Samstag, 12. Juli 2014

Das Rezept gegen Wissensdurst – 34. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin"

Ein Beitrag von Simone Gerhards.

Am 5. und 6. Juli 2014 fand im Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz das 34. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin" statt, das von den Sprecherinnen und Sprechern des Ausschusses des Arbeitskreises Prof. Dr. Tanja Pommerening (Mainz), Junior-Prof. Dr. László Károly (Mainz), Prof. Dr. Livia Prüll (Mainz) und Prof. Dr. Karl-Heinz Leven (Erlangen) organisiert wurde. Wissenschaftler aus Deutschland und Italien präsentierten ihre laufenden Projekte zu heilkundlichem Wissen in unterschiedlichen Kulturen sowie dessen Tradierung und Rezeption. Die Referenten stellten einem interessierten Publikum ihre Forschungsprojekte vor, die zeitlich und räumlich vom alten Ägypten über das antike Griechenland bis zum Europa der frühen Neuzeit reichten. Durch dieses breite Spektrum an Fragestellungen ist der Arbeitskreis ein international einmaliges Forum zum Austausch aktueller Forschungsvorhaben.

Von Ärzten und Patienten – Forschungsprojekte über bekannte und bisher unveröffentlichte Quellen


Nachdem Prof. Dr. Livia Prüll (Mainz) den Arbeitskreis eröffnete, referierte Dr. Chiara Thumiger (Berlin)  über "Narrators and focalises in the Hippocratic Epidemics". Im Rahmen ihres Forschungsprojekts schilderte sie dem Publikum von den Interaktionen zwischen Arzt und Patient, über die in Hippokrates' Epidemien zu lesen ist.

Dr. Mathias Witt (München) verdeutlichte in seinem Vortrag "Fabius Calvus – Herausgeber und Fälscher Hippokratischer Schriften", dass neben den Textpassagen von Calvus, die einen erkennbaren Fälschungscharakter aufweisen, auch diejenigen mit bisher ungeklärter Herkunft existieren.

Anschließend referierte Dr. Julia Trompeter (Bochum) über das Thema "Was ist der tonos der Seelen bei Galen". Sie stellte heraus, dass Galen den Begriff "tonos" einerseits modifizierte, aber gleichzeitig bestimmte physiologische Überlegungen aufrechterhielt.

Danilo Valentino (Turin) stellte in seinem Vortrag über "Die Rezepte des COD. TAUR. B:VII.18" ein bisher unveröffentlichtes griechisches Manuskript aus dem 16. Jahrhundert vor, das medizinische und magische Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten enthält.

Zum Schluss des ersten Tages stellten die Doktoranden des GRKs, die thematisch im Bereich der alten Medizin arbeiten (Sarah Prause, Valeria Zubieta-Lupo und Simone Gerhards), ihre Dissertationsvorhaben vor.

Die Doktorandinnen Simone Gerhards, Valeria Zubieta Lupo und Sarah Prause (von links) stellen ihre Dissertationsthemen vor (Foto: Silke Bechler)


Körper, Geist und Krankheitsbild – heilkundliches Wissen aus über 4000 Jahren Geschichte


Nadine Gräßler (Mainz), Doktorandin unseres GRKs, stellte am zweiten Tag des Treffens die "Augenbestandteile in altägyptischen heilkundlichen Texten" vor. Im Rahmen ihres Dissertationsvorhabens über "das Auge im alten Ägypten" ging sie der Frage nach, wie die einzelnen Bestandteile bezeichnet wurden und ob sich ein semantischer Unterschied von heilkundlichen zu nicht-heilkundlichen Texten eventuell in einer medizinischen Fachsprache fassen lässt.

In seinem Vortrag über "Neue koptische heilkundliche Texte“ zeigte im Anschluss Prof. Dr. Sebastian Richter (Leipzig) drei bisher unveröffentlichte koptische Texte aus unterschiedlichen Zeiten sowie Provenienzen, die unter anderem Rezepte gegen Augenkrankheiten enthalten.

Junior-Prof. Dr. Lázló Károly (Mainz) sprach über "Risālaʾ-i šifāʾ al-abdān ‘A treatise on curing the body’ – A late Chagatay medical treatise from Central Asia". Er widmete sich damit dem bisher in der Forschung vernachlässigten Thema der Rolle der Heilkunde im muslimischen Zentralasien, insbesondere in der Türkei.

Dr. Nadine Metzger (Erlangen-Nürnberg) referierte in ihrem Vortrag "Kulturelle Verzahnung von Menschenfeind und Medizin: Misanthropie als melancholisches Symptom" über den Begriff "Misanthropie", der als Schlagwort bestimmtes abweichenden Verhaltens bezeichnen kann.

In seiner Ausführung über "Menecrates of Syracuse: reality and fiction" berichtete Dr. Guiseppe Squillace (Rende, Cosenza) über die zwei grundverschiedenen Versionen, die über das Leben des Mediziners Menekrates von Syrakus im Umlauf sind und wie diese geschichtlich einzuordnen sind.

Dr. Dr. Waltrud Wamser-Krasznai (Butzbach) sprach über "Vom Alter im Altertum. Mit Texten und Bildern auf den Spuren einer 'unheilbaren' Krankheit". Sie zeigte das zwiegespaltene Verhältnis zwischen Lebenslast und Lebensweisheit, das sich schriftlich sowie bildlich in antiken Quellen nachweisen lässt.

"Apuleius Celsus und Largius Designatianus, zwei römische Ärzte, mit denen wir uns näher beschäftigen sollten" lautete der Titel von Prof. Dr. Sergio Sconocchia (Ancona), der das Lebensumfeld sowie die Identität der beiden antiken Ärzte genauer untersuchte.

Der letzte Vortrag des Treffens stammte von Dr. Andrea Jessen (Braunschweig), die über eine der gefürchtetsten Seuchen der frühen Neuzeit berichtete. In ihrem Vortrag "Rothe Ruhr – Erkrankungen und Beschreibungen in Seuchenschriften des 16./17. Jahrhunderts" sprach sie über Krankheitsbeschreibungen, Erklärungsmuster und ein möglicherweise vorhandenes wirtschaftliches Interesse der früheren Autoren.


Das 35. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin" findet am 20. und 21. Juni 2015 statt.
Weitere Informationen zum Arbeitskreis finden Sie hier.

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