Freitag, 20. April 2018

Forschungsaufenthalt an der University of Haifa in Israel, 28.01. – 06.04.2018

Ein Beitrag von Sina Lehnig.
 
Im Januar 2018 führte mich meine Forschung zu Landschaftskonzepten, die der byzantinischen Besiedlung extremer Klimazonen Vorderasiens zugrunde liegen, erneut nach Haifa, Israel (Abb. 1).


Abb. 1: Blick auf die Bahai Gärten – Das Wahrzeichen Haifas (Photo: Sina Lehnig).

Der Fokus meines Aufenthalts lag diesmal auf der Untersuchung von Tierknochen, die bei archäologischen Ausgrabungen geborgen wurden. Die Archäozoologie – wie die archäologische Teildisziplin, die sich mit der Analyse von Fauna und deren Rolle im historischen Kontext beschäftigt, genannt wird ­– ermöglicht vielfältige Einblicke in Mensch-Umwelt-Beziehungen zu jeder Zeit. Fragen danach, welche Tiere gehalten, gejagt und auf welche Weise genutzt wurden, können beantwortet werden. Die Identifizierung von Spezies, die normalerweise nicht im Untersuchungsgebiet vorkommen, kann auf Handelsbeziehungen, den organisierten Import von Tieren, oder klimatische Veränderungen hinweisen. Weiterführend vermag eine Isotopenanalyse ausgewählter Knochen oder Mollusken, Antworten auf die Herkunft eines Tieres zu geben, sowie zur Ernährung des untersuchten Individuums.
Dieser Informationsgewinn sollte auch für zwei byzantinische Siedlungen (Elusa in der Negevwüste und Horvat Castra im Karmel-Gebirge), die Teil meines Forschungsprojektes sind, erzielt werden. Hierfür begab ich mich an die University of Haifa in das Labor für Archäozoologie, das von Professor Guy Bar-Oz geleitet wird. Bereits während meiner Masterarbeit habe ich mehrere Monate hier verbracht und gute Erfahrungen mit der archäozoologischen Sammlung (Abb. 2) und den liebenswerten und hilfsbereiten MitarbeiterInnen des Instituts gemacht. Seitdem war ich begeistert von der professionellen Forschungsatmosphäre und dem kollegialen Miteinander. Daher fiel auch die Entscheidung nicht schwer, mich ebenfalls für mein Dissertationsvorhaben hierher zu begeben. 
 
 

Abb. 2: Ein Teil der archäozoologischen Sammlung der Universität Haifa (Photo: Rachel Blevis).
Für die gesamte Zeit des Aufenthalts war ich in den Student Dorms (Abb. 3), in unmittelbarer Nähe zur Universität, untergebracht. So musste ich zwar mit einer winzigen Gemeinschaftsküche für mich und sechs Mitbewohnerinnen, sowie mit gefühlt 150 Katzen, die regelmäßig vor meinem Fenster kämpften, klarkommen, konnte aber andererseits auch den Luxus genießen, von meinem Bett direkt ins Labor zu fallen. Während unter meinen MitarbeiterInnen im Labor nur Israelis und US-Amerikaner waren, habe ich in den Dorms mit Palästinenserinnen zusammengelebt. Die politische Situation im Land und den Umgang mit dieser aus zwei Perspektiven vermittelt zu bekommen, habe ich als sehr spannend empfunden. 

Abb. 3: Student Dorms. Mein Zuhause für über zwei Monate (alle weiteren Photos: Sina Lehnig).

Am Beginn meines Aufenthalts stand eine Menge Organisation: Die Kisten mit der Fauna aus Elusa waren nahe der Stadt Beer´sheva im Süden des Landes gelagert (Abb. 4), während das Material aus Castra in einem gigantischen Archiv im Norden untergebracht war (Abb. 5). Nach zahlreichen E-Mails und Telefonaten mit Ausgräbern und Mitarbeitern der IAA (die Israel Antiquities Authority, welche die Aufsicht über sämtliche archäologische Unternehmungen im Land innehat), wurde es mir endlich erlaubt, das Material abzuholen. Wieder einmal waren meine Kollegen hierbei eine große Hilfe. Guy Bar-Oz stellte mir sein eigenes Auto zur Verfügung und ein Freund von mir half dabei, die 40 schweren Kisten zu transportieren. 


Abb. 4: Die Kisten mit dem Material aus Elusa mussten im Süden des Landes abgeholt werden.

Abb. 5: Das Castra-Material lagerte in einem der riesigen unterirdischen Archive der Israel Antiquities Authourity.

Danach konnte die Arbeit am Material selbst endlich losgehen! Hierfür nutzte ich die archäozoologische Vergleichssammlung und eine Datenbank, die ich bereits für meine Masterarbeit erstellt hatte. Bei der Betrachtung des Materials fiel mir gleich zu Beginn auf, wie unterschiedlich die beiden Fundstellen waren. Elusa – mitten in der Negevwüste gelegen – war überwiegend durch Knochen von Schaf und Ziege geprägt, aber auch von einem sehr hohen Anteil mariner Ressourcen aus dem Mittelmeer, dem Roten Meer und dem Nil (Abb. 6).
 
Abb. 6: Pharyngeal-Knochen des Papageifischs. Dieser Fisch wurde zahlreich aus dem Roten Meer nach Elusa transportiert.
Gerade die letzte Beobachtung erstaunt, da Elusa mehrere hundert Kilometer vom Meer entfernt liegt. Im Material aus Castra wiederum konnte ich zahlreiche Rinderknochen identifizieren, die ungewöhnlich schmal und klein, aber dennoch ausgewachsen waren. Die Hintergründe zu diesen und anderen Beobachtungen versuche ich zur Zeit, zurück in Mainz, intensiver zu beleuchten.

In meiner freien Zeit haben meine KollegInnen mich in diverse Aktivitäten miteinbezogen. Sonntagabend stand israelische Selbstverteidigung beim Krav-Maga-Kurs auf dem Programm. Dienstagabend abwechselndes Kochen bei einem von uns. An meinem letzten Abend war ich an der Reihe und habe meinen KollegInnen ein deutsches Menü aus Schweinefleischfrikadellen (ein Highlight in Israel, da die meisten Supermärkte und Metzgereien koscher sind und kein Schwein anbieten), Kartoffelpüree und Erbsen mit Möhrchen gezaubert. An einigen Wochenenden waren wir in kleinen Gruppen wandern und haben uns archäologische Stätten im Negev angesehen (Abb.  7).
 
Abb. 7: Die byzantinische Stadt Shivta im Negev. Hier zu sehen die Kirche, welche nach der Islamischen Eroberung in eine Moschee umgebaut wurde.
Hierbei konnte ich immer wieder erfahren, was auch Thema meiner Arbeit ist: die unglaubliche naturräumliche Vielfalt auf einem sehr kleinen geografischen Gebiet! Ist man in Haifa gerade noch umgeben von dichter Vegetation und Bergen, so sieht die Landschaft eine Autostunde später schon ganz anders aus: Trockene, heiße Wüste, Kamele und Beduinen-Siedlungen.

Auch am Institut hatte ich die Möglichkeit, an Unterrichtsstunden und Workshops teilzunehmen. Besonders interessant aus archäologischer Perspektive war ein Workshop, der sich mit dem Gerben von Tierhaut beschäftigt hat (Abb. 8; Abb. 9).

Abb. 8: Bei einem Workshop habe ich gelernt, Tierhaut mit Werkzeugen aus Knochen und Metall zu gerben. Hier wird gerade das weiche Gewebe entfernt.

Abb. 9: Mein Opossum-Fell am Ende des Bearbeitungsprozesses.


Ich freue mich, mit den spannenden Ergebnissen meiner Forschung aus Israel in Mainz weiterarbeiten zu können und kann es kaum erwarten, in Haifa neue Daten zu erheben!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen