Donnerstag, 28. Dezember 2017

Vortrag von Prof. Dr. Detlef Gronenborn zum Thema „Zyklische Prozesse als Erklärungsansatz in der aktuellen Erforschung des Neolithikums“

Ein Beitrag von Katharina Zartner.

In der abschließenden Plenumssitzung für das Jahr 2017 am 14. Dezember war Prof. Dr. Detlef Gronenborn zu Gast. Er ist Vor- und Frühgeschichtlicher Archäologe, ist als Oberkonservator am Römisch-Germanischen-Zentralmuseum in Mainz (RGZM) tätig und an verschiedenen Forschungs- und Ausgrabungsprojekten beteiligt. Seit 2007 ist Prof. Gronenborn außerplanmäßiger Professor an der JGU Mainz und gehört seit kurzem dem Kreis der Kooperationspartner des Graduiertenkollegs 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" an. Erste Kontakte mit dem Kolleg und den Kollegiaten konnte Prof. Gronenborn bereits im Zuge der Vorbereitungen auf die Begehung durch die DFG im September diesen Jahres knüpfen, wobei ihm bereits mögliche Anknüpfungspunkte seiner Forschungen an den Forschungsschwerpunkt A ("Konzepte von Urzuständen und Urelementen, Weltentstehung und Weltuntergang") auffielen. Im Rahmen der Plenumssitzung nutzte er nun die Gelegenheit, sich selbst sowie seine aktuellen Forschungen vorzustellen und mit dem Trägerkreis und den Kollegiaten ins Gespräch zu kommen.

Forschungsgeschichtlicher Ausgangspunkt

Auf die sog. New Archaeology (auch Prozessuale Archäologie oder Prozessualismus), einen entscheidenden Wendepunkt im Bereich der Theoriebildung innerhalb der Archäologie(n), der in den 1960er Jahren seinen Anfang nahm, folgte im Zeitraum von ca. 1990 bis 2010 die sog. Postprozessuale Archäologie, die u.a. noch bis vor kurzem die archäologischen Forschungen zum Neolithikum prägte. Der ursprünglich aus England stammenden Denkströmung lag der Historismus, der von der Einzigartigkeit historischer Ereignisse ausgeht, als fundamentales Konzept zugrunde. Weitere zentrale Ideen waren Individualität, individuelle Entscheidungen, soziale Integration, Identität sowie der Mensch als handlungsfähiger Akteur innerhalb seiner Umwelt. Es wurde eine interne Perspektive eingenommen, von der aus man versuchte, historische Ereignisse oder archäologische Befunde aus sich selbst heraus zu erklären.


Neuere Entwicklungen in der Erforschung des Neolithikums

Seit einigen Jahren bewegt man sich in der archäologischen Forschung allerdings wieder weg von dieser Sichtweise: Die neue Form der neolithischen Archäologie greift teilweise wieder auf Ideen des Prozessualismus zurück, d.h. sie nimmt gezielt ablaufende Prozesse, Dynamiken und Zyklen in den Blick. Prof. Gronenborn fasst diesen neuen bzw. wiederbelebten Ansatz unter den Begriff Neo-Prozessualismus. Welche Mechanismen, welche externen oder internen Auslöser sind dafür verantwortlich, dass es zu einem bestimmten historischen Ereignis kommt? Um diese Frage beantworten zu können, wird eine externe Perspektive eingenommen (oft auch von nicht-Archäologen), die Daten wie Bevölkerungs- oder Klima-Dynamiken explizit berücksichtigt und somit andere Wissenschaftsfelder mit einbezieht. Man geht davon aus, dass ein Zusammenspiel aus verschiedenen äußeren und inneren Einflussfaktoren jegliches Geschehen auf die eine oder andere Art bedingt und dass es unbedingt notwendig für das Verständnis eines archäologischen Befundes oder Sachverhaltes ist, diese Faktoren in der Analyse zu berücksichtigen.
Entscheidend dafür ist die Anwendung neuer methodischer Ansätze: An erster Stelle sind hier die sog. "Big Data" zu nennen, d.h. die Berücksichtigung möglichst umfassender Datenmengen. Wichtig ist auch, Ergebnisse anderer Forschungen mit einzubeziehen, da sich so die Möglichkeit ergibt, Vergleiche zwischen verschiedenen Perioden oder Regionen anzustellen. Der Fokus soll hierbei explizit auf Prozessen liegen und nicht auf Einzelphänomenen; Ziel ist es, die in der Vergangenheit abgelaufenen Dynamiken zu identifizieren. Darüber hinaus können naturwissenschaftliche Daten zu weiteren Erkenntnissen verhelfen, betrachtet man beispielsweise nicht nur die soziale sondern auch die biologische Identität eines Menschen oder einer Gruppe. Schließlich lassen sich über mathematische Modellierung einzelne Faktoren innerhalb eines zuvor erstellten Modells verändern, um so alternative Erklärungen für verschiedene Phänomene in Erwägung zu ziehen, zu testen und gegeneinander abzuwägen.
Trotz oder gerade wegen aller Unterschiede: Prof. Gronenborn betonte, dass Post-Prozessualismus und (Neo-)Prozessualismus sich keineswegs ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können. Eine Vereinigung beider Perspektiven kann zu einem vollständigeren Bild von der antiken Lebenswelt führen.


