Dienstag, 22. Juli 2014

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Christine Walde (Universität Mainz) – Versuch über den fremden Schlaf. Am Beispiel der griechisch-römischen Antike

Ein Beitrag von Simone Gerhards.

Am 16. Juli 2014 begrüßte das Graduiertenkolleg 1876 Frau Prof. Dr. Walde, Inhaberin des Lehrstuhls für klassische Philologie/Latinistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Inspiriert von ihrem Forschungsschwerpunkt "Traum und Traumdeutung in der Antike", widmet sich Frau Prof. Dr. Walde nun auch dem spannenden Gebiet des Schlafes. Von kultursoziologischen Überlegungen ausgehend, möchte sie das Schlafverhalten der Menschen in der griechisch-römischen Zeit rekonstruieren.

Domestizierung des Schlafes: kulturelle Prägung vs. feststehende Natürlichkeit


Angeregt von A. Roger Ekirchs Theorie eines "geteilten Schlafes", stellt auch Frau Prof. Dr. Walde die Frage, ob der "natürliche" Schlaf in der griechisch-römischen Zeit nicht nur während einer einzelnen ca. acht Stunden dauernden Schlafphase stattfand, sondern ob er von mehrstündigen Wachphasen durchbrochen war. A. Roger Ekirch, Historiker der Virginia Tech University in Blacksburg, stellte 2001 die vieldiskutierte Theorie auf, dass unser heutiges Schlafverhalten in einem Block von acht und mehr Stunden als nicht natürlich anzusehen sei, sondern erst durch die industrielle Revolution und dem mit ihr einhergehenden künstlichen Licht konstruiert wurde. Er führt in seinem Buch zahlreiche Textstellen auf, die er als Beleg dafür ansieht, dass das "natürliche" Schlafpensum eines Menschen in zwei einzelnen Segmenten (first/second sleep) zu je ca. vier Stunden eingeholt wurde [Fn. 1]. Auch Frau Prof. Dr. Walde vermutet, dass ein konstruierter Tag- und Nachtschlaf, der von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang reichte, in der Antike so nicht existiert hat. Dieser Punkt wurde in der anschließenden Fachdiskussion gründlich erörtert, wobei verschiedene medizinische Theorien zum gesunden Schlafpensum diskutiert wurden. Der Schlaf gilt daher seit jeher als Gegenstand normativer Bedeutung, der einer kulturellen Prägung unterliegt.


Wahrnehmung der Nacht: Angst und Morallosigkeit vs. Musenreichtum und Regeneration


Bereits Platon erkannte, dass der Schlaf als solcher zur Regeneration notwendig sei, man sich jedoch in der Dauer selbst disziplinieren sollte. Die Nacht und die Zeit der Dunkelheit wurde während der Antike ganz unterschiedlich wahrgenommen, so konnte sie einerseits Zeit der Angst und Wehrlosigkeit sein, z. B. bei einem Überfall, aber auch Zeit der "schlaflosen" Dichter und Astrologen, die nachts ihre einmaligen Ideen entfalteten. Caesar soll beispielsweise seinen Soldaten bei Kriegszügen in Gallien befohlen haben, auch nachts anzugreifen, um den Gegner dadurch zu überraschen. Dies bedeutete für seine Soldaten neben den psychischen Anstrengungen eines Kriegszugs auch gleichzeitig einen belastenden Schlafentzug.


Gestaltung des Schlafraumes: alle in einem vs. einer in jedem


Über die tatsächliche Gestaltung und Architektur von Schlafräumen aus der Antike gibt es, gemäß den Ausführungen von Frau Walde, so gut wie kein gesichertes Textwissen. Nur wenige autobiographische Textzeugen erlauben einen direkten Blick in das intime Schlafgemach und dessen Aussehen. Indirekt mehr über die Schlaf- und Wohnkultur kann man beispielsweise durch Zeugenaussagen und Gerichtsakten erfahren – wie der tragische Fall von Euphiletos und seiner Frau zeigt. Nachdem dieser erfuhr, dass seine Frau einen heimlichen Geliebten namens Eratosthenes hatte, ermordete Euphiletos ihn in einer Nacht, als der Liebhaber wieder bei seiner Frau im Zimmer war. Aus Euphiletos Zeugenaussage erfahren wir, dass seine Frau, die normalerweise im oberen Stockwerk schlief, mit ihrem Mann, der im unteren Stockwerk schlief, das Schlafgemach tauschte. Er erzählte weiter, dass er nicht misstrauisch wurde, als er mit seiner Frau das Schlafzimmer wechselte, damit sie unten bei dem gemeinsamen Kind schlafen und es nachts stillen konnte [Fn. 2]. Aufgrund solch einzelner, individueller Aussagen ist es Frau Prof. Dr. Walde wichtig, nicht sicher davon auszugehen, dass Frauen im Allgemeinen im Obergeschoss geschlafen und verheiratete Paare kein gemeinsames Schlafzimmer hatten. Da die schriftlichen Informationen über die Schlafgemächer äußerst heterogen sind, muss angenommen werden, dass es eine allgemeingültige Definition des "einen Schlafraums" als solchen nicht gibt.

Fußnoten:
[1] Ekirch, A. Roger, At Night's Close: Night in Past Times, New York/London 2005.
[2] Lys. I, 9–10.

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