Freitag, 15. Mai 2020

Archäologisch-philologisch-ethnohistorische Studie über grundlegende Aspekte des Penis, seine Symbolik und Bedeutung im Alten Ägypten. Plenumsvortrag von Judit Garzón Rodríguez

Ein Beitrag von Rebekka Pabst.


Am 14. Mai fanden die Mitglieder des Graduiertenkollegs erneut zu einer digitalen Plenumssitzung zusammen. Allmählich gewöhnen sich alle Beteiligten an diese neue Form der Kommunikation - die Online-Vorträge und Diskussionsrunden stehen unseren Treffen in der Hegelstraße jedenfalls in Nichts nach. Das gilt auch für die Präsentation von Judit Garzón Rodríguez, die im Oktober 2019 als neue Doktorandin in unser Graduiertenkolleg aufgenommen wurde. Nachdem sie in Madrid ihren Bachelor absolviert hatte, begann sie 2016 ein Masterstudium der Ägyptologie in Mainz, das sie mit einer archäologischen, philologischen und kulturgeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Sarg von Ramses II. abschloss. Diesem interdisziplinären Ansatz weiterhin folgend, beschäftigt sie sich nun im Rahmen ihrer Dissertation mit der Symbolik und Bedeutung des Penis im Alten Ägypten.

 

Abb.1 Auswahl ägyptischer Statuetten und Malereien samt Darstellungen von Penissen.


Am Beginn ihres Vortrags, der uns alle mit dem Projekt ihrer Doktorarbeit vertraut machte, stand eine historische Kontextualisierung der Beschäftigung mit der Thematik. Wie zu erwarten fand diese im 19. Jahrhundert häufig unter Ausschluss der Öffentlichkeit in geheimen Kabinetten oder Kellern statt. Hierbei standen besonders die Sammlung und Präsentation von Objekten, die Penisse zeigten, im Fokus. Weniger ging es um eine Erforschung ihrer kulturellen Bedeutung. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Penis im Alten Ägypten begann in den 1950er-Jahren. Zu nennen sind hierbei das Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte von Bonnet (1952), in dem phallische Votivgaben zur Stärkung der Zeugungskraft Erwähnung finden. In Bleekers Die Geburt eines Gottes (1959) werden Beschreibungen des Phalluskultes bei Diodorus Siculus und Plutarch unter die Lupe genommen. Eine differenziertere Auseinandersetzung mit der Darstellung von Penissen zeichnet sich in Publikationen ab den späten 1980er- und 1990er-Jahren ab (Manniche 1988; Pinch 1993; Gassner 1993; Robins 1996). Chronologische Veränderungen von Penisdarstellungen, sowie deren mögliche Symbolik in Verbindung mit Aspekten wie Macht, Schutz und Fruchtbarkeit werden diskutiert. Ein Schwerpunkt der jüngeren Forschung lag v. a. auf der sexuellen bzw. erotischen Bedeutung des Penis (Cozzolino 2002; Walsh 2012).

Basierend auf dieser Evaluation des bisherigen Forschungsstandes präsentierte Judit Garzón Rodríguez Forschungsfragen, die im Rahmen ihrer Dissertation in den Fokus gerückt werden sollen. So soll etwa geklärt werden, aus welchem kulturellen Umfeld Ideen stammen, die den Penis mit Macht, Abwehr, Bedrohung oder Fruchtbarkeit verknüpfen. Aspekte wie Männlichkeit und königliche Herrschaft, die mit dem Penis verbunden sind, bislang allerdings wenig Aufmerksamkeit erhielten, sollen ebenfalls eingehender betrachtet werden. Des Weiteren soll erläutert werden, ob der Penis eine Funktion in der Generierung von Zusammengehörigkeit hatte, oder bestimmte Schönheitsideale mit ihm und seiner Darstellung verbunden waren. Ebenfalls spannend ist die Frage danach, ob sich im Laufe der Zeit der Habitus entwickelte, den Penis zu bedecken und ob es regionale, soziale, hierarchische oder altersbedingte Unterschiede im Umgang mit dem Penis gab.

 

Abb. 2 Überblick zu den Methoden, die bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Quellengattungen angewandt werden sollen.


Um einer möglichst komplexen Beantwortung der genannten Fragen näherzukommen, möchte sich Judit Garzón Rodríguez mit drei verschiedenen Quellentypen auseinandersetzen: Hierzu zählen philologische Quellen, die u. a. literarische Texte, Weisheitslehren, religiöse und medizinische Texte einschließen. Des Weiteren zu nennen sind ikonographische Quellen, zu denen Darstellungen von Penissen in Malereien, auf Reliefs und Gefäßen zählen (Abb.1). Die dritte Quelle bilden archäologische Hinterlassenschaften wie Mumien, Statuen, Amulette, Penistaschen und Gefäße in phallischer Form. Ziel ist es, hieraus unter Anwendung verschiedener Methoden (Abb. 2) eine umfangreiche Sammlung zu generieren, welche die materielle und schriftliche Behandlung des Penis in unterschiedlichen Kontexten und Epochen des Alten Ägypten abbildet. Die Vielfalt und zeitliche Tiefe des ausgewählten Materials soll es ermöglichen, besonders differenziert religiöse, politische und soziale Aspekte des Penis aufzuzeigen.

Wir freuen uns alle auf die ersten spannenden Ergebnisse die Judits Arbeit hervorbringen wird!


Literaturhinweise

Bleeker, C. J., Die Geburt eines Gottes, Leiden 1956.

Bonnet, H., Reallexikon der ägyptische Religionsgeschichte, Berlin 2000, 590–592.

Cozzolino, C., Some Egyptian Erotic Statuettes in the National Archaeological Museum of Naples, in: Pirelli, R. (Hg.), Egyptological Essays on State and Society, Neapel 2002, 63‒78.

Gassner, J., Phallos. Fruchtbarkeitssymbol oder Abwehrzauber? Ein ethnologischer Beitrag zu humanethologischen Überlegungen der apotropäischen Bedeutung phallischer und ithyphallischer Darstellungen, Wien; Köln; Weimer 1993.

 Manniche, L., Liebe und Sexualität im alten Ägypten, Zürich; München 1988.

 Pinch, G., Votive offerings to Hathor, Oxford 1993, 235.

 Robins, G., Dress, Undress, and the Representation of fertility and potency in New Kingdom Egyptian Art, in: Kampen, N. B., Sexuality in Ancient Art, Cambridge 1996.

 Walsh, J., Sexual Morality in Ancient Egyptian Literature, in: Vexillum 2, 2012, 178–187.