Donnerstag, 21. Januar 2016

Von Hirten und Imkern - Plenumssitzung 14.01.2016

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling.
 
Der Tandemvortrag in der Plenumssitzung vom 14.01.2016 wurde von Sonja Gerke und Dominik Berrens bestritten. Die übergreifende Fragestellung des Verhältnisses von Mensch und Tier untersuchten die beiden anhand zweier Berufsgruppen, die sich der Hege von Tieren widmen: Dem Hirten und dem Imker.
 

Schäfer oder Cowboy? Der Hirte im alten Ägypten

 
Frau Gerke begann dabei mit ihrem Vortrag über den Hirten im alten Ägypten. Sie umriss zunächst kurz, welche Veränderungen ihr Dissertationsthema mittlerweile durchlaufen hat, die unter anderem darauf fußten, dass es im altägyptischen Verständnis keinen Wissenschafts- oder Zoologie-Begriff im heutigen Sinne gibt. Sie kam zu dem Ergebnis, ihre Arbeit auf das personenbezogene Wissen vom Tier zu beschränken, und zwar am Beispiel eines Berufes, der wohl für das landwirtschaftlich geprägte Land Ägypten am typischsten gelten kann: der Hirte (äg. mnjw oder nr). Die zentralen Punkte  der Dissertation von Frau Gerke sind nun:

1.
Lexikographische Untersuchung und ikonographische Identifizierung der beiden Bezeichnungen mnjw und nr
2. Herausarbeitung von Tätigkeitsfeldern und Organisation des Berufes, sowie die unterschiedlichen Arten von Hirten (je nach gehütetem Tier)
3. Wie äußerte sich das Wissen dieser Personengruppe(n) und was beinhaltete es?
4. Rezeption und Bewertung des Berufes sowie die übertragene Bedeutungskomponente (Stichwort "guter Hirte")
5. Welche anderen Personen oder Ämter waren mit der Hege von Tieren betraut?

Dabei muss beachtet werden, wie Frau Gerke sehr anschaulich anhand eines Prototypenmodells zeigte, dass auch in diesem vermeintlich trivialen Begriff zahlreiche moderne Vorstellungen enthalten sind, die man für ein emisches Verständnis des Berufes im alten Ägypten nicht voraussetzen darf. So scheint sich im christlich geprägten Mitteleuropa insbesondere der Schäfer als "prototypischer" Hirte darzustellen, während es in Nordamerika vielleicht der Cowboy wäre; dies hängt selbstverständlich mit den im jeweiligen Naturraum und Kulturkreis genutzten Tieren, aber auch mit der Rezeption des Berufsbildes zusammen (vgl. den Schafhirten auch als Sinnbild des christlichen Gottes, während sich mit dem Cowboy Assoziationen von Freiheit und Abenteuer verknüpfen). Um jegliche falsche Verbindungen zu vermeiden, schlägt Frau Gerke nun die neutralere Übersetzung "Tierhüter" vor.

Anhand dreier Beispiele aus dem Bereich der Grabikonographie vermittelte Frau Gerke einen Einblick in ihre Arbeit und mit welchen Herausforderungen sie sich dabei konfrontiert sieht. Zunächst zeigte sie eine Darstellung von Personen, die Mastrinder vor den Grabherren führen und durch die Beischrift mnjw eindeutig als Hirten bzw. Tierhüter identifiziert werden können. Dies ist leider eher selten der Fall, besonders in der Zeit nach dem Alten Reich. Ohne die Beischrift ergäbe sich kein gemeinsames Merkmal (wie Kleidung oder Körperhaltung), das sie als Hirten auswiese – anders als bei unserem recht stereotypen Bild des heutigen Schäfers, der stets mit den Attributen Hut, Stock, Mantel und häufig einem Hund ausgestattet ist. Das zweite Beispiel behandelte das Geleit einer Rinderherde durch eine Furt, die auch "Krokodilspassage" genannt wird, da im Wasser die gefährlich lauernden Reptilien abgebildet sind. Auf diese bezieht sich wohl auch eine etwas rätselhafte, früher als Zauberspruch gedeutete Beischrift der Szene, die nach Frau Gerke vor den zwischen Wasserpflanzen verborgenen Krokodilen warnt. In der Rede wird ein spezielles Wissen der Hirten ersichtlich, mit dieser bedrohlichen Situation umzugehen und die ihnen anvertraute Herde zu beschützen. Als letztes ging Frau Gerke auf den Topos des Pharao als "guter Hirte" ein, der uns auch aus der christlichen Metaphorik bekannt ist und vermeintlich bereits auf das Alte Reich zurückgeht. Sie zeigte jedoch, dass sich das Bild des Herrschers als Hüter "seiner Schäfchen", also seines Volkes, erst im Neuen Reich entwickelt, und ebenso für den Sonnengott als wohlwollender Bewahrer seiner eigenen Schöpfung Verwendung findet.
 

