Mittwoch, 28. Mai 2014

Vierte internationale animaliter-Tagung "Tier und Wort. Sprechen über Tiere – Sprechen mit Tieren – Sprechende Tiere", 26. und 27. Mai 2014, Technische Universität Darmstadt


Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld.

Am 26. und 27. Mai 2014 fand die vierte internationale animaliter-Tagung – diesmal in Kooperation mit der TU Darmstadt sowie mit dem Graduiertenkolleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" – statt.

Das animaliter-Team, das bereits seit dem Jahr 2006 besteht und sich aus WissenschaftlerInnen der Universitäten Mainz (SABINE OBERMAIER), Darmstadt (ANDREA RAPP), Jena (THOMAS HONEGGER), Leuven (AN SMETS), Zürich (RICHARD TRACHSLER), Louvain-la-Neuve (BAUDOUIN VAN DEN ABEELE) und Utrecht (PAUL WACKERS) zusammensetzt, hatte ein weiteres Mal tierbegeisterte Mittelalterphilolog(inn)en aus aller Welt zum wissenschaftlichen Dialog eingeladen.

Mit dem Ziel, den vielfältigen Relationen zwischen Tier und Wort näher zu kommen, beteiligten sich 17 WissenschaftlerInnen mit Vorträgen zu verschiedensten Tieren und Textgattungen an der Tagung. Neben etablierten Mediävisten waren auch vier Nachwuchswissenschaftlerinnen aus Deutschland (LUISE BOREK und CAROLINE LIMPERT), der Schweiz (SIMONE WEIBEL) und den Niederlanden (MARJON PEIRENS) mit jeweils eigenen Vorträgen vertreten. Ebenfalls anwesend waren die vier PromovendInnen des Graduiertenkollegs 1876, die sich im Rahmen ihrer Dissertation für den Forschungsschwerpunkt "Konzepte von Flora, Fauna und Landschaft" entschieden haben (DOMINIK BERRENS, IMKE FLEUREN, SONJA GERKE, STEPHANIE MÜHLENFELD).

Sprechen über Tiere


Den Tagungsauftakt bildeten Beiträge, die sich mit dem Themenfeld "Sprechen über Tiere" beschäftigten. Wie wurden Tiere beschrieben und diskutiert? Welche Benennungen und Klassifizierungen lassen sich erkennen? Und welche 'tierischen' Fachsprachen existierten?All dies waren Fragen, mit denen sich die 'Tierfreunde' am 26. Mai befassten.

Der erste Vortrag dieses Themenblocks – gehalten von ILYA DINES (Jerusalem) – gewährte dabei einen Einblick in die Art und Weise, wie in Williams de Montibus Distinctiones Theologicae über den Hund gesprochen wird. Daraufhin folgte der Beitrag SIMONE WEIBELS (Zürich), der anhand von Bildzeugnissen sowie eines Fabliau vor Augen führte, dass für das Eichhörnchen im Mittelalter zwei Beschreibungsspuren existierten: zum einen die des Eichhörnchens in der Natur und zum anderen die des Eichhörnchens als Haustier. Im Anschluss daran verdeutlichte CLARA WILLE (Zürich) in ihrem Vortrag über unterschiedliche Darstellungsweisen des Geiers, dass Tiere in der mittelalterlichen Literatur sowohl ad bonam – als auch ad malam partem ausgelegt werden können. Die beiden darauffolgenden Beiträge THIERRY BUQUETS (Beirut) und THOMAS GAUTHEYS (Paris) widmeten sich exotischen Tieren. Nachdem BUQUET seine Erkenntnisse über die Etymologie der Bezeichnung "Giraffe" erläutert hatte, ging GAUTHEY auf Darstellungen des Elefanten in der mittelalterlichen Reiseliteratur ein. CHET VAN DUZER (Providence, Rhode Island) erörterte im Anschluss daran die Probleme der Tierklassifikation im Hortus Sanitatis, einer illustrierten Enzyklopädie des späten 15. Jahrhunderts. Den Abschluss des Themenblocks bildeten drei Vorträge zu 'tierischen' Fachsprachen, die von SIMONE SCHULTZ-BALLUFF (Bochum), LUISE BOREK (Darmstadt) und CAROLINE LIMPERT (Bamberg) gehalten wurden. SCHULTZ-BALLUFF stellte ihre Methode vor, verschiedene Konzepte – wie beispielsweise das von "Tieren im Rahmen jagdlicher Aktivitäten" – sichtbar zu machen. BOREK gab einen Überblick über die Fellfarben von Pferden und deren Farbbezeichnungen im Deutschen und LIMPERT klärte über die verschiedenen Bezeichnungen für Pferdegangarten im Alt- und Mittelenglischen auf.

