Donnerstag, 3. Mai 2018

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Rebekka Pabst: „Der tote Körper. Untersuchungen zu Konzepten vom ‚Leichnam‘ im Alten Ägypten“

Ein Beitrag von Sina Lehnig.

In der Plenumssitzung des GRKs am 19. April 2018 stellte Kollegiatin Rebekka Pabst ihr Dissertationsprojekt „Der tote Körper. Untersuchungen zu Konzepten vom ‚Leichnam‘ im Alten Ägypten“ vor. Zunächst beleuchtete sie die Problematik, Zielsetzung und Fragestellungen ihrer Arbeit, bevor sie anschließend Einblicke in das Quellenkorpus sowie ihre Methodik gab.
 

Problematik

Um den Körper für die Ewigkeit zu bewahren und den Seelen der Toten eine Fortexistenz im Jenseits zu ermöglichen, führten die „alten Ägypter“ das aufwendige wie langwierige Verfahren der Mumifizierung durch. Bis zum heutigen Tag standen und stehen dabei vor allem die archäologischen Hinterlassenschaften (Mumien), die Vorstellungen des Jenseitsglaubens sowie die Bestattungsriten der einzelnen Epochen Altägyptens im Fokus des wissenschaftlichen Interesses.
Sicherlich stellen Mumien, Balsamierungs- und Bestattungsriten sowie altägyptische Jenseitsvorstellungen einige der am häufigsten behandelten Themenfelder der Ägyptologie dar. Interessanterweise steht jedoch eine ausführliche Untersuchung der schriftlichen Quellen bislang noch aus. So wurde bisher nicht eingehend beleuchtet, welche Begriffe in den verschiedenen Sprach- und Schriftvarianten (alt-, mittel-, neuägyptisch, demotisch, ptolemäisch, koptisch) für einen „Leichnam“ existiert haben könnten. 
 
Abb. 1: Mumie von Pharao Amenophis II., Neues Reich, 18. Dynastie, ca. 1400 v. Chr. (Bildquelle: Janot, Francis, Mumien. Zeugen der Vergangenheit, Wiesbaden 2008, 181)
Dabei finden sich zahlreiche Lexeme, welche die Bedeutung „toter Körper“ transportieren konnten. Beispielsweise bedeutet das Wort ẖA.t „Leichnam“, meint also einen leblosen (unbehandelten?) Körper. Dagegen lässt sich der Begriff saḥ als „Mumie“ oder „Gestalt“ übersetzen und umschreibt somit den mumifizierten Leichnam. Hinzu kommen Metonyme, also rhetorische Stilfiguren, bei denen ein sprachlicher Ausdruck nicht in seiner eigentlichen wörtlichen Bedeutung, sondern in einem übertragenen, nicht wörtlichen Sinn gebraucht wird. So bedeutet beispielsweise das Lexem jwf eigentlich „Fleisch“ und bezieht sich vor allem auf knochenloses, tierisches Fleisch. Jedoch kann jwf im Sinne eines pars pro toto (= „ein Teil steht für das Ganze“) auch den gesamten lebenden bzw. toten Körper eines Menschen oder Gottes beschreiben.
Dabei ist eine umfassende Analyse der schriftlichen Belege unerlässlich, wenn man spezifisch altägyptische Konzepte zum „Leichnam“ ermitteln möchte. Denn vor allem aus den schriftlichen Quellen erfährt man, welche Aussagen zu einem „toten Körper“ gemacht wurden.
 

