pyramide & Coffin Texts" drehte sich vorwiegend um die zuvor erwähnten linearen vs. zyklischen Zeitempfindungen und deren kosmische Repräsentation.

Zeit und Raum: Grenzen und Konstruktionen

 
Die dritte Session wurde von Christian Langer eröffnet, der über Ähnlichkeiten zwischen dem Konzept der "Grenze" im Neuen Reich und dem Konzept der "Grenze" im modernen Europa in Bezug auf militärische Legitimationen sprach. Woijciech Ejsmond stellte in seinem Vortrag über "Construction of Sacred Space in Predynastic and Early Dynastic Period" die Frage, nach welchen Gesichtspunkten heilige Orte für z. B. den Tempelbau ausgewählt wurden. Seiner Meinung nach, sind vorwiegend drei Punkte anzuführen: eine Verbindung zum Kosmos, eine Anspielung auf die Schöpfung und das generelle Mysterium ("mystery") des Ortes; letztgenannter Punkt wurde in der anschließenden Diskussion ausführlich erörtert. Den Abschluss des ersten Tages bildete der Festvortrag von Claude Obsomer über die Schlacht von Qadesch: "la bataille de Qadech: n’arin, sekou tepy et questions d’intinéraires".

Zeit und Raum: Werkzeug zur Legitimation und Propaganda

 
Der zweite Tag begann mit der vierten Session zur Wahrnehmung von Zeit und Raum in schriftlichen Quellen. André Patricio startete mit einem Vortrag über "The manipulation of linear time and the importance of mythological time. A tool for legitimacy of pharaohs in Ancient Egypt", in dem er über die Bedeutung von Linearität in ägyptischen Königslisten sprach. Anschließend berichtete Laura Parys in "La conception du temps dans le conte du Papyrus Westcar", dass die jeweilige Verwendung einer der drei Zeitstufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Erzählung des Papyrus Westcar der königlichen Legitimation der 5. Dynastie gedient haben könnte. 

Zeit und Raum: Der linguistische Blick 

 
Die fünfte Session war ganz der linguistischen Sichtweise auf Zeit und Raum gewidmet. Zunächst stellte Maxim Kupreyev in seinem Vortrag über "Modelling time as space in the interrogative patters of Late Egyptian: pro et contra" zum Erstaunen der meisten Zuhörer fest, dass es im ägyptischen Vokabular kein direktes sprachliches Pendant zur Frage "Wann" (um den Zeitpunkt eines Ereignisses auszudrücken) gibt. Elise-Sophia Lincke richtete danach in ihrer Präsentation den Fokus auf das Koptische und dessen verbale Ausdrucksweisen für die Deixis (Bezugspunkt auf Personen, Zeit und Raum im Kontext). Dies erläuterte sie am Beispiel der koptischen Verben für "kommen" und "gehen".

Zeit und Raum: real, fiktiv und unterweltlich 

 
Die sechste Session wurde von Anthony Spalinger begonnen, der seine neuesten Ideen in Bezug auf die genannten Namen der Monatstage in Medinet Habu präsentierte. Nikolas Lazaridis diskutierte die Erwähnungen von Privatsphäre in den ägyptischen Erzählungen, wobei er unter anderem das Schlafen und das Schlafzimmer als einen derartigen "privaten Raum" ausmachen konnte. Erstmals dem Demotischen widmete sich Lawrence Xu-Nan in seinem Vortrag über "While all these happenned – The use of introducery phrases as indicators fort he movement of time and space in Demotic narrative", der die Einleitungsphrasen in demotischen Erzählungen in Bezug auf deren Funktion und Zeitbezug analysierte. Daniel Werning referierte anschließend in der siebten Session über die sequenziellen Zeit- und Raumrepräsentationen in den Unterweltsbüchern des Neuen Reichs. Erneut der Frage nach linearem und zyklischem Zeitempfinden stellte Christian Cannuyer, der die ägyptischen Begriffe ḏ.t bzw. nḥḥ und ihre koptischen Entsprechungen diskutierte. In der achten Session sprach Renata Schiavo über die räumliche und zeitliche Verbindung von Lebenden und Toten in der Unterwelt. Den zweiten Tag beendete Benoît Lursons Präsentation über "Espace de la représentation et temps de sa perception. Le temple égyptien du Novel Empire: un champ d’étude pour la sémiotique cognitive".

Zeit und Raum: von Worten zu Taten

 
Auch am letzten Tag wurde noch einmal ein breites Spektrum an Themen abdeckt. So waren weitere Vorträge zu deiktischen Wörtern in Bezug auf Zeit und Raum von Mohsen El-Toukhy und Daniel Potter im Programm verankert. Des Weiteren berichteten Marianne Michel über die Zeit und Raumwahrnehmungen während des ersten Feldzugs von Thutmosis III oder auch Anette Schomberg über die Zeitmessung in Form von Wasseruhren (auch Klepsydra genannt).

Insgesamt bot die Konferenz interessante Vorträge, die zum mit- und nachdenken angeregt und das Themengebiet Zeit und Raum im alten Ägypten aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet haben.

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