Montag, 13. Oktober 2014

Workshop "Writings of Early Scholars"

Ein Beitrag von Dominik Berrens.
 
Bereits im Januar wurde in diesem Blog ein Beitrag zum 2. Treffen des internationalen Workshops "Writings of Early Scholars" veröffentlicht. Das dritte und letzte Treffen fand am 3. und 4. Oktober 2014 am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg v.d. Höhe statt. Zweck dieses Treffens war die Präsentation und Diskussion der einzelnen Beiträge des geplanten Methodenbuches zur emischen Übersetzung vormoderner wissenschaftlicher Texte. Veranstaltet wurde der Workshop von Annette Warner (geb. Imhausen) und Tanja Pommerening, die auch als Herausgeberinnen des geplanten Buches fungieren. Dieses soll voraussichtlich den Titel "Translating Writings of Early Scholars in the ancient Near East, Egypt, Greece and Rome – Methodological Aspects with Examples" tragen. Die Kapitel werden von internationalen Experten auf ihrem jeweiligen Gebieten verfasst, wozu auch zwei Professoren aus dem Trägerkreis des Graduiertenkollegs gehören. Die Übersetzung ägyptischer heilkundlicher Texte wird von Frau Pommerening behandelt, das griechische Pendant von Herrn Althoff. Als zusätzliche Diskutanten aus dem Graduiertenkolleg nahmen Nadine Gräßler und Dominik Berrens an dem Workshop teil.
 
Eine detaillierte Besprechung des Inhalts der einzelnen Buchbeiträge und deren Diskussion verbietet sich an dieser Stelle, da das Buch zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert worden ist. Stattdessen soll reflektiert werden, inwieweit sich die auf dem Workshop gewonnenen Erkenntnisse und die dort entwickelten Methoden für das eigene Dissertationsprojekt fruchtbar machen lassen.
 

Warum übersetzen?


Für einen Altphilologen, der zu einem naturkundlichen Thema arbeitet, stellt sich zunächst einmal die Frage, ob man überhaupt eine Übersetzung der zitierten Quellen anfertigen möchte. Während dies in den Philologien anderer alter Sprachen selbstverständlich ist, finden sich gerade in der deutschsprachigen Forschung viele gräzistische und latinistische Arbeiten ohne Übersetzung. Der Verzicht auf eine Übersetzung spart natürlich zum einen Zeit, zum anderen ist eine Übersetzung immer auch eine Interpretation. Durch die Übersetzung geht stets ein Teil der Information des Ausgangstextes verloren, weil etwa Satzstrukturen und Wortbedeutungen in den antiken Texten oft mehrdeutiger sind als dies in den modernen Sprachen der Fall ist. Auch bestimmte Sprachbilder, Metaphern und Wortspiele lassen sich oft nur schwer in der Übersetzung nachahmen. Die Übersetzung ist also meist spezifischer in ihrer Bedeutung als der Ausgangstext, weil sie Nebenbedeutungen, Anspielungen und Bedeutungsnuancen ausblendet.
 
Gerade dies kann aber auch zu einem Vorteil genutzt werden. Indem man durch eine Übersetzung Rechenschaft darüber ablegt, wie man eine bestimmte Quelle versteht, erleichtert man dem Rezipienten das Nachvollziehen der Schlussfolgerungen und Interpretationen, die aus dem antiken Text erwachsen. Gleichzeitig erfordert das Erstellen einer guten Übersetzung, den Wortlaut der Quelle genau zu beachten und dabei die verschiedenen Bedeutungsnuancen der Wörter, die syntaktische Einbettung von Partizipialkonstruktionen usw. zu durchdenken. Diesen Entscheidungsprozess für oder gegen eine bestimmte Übersetzung eines Ausdrucks sollte man für den Leser transparent machen, z.B. in einer kurzen Anmerkung oder einem Kommentar. Auf diese Weise lässt sich der gravierende Nachteil einer Übersetzung, der Verlust eines Teiles der Information, zumindest ein wenig ausgleichen.
 
Nicht zuletzt ermöglicht man durch die Übersetzung der Quellen seiner Arbeit eine größere Reichweite, da nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass alle Wissenschaftler ausreichend Latein- bzw. Griechischkenntnisse besitzen, um einen naturkundlichen Text zu verstehen. Zumal diese Texte oftmals gerade in Bezug auf die Lexik weit über die Anforderungen des Latinums bzw. Graecums hinausgehen. Ohne eine Übersetzung seiner Quellen zu bieten, beschränkt man seinen Leserkreis daher hauptsächlich auf Altphilologen. Ein interdisziplinäres Arbeiten mit Wissenschafts- und Medizinhistorikern, Naturwissenschaftlern, Archäologen oder Philologen benachbarter Kulturen, wie es vor allem für die Erforschung naturkundlicher Texte unerlässlich ist, wird ohne Übersetzungen erheblich erschwert.
 

Wie übersetzen?


Hat man sich nun für eine Übersetzung seiner Quellen entschieden, stellt sich die Frage, wie man übersetzen sollte. Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass eine eigene Übersetzung einer übernommenen vorzuziehen ist. Denn in diesem Falle kann man sein eigenes Verständnis der Quelle für den Leser leichter nachvollziehbar machen. Beim Übersetzen sollte man daher in erster Linie an seinen intendierten Leserkreis denken. So kann eine sehr textnahe oder, wenn man so will, emische Übersetzung dem Leser einen guten Eindruck vermitteln, wie ein Text auf seine ursprünglichen Rezipienten wirkte. Allerdings kann eine solche Übersetzung einem fachfremden Publikum große Schwierigkeiten bereiten. Bestimmte Bilder und Vorstellungen, die einem Menschen, der mit griechischen und lateinischen Texten vertraut ist, nachvollziehbar erscheinen, können für andere unverständlich bleiben, weil die antike Vorstellung und Diktion der modernen zu fremd ist. In der Regel bedarf eine textnahe oder emische Übersetzung vieler Erläuterungen, wenn sie für ein fachfremdes Publikum nutzbar gemacht werden soll, was aber nicht in jedem Falle praktikabel ist. Nicht zuletzt büßen auch sehr textnahe Übersetzungen meist etwas von der Ästhetik ein, die den ursprünglichen Texten zu eigen ist. Elegante griechische oder lateinische Konstruktionen klingen – bei allzu wörtlicher Übertragung – in modernen Sprachen oft nicht besonders schön. Unter Umständen kann also eine etwas freiere Übersetzung sinnvoller sein. Naturkundliches Wissen wurde in der Klassischen Antike nicht selten auch in poetischer Form, etwa in Lehrgedichten, weitergegeben. Hier gilt es ebenfalls abzuwägen, ob man einen Eindruck von der Ästhetik des Textes oder aber des Inhalts geben möchte. Beides zugleich ist wohl meist kaum zu erreichen, sodass man in ersterem Falle an eine metrische Übersetzung denken könnte, in letzterem an eine Übersetzung in Prosa. Man sollte die Gestaltung der Übersetzung also von Aussageabsicht und intendiertem Publikum abhängig machen.
 
 
Man sollte diesen Text nicht als Leitfaden für ein gutes Übersetzen, sondern als einen subjektiven Beitrag zu einer Diskussion über dieses Thema verstehen, die in diesem Blog weitergeführt werden kann.

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