Donnerstag, 29. April 2021

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Sibel Ousta „Konzepte und Praktiken des idealen Sterbens in Byzanz vom 4. bis zum 13. Jh.“

Ein Beitrag von Nathalie Julia Rodriguez de Guzman


In der ersten Plenumssitzung des Sommersemesters am 15.04.2021 stellte Sibel Ousta ihr Promotionsprojekt mit dem Titel „Konzepte und Praktiken des idealen Sterbens in Byzanz vom 4. bis zum 13. Jh.“ vor. Dabei standen besonders ihre Fragestellungen, Quellen und Methoden sowie erste Ergebnisse im Fokus.

Das ideale Sterben bezeichnet in der Arbeit von Sibel Ousta einen heilbringenden Tod, welcher durch bestimmte Praktiken dazu beitragen soll, nach dem Tod verdientermaßen bei Gott im Paradies leben zu dürfen. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass in Byzanz das Eintreten des Todes bzw. der Übergang ins Jenseits von mehreren Phasen gekennzeichnet war. Es existierte die Vorstellung, dass die Seele nach der Trennung vom Körper in einen Zwischenbereich gelange, in welchem sie ihre verbliebene Zeit bis zum Jüngsten Gericht auszustehen hatte. Im 3. Jh. wurde hierfür die Vorstellung eines möglichen Partikulargerichts eingeführt, wonach Engel und Dämonen in einem Zeitraum von 40 Tagen darüber entschieden, ob die Seele des Paradieses würdig war. Vor diesem Hintergrund meint das ideale Sterben demnach, den Dämonen und damit dem Hades im Tod zu entgehen und von den Engeln ins Paradies geführt zu werden.

 
Abb. 1: Folie 3 der Präsentation von Sibel Ousta (2021)


Der Fokus der Untersuchung von Sibel Ousta liegt auf den schriftlichen Quellen, von denen die reich überlieferte Hagiographie die Hauptquellengruppe einnimmt und so auch die Schwerpunktsetzung des Untersuchungszeitraumes auf die mittelbyzantinische Zeit (7. bis 13. Jahrhundert) beeinflusst. Unter Einbeziehung von frühbyzantinischen Schriftquellen soll darüber hinaus untersucht werden, inwieweit sich Konzepte vom idealen Sterben bereits in dieser frühen Zeit des Christentums finden und welche Entwicklungen sich bis ins frühe 13. Jahrhundert nachvollziehen lassen. Bei der Untersuchung der verschiedenen Quellen und damit auch Autoren ist es wichtig, herauszustellen, ob der jeweilige Autor auf ein allgemeines oder ein fachspezifisches Wissen zurückgreift. Besonders die historische Diskursanalyse hilft dabei, die Informationen zu strukturieren und in vornehmlich vier Diskurse zu unterteilen: 

Im religiösen Diskurs, an welchem sich hauptsächlich Theologen und Mönche beteiligten, war das höchste Ziel die Angleichung an Christus zu Lebzeiten bzw. die Vergöttlichung (Theosis). Darunter fielen Praktiken, die auf die Wiederherstellung des gottähnlichen Zustandes des Menschen abzielten, und zwar konkret durch asketische Bestrebungen, wie etwa durch regelmäßige Buße, das Zeigen von Demut, das Sprechen von Gebeten oder auch das Empfangen von Sakramenten. Dieser Diskurs stellt den Leitdiskurs der Arbeit von Sibel Ousta dar, dem die folgenden Diskurse untergeordnet sind.
Im konsolatorisch-epideiktischen Diskurs, der meist von Angehörigen bestimmt wird, steht vor allem die Trauerbewältigung im Zentrum. Hierbei dient die Vorstellung des idealen Sterbens und die damit verbundene Glorifizierung des Angehörigen als Trostspende für die Hinterbliebenen.
Der politische Diskurs behandelt den – je nach Erfolg oder Misserfolg ihrer Herrschaft – friedvollen oder leidvollen Tod byzantinischer Kaiser, wobei die diesem Diskurs zugerechneten Schiften von Hofbeamten, Gelehrten oder Theologen verfasst wurden.
Der naturwissenschaftliche Diskurs wird von Ärzten und Philosophen geführt. Hierbei steht vor allem die medikamentöse Begleitung des Sterbens und damit ein schmerzfreier Tod im Mittelpunkt. Dieser Diskurs hat damit, im Unterschied zu den drei erstgenannten, nicht einen heilbringenden Tod als Ziel, sondern die Heilung von Kranken bzw. die Linderung von Krankheitssymptomen.