Zyklische Prozesse

Wie es der Name bereits verrät und wie oben erläutert, ist das zentrale Element des (Neo-)Prozessualismus die Betrachtung von Prozessen; einzelne Ereignisse werden nicht isoliert betrachtet, sondern immer als Teil eines solchen dynamischen Prozesses gesehen. Prof. Gronenborn und andere Forscher gehen davon aus, dass die genannten Prozesse in bestimmten Zyklen ablaufen. Diese sind nicht statisch, sondern weisen eine gewisse Anpassungsfähigkeit auf, weshalb auch von adaptiven Zyklen gesprochen werden kann. In Bezug auf eine (antike) Gesellschaft/ein Gesellschaftssystem bedeutet das also, dass auf äußere Einflüsse, wie Umweltkatastrophen oder klimatische Veränderungen, reagiert wird. Eine sozio-ökonomische bzw. gesellschaftliche Gruppe besitzt die Möglichkeit, sich an veränderte Faktoren anzupassen und so schädlichen Einflüssen zu widerstehen, sodass diese keine Gefahr für das weitere Funktionieren und den Fortbestand der Gruppe darstellen. Es besteht also eine Widerstandsfähigkeit, eine Resilienz, die wie ein Schutzmechanismus für das System wirkt.
Vereinfacht gesagt läuft der Prozess also folgendermaßen ab: Ein funktionierendes Gesellschaftssystem wird durch eine Krise bedroht, diese muss erkannt und durch entsprechendes Eingreifen abgewendet werden; gelingt dies, so steht am Ende wieder die (angepasste) funktionierende Gesellschaft. Es ist dieser Mechanismus, der für den Zusammenhalt und das Funktionieren von Gesellschaften sorgt. Die menschliche Handlungsfähigkeit, die Fähigkeit auf verschiedene Faktoren zu reagieren und einzugreifen, formt auf diese Weise die immer wiederkehrenden, sich teilweise überschneidenden zyklischen Abläufe.
Um dieses recht theoretische Konzept zu verdeutlichen, führte Prof. Gronenborn die Beispiele der europäischen Linienbandkeramik und der Michelsberger Kultur an und zeigte, wie sich Resilienz als Ausdruck sozialer Dynamik im materiellen Befund niederschlägt. So kann Dekoration auf Keramikgefäßen bzw. die Veränderung derselben als Indikator für soziale Diversität herangezogen werden, welche ebenfalls zyklisch zu- und wieder abnimmt. Veränderungen der sozialen Diversität wiederum können Prof. Gronenborn zufolge als zyklische Resilienzstrategien gedeutet werden.


Ausblick: Mögliche Anknüpfungspunkte an die Thematik des GRK

An den Schluss seines spannenden und informationsreichen Vortrags stellte Prof. Gronenborn einige Anregungen, inwiefern sich die von ihm präsentierten Ansätze mit der Thematik des Graduiertenkollegs in Verbindung bringen lassen könnten. Unter anderem schlug er die Untersuchung von verschiedenen Zyklenmodellen über einen langen Zeitraum hinweg vor, bspw. von antiken Kulturen über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit und Gegenwart. Die verschiedenen am Graduiertenkolleg beteiligten Disziplinen bieten für solche periodenübergreifenden Untersuchungen einen optimalen Ausgangspunkt.
Der Vortrag lieferte auf verschiedenste Arten Denkanstöße für unsere Dissertationsprojekte und wir freuen uns nun auf vertiefende Gespräche mit unserem neuen Kooperationspartner.

 

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