Donnerstag, 31. Mai 2018

11th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East (ICAANE) – München, 03.-07. April 2018

Ein Beitrag von Katharina Zartner.


Direkt nach Ostern, vom 03. bis zum 07. April, fand die sog. ICAANE (kurz für „International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East“), eine der wichtigsten Konferenzen auf dem Gebiet der Vorderasiatischen Altertumskunde, bereits zum elften Mal statt. Gastgeber der im Zweijahresrhythmus stattfindenden Konferenz war diesmal die Ludwig-Maximilians-Universität München bzw. das Institut für Vorderasiatische Archäologie unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Adelheid Otto. Renommierte Professor_innen, (Nachwuchs-)Wissenschaftler_innen und Studierende aus dem weiten Feld der Vorderasiatischen Archäologie sowie aus benachbarten Disziplinen haben sich bei traumhaftem Frühlingswetter in Bayerns Hauptstadt zusammengefunden, um verschiedenste aktuelle Forschungsfragen zu diskutieren und sich auszutauschen.

Das wissenschaftliche Angebot war dabei sehr reichhaltig. Fünf Tage lang fanden mehr als 300 Vorträge in acht thematisch eingeteilten, parallel laufenden Sektionen statt: Mobility in the Ancient Near East, Images in Context, Archaeology as Cultural Heritage, Engendering Near Eastern Archaeology, Societal Contexts of Religion, Shaping the Living Space, Field Reports und Islamic Archaeology.

Zusätzlich gab es eine ganze Reihe an Workshops mit je bis zu zwölf Einzelvorträgen, in denen in kleineren Gruppen über verschiedene Themenschwerpunkte bezogen auf eine Region (z.B. das bronzezeitliche Zypern) oder Periode (z.B. die sog. Dark Ages in Mesopotamien) oder auf eine bestimmte (Be-)Fundgattung (wie achämenidische Residenzen oder glasierte Ziegel) diskutiert wurde. Während der Pausen bot sich außerdem die Gelegenheit, sich auf ca. 50 Postern über interessante und innovative Projekte, z.B. zum Thema Kulturgüterschutz, zu informieren oder an den Ständen der Fachverlage einen ersten Blick auf neu erschienene Literatur zu werfen. 

Eine derart große Konferenz bietet besonders für Nachwuchswissenschaftler_innen einzigartige Möglichkeiten, um mit renommierten Forschenden sowie dem wissenschaftlichen Nachwuchs auf internationaler Ebene in Kontakt zu kommen, Fragen zu stellen und wertvolles Feedback in Bezug auf die eigene Arbeit einzuholen. Durch den Besuch verschiedener Vorträge mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung (Ausgrabungsberichte, Ikonographie, Landschaftsarchäologie usw.) konnte ich zum einen wertvolle Einblicke in die unterschiedlichen Arbeits- und Herangehensweisen innerhalb der Archäologie gewinnen und zum anderen sowohl in methodischer als auch in inhaltlicher Hinsicht viel Nützliches und Interessantes dazu lernen.

Im Hinblick auf mein eigenes Dissertationsprojekt waren vor allem Vorträge der Sektion „Images in Context“, die vorrangig ikonographischen Themen gewidmet war, von Interesse; so zum Beispiel die Vorträge von Albert Dietz (München) und Diederik Meijer (Leiden) zu altorientalischen Wettergottheiten, da beide Forscher mit ähnlichem Material (Rollsiegel und andere Bildträger mit unterschiedlichen Darstellungsvarianten einer bestimmten Figur) arbeiten bzw. vor ähnlichen Fragen stehen (Wie lassen sich die Botschaften der antiken Bildwelt entschlüsseln?).
Als inspirierend und zukunftsweisend habe ich den Vortrag von Elisa Roßberger und Anna Kurmangaliev empfunden, die ein online-Datenbank-Projekt der LMU zur Erfassung von Siegeln und Siegelabrollungen vorstellten, dessen Grundprinzip es ist, komplexe Darstellungen in kleinere Einheiten zu zerlegen und so die Suche nach Einzelmotiven zu ermöglichen und gleichzeitig den jeweiligen Kontext und mögliche Parallelen aufzuzeigen.
Darüber hinaus ist mir besonders ein Vortragsblock aus der Sektion „Field reports“ in Erinnerung geblieben, in dem die neueren Grabungsergebnisse aus Ur (unter der Leitung von Elizabeth Stone) im heutigen Südirak vorgestellt wurden. Der Fundort faszinierte mit seinem Kultbezirk, den Wohngebäuden und dem berühmten Königfriedhof bereits ganze Generationen von Archäologen und dennoch scheint all das erst die Spitze des Eisbergs gewesen zu sein. Adelheid Otto stellte den Grabungsbefund eines Elitehaushaltes vor, Emily Hammer machte auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie viele Erkenntnisse sich durch „remote sensing“, z.B. durch die Verwendung von Satellitenaufnahmen, gewinnen lassen und Anne Löhnert behandelte die neuesten Keilschrift-Textfunde, insbesondere Schultafeln.

Abb. 1: Die Autorin bei ihrem Vortrag mit dem Titel „Hairy Heroes“ (Foto: Francesca Meneghetti)

Meinen eigenen Vortrag mit dem Titel „Hairy Heroes“ habe ich in der oben bereits erwähnten Sektion „Images in Context“ präsentiert (Abb. 1). Vorgestellt habe ich einen Auszug aus meinem Dissertationsprojekt zur Figur des sechslockigen Helden, work in progress sozusagen. Im Fokus stand die problematische Frage nach der Identität der Figur mit einer anschließenden Spurensuche nach möglichen Hinweisen in der Bildkunst.
Gerade am Vortag war mir in der Aula der LMU ein modernes Dekorelement aufgefallen, welches das altorientalische Motiv des sechslockigen Helden aufgreift (Abb. 2) und die vielfältige Präsenz des Motivs – teilweise bis heute – unterstreicht. Zwar bin ich eigentlich nicht abergläubisch, doch scheint das Emblem als Glücksbringer gewirkt zu haben, denn die auf den Vortrag folgende Frage- und Diskussionsrunde war anregend und fruchtbar: Ich habe auf verschiedenste Arten ermutigende und zustimmende Worte, interessante Fragen, konstruktive Rückmeldungen und hilfreiche Literaturhinweise erhalten. All das soll nach Möglichkeit auch in die Publikation des Vortrages mit einfließen, welche im zur Konferenz geplanten Sammelband (ICAANE proceedings) erfolgen wird. 


Abb. 2: Modernes Emblem mit einer Darstellung des sechslockigen Helden im Kampf mit einem Löwen in der Aula der LMU München

Eine Konferenz wie die ICAANE bietet die Möglichkeit, die in stundenlanger, kleinteiliger Arbeit am Schreibtisch erarbeitete Theorie sozusagen einem Praxistest zu unterziehen und sich zusätzliches Feedback und konstruktive Kritik einzuholen. Bei den Diskussionen nach den Vorträgen, in den Kaffeepausen oder auch abends in entspannter Runde bei einem (natürlich bayrischen) Bier findet ein wertvoller Austausch mit einem internationalen Fachkollegium statt – über Forschungsfragen, über die aktuellste Fachliteratur sowie über laufende oder zukünftige Projekte. Es sind u.a. solche Gespräche, die helfen, unsere tägliche Arbeit in einen weiteren Kontext zu setzen, die uns einen neuen Blickwinkel einnehmen lassen und die somit neuen Input für individuelle Forschungsprojekte liefern. Nach einer lehrreichen Konferenzwoche mit zahlreichen interessanten Vorträgen, anregenden Gesprächen und fruchtbaren Diskussionen sowie vielen schönen Erinnerungen bin ich inzwischen wieder an meinen Schreibtisch im Graduiertenkolleg 1876 zurückgekehrt. Mitgebracht habe ich viele neue Ideen und Ansätze für mein Dissertationsprojekt, seitenweise Notizen mit Ideen und Literaturhinweisen und eine große Portion Motivation für die nächsten Wochen und Monate!

Mittwoch, 30. Mai 2018

19th International Congress of Classical Archaeology in Cologne and Bonn, 22-26 May 2018





A weblog entry by Sina Lehnig


Already a few weeks before the 19th AIAC (Associazione Internazionale di Archeologia Classica) congress finally started, there was an excited anticipation in the air, which surrounded all classical archaeologists. The International Congress of Classical Archaeology constitutes the world's most important forum for the archaeology of ancient Mediterranean cultures and this year it was going to be held in my hometown Cologne, co-organised by Diana Wozniok, a long-time friend of mine. Of course, this made me feel even more personally involved and I was excitedly looking forward. What awaited me was more than 1300 participants who share the same passion for archaeology, fruitful exchange, the possibility to present my own research and to meet colleagues from other countries. 

The AIAC is not a new invention but looks back on a history of some 100 years, since the first congress was held in Athens in 1905. Since then, the congress has been conducted in a 5-year cycle in alternating host cities all over Europe, the Mediterranean region and the USA. This year the focus of the AIAC was on the investigation of “Archaeology and Economy in the Ancient World”. Especially today, economic aspects enter various areas of public life: urban development, religion, art, housing, food and death. But how and to which degree did economic efforts affect the life of ancient societies? While the field of ancient history has already been dealing with the investigation of past economies, awareness of an archaeological approach and the incorporation of material culture has only grown over the past decades. Within the AIAC congress, economy should be understood as a central element of classical societies, which has to be addressed in archaeological research. 

Fig 1. The big hall of the historical "Gürzenich" in Cologne filled with classical archaeologists (Photo: Aehab Asad)

The first day began with all participants gathering at the "Gürzenich" in Cologne, a historical building, which is usually used for the famous Karneval celebrations (Fig.1). Important figures from classical archaeology, like Andrew Wilson, gave speeches on the role of economy in ancient societies and the breaks were used to talk to colleagues while trying to grab a coffee or snack. On this occasion, I also met my Israeli friends and colleagues from the University of Haifa again, with whom I am working together in the framework of my dissertation project (Fig.2).

Fig 2. Our group of archaeologists from Israel and Germany celebrating our successful panel 
(Photo: Aehab Asad)

On the next day, the participants had to move to Bonn, the neighbour city of Cologne, where the panels were to take place at the University. It was not an easy task to decide for a panel or presentation due to their incredibly large number. Finally, I chose to participate in a panel, which discussed the production and distribution of food and other products in the Roman and Byzantine Eastern Mediterranean. 

Thursday was the most important day of the congress for me, since it was when I presented my own research. Together with my colleagues from the University of Haifa in Israel, I formed a closed panel, which discussed the rise and fall of the Byzantine Empire in the Negev Desert (ERC-project title: “Crisis on the Margins of the Byzantine Empire. A Bio-Archaeological Project in the Negev Desert”; Head: Guy Bar-Oz). The research focuses on the application of scientific, bio-archaeological methods to answer questions of rise and collapse. Our team consisted of researchers applying Archaeozoology, Archaeobotany, Radiocarbondating, Isotope Analysis, Dendrochronology and aDNA-Analysis (Fig.3). 

Fig 3. Racheli Blevis talking about the Negev-trade in fish (Photo: Aehab Asad)

Within my talk, I presented the preliminary results of my study on animal husbandry and trade in the Negev town Elusa (Fig.4). I pointed out important differences and developments within the Roman, Byzantine and Islamic settlement periods, which show how not only the interaction between people and their natural environment, but also their trade relations to far-off regions, changed over time. 
Our panel was a great success and I am proud to be a part of this new and innovative research. 

Fig 4. My presentation on animal husbandry and trade in Elusa (Photo: Jörg Linstädter)

Two more days of intense panels, discussions and meetings followed until the congress week ended on Saturday. The whole event was closed with a great party bringing everyone together again. After a lot of intellectual input, this was the best way to celebrate a successful congress and to preserve good memories.



Donnerstag, 17. Mai 2018

Vortrag von Prof. Dr. Tonio Sebastian Richter: „Koptische alchemistische Texte und ihre Agenten“

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten.
Anfang Mai 2018 war der Koptologe Prof. Tonio Sebastian Richter, ein Kooperationspartner des GRKs von der FU Berlin, für einige Tage in Mainz zu Gast und brachte sich hier in verschiedenen Veranstaltungen ein. Neben seinem Gastauftritt im Seminar „Wissenschaft im pharaonischen Ägypten?“ hielt er zwei öffentliche Vorträge, den ersten davon am 3.5. in der Plenumssitzung des GRKs.



Mitglieder des GRKs bei Kaffee und Kuchen mit Prof. Richter (Photo: Mari Yamasaki)

Unter dem Titel „Koptische alchemistische Texte und ihre Agenten“ gab uns Prof. Richter einen Überblick über die Wissens- und Beleglage zur koptischen Alchemie und erläuterte anhand von drei Beispieltexten, welche Erkenntnisse sich aus diesen über die Kontexte ihrer Entstehung und ihre Produzenten gewinnen lassen.


Antike Alchemie: „Heilige Kunst“

In einer einleitenden Begriffsklärung konzentrierte sich Prof. Richter auf die Begriffe „koptisch“ – die in griechischen Buchstaben notierte Schriftsprache Ägyptens im 1. Jt. n. Chr. und eine wichtige altchristliche Literatursprache – sowie „Alchemie“: Letzterer ist als Terminus in Bezug auf die Behandlung antiker Alchemie eigentlich anachronistisch, das Wort ist arabischen Ursprungs. In der Antike gebrauchte man den Begriff ἱερὰ/θεία τέχνη („heilige/göttliche Kunst“).
Thomas Hofmeier lokalisiert diese Kunst in einer Schnittmenge von Theorie, Praxis und Mystik, wobei in der frühesten Überlieferung zur Alchemie die Praxis dominiert: Man bediente sich technischer Methoden aus den unterschiedlichsten handwerklichen Bereichen, wie Fermentation, Destillation, Färben, Metallschmelze etc.
Die Theorie der Alchemie war eng mit der griechischen Philosophie verknüpft; die mystische Komponente ist durch die für Ägypten typische Verbindung von Handwerkskünsten mit Tempeln und Kult bedingt sowie durch die Vorliebe byzantinischer Kompilatoren für Texte mystischen Charakters.

Als ein „Grundtext“ der antiken Alchemie können die vier Bücher des Pseudo-Demokritos aus dem 1. Jh. n. Chr. gesehen werden, die vier Themen umfassen – Gold-, Silber- und Edelsteinherstellung sowie Purpurrezepte – und den Charakter der frühesten alchemistischen Texte zeigen: Als Sammlungen von Rezepten mit dem Ziel der Imitation wertvoller Naturprodukte und des Erkenntnisgewinns über die Reaktionen von Stoffen untereinander.
Generell, so Prof. Richter, läuft man allerdings bei der Alchemie Gefahr, ahistorische oder anachronistische Ansätze zu gebrauchen und Erkenntnisse zur mittelalterlichen Alchemie auf die der Antike zu übertragen. Versucht man eine kulturell und historisch spezifische Kontextualisierung der antiken Alchemie, bieten sich vier potentielle Arten von Quellen: 

  1. Archäologische Befunde: Leider war es bislang nicht möglich, archäologische Funde sicher einem alchemistischen Gebrauch zuzuordnen.
  2. Papyri aus Ägypten: Diese stellen die einzigen zeitgenössischen und kontextualisierbaren Quellen dar; es handelt sich dabei v.a. um Rezeptsammlungen.
  3. Die CAAG („Collection des anciens alchimistes grecs“): Diese byzantinische Kompilation beinhaltet Texte vom 1.-8. Jh. n. Chr., u.a. des Pseudo-Demokrit und Zosimos von Panopolis. Die mittelalterlichen Manuskripte können allerdings nicht als zeitgenössische Quellen für die antike Alchemie gelten.
  4. Bilder in den Manuskripten der CAAG: Die Illustrationen in den Manuskripten, die z.B. Ausstattungen von Laboratorien zeigen, vermitteln gewisse Eindrücke, wurden aber ohne Beschreibungen oder Kontext aus anderen Texten herausgenommen und eingefügt.

Medico-magico-alchemistische Papyrussammlungen

Vor dem Hintergrund der geschilderten Quellenlage bieten die ägyptischen Papyri also am ehesten die Möglichkeit, die alchemistischen Texte zu kontextualisieren und Informationen über ihre Produzenten zu gewinnen.


Alchemie und Magie
Als ersten Text präsentierte Prof. Richter ein Purpurrezept auf dem Papyrus Berlin P 8316 aus dem 7.-8.Jh., der als Teil einer Sammlung von 21 Papyri 1985 angekauft und 1904 ediert wurde. Die Texte der Sammlung sind zwei Bereichen zuzuordnen, der Magie und der Alchemie, die aber einander dahingehend nahestehen, dass beide eine Beeinflussung zum Ziel haben: Beeinflussung von Menschen und von Stoffen.
Der Herausgeber, Adolf Erman, ließ freilich in seinen Besprechungen der Texte die typische Geringschätzung der Wissenschaftler seiner Zeit gegenüber antiker Magie, dem kulturellen Milieu der koptischen Texte und dem nicht standardgemäßen sprachlichen Ausdruck erkennen: Das Purpurrezept wird als Scharlatanerie gebrandmarkt, obwohl es laut Prof. Richter sogar ohne Kenntnis antiker Färbetechniken verständlich ist und in seinem Grundprinzip sogar noch zu Ermans Zeit praktiziert wurde.
Da das Rezept in seinem Inhalt ähnlichen alchemistischen Texten sehr nahe kommt und die Berliner Sammlung im Ganzen mit der sog. „Theban Magical Library“ aus dem 3. Jh. vergleichbar ist, folgert Prof. Richter, dass sich hier möglicherweise ein Muster erkennen lässt, das die alchemistische Tätigkeit im spätantiken Ägypten als typischerweise mit medico-magischer Praxis verbunden zeigt.

Ägyptische Kloster-Alchemie?
Der zweite vorgestellte Papyrus, British Library Or. Ms. 36691(1) aus dem 10. Jh., wurde in Sohag erworben und lässt sich wohl dem nahegelegenen berühmten Schenute-Kloster zuordnen: Dafür spricht die Erstbeschriftung des Palimpsests mit einem christlichen Text ebenso wie der paläographische Befund. Die alchemistische Zweitbeschriftung ist einem professionellen Schreiber zuzuordnen, der evtl. für das Kloster tätig war; die flüchtige Verarbeitung lässt allerdings darauf schließen, dass die Kopie für den Privatgebrauch gedacht war. Der Schreiber hatte also evtl. ein persönliches Interesse an dem Text, praktizierte vielleicht sogar selbst Alchemie, da der Inhalt des Papyrus in praxisorientierten Rezepten besteht. Auf der anderen Seite muss auf jeden Fall die Verbindung zum Kloster festgehalten werden: Vielleicht fungierte auch dieses als Ort der Rezeption alchemistischen Wissens.

Gelehrte Schreibkunststücke
Auch die dritte vorgestellte Assemblage dreier Papyri aus der Bodleian Library (Bodl. Mss. Copt. (P) a.1-3) lässt sich auf das 9.-10. Jh. datieren. Die drei Manuskripte stehen in inhaltlichem Zusammenhang; zwei von ihnen wurden von der gleichen Hand geschrieben, einem geübten, aber sicherlich nicht professionellen Schreiber. Auch er scheint also ein persönliches Interesse am Inhalt und Besitz der Texte gehabt zu haben.
Bestimmte Eigenheiten seiner Schrift verraten dabei einiges über seinen Hintergrund: Er macht ausgiebigen Gebrauch fachtextlicher Schriftregister und -codes und verwendet etwa Minuskelformen, arabische Buchstaben, kryptographische Austauschalgorithmen und Symbole für Metalle. Auch baut er Spielereien wie die Kombination von Zahlwörtern mit Zahlzeichen (vgl. „e1ns“) ein. Alle diese Elemente waren nur für nichteingeweihte Leser rätselhaft, erschlossen sich fachkundigen Personen jedoch sofort – eine Haltung, die aus der spätantiken und arabischen Alchemie als einer Art Geheimwissenschaft gut bekannt ist.

Der Schreiber des Papyrus a.1 beherrscht ähnliche Schreibkunststücke, und auch er wurde sicherlich nicht in einem Skriptorium ausgebildet: In seiner Schrift finden sich signifikante Idiosynkrasien, die es möglich machen, auch andere Papyri diesem Schreiber zuzuordnen – so etwa ein medizinischer Papyrus, der sich im Louvre befindet. Hierdurch wird also bereits für das 9.-10.Jh. die in späterer Zeit gut dokumentierte Verbindung von Alchemie und Medizin bezeugt.

Eine Verbindung zu einem klösterlichen Umfeld gibt es hier hingegen nicht; die Texte entstammen vermutlich einem weltlichem Milieu, in dem alchemistische und heilkundliche Praxis ausgeübt und gelehrt wurde. Auf den Kontext des Unterrichts verweisen Beobachtungen zu einer zweiten Hand in dem Papyrus, welche Prof. Richter zum Abschluss seiner Präsentation als wirkungsvollen Cliffhanger für seinen folgenden Vortrag „Die 'Maschine der Weisen'. Ein utopisches Projekt, ein Lehrer, der schweigt, und eine überzählige Hand in den koptischen Papyri der Bodleian Library aus frühislamischer Zeit“ nutzte.

Donnerstag, 3. Mai 2018

Aleksandar Milenković: Concepts of visual perception in Greek scientific thought from the 5th century BC to the 2nd century AD

A weblog entry by Aimee Miles.



Aleksandar Milenković, a first-year doctoral candidate in the Department of Classical Philology, presented the aims and scope of his doctoral dissertation at the first Plenumssitzung of the summer semester on April 19, 2018.

The study of human visual perception elucidates the relationship between ocular physiology, inherited cognitive systems, and the external structures that give shape to conscious understanding. Some of the earliest recorded interpretations of this complex phenomenon date to classical antiquity. These ancient interpretations are the focus of Aleksandar Milenković’s dissertation, which probes concepts of visual perception in Greek scientific thought from the fifth century BC to the second century AD.

By exploring past understandings of a sensory process conditioned by cultural experience, Milenković’s work contributes to one of the core objectives of the Research Training Group 1876: to distinguish innately human concepts, which transcend cultural boundaries, from those that are culturally circumscribed and those that have been transmitted between (or adapted by) distinct cultural groups.

Investigating medical and philosophical texts from a number of ancient Greek sources, Milenković aims to reconstruct a holistic understanding of how Greek thinkers perceived the structure of the visual organ, how they understood the mechanisms of the eye, and how they explained the phenomenon of sight itself.

A notable peculiarity he calls attention to is the limited range of color terms identified in ancient Greek. There is no word corresponding to the color blue, as exemplified in the works of Homer, where the sea is alternately described as black, white, grey, purple, or most memorably, “wine-like” (Hom. Il. 5, 771), he points out.

Nineteenth century scholars puzzled over the visual capacities of the Greeks of the Homeric age. The classicist William Gladstone, a former prime minister of Britain, believed that the “organ of colour and its impressions were but partially developed” in their time (1858), while philosopher and philologist Lazarus Geiger questioned whether it was simply the nomenclature of color that separated us from the ancient Greeks, or whether their perception was indeed fundamentally different from ours (1871).

To further investigate past understandings of vision, Milenković will consult a number of works that reflect the historical development of scientific thought in ancient Greece. He attempts to discern how medical sources, which deal with the pathology of the eye, compare with the treatment of anatomy, physiology, and the process of image transfer and visual perception in philosophical works; as well as how these sources may have influenced one another. Ancient literary works will provide additional comparative material in his study of the terminology of vision.

 

Fig 1. Aleksandar Milenković presents his dissertation project at the Plenumsitzung on April 19, 2018. 
(Photo by Shahrzad Irannejad)
Milenković’s survey begins with pre-Socratic theorists and philosophers such as Alcmaeon of Croton, who lived in southern Italy ca. 500-450 BC. A distinguished medical writer, naturalist, and philosopher, Alcmaeon had a notable influence on the writings of Aristotle and Aristotle’s pupil, Theophrastus – although texts directly attributed to Alcmaeon survive in only fragmentary condition.
In Metaphysics (A 5 986 a 31ff) Aristotle cites Alcmaeon’s dualist doctrine, which posits that most natural phenomena occur in pairs such as sweet and bitter, or good and evil. Alcmaeon’s theory of visual perception, preserved in the writings of Theophrastus, represents the first recorded concept of visual perception in Greek scientific thought, Milenković notes.
In De Sensu (25-26), Theophrastus cites Alcmaeon’s study of the human body when he distinguishes sense from thought and understanding. He also identifies the brain as the seat of thought and denotes “passages” (póroi) as pathways for the senses. Alcmaeon regarded the eye as a binary structure containing water (the “transparent part”) and fire (“the glittering part”); the former constituting a surrounding entity and the latter evinced by the “sparking” effect produced when the eye sustains a blow. This dualism infuses Alcmaeon’s conceptualization of health and disease, which he conceived as an equality or an imbalance of powers, respectively.
Milenković also takes an interest in Plato’s dialogues Timaeus, which speculates on the order of the universe and the creation of human beings, and Theatetus, on the nature of knowledge, both authored in the 4th century BC. Plato was ostensibly influenced by early philosophers including Alcmaeon, Diogenes and Democritus. Aristotle later drew from his mentor’s works in composing Physika, a treatise on nature and the motion of natural entities, and Parva naturalia, on the body and soul. His pupil Theophrastus critiqued the ideas of earlier philosophers on the psychology of sense perception in De Sensu

Milenković will also examine a number of documents in the Hippocratic corpus, a collection of some 60 medical texts dating from the ca. fifth century BC to the ca. second century AD, and attributed to different authors with various purposes in mind. These include Prognosticon, a treatise on the interpretation of symptoms in medical practice; Epidemiae, on identifying the symptoms of diseases and tracing their progression; and De locis in homine, which comments on clinical instruction, anatomy, physiology, and pathology. 
 
The survey is bookended by the Greek physician and philosopher Galen, who advanced the Hippocratic philosophy of medicine in the second century AD. Galen wrote prolifically on subjects including the physiology and anatomy of parts of the body in De usu partium, pathology in Ars medica, and pharmacology in De simplicium medicamentorum temperamentis et facultatibus; as well as commentaries on the doctrines of Plato and Hippocrates in De placitis Hippocratis et Platonis.

Through a close contextual reading of sources spanning the Pre-Socratics to Galen, Milenković intends to trace the lineage of scientific thought on the visual apparatus as well as philosophical views on the nature and process of vision. Employing lexical and rhetorical analysis, his work will also contribute to a more nuanced understanding of the origins of Greek scientific writing and the relationships between ancient scientific authors and their intended audiences.

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Rebekka Pabst: „Der tote Körper. Untersuchungen zu Konzepten vom ‚Leichnam‘ im Alten Ägypten“

Ein Beitrag von Sina Lehnig.

In der Plenumssitzung des GRKs am 19. April 2018 stellte Kollegiatin Rebekka Pabst ihr Dissertationsprojekt „Der tote Körper. Untersuchungen zu Konzepten vom ‚Leichnam‘ im Alten Ägypten“ vor. Zunächst beleuchtete sie die Problematik, Zielsetzung und Fragestellungen ihrer Arbeit, bevor sie anschließend Einblicke in das Quellenkorpus sowie ihre Methodik gab.
 

Problematik

Um den Körper für die Ewigkeit zu bewahren und den Seelen der Toten eine Fortexistenz im Jenseits zu ermöglichen, führten die „alten Ägypter“ das aufwendige wie langwierige Verfahren der Mumifizierung durch. Bis zum heutigen Tag standen und stehen dabei vor allem die archäologischen Hinterlassenschaften (Mumien), die Vorstellungen des Jenseitsglaubens sowie die Bestattungsriten der einzelnen Epochen Altägyptens im Fokus des wissenschaftlichen Interesses.
Sicherlich stellen Mumien, Balsamierungs- und Bestattungsriten sowie altägyptische Jenseitsvorstellungen einige der am häufigsten behandelten Themenfelder der Ägyptologie dar. Interessanterweise steht jedoch eine ausführliche Untersuchung der schriftlichen Quellen bislang noch aus. So wurde bisher nicht eingehend beleuchtet, welche Begriffe in den verschiedenen Sprach- und Schriftvarianten (alt-, mittel-, neuägyptisch, demotisch, ptolemäisch, koptisch) für einen „Leichnam“ existiert haben könnten. 
 
Abb. 1: Mumie von Pharao Amenophis II., Neues Reich, 18. Dynastie, ca. 1400 v. Chr. (Bildquelle: Janot, Francis, Mumien. Zeugen der Vergangenheit, Wiesbaden 2008, 181)
Dabei finden sich zahlreiche Lexeme, welche die Bedeutung „toter Körper“ transportieren konnten. Beispielsweise bedeutet das Wort ẖA.t „Leichnam“, meint also einen leblosen (unbehandelten?) Körper. Dagegen lässt sich der Begriff saḥ als „Mumie“ oder „Gestalt“ übersetzen und umschreibt somit den mumifizierten Leichnam. Hinzu kommen Metonyme, also rhetorische Stilfiguren, bei denen ein sprachlicher Ausdruck nicht in seiner eigentlichen wörtlichen Bedeutung, sondern in einem übertragenen, nicht wörtlichen Sinn gebraucht wird. So bedeutet beispielsweise das Lexem jwf eigentlich „Fleisch“ und bezieht sich vor allem auf knochenloses, tierisches Fleisch. Jedoch kann jwf im Sinne eines pars pro toto (= „ein Teil steht für das Ganze“) auch den gesamten lebenden bzw. toten Körper eines Menschen oder Gottes beschreiben.
Dabei ist eine umfassende Analyse der schriftlichen Belege unerlässlich, wenn man spezifisch altägyptische Konzepte zum „Leichnam“ ermitteln möchte. Denn vor allem aus den schriftlichen Quellen erfährt man, welche Aussagen zu einem „toten Körper“ gemacht wurden.
 