An einem Beispiel zeigte Sibel Ousta, welche Erklärungsmodelle die verschiedenen Diskurse für eine vor dem Tod auftretende Krankheit anboten. Dabei ist der Leitdiskurs (der religiöse Diskurs) derjenige, aus dem die Grundinformation geschöpft und neues Wissen produziert wurde. So wurden innerhalb des religiösen Diskurses Krankheiten auf Gott zurückgeführt. Die untergeordneten Diskurse nahmen dieses Wissen auf, nutzten es aber individuell. So war die Krankheit beispielsweise ein Zeugnis für eine Glaubensprüfung (konsolatorisch-epideiktischer Diskurs), eine Strafe für begangene Sünden (politischer Diskurs) oder ein Vorzeichen von Gott, auf das ein Arzt frühzeitig reagieren konnte (naturwissenschaftlicher Diskurs).

Im Anschluss stellte Sibel Ousta ihre ersten Ergebnisse in Bezug auf die Bedeutung von Tod und Sterben in Byzanz vor. Durch die dem Konzept vom idealen Sterben zugrunde liegende Vorstellung, dass der Hades abwendbar sei, entwickelte sich eine Vielzahl an Möglichkeiten, die es dem Gläubigen zu Lebzeiten oder noch im Sterben ermöglichte, direkt ins Paradies zu gelangen. Dabei stehen das Befreien von den eigenen Makeln durch eine symbolische Reinigung sowie das Bekennen zu Gott im Mittelpunkt.

 
Abb. 2: Folie 9 der Präsentation von Sibel Ousta (2021)


Auf Grundlage ihrer bisherigen Quellenarbeit unterscheidet Sibel Ousta zwei wesentliche Arten des idealen Sterbens: 1. einen unmittelbaren Weg und 2. mehrere mittelbare Wege. Bei ersterem wird das Partikulargericht durch ein Martyrium umgangen, wodurch die Seele direkt ins Paradies gelangt. Dabei wird zwischen drei Möglichkeiten unterschieden: Die erste Möglichkeit knüpft an das traditionelle Verständnis eines Martyriums im Sinne einer Glaubensprüfung an, in der ein Gläubiger durch eine Todesdrohung dazu gedrängt wird, den Glauben zu Gott aufzugeben. Dieses Motiv weist verschiedene Formen auf, die durch einen Feind bzw. Nicht-Christen, durch von Dämonen Besessene, wilde Tiere oder auch durch eine schwere Krankheit erwirkt werden konnte. Dabei repräsentieren all diese Kategorien Dämonen, die den Menschen im oder bis zum Tod heimsuchen konnten. Dieses Konzept wurde demnach von der Vorstellung geprägt, dass der Sterbende bis zum Tod den Versuchungen der Dämonen, ihn von seinem Glauben abzubringen, erfolgreich widerstand. Die zweite Möglichkeit innerhalb dieser Kategorie wurde durch die Einhaltung der Jungfräulichkeit erzielt, für welche in seltenen Fällen auch Selbstmord zulässig war. Die dritte Möglichkeit stellt das Sterben für jemand anderen dar, was insbesondere bei hochrangigen Geistlichen Erwähnung fand, die sich für ihre Schützlinge aufopferten, um sie zu retten.

Die mittelbaren Wege zur Erlangung des Seelenheils bestehen im Wesentlichen aus dem Ziel, Gott durch bestimmte Praktiken davon zu überzeugen, dass man seiner Gnade würdig war. Diese garantierten jedoch keinen Erfolg, sondern erhöhten lediglich die Chance auf eine Rettung. Als mittelbarer Weg kam daher in erster Linie die „Umkehr“ (Metanoia) in Frage, in welcher sich ein Gläubiger von seinen begangenen Sünden abwandte und Buße tat. Entscheidend war dabei u.a. das tränenreiche Weinen, welches nicht nur die Reue des Sterbenden unterstrich, sondern auch die Wirkkraft seiner Gebete förderte. Auch das besitzlose Sterben, was, wie Sibel Ousta betonte, nicht das Sterben in Armut meint, sondern das Vererben, Verschenken oder Stiften der eigenen Besitztümer vor dem Tod, ist eine weitere Möglichkeit der Buße. Hierbei war es aber von besonderer Wichtigkeit, einen Teil des Vermögens für die Kosten der Beerdigung aufzuheben, sodass die Angehörigen nicht für die finanziellen Kosten aufkommen mussten. Das Hinzuziehen von Unterstützung, welche von der Kirche bzw. einen Priester, Heiligen oder der Gemeinschaft gewährleistet werden konnte, nahm eine weitere Möglichkeit ein, mittelbar ins Paradies zu gelangen.

Mit einem Beispiel aus der Vita der Maria der Jüngeren aus dem 9. Jh. konnte Sibel Ousta den unmittelbaren Weg des Martyriums veranschaulichen: Maria wird darin einer Glaubensprüfung unterzogen, denn sie leidet unter der Gewalt ihres von Dämonen besessenen Ehemannes. Bis zu ihrem Tod verlässt sie ihn jedoch nicht und hält damit ihr Eheversprechen, weswegen sie schließlich friedvoll und in sicherer Erwartung des Paradieses stirbt. Sibel Ousta schloss damit ihren spannenden Vortrag zum idealen Sterben ab und regte im Anschluss eine lebhafte Diskussion an.