Von Honigjägern und Bienenhirten – Der Imker in der klassischen Antike

 
Dominik Berrens, dessen Dissertationsvorhaben eigentlich Insekten in der Antike, d. h. das Tier selbst und nicht so sehr den damit verbundenen Beruf behandelt, hat sich für diesen Vortrag dennoch mit den über den Imker (griech. μελιττουργός, lat. mellarius; apiarius) bekannten Textstellen befasst und diese vorgestellt. Doch auch eine Abbildung durfte zur Veranschaulichung nicht fehlen: Die Darstellung auf einer Amphore aus Vulci, die wahrscheinlich das sogenannte Zeideln darstellt (von lat. excidere – herausschneiden), die früheste Form der Honig- und Wachsgewinnung, bei dem auch als Honigjäger bezeichnete Personen einem wilden Bienenstamm die Waben entnehmen. Dies war keine sonderlich effektive Herangehensweise, zum einen, da das Nest dadurch zerstört wird, zum anderen, da die "Jäger" sicherlich zahlreiche Stiche davongetragen haben dürften. Schon in der Illias wird ein Bienenstock genannt, dem sich Jäger (ἄνδρες θηρητῆρες) nähern, also möglicherweise ein Verweis auf das Zeideln. Homer erwähnt dies freilich nur in einem Vergleich mit einem Volksstamm, ebenso wie es bei Apollonius von Rhodos in seinen Argonautika der Fall ist. Hier werden die Bebryker mit Bienen verglichen, die vom Imker ausgeräuchert werden. Da die Imker in der Antike als sehr friedfertig galten, sollten die Bienen offenbar besonders feige erscheinen – und mit ihnen natürlich die Bebryker. Als bemerkenswert stellte Herr Berrens auch die Verwendung des Wortes pastor "Hirte" für den Imker bei Statius und Varro dar. Hier lässt sich eine Verbindung zu Frau Gerkes Vortrag ziehen, und auch wenn sich das Tätigkeitsbild selbstverständlich anders darstellt, ist die wörtliche Bedeutung des Hirten als "der zur Herde gehörige" auch für denjenigen, der sich um ein Bienenvolk kümmert, nicht gänzlich unpassend. Zudem wird das Sammeln des Blütenpollens bisweilen auch mit dem Wort pasci "weiden" bezeichnet. Mehrere Textstellen stellen die Bienenzucht als (gute) Verdienstmöglichkeit dar, die oftmals von älteren Männern betrieben wird und umfangreiche Aufgaben beinhaltete. Für Verwunderung (und Diskussion im Plenum) sorgte die Aussage in Plinius' Naturalis historiae, dass ein Konsul zur Beobachtung eines Bienenschwarms einen durchsichtigen Stock habe herstellen lassen. Interessant war schließlich noch die Erwähnung des "phrygischen Erzes" in Lucans Bellum Civile, die die Bienen von ihrer Flucht abhielte; dies lässt sich mit einer noch bis ins 19. Jh. hinein üblichen Methode verbinden, die Tiere mit dem Schlagen eines Beckens zurück in den Stock zu rufen (Abb. 1). Das Wissen der Imker wird in den Quellen meist unter Berufung auf schriftliche Quellen dargelegt, von denen aber keine erhalten sind. All dies zeigt jedoch, dass ein Diskurs über diese teils als zahm und furchtsam, teils als wehrhaft und wild beschriebenen Insekten und ihrer Haltung in der klassischen Antike bestand. Plinius präsentiert sie gar als "um der Menschen willen geschaffen (hominum causa genitis)" (Nat. hist. 11,11). 


Abb. 1: Universus status, ἢ λαοκρατία  Johannes Sambucus, Emblemata cum aliquot nummis antiqui operis, Antwerpen 1565. (Bildquelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Scrin. A/571, S. 20.) 

Sonja Gerke fasste abschließend zusammen, dass sich in beiden Fällen die Begrifflichkeiten "Hirte" oder "Imker" nicht ohne Weiteres mit dem heute innewohnenden Verständnis gleichsetzen lasse und es zudem nicht leicht sei, das sicherlich vorhandene Fachwissen aus den Quellen zu erschließen. Ob hierfür die Quellen fehlten oder es sich um ein mündlich weitergegebenes, möglicherweise als trivial erachtetes Wissen handelte, oder eine Kombination aus beidem, kann nicht festgestellt werden. 

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