Donnerstag, 15. Mai 2014

Dissertationsprojekt von Sarah Prause: "Konzepte von Blindheit. Ein Krankheitsbild zwischen Darstellung und Heilungsbestrebung im 8. bis 4. Jh. v. Chr."

Ein Beitrag von Florian Schimpf.

Blindheit heute


"Sterben ist nichts – doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück" (Wilhelm Tell I, 4)

Sehen zu können erscheint den meisten Menschen selbstverständlich, nicht sehen zu können und blind zu sein, wie es Friedrich Schiller im Wilhelm Tell ausdrückt, unvorstellbar.

Das Adjektiv "blind" und das Substantiv "Blindheit" beziehen sich dabei in erster Linie auf eine körperliche Dysfunktion, genau genommen auf eine Sehschwäche mit entweder völlig fehlendem oder nur sehr gering vorhandenem visuellen Wahrnehmungsvermögen, hervorgerufen durch eine Störung des visuellen Systems. Mit Hilfe von Messwerten, welche die Restsehschärfe einer Person festlegen, wird die Dysfunktion von der modernen Medizin in verschiedene Grade – von einer Sehbehinderung bis hin zu einer Vollblindheit – unterschieden.

Daneben findet sich im heutigen Sprachgebrauch eine Vielzahl von Redewendungen, die rund um das Wortfeld "Blindheit" konstruiert werden. In diesem Zusammenhang kann sich "Blindheit" nicht mehr nur auf einen physischen, sondern vielmehr auf einen psychischen Zustand beziehen, mit welchem ein nicht-erkennen-wollen bzw. -können ausgedrückt wird. Häufig ist die Dysfunktion in diesem Zusammenhang negativ konnotiert und wird mit Dummheit, Unerfahrenheit, Unüberlegtheit u. Ä. gleichgesetzt, was beispielsweise die Redewendung "Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock" pointiert zum Ausdruck bringt.

Blindheit in der Antike


Die Antike kannte keine Messinstrumente oder Richtwerte, um die Sehstärke bzw. Sehschwäche einer Person zu ermitteln. Entweder man konnte sehen oder man konnte nicht sehen. Aus diesem Grund sind die Parameter und die Konzepte von Blindheit heute andere als sie es im antiken Griechenland gewesen sind. Erklärungsversuche für Blindheit oder Sehbeeinträchtigungen in den antiken schriftlichen Quellen reichen von übernatürlichen (vor allem in mythischen, epischen Texten) bis hin zu naturwissenschaftlichen Ansätzen, die sich besonders in historischen Berichten und philosophischen Traktaten, aber auch in Auszügen aus Tragödientexten finden lassen. Erste Andeutungen einer Definition von Blindheit als körperliche Dysfunktion finden sich in philosophischen Traktaten: So definiert Aristoteles Blindheit als eine Privation des Sehens (Aristot.cat. 12a 26–39). Nur derjenige, der auf beiden Augen keine Sehkraft besitze, sei als "blind" zu bezeichnen (Aristot.metaph. 1023a).

Eine Einteilung in verschiedene Grade der körperlichen Dysfunktion findet sich in der Antike nicht. Auch die im griechischen Vokabular in unterschiedlichen Kontexten zu findenden Termini zu "blind" (bspw. τυφλός) erlauben keine Rückschlüsse auf eine Kategorisierung der Krankheit in der Antike.

Konzepte von Blindheit


Sarah Prause möchte in ihrer Arbeit den in den unterschiedlichen Materialgattungen der griechischen Kunst zu findenden Hinweisen auf Blindheit nachgehen und Darstellungen vergleichend untersuchen, um ein umfassendes Bild skizzieren bzw. mögliche vorherrschende Konzepte von Blindheit benennen zu können. Vor allem – aber nicht ausschließlich – die bildwissenschaftlichen Aspekte zum Thema Blindheit und die Frage, wie Blindheit in der Kunst des antiken Griechenlands aufgegriffen und behandelt wurde, stehen im Fokus ihrer Arbeit.

Hinweise zu Blindheit und zum Umgang mit der Krankheit erhofft sie aus den literarischen Quellen gewinnen zu können. Diese lassen sich in solche unterscheiden, die mit medizinischer Tätigkeit in Zusammenhang stehen (bspw. philosophische Traktate und medizinische Schriften) und solche, die auf einer anderen Ebene Informationen zu Blindheit im gesellschaftlichen Kontext wiedergeben (bspw. Tragödien und Komödien, epische Texte). Bereits früh stellte sich bei ihrer Untersuchung heraus, dass nur sehr wenige der im Mythos beschriebenen blinden Figuren Eingang in die Flächenkunst Griechenlands (d. h. Vasenmalerei, Malerei, Reliefs) fanden. Ferner kann festgehalten werden, dass sich die Art der Darstellung in der Vasenmalerei in zwei Typen – direkte Hinweise (Darstellungen von Blendungen) und indirekte Hinweise (Augenverletzungen) – unterscheidet. Besonderen Wert legt Sarah Prause auf eine vergleichende Betrachtung der Blindheitsdarstellungen in den verschiedenen "Kunstlandschaften" Griechenlands. Da die Mythen zu keiner Zeit zur Gänze kanonisiert gewesen zu sein scheinen, warten die "Kunstlandschaften" mit teils eigenen, also unterschiedlichen Darstellungen eines Mythos auf, wie mittels der Phineus-Sage vor Augen geführt werden konnte. Eine derart vergleichende Betrachtung der Rezeption der Mythen in der Kunst wird helfen, das facettenreiche Themenfeld Blindheit im griechischen Bewusstsein zu beleuchten. Rundplastische oder flachbildliche Darstellungen sowohl in Skulptur als auch in kleinformatigen Votiven werden zukünftig als eine weitere Informationsquelle herangezogen. Gerade von letzteren erhofft sich Sarah Prause weitere Hinweise auf den Umgang mit und die Heilung von Blindheit im antiken Griechenland.

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