Donnerstag, 28. September 2017

Origins.6: International Conference on Predynastic and Early Dynastic Egypt, Wien 10.09.-15.09.2017

Ein Beitrag von Sonja Speck.
 
Seit die Origins-Konferenz 2002 in Krakau aus der Taufe gehoben wurde, führt sie in dreijährigem Turnus verdiente Ägyptologen, Nachwuchswissenschaftler und interessierte Studenten, die sich der Erforschung der prä- und frühdynastischen Periode des Alten Ägyptens verschrieben haben, zusammen, um aktuelle Forschungsergebnisse und Grabungsberichte vorzustellen und Probleme, Fragen und Desiderate in der wissenschaftlichen Arbeit zum frühen Ägypten zu identifizieren und zu diskutieren. Vom 10. bis 15. September dieses Jahres fand die sechste Origins statt, dieses Mal im bereits herbstlichen Wien.

Zum Auftakt luden unsere Gastgeber vom Ägyptologischen Institut Wien zum abendlichen Keynote-Vortrag von Prof. Christiana Köhler und anschließenden Empfang mit veganen Häppchen, die entsprechend dem ökologischen Food-Trend der österreichischen Hauptstadt ganz umweltbewusst per Fahrrad angeliefert wurden. Christiana Köhler nutzte ihre Keynote für einen Rückblick auf 20 Jahre der Ausgrabung und Erforschung der prä- und frühdynastischen Nekropole Helwan. Das in Wien beheimatete Helwan-Project befindet sich aktuell in der Nachbearbeitungsphase und wird in etwa einem Jahr abgeschlossen werden. Seit dem Beginn des Projekts konnten neue Erkenntnisse zum soziokulturellen Hintergrund der in Helwan bestatteten Bevölkerung der damaligen Hauptstadt Memphis und zur Entwicklung von Bestattungssitten, Ritualen in der Nekropole und den damaligen Lebensbedingungen gewonnen werden. Außerdem sind noch mehrere abschließende Publikationen im kommenden Jahr zu erwarten. Ein guter Grund für Christiana Köhler, um sowohl mit Stolz als auch mit etwas Wehmut zurückzublicken.

Folgerichtig war auch der Vormittag des zweiten Konferenztages ganz der Nekropole von Helwan gewidmet. Die Vorträge behandelten die einzelnen Fundkategorien und Themenbereiche, die im Helwan-Project vertreten sind: Die anthropologische Untersuchung der menschlichen Skelette, die Bearbeitung und Analyse von Keramik, Kleinfunden/Steingefäßen und den Überresten von Flora und Fauna. Den Abschluss bildete eine zusammenfassende Betrachtung. Allen Vorträgen war der Teilfokus auf die Identifikation und, soweit möglich, Rekonstruktion von Ritualen, die in verschiedenen Bereichen des Grabes durchgeführt wurden, gemeinsam. Eine ebenfalls von allen Rednern angesprochene Besonderheit der Nekropole von Helwan ist die hohe Variabilität, die sich in fast allen Bereichen feststellen lässt. Eine Standardisierung von Grab, Bestattung und Totenkult gab es in Helwan in keiner Weise.

Im Mittelpunkt der Vorträge des dritten Tages standen verschiedenste Bildwerke, ihre Beziehung zur Realität sowie Bedeutung und Entwicklung. Insbesondere der Kontext der Bildwerke ist entscheidend, um die Fragen, die wir an sie stellen zu beantworten oder einer Antwort nahe zu kommen. Von Interesse waren etwa die beiden Fragen: Was ist die Bedeutung der Bilderwerke innerhalb ihres Umfelds? Und: Welche Bedeutung erhalten Orte aufgrund der mit ihnen assoziierten Bilder? Unter anderem zeigte dies der Vortrag von Dr. Liam McNamara, der aufwendig restaurierte Fragmente von anthropomorphen Elfenbeinstatuetten aus dem berühmten Main Deposit von Hierakonpolis präsentierte und die gesamte Gruppe entgegen der bisherigen Forschungsmeinung, sie wäre Teil des Kultinventars des Tempels von Hierakonpolis, innerhalb dessen Mauern sie vergraben waren, in Zusammenhang mit dem noch unter dem Tempel liegenden, älteren abgestuften Hügel und damit mit dem Königskult brachte.

 
Abb. 1: Poster von Sonja Speck: A Seal for the Deceased? – Early Dynastic Cylinder Seals Bearing the Offering Scene Reexamined.
 
Der vierte Konferenztag war ganz den Grabungsberichten von archäologischen Stätten im Nildelta gewidmet. Mit drei aufeinanderfolgenden Vorträgen erhielten die Ausgrabungen in Tell el-Farkha die meiste Aufmerksamkeit. Außerdem gab es Berichte aus Tell el-Iswid, Tell el-Murra, Abu Rawash und Buto. Passend zum geographischen Fokus auf das Nildelta wurden auch brennende Fragen zur Natur des Übergangs der ursprünglich vor Ort ansässigen unterägyptischen Kultur zur sich von Oberägypten her ausbreitenden Naqada-Kultur, wie er sich im archäologischen Befund zeigt, diskutiert. Den Abschluss des Konferenztages bildete die gut besuchte und lebhafte Poster Session mit 25 präsentierten Postern. Unter diesen befand sich auch mein eigenes Poster mit dem Titel A Seal for the Deceased? – Early Dynastic Cylinder Seals Bearing the Offering Scene Reexamined (s. Abb. 1). Das Poster behandelt einen Teil meiner Magisterarbeit über die Speisetischszene im frühdynastischen Ägypten. Ziel war es zu zeigen, dass die bisherige Forschungsmeinung, die Rollsiegel mit Speisetischszene seien funeräre Objekte, die allein als Grabbeigabe gefertigt wurden, durch Fundkontexte einiger Siegel in Siedlungsbereichen, Lehmabdrücke und Abnutzungsspuren an der Oberfläche der Rollsiegel widerlegt wird. Vielmehr sind die Rollsiegel mit Speisetischszene nicht von anderen Rollsiegeln zu unterscheiden und in einem administrativen Kontext anzusiedeln.

Die Vorträge des fünften Konferenztages drehten sich ganz um die archäologischen Objekte, ihre Eigenschaften und Aussagewert zur Nutzung (praktisch und rituell), Handwerksspezialisierung und gesellschaftlichen Kontext, sowie Management in Museen, Sammlungen und Depots. Den Anfang machten drei Vorträge zur prä- und frühdynastischen Keramik, gefolgt von zwei Beiträgen, die Steinwerkzeuge zum Thema hatten. Der zweite Teil des Konferenztages beschäftigte sich mit einem gemischten Spektrum von Objektgattungen, Material und dem Objektmanagement in Museen. Glänzender Abschluss des Tages und zugleich Höhepunkt der Konferenz war das gemeinsame Abendessen der Teilnehmer im gemütlichen Heurigen mit reichlichen, traditionell österreichischen Speisen.

Nach der ausgiebigen Feier fanden sich die Teilnehmer der Origins-Konferenz am folgenden Morgen zum letzten Mal zusammen, um zunächst aktuelle Forschungsfragen zur Neolithisierung Ägyptens zu diskutieren. Bisher gab es zwei konkurrierende Hypothesen, die die Diskussion dominierten: Einerseits wurde die levantinische, andererseits die afrikanische Herkunft des neolithic package angenommen. Allerdings zeigen die in den Vorträgen diskutierten Befunde, dass die Neolithisierung Ägyptens auf komplexen Prozessen beruht, die sich aus einem Zusammenwirken der levantinischen und afrikanischen Einflüsse speisen. Einfache Antworten sind damit ausgeschlossen und keiner der bisherigen Hypothesen kann der Vorzug gegeben werden. Einen letzten thematischen Block bildeten die Beiträge zu den Ausgrabungen und Surveys rund um zwei Flint-Abbaugebiete. Neben den Spuren des Rohstoffabbaus konnten jeweils auch die Hinterlassenschaften von Verarbeitungsprozessen in unterschiedlichem Ausmaß (Rohlinge bis fast fertig gearbeitete Werkzeug-Vorformen) vor Ort dokumentiert werden.


Abb. 2: Danksagungen am Ende der Origins 6 (Foto: Sonja Speck).

Um ein Fazit meiner ersten Origins-Erfahrung zu ziehen, kann ich nur sagen, dass ich mich bereits jetzt auf die Origins 7 freue, die 2020 unter der Regie von Dr. Yann Tristant in Paris stattfinden wird. Die Origins-Gemeinde hat mich mehr als freundlich aufgenommen und auch einverleibt. Auf diese Weise werden die Reihen der Origins-Teilnehmer im dreijährigen Turnus wieder und wieder durch neu hinzugestoßene, an der Frühzeit der altägyptischen Kultur interessierte Doktoranden und Studenten aufgefüllt. Auch das Scientific Committee wurde in Wien durch die Berufung von zwei neuen Mitgliedern Dr. Liam McNamara und Dr. Mariusz Jucha verjüngt und bestens für die Zukunft gerüstet. Damit bleibt nur noch Christiana Köhler und der Wiener Ägyptologie für eine erfolgreiche und inspirierende Origins 6 zu danken.

Dienstag, 5. September 2017

"After Sunset: Perceptions and Histories of the Night in the Graeco-Roman World": 64. "entretiens" der Fondation Hardt in Genf

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten.
 
Vom 21.-25. August 2017 veranstaltete die Fondation Hardt in Genf-Vandœuvres ihre 64. entretiens ("Gespräche"), die in diesem Jahr dem Thema der Nacht in der griechisch-römischen Antike gewidmet waren (Programm). Unter der Leitung des Organisators der Konferenz, Angelos Chaniotis, sowie des "directeur" der Fondation Hardt, Pierre Ducrey, kamen acht geladene Forscher zusammen: Sie fungierten jeweils als Experten für einen Bereich aus den Disziplinen der Literaturwissenschaft, Archäologie und Alten Geschichte sowie aus den verschiedenen Epochen der Antike und führten so verschiedene Blickwinkel auf das Thema Nacht zusammen.

Abb. 1: Das Hauptgebäude der Fondation Hardt (alle Fotos: M.-C. v. Lehsten).

Abb. 2: Blick auf das Gewächshaus (links) und die Orangerie, in der die Vorträge und Diskussionen stattfanden.

Neben der ausgesuchten Zusammensetzung des Kreises der aktiven Teilnehmer, die eine hohe Qualität des wissenschaftlichen Austausches garantiert, besteht die Besonderheit der entretiens der Fondation Hardt auch im räumlichen und organisatorischen Umfeld: Die eingeladenen Forscher werden fast eine Woche lang gemeinsam in dem malerischen Anwesen der Fondation (s. Abb. 1 und 2) beherbergt und beköstigt und können zudem die stiftungseigene Bibliothek (s. Abb. 3) nutzen; das Format der Konferenz bietet mit je einer Stunde Vortragszeit sowie ebenfalls einer Stunde Diskussionszeit pro Beitrag die Gelegenheit zur intensiven und tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Materie. Großzügige Pausen zwischen den Vorträgen ermöglichen zudem einen ausführlichen persönlichen Austausch der Wissenschaftler und Gasthörer.

Abb.3: Impression aus der Bibliothek der Fondation Hardt.

Einer der Ausgangspunkte der Betrachtungen zur Nacht war ihr Verständnis als sog. marked time – als eine Zeit, die mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen ist und deren Nennung daher immer zugleich ein bestimmtes Set an Vorstellungen evoziert. Als Schlüsselwort für eine grundlegende Funktion der Nacht, deren Auswirkungen sich in literarischen Darstellungen ebenso wie in der historischen Lebenswelt widerspiegeln, fiel dabei bspw. häufig der Begriff enhancer of emotions. Vor diesem Hintergrund loteten die Forscher ganz unterschiedliche Felder aus, in denen Nacht eine Rolle spielt.

Vornehmlich im Bereich der Literatur bewegten sich Renate Schlesier (FU Berlin), Koen de Temmerman (Ghent University) und Sergio Casali (Università degli Studi di Roma "Tor Vergata"), die sich der Bedeutung der Nacht bei Sappho und im antiken Roman sowie der Verarbeitung der Nachthandlung von Ilias 10 (der "Dolonie") im römischen Epos widmeten; in der Domäne der bildlichen Darstellungen erörterte Ioannis Mylonopoulos (Columbia University) das weitgehende Fehlen von Abbildungen der Nacht und die auffällige Brutalität in der Darstellung von Nachtszenen auf griechischen Vasen.
Während die vorgenannten Beiträge sich mit künstlerischen Nachtdarstellungen und daher notwendigerweise mit Nachtkonzepten beschäftigten, versuchte Angelos Chaniotis (Institute for Advanced Study, Princeton) seine Analyse von ebendiesen möglichst freizumachen und zeichnete Veränderungen des realen Nachtlebens in der Zeit des Hellenismus nach. Untersuchungen zum Bereich der historischen Nachtgestaltung präsentierten auch Andrew Wilson (University of Oxford) und Leslie Dossey (Loyola University Chicago), die beide einen Schwerpunkt auf das Phänomen der Straßenbeleuchtung legten, jedoch in unterschiedlichen Zeiten und kulturellen Kontexten.
Vinciane Pirenne-Delforge (F.R.S.-FNRS – Université de Liège) und Filippo Carlà-Uhink (PH Heidelberg) bewegten sich mit ihren Vorträgen zu Kulten und Riten, die entweder mit der Nacht als Gottheit verbunden waren oder aber in der Nacht stattfanden, auf der Schnittstelle von literarischen und historischen Fragestellungen.

Im Ganzen bot die Fondation Hardt eine in allen Bereichen gelungene Konferenz in einer ausgesprochen familiären und produktiven Atmosphäre. Hervorzuheben ist auch, dass eine ausgiebige Erörterung der Thematik der Nacht in fast allen Bereichen der Antike schon lange ein Desiderat ist und die Konferenz sowie der entstehende Sammelband vermutlich (oder zumindest hoffentlich) eine größere forscherische Aktivität in diesem Bereich anstoßen werden, die auch mir mit meinem Projekt zur Nacht in der archaisch-klassischen griechischen Literatur sehr willkommen ist. Doch schon jetzt konnte ich eine Vielzahl von Anregungen mitnehmen und einen guten Überblick über die aktuellen Forschungstendenzen zum Thema erhalten. Ich danke daher der Fondation Hardt für die Organisation dieser beeindruckenden und bereichernden Konferenz, die Möglichkeit der Teilnahme als Gasthörerin und die freundliche Betreuung, sowie dem Graduiertenkolleg 1876 für die großzügige Finanzierung meines Aufenthaltes in Genf.