 Fragestellungen und Zielsetzung

Das Ziel des Promotionsvorhabens von Rebekka Pabst ist es, ausgehend von schriftlichen Quellen, altägyptische Vorstellungen vom „Leichnam“ zu rekonstruieren. Dabei versucht sie, die folgenden Fragestellungen zu beantworten: 
  • Welche Lexeme konnten die Bedeutung „toter Körper“ tragen? 
  • Was ist aus etischer vs. emischer Perspektive unter einem „toten Körper“ zu verstehen? 
  • Werden im Rahmen der Mumifizierungs-, Balsamierungs- und Bestattungstätigkeiten unterschiedliche Lexeme gebraucht? 
  • Welche Erkenntnisse lassen sich anhand der Klassifikatoren der Lexeme gewinnen?
  • Wie wird ein „toter Körper“ in den altägyptischen Textquellen beschrieben? 
  • Sind die ermittelten Konzepte der verschiedenen „Arten“ von toten Körpern als textgattungsbezogen oder übergreifend einzustufen? 
  • Existierten verschiedenartige Vorstellungen zum „Leichnam“ parallel zueinander? 
Um derartige Aspekte nachzeichnen zu können, ist für die Untersuchung ein Zeitraum von der Frühzeit bis in die griechisch-römische Zeit Ägyptens (ca. 3000 v. Chr. – ca. 400 n. Chr.) gewählt.
 

Quellenkorpus und Methodik

Rebekka Pabst plant, ihre Studie in zwei große Teilbereiche zu gliedern. Zuerst ist eine Untersuchung zum Wortfeld [Leichnam] angestrebt (s. Abb. 2). Der erste Schritt umfasst daher die Suche nach altägyptischen Lexemen, welche die Bedeutung „toter Körper“, „Leichnam“, „Mumie“ o. ä. tragen konnten. Besondere Beachtung verdient dabei auch die semantische Relation der einzelnen Wörter zu ihren Klassifikatoren.
 
Abb. 2: Wortfeldanalyse (Auswahl)
Dabei liegt das Hauptaugenmerk von Rebekka Pabst zunächst naturgemäß auf den altägyptischen Jenseitstexten (z. B. Pyramidentexte, Sargtexte, Totenbuch). Allerdings werden auch Schriftquellen aus anderen Bereichen (z. B. medizinisch-magische Texte, Mythen, literarische Texte) in das Textkorpus aufgenommen. Somit wird sich Rebekka Pabst nicht auf eine bestimmte Textgattung beschränken, vielmehr wird sich ihr Textkorpus aus diversen Textbereichen zusammensetzen.
Dabei wird sie in synchroner Betrachtung untersuchen, welche Aussagen in den für die jeweilige Epoche spezifischen Texten zum „toten Körper“ gemacht werden. Aus der diachronen Perspektive möchte sie hingegen versuchen, mögliche Bedeutungs- und Gebrauchswandel einzelner Lexeme nachzuzeichnen. Da in unterschiedlichen Kontexten anders gedacht wird, ist außerdem zu vermuten, dass sich innerhalb der einzelnen Textgattungen heterogene Konzepte zum „Leichnam“ abzeichnen.
Aufbauend auf der Wortfelduntersuchung plant Rebekka Pabst, spezifisch altägyptische Konzepte zum Leichnam zu eruieren. Um derartige Konzepte rekonstruieren zu können, verwendet sie eine Kombination von mehreren Methoden, die mit den Fragestellungen ihres Dissertationsprojektes harmonieren (s. Abb. 3). So verwendet sie etwa die Historische Semantik, da mithilfe dieses Modells untersucht werden kann, was unter der Bedeutung eines Wortes zu verstehen ist und wie und ob sich die Bedeutung eines Wortes im Lauf der Zeit verändert hat (Bedeutungstheorie). Hierbei stellt insbesondere die Kollokationsanalyse ein wichtiges Mittel dar, um die Bedeutung sowie den Bedeutungswandel eines Wortes zu untersuchen. Zudem verwendet sie die Prototypensemantik, welche in der Ägyptologie bereits genutzt wurde, um die Klassifikatoren – früher Determinative genannt – ägyptischer Lexeme zu untersuchen. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit wird zudem die Untersuchung und Herausstellung von Metaphern und Metonymien sein, für deren Ermittlung sich beispielsweise die konzeptuelle Metapherntheorie anbietet. Die ermittelten Konzepte und Konzeptbestandteile möchte Rebekka Pabst mittels der Methode der Framesemantik darstellen, um somit abschließend einen anschaulichen Überblick zu spezifisch altägyptischen Konzepten vom „Leichnam“ zu geben.

Abb. 3: Darstellung der gewählten Methoden

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen