Mittwoch, 12. November 2014

Vortrag von Prof. Dr. Andrew R. George – The creation of the world in ancient Mesopotamia and the human condition

Ein Beitrag von Tim Brandes.
 
Am 6. November 2014 begann die erste Ringvorlesung des Graduiertenkollegs 1876, die sich mit verschiedenen Fragestellungen und Konzepten rund um die Thematik von Weltentstehung und Weltuntergang von der Antike bis ins Mittelalter beschäftigt.

Eröffnet wurde die Ringvorlesung von Prof. Dr. Andrew R.George (SOAS, University of London) mit dem Vortrag "The creation of the world in ancient Mesopotamia and the human condition", in dem er den Konzepten von Weltentstehung anhand des babylonischen Textes enūma eliš nachging.
 

Das enūma eliš als Literaturwerk

 
Das enūma eliš ist eines der wichtigsten Werke der babylonischen Literatur, denn es ist das Anliegen des Textes, den Aufstieg des babylonischen Hauptgottes Marduk zum König der Götter zu demonstrieren.

So ging Prof. George zu Beginn seines Vortrages erst einmal auf die Entstehung und Funktion des enūma eliš ein.

Demzufolge war der Text zum Zeitpunkt seiner Niederschrift wahrscheinlich schon sehr alt und setzte sich aus älteren Mythen zusammen. In der Schreiberkultur Mesopotamiens zeigt sich die Popularität des Textes daran, dass er sehr oft, im Rahmen der Laufbahn eines Schreibers, kopiert wurde.

Prof. Dr. George betonte zudem, dass es sich beim enūma eliš nicht um eine Schöpfungsgeschichte handelt, dennoch die im Kontext der Ringvorlesung interessanten Schöpfungsvorstellungen Babyloniens thematisiert werden.
 

Die Vorzeit vor der Schöpfung

 
Die ersten Zeilen des Textes berichten von der Zeit vor der Schöpfung, als Himmel und Erde noch nicht benannt waren: dem gemäß existierten zwei Urwesen, Apsû (Trinkwasser; männlich) und Tiāmat (See, weiblich). Aus diesen Wassern entstanden der Himmel und die Erde als erste kosmische Strukturen – das Potential für die spätere durch den Gott Marduk vorgenommene Schöpfung und Ordnung.
 
Danach entstanden die ersten Wesenheiten: Zunächst namentlich Lahmu und Lahamu, auf die im Anschluss Anšar und Kišar (Himmel und Erde) folgten. Als Sohn des Anšar und Kišar entstand der Himmelsgott Anu.

Prof. George machte darauf aufmerksam, dass die Entstehungsberichte im enūma eliš bis zu diesem Zeitpunkt in Form passiver Kreation abliefen; Anu jedoch erschafft als Erster in einem Vorgang aktiver Schöpfung seinen Sohn Nudimmud.

Prof. George zeigte an dieser Stelle auch auf, dass die Kosmogonie im enūma eliš zwei Entwicklungen zeigt: Zunächst entstehen aus den Urwassern die ersten Kreaturen und Urgötter und in einem zweiten Schritt dann die Götter ab Anu, die von den Menschen des Alten Orients mit einem Kult bedacht und verehrt wurden. Die Schritte stellen sich wiederum durch einen Übergang von passiver zu aktiver Schöpfung dar.
 

Schöpfung im enūma eliš

 
Mit der aktiv gezeugten Göttergeneration um Nudimmud beginnt auch die für den Aufstieg des Marduk maßgebliche Handlung. Die Urwasser-Gottheit Apsû fühlt sich durch die jüngeren Götter gestört. Er plant daraufhin die Vernichtung eben jener Götter. Nudimmud vereitelt dies, indem er Apsû tötet. Die Tötung der ersten Urgottheit Apsû leitet gleichzeitig die Schöpfung der ersten soliden Struktur des Kosmos ein: Nudimmud erschafft seine Wohnstatt, nach der zuvor getöteten Urgottheit ebenfalls Apsû genannt.

Im Folgenden zeugt Nudiummud seinen Sohn Marduk, den wichtigsten Gott des babylonischen Pantheons und Protagonisten des enūma eliš. Dieser stört – die Winde wehen lassend –­  die zweite Urwasser-Gottheit Tiāmat auf. Wie schon Apsû, fasst daraufhin auch Tiāmat den Entschluss die Götter zu vernichten. Marduk bietet den Göttern daraufhin an, gegen Tiāmat zu ziehen, allerdings nur im Austausch für das Königtum. Nachdem die Götter dem Angebot Marduks zugestimmt hatten, tötet Marduk Tiāmat.

Auch der Tod Tiāmats läutet eine zweite, umfassende Phase der Schöpfung ein, dieses Mal durch Marduk. Dieser zweite große Schöpfungsbericht hat dem enūma eliš in der älteren Forschungsliteratur auch den Namen Weltschöpfungsepos eingebracht, denn Marduk erschafft aus Tiāmats Leichnam den uns bekannten Kosmos.

Im enūma eliš finden sich bis zu diesem Punkt also zwei Schilderungen der Schöpfung:
1) Nudimmud kreiert mit seiner Wohnstatt Apsû die erste solide, kosmische Struktur.
2) Marduk erschafft aus Tiāmats Leichnam den Kosmos.

Im weiteren Verlauf des Textes findet schließlich auch die Erschaffung des Menschen ihre Erwähnung.
 

Vorläufer zu enūma eliš

 
Zu Beginn seines Vortrages machte Prof. George bereits deutlich, dass das enūma eliš voraussichtlich aus mehreren Vorgängern zusammengesetzt worden war. So ist es auch nicht verwunderlich, dass hinsichtlich der Konzepte von Schöpfung verschiedene Ansätze aus dem Alten Orient bekannt sind.

Anhand der Schöpfungsvorstellungen von Himmel und Erde stellte Prof. George Beispiele für die unterschiedlichen Konzepte von Weltentstehung vom 3. bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. dar. So zeigt eine weit verbreitete Vorstellung des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr., dass am Anfang Himmel und Erde existierten, aber von der Gottheit Enlil erst noch voneinander getrennt werden mussten.
 

Weltende

 
Neben den Konzepten der Weltentstehung widmet sich die Ringvorlesung auch den Konzepten des Weltendes. Prof. George erklärte, dass sich im Alten Orient keine Vorstellungen einer Apokalypse finden lassen, denn aus mesopotamischer Sicht ist diese in Form der Sintflut bereits in der Vergangenheit geschehen.

So heißt es in einem spätbabylonischen Zusatz zum sog. Atram-Hasis-Mythos (auch bekannt als die babylonische Sintfluterzählung), dass es künftig keine alles vernichtende Flut mehr geben soll und die Menschheit auf ewig bestehen möge.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen