Donnerstag, 27. Juli 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Laura Borghetti: „Die Darstellung von Naturphänomenen in der byzantinischen Literatur des 9. bis 11. Jahrhundert“

Ein Beitrag von Laura Borghetti.

In der Plenumssitzung des GRKs am 13. Juli 2017 hatte ich die Gelegenheit, mein Dissertationsprojekt "Die Darstellung von Naturphänomenen in der byzantinischen Literatur des 9. bis 11. Jahrhundert" vor dem Trägerkreis und meinen Kollegen vorzustellen. Zunächst präsentierte ich das Korpus der von mir untersuchten Quellen, die die textuelle Grundlage meiner Argumentationen bilden. Danach führte ich den Schwerpunkt meines derzeitigen Forschungsfelds aus, die Winddarstellungen in den naturwissenschaftlichen Texten der mittelbyzantinischen Zeit, und erläuterte diese anhand von Textbeispielen.


Forschungsschwerpunkt und Ziele

Mit dem Titel der Dissertation als Ausgangspunkt der Präsentation wollte ich zuerst eingehender beschreiben, worin die im Titel genannten "Darstellungen" eigentlich bestehen und mit welchen Zielen sie analysiert werden. Primäres Ziel meines Projektes ist die Herausarbeitung der Konzepte vom Wind und anderen mit dem Wind direkt verbundenen Naturerscheinungen in der Literatur der mittelbyzantinischen Zeit. Nebenziel der Forschung ist es, zu analysieren, welche Aussagen über die Winde und andere von diesen verursachte Naturphänomene formuliert wurden; mit welchen Mitteln die Autoren ihre Anschauungen dieser Naturerscheinungen in literarische Formen umgesetzt haben; welche Funktionen den Naturphänomenen in den verschiedenen Diskursen zugeschrieben wurden; und zuletzt, welchen Einfluss das antike Wissen auf die byzantinischen Texte hatte und wie es von den byzantinischen Autoren interpretiert und adaptiert wurde.
 

Die Winde im Byzanz der makedonischen Zeit

Grundsätzliche Aspekte meines Projektes sind einerseits der Forschungsgegenstand – die Winde – und andererseits der Zeitraum – nämlich die drei Jahrhunderte der makedonischen Dynastie. Diese Phase der byzantinischen Geschichte stellt eine echte Renaissance dar; das wiedergeborene starke Interesse für das antike Erbe führt zu einer fruchtbaren literarischen und kulturellen Blüte, die auch durch die Wiederentdeckung der alten griechischen Handschriften ausgelöst wird. Byzanz – und besonders Konstantinopel – war aber nicht nur ein florierendes Kulturzentrum, sondern auch eine bedeutende Seemacht (vgl. Abb. 1). Insbesondere in den Jahrhunderten der makedonischen Dynastie wurde Byzanz im Kampf um die Vormacht im Mittelmeer mit der aufkeimenden arabischen Bedrohung konfrontiert. Selbstverständlich spielte die Kenntnis der Winde eine wesentliche Rolle für ein Reich wie Byzanz, das noch im 7. Jahrhundert sechs militärische und kommerzielle Flottenstützpunkte im westlichen Mittelmeer, dreizehn im östlichen Mittelmeer, zwei im Bosporus und zwei weitere im Schwarzen Meer hatte. Deshalb kann man in den literarischen Quellen häufige und bedeutsame Erwähnungen der Winde und eine wesentliche Präsenz des antiken Erbes beobachten. Infolgedessen stellen sich die Winde in den obengenannten Jahrhunderten als idealer Schwerpunkt meiner Forschung dar. 


Abb. 1: Zeichnung in einem spätbyzantinischen Druckband der Bibliothek des Klosters "Sankt Johann der Theologe" in Patmos (Foto: L. Borghetti).
 

Quellenstand

Nach dieser thematischen und historischen Einleitung präsentierte ich den Quellenstand. Die Zahl der Textpassagen, die die Winde erwähnen, ist groß. An erster Stelle stehen die naturkundlichen Texte, die byzantinische Lexika, naturkundliche Traktate und Kommentare von antiken Werken miteinbeziehen. Diese sind die Quellen, die ich zurzeit untersuche. Danach werden die erzählerischen Texte betrachtet werden, die aus historiographischen und hagiographischen Werken sowie Romanen bestehen. Zuletzt werde ich mich auf die dichterischen Texte konzentrieren, die sowohl profane Dichtung als auch liturgische Hymnen einschließen. Die Grenzlinien zwischen den verschiedenen Quellengruppen sind aber recht flexibel: Aufgrund von eventuell notwendigen Textvergleichen und Verbindungen können gelegentlich auch andere Kriterien bei der Quellenuntersuchung angewendet werden. Statt der Orientierung am Kriterium des Genres kann man die Textanalyse z.B. auch nach chronologischen oder geographischen Maßstäben durchführen.
 

Methodisches Vorgehen

Wie oben schon gesagt, ist die Quellenuntersuchung der Ausgangspunkt meiner Forschung. Im Laufe dieser textuellen Analyse werden einige Funktionen der Winde unabhängig von den verschiedenen Quellengruppen ermittelt, die sich in "physikalische Eigenschaften", "narrative Rolle" und "symbolische Bedeutung" der Winde aufgliedern lassen.
Im Rahmen der physikalischen Eigenschaften habe ich noch weitere Unterkategorien hervorheben können, wie z.B. die meteorologischen Eigenheiten der Winde und ihre geographische Herkunft und Richtung, sowie andere von den Winden verursachte Naturerscheinungen (Stürme, Sturmwinde, Donner usw.) und die Reaktionen des menschlichen Körpers auf die verschiedenen Winde. Zuletzt konnte ich in den Texten auch einige praktische Anwendungen der Winde bei der Schifffahrt, der Tierpflege und der Landwirtschaft ausfindig machen. Diese Funktionen der Winde werden meine Forschung dahin führen, die verschiedenen Diskurse – z.B. naturkundlich, profan, religiös – zu ermitteln und zu profilieren und die Konzepte von Winden herauszuarbeiten, die sich hinter den literarischen Erwähnungen dieser Naturphänomene verbergen.


Abb. 2: Methodisches Vorgehen (alle Grafiken von L. Borghetti).


Quellenbeispiele

Die Textbeispiele, die ich anlässlich der Plenumssitzung vorstellte, sind sehr unterschiedlich, und in diesem kurzen Beitrag werde ich nur eine zusammengefasste Auswahl von ihnen präsentieren. Zuerst bot ich eine übergreifende Darstellung der Windrose dar, beginnend mit ihrem aristotelischen Ursprung. Die Windrose (s. Abb. 3) bildet eine sehr wichtige Forschungsgrundlage und einen geographischen und meteorologischen Ausgangspunkt. Der Umstand, dass sie sich auf Aristoteles zurückführen lässt, ist von großer Bedeutung, weil Aristoteles bereits vor den Byzantinern die theoretische Grundlage des physikalischen Ursprungs der Winde erklärt hatte. Seiner Meinung nach sind die Winde keine bewegte Luft, sondern sie bestehen aus einer rauchigen Exhalation, die von der Erde ausströmt und in Richtung des Himmels sowohl senkrecht als auch waagerecht hinzieht. Die byzantinischen Autoren – wie z.B. Michael Psellos und Symeon Seth – übernehmen die Anschauung des Aristoteles vollständig und lehnen sich an die aristotelischen Texte sowohl vom konzeptuellen als auch vom lexikalischen Gesichtspunkt her an.
 

Abb. 3: Byzantinische Windrose.

Aristoteles ist aber nicht der einzige antike Autor, dessen Einfluss man in den byzantinischen Traktaten ermitteln kann. In seinem Hippocratis Aphorismos-Kommentar stellt Stephanos von Athen den Wind Boreas als kalt und trocken dar. Diese Begriffsbestimmung ist darauf ausgerichtet, weiter zu beschreiben, wie der menschliche Körper auf diesen Wind reagiert und welche Krankheiten durch ihn entstehen (s. Abb. 4). Die körperlichen Reaktionen auf diesen Wind werden im Detail dargestellt: Boreas greift den Magen an, sticht in die Augen und reizt frühere Schmerzen. Stephanos fügt aber hinzu, dass es auch positive Aspekte des kalten Klimas gibt. Zum Beispiel bekommen die Organe durch die Kälte mehr Kraft und die stärkenden Kräfte werden zusammengehalten, die Körper werden kräftiger, folgsamer, behänder und die Gesichtsfarbe gesünder. 
 
Abb. 4: Körperliche Reaktionen auf den Wind Boreas.

Fazit

Dieser starke Einfluss des antiken Erbes auf die byzantinischen Autoren kann nicht als künstlicher und mechanischer Abdruck der Vergangenheit bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil weisen die byzantinischen Texte nicht nur eigene faszinierende Besonderheiten auf, sondern zeigen auch, dass sie über Jahrhunderte ihre Spuren bis zur gegenwärtigen türkischen Literatur eingeprägt haben. Diesbezüglich möchte ich meinen Beitrag mit dieser Strophe einer Dichtung des türkischen Poeten Ümit Yasar Oguzcan abschließen, die den Titel "Istanbul lights" ("Istanbul Isik Isik") trägt:

istanbul rüzgar rüzgar sevdigim
kah bir lodos, denizlerden esen

ilik mi ilik

kah ustura gibi deli bir poyraz

birak saçlarini rüzgarlarina istanbulun
bu sehirde asksiz ve rüzgarsiz yasanmaz

Istanbul, the wind

The wind, my love

Sometimes lodos blows from the seas

Oh so warm

Sometimes poyraz blows like a crazed razor

Let your hair down for the winds of Istanbul

You can’t be without love or the wind in this City.
 

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