Sprechen mit Tieren


Am 27. Mai folgte dann der zweite Themenblock, das "Sprechen mit Tieren". Den Auftakt hierbei bildete der Vortrag von MARCO MAULU (Sassari), der sich mit "Reden und Schweigen im Dialog zwischen Tieren und Menschen im Livree des bèsties von Ramon Llull" beschäftigte. Gefolgt wurde dieser von dem Beitrag LUCIA MARTINS (Alicante) über die katalanischen Streitgespräche zwischen Menschen und Eseln sowie zwischen Menschen und Pferden. Im Anschluss daran stellte MARJON PEIRENS ihre Untersuchungen zur Hippiatria sive Marescalia des italienischen Veterinärs Lorenzo Rusio vor und gewährte damit sehr interessante Einblicke in die mittelalterliche Tiermedizin (insbesondere Pferdemedizin), die sich von der Humanmediziner hinsichtlich einiger Behandlungsmethoden kaum unterschied.

Sprechende Tiere


Der dritte Themenblock wurde eröffnet mit zwei Vorträgen zu "Beredten Tieren". Zum einen referierte ANNA MARIA COMPAGNA (Neapel) über "Langue et parole de la couleuvre dans La faula de Guillem de Torroella: camouflage de la signification politique?". Zum anderen stellte ANTONIO PRUDENZANO (Berlin) verschiedene Bezeichnungen für Vogelgesang und Vogellaute vor, die in narrativen, altfranzösischen Texten auftreten. Daraufhin klärte LARISSA BIRRER (Zürich) über die Funktionen von sprechenden Tieren in Träumen auf und erläuterte, inwiefern mittelalterliche Traumbücher Auskunft über die Bedeutung dieser "bezeichnenden Tiere" geben. Wichtig erschien den Menschen im Mittelalter nicht unbedingt, was das jeweilige Tier im Traum sagte, sondern die Tatsache, dass es etwas sagte. Anschließend informierte WILFRIED SCHOUWINK (Heidelberg) anhand von Texten zu Schwein und Eber über das Naturverständnis bei Augustinus und im lateinischen Mittelalter.


Ausblick


Im Rahmen der Abschlussdiskussion wurde erneut deutlich, wie wichtig der interdisziplinäre Austausch im Hinblick auf die Tierthematik ist. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass insbesondere bezüglich der Fragen "Wie wurde in mittelalterlichen Texten Realität geschaffen? Und welche Rolle spielten dabei Buchwissen und literarische Traditionen?" noch weiterer Gesprächsbedarf besteht.

Daher wird das animaliter-Team auch weiterhin sehr aktiv sein: zum einen in Form des interdisziplinären Lexikonprojekts, das stetig wächst und um neue Lemmata erweitert wird (http://www.animaliter.uni-mainz.de/) und zum anderen durch weitere Vorträge und Tagungen. So wird es beispielsweise im kommenden Jahr, auf dem 16. Symposium des Mediävistenverbandes e.V., eine eigene animalter-Sektion zu dem Thema "Wassertiere" geben.


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