Dienstag, 24. Juni 2014

Dissertationsprojekt von Valeria Zubieta Lupo: "Die Konzeptualisierung hethitischer Vorstellung von Krankheit"

Ein Beitrag von Dominik Berrens.


Religion, Magie und Medizin


Die Hethiter sahen Religion, Magie und Medizin im Kontext von Krankheiten als untrennbare Aspekte an. Die Verknüpfung von magisch-religiösen mit medizinisch-rationalen Elementen hat ihre Ursache in der Annahme, dass Krankheiten von übernatürlichen Mächten ausgehen. Die Übertragung moderner Begrifflichkeiten auf alte Vorstellungen stellt jedoch bei der Analyse von Konzepten antiker Kulturen ein methodisches Problem dar. Bei der Untersuchung hethitischer Vorstellungen von Krankheit ist daher zunächst die Frage zu stellen, ob die modernen Begriffe Religion, Magie und Medizin, die auch heutzutage schwierig zu definieren sind, mit den hethitischen Auffassungen in Verbindung zu bringen sind.

Hethitische Krankheitsursache


Nach hethitischer Vorstellung wurden Krankheiten und ihre Symptome durch das Wirken äußerer übernatürlicher Mächte verursacht, wie beispielsweise durch Dämonen, böse Geister, Zauberei oder göttliche Strafen in Folge eines Fehlverhaltens.

Die Quellen


Für die Erforschung von Krankheitsvorstellungen sowie des damit in Verbindung stehenden Wissens von Medizin im hethitischen Anatolien stehen unterschiedliche Arten von Quellen zur Verfügung, die von Valeria Zubieta Lupo in "Therapeutische Texte" und "Texte verschiedener Gattungen" eingeteilt werden.
Zur ersten Gruppe gehören Urkunden, die sich mit den Symptomen (z. B. Schmerzen, Fieber, Inkontinenz und anderen körperlichen Dysfunktionen) und deren möglichen Heilmethoden beschäftigen. Diese Texte lassen sich wiederum in "Therapeutische 'medizinische' Texte", "Therapeutische magisch-religiöse Texte" sowie "mesopotamische Texte mit medizinischem Inhalt", welche sich auch in Anatolien finden, unterteilen. Ein wesentliches Textkorpus des Dissertationsprojektes bilden die sogenannten medizinischen Texte von Ḫattuša, welche unter der Nummer 461 des Katalogs der hethitischen Texte (CTH) zu finden sind. Eine Besonderheit stellen in diesen Texten die empirischen Elemente, wie beispielsweise die Nennung bestimmter Materia Medica oder die Verwendung eines detaillierten Fachvokabulars, dar. Demgegenüber behandeln die magisch-religiösen Texte die Ursachen von Krankheiten, wie z. B. erzürnte Götter, Schaden bringende Dämonen, Flüche oder Zauberei. Diese Texte empfehlen daher Gebete, Omina, Beschwörungen und magische Rituale zur Linderung oder Verhütung von Krankheiten.
Die zweite Gruppe von Quellen beinhaltet Texte verschiedener Gattungen, wie Briefe, Verträge, Gesetze oder Mythen, die sich indirekt mit Krankheiten und Heilkunde beschäftigen. Sie schildern weitere Auffassungen und Aspekte der hethitischen Vorstellung von Krankheit sowie deren Ursachen und Symptomen.

Hethitische Begriffe von "Krankheit"


Zur hethitischen Heilpraktik gehört eine bestimmte Lexik und Semantik, die den gesellschaftlichen Vorstellungskomplex des Themas abbilden. Valeria Zubieta Lupo identifiziert folgende Begriffe, die in hethitischen Quellen zur Bezeichnung von "Krankheit" verwendet wurden.
- heth. ištark-: krank machen, heimsuchen, erkranken (Sum. GIG); Derivative: ištarni(n)k-: krank machen, heimsuchen; ištarningai-: Leiden, Leid.
- heth. erman- / arman-: Krankheit, Erkrankung (Sum. GIG). Dieser Begriff bezeichnet einallgemeines Gefühl der Schwäche. Derivative: irmanant-: Erkrankung, irmalant-: krank.
- heth. inan-: Krankheit, Erkrankung, Leiden (Sum. GIG). Dieser Begriff bezeichnet die Krankheit oder das Leiden eines bestimmten Körperteils.

Einfluss anderer Kulturen


Valeria Zubieta Lupo stellt die Hypothese auf, dass die hethitische Heilpraktik aus einer konvergenten Entwicklung lokaler Praktiken und außeranatolischer medizinischer Traditionen entstanden ist. Diese Vermutung scheint sich durch die Analyse der Quellen zu bestätigen.

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