 Fragestellungen und Zielsetzung

Das Ziel des Promotionsvorhabens von Rebekka Pabst ist es, ausgehend von schriftlichen Quellen, altägyptische Vorstellungen vom „Leichnam“ zu rekonstruieren. Dabei versucht sie, die folgenden Fragestellungen zu beantworten: 
  • Welche Lexeme konnten die Bedeutung „toter Körper“ tragen? 
  • Was ist aus etischer vs. emischer Perspektive unter einem „toten Körper“ zu verstehen? 
  • Werden im Rahmen der Mumifizierungs-, Balsamierungs- und Bestattungstätigkeiten unterschiedliche Lexeme gebraucht? 
  • Welche Erkenntnisse lassen sich anhand der Klassifikatoren der Lexeme gewinnen?
  • Wie wird ein „toter Körper“ in den altägyptischen Textquellen beschrieben? 
  • Sind die ermittelten Konzepte der verschiedenen „Arten“ von toten Körpern als textgattungsbezogen oder übergreifend einzustufen? 
  • Existierten verschiedenartige Vorstellungen zum „Leichnam“ parallel zueinander? 
Um derartige Aspekte nachzeichnen zu können, ist für die Untersuchung ein Zeitraum von der Frühzeit bis in die griechisch-römische Zeit Ägyptens (ca. 3000 v. Chr. – ca. 400 n. Chr.) gewählt.
 

Quellenkorpus und Methodik

Rebekka Pabst plant, ihre Studie in zwei große Teilbereiche zu gliedern. Zuerst ist eine Untersuchung zum Wortfeld [Leichnam] angestrebt (s. Abb. 2). Der erste Schritt umfasst daher die Suche nach altägyptischen Lexemen, welche die Bedeutung „toter Körper“, „Leichnam“, „Mumie“ o. ä. tragen konnten. Besondere Beachtung verdient dabei auch die semantische Relation der einzelnen Wörter zu ihren Klassifikatoren.
 
Abb. 2: Wortfeldanalyse (Auswahl)
Dabei liegt das Hauptaugenmerk von Rebekka Pabst zunächst naturgemäß auf den altägyptischen Jenseitstexten (z. B. Pyramidentexte, Sargtexte, Totenbuch). Allerdings werden auch Schriftquellen aus anderen Bereichen (z. B. medizinisch-magische Texte, Mythen, literarische Texte) in das Textkorpus aufgenommen. Somit wird sich Rebekka Pabst nicht auf eine bestimmte Textgattung beschränken, vielmehr wird sich ihr Textkorpus aus diversen Textbereichen zusammensetzen.
Dabei wird sie in synchroner Betrachtung untersuchen, welche Aussagen in den für die jeweilige Epoche spezifischen Texten zum „toten Körper“ gemacht werden. Aus der diachronen Perspektive möchte sie hingegen versuchen, mögliche Bedeutungs- und Gebrauchswandel einzelner Lexeme nachzuzeichnen. Da in unterschiedlichen Kontexten anders gedacht wird, ist außerdem zu vermuten, dass sich innerhalb der einzelnen Textgattungen heterogene Konzepte zum „Leichnam“ abzeichnen.
Aufbauend auf der Wortfelduntersuchung plant Rebekka Pabst, spezifisch altägyptische Konzepte zum Leichnam zu eruieren. Um derartige Konzepte rekonstruieren zu können, verwendet sie eine Kombination von mehreren Methoden, die mit den Fragestellungen ihres Dissertationsprojektes harmonieren (s. Abb. 3). So verwendet sie etwa die Historische Semantik, da mithilfe dieses Modells untersucht werden kann, was unter der Bedeutung eines Wortes zu verstehen ist und wie und ob sich die Bedeutung eines Wortes im Lauf der Zeit verändert hat (Bedeutungstheorie). Hierbei stellt insbesondere die Kollokationsanalyse ein wichtiges Mittel dar, um die Bedeutung sowie den Bedeutungswandel eines Wortes zu untersuchen. Zudem verwendet sie die Prototypensemantik, welche in der Ägyptologie bereits genutzt wurde, um die Klassifikatoren – früher Determinative genannt – ägyptischer Lexeme zu untersuchen. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit wird zudem die Untersuchung und Herausstellung von Metaphern und Metonymien sein, für deren Ermittlung sich beispielsweise die konzeptuelle Metapherntheorie anbietet. Die ermittelten Konzepte und Konzeptbestandteile möchte Rebekka Pabst mittels der Methode der Framesemantik darstellen, um somit abschließend einen anschaulichen Überblick zu spezifisch altägyptischen Konzepten vom „Leichnam“ zu geben.

Abb. 3: Darstellung der gewählten Methoden