Donnerstag, 20. Juli 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Oxana Polozhentseva: "Tote Körper: Semantiken des Sterblichen/Vergänglichen in den mittelalterlichen deutschen Texten"

Ein Beitrag von Sonja Speck.
 
Am 6. Juli 2017 war es an Oxana Polozhentseva, im Rahmen der Plenumssitzung des GRKs ihr Dissertationsprojekt "Tote Körper: Semantiken des Sterblichen/Vergänglichen in den mittelalterlichen deutschen Texten" vorzustellen. Ein Vortrag, der einerseits mit Spannung, andererseits, angesichts des thematischen Fokus auf der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und Körpers, mit einem leichten Schauern erwartet wurde. Jedoch gelang es Oxana Polozhentseva mit der Hilfe des im GRK hochgeschätzten Aristoteles, von Beginn an ihren Zuhörern einen weit positiveren Zugang zu ihrem Thema zu eröffnen: "Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z. B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen" (Aristoteles, Poetik 1448b10-12).


Abb. 1: Toter Ritter am Ufer von Evgeniya Kochkina.

 
Ziel des Vortrages war es, einige aktuelle Forschungsergebnisse anhand konkreter Textbeispiele vorzustellen und kontroverse Fragen des Themas im Plenum zu erörtern. Thematisch kreiste der Vortrag um die unterschiedlichen Aspekte des Umgangs mit toten Körpern, wie sie in der mittelhochdeutschen Literatur überliefert sind. Es sind vor allem drei Aspekte, die in der Literatur des Mittelalters behandelt werden: Transport, Einbalsamierung und Bestattung. Diese beinhalten bereits die Ambivalenz, die den Umgang mit toten Körpern im Mittelalter charakterisiert. Der Tod und die Konfrontation mit Leichnamen waren in dieser Zeit eine allgegenwärtige und alltägliche Sache. Dafür sorgten eine geringe Lebenserwartung aufgrund von Hungersnöten, Seuchen und Krankheiten wie Cholera und Pest und die Brutalität in Kriegen und im Strafrecht. Leichname mussten einerseits entfernt werden, um das normale Leben weitergehen zu lassen, andererseits versuchte man die soziale Bindung zu Toten und damit deren Kontakt zum Leben aufrecht zu erhalten, vor allem in Zusammenhang mit den Fragen des Erbes und der Herkunft.
 
Oxana Polozhentseva konnte zwei große Diskursbereiche über Sterben und Tod herausarbeiten: Den unausweichlichen Tod, der als natürliche Gegebenheit betrachtet wird und besonders in medizinischen und rechtlichen Texten behandelt wurde, und den subjektiven Tod – was der Mensch selbst mit dem Tod in Verbindung bringt –, der vor allem in literarischen Texten thematisiert wurde. Der Vortrag beschäftigte sich mit dem letzteren Todesdiskurs.
 

Schöner Tod vs. hässlicher Tod

Der Diskurs rund um den subjektiven Tod weist eine grundlegende Dichotomie auf: Der schöne Tod steht dem hässlichen Tod gegenüber. Der schöne Tod wird dadurch charakterisiert, dass der Sterbende das Herannahen des Todes fühlt, allerdings unter keinerlei Gebrechen oder Schmerzen zu leiden hat und im Kreis von Familie und Freunden dem Tod feierlich und in völliger Akzeptanz entgegentritt. Eine besondere Erwähnung findet meist auch die Vorstellung des corpus incorruptum – des perfekten, schönen und unverweslichen Leichnams. Meist sind es Heilige und zum Teil Adlige, deren Tod in der mittelalterlichen Literatur derart beschrieben wird. Vor allem Tod und Himmelfahrt Mariens dienten als Vorbild für diese Sichtweise auf den Tod besonderer Personen. 

Der hässliche Tod hingegen erscheint im Diskurs häufig als der massenhafte und damit anonyme Tod von Soldaten auf dem Schlachtfeld, der durchaus mit Plünderungen einhergeht. Auch Frauen sterben in der mittelalterlichen Literatur den hässlichen Tod. In diesen Fällen sind es meist psychische Todesursachen wie Zorn, psychischer Schmerz und auch Selbstmord, die die Frauen dahinraffen. Sterben adlige Helden auf dem Schlachtfeld, so kann auch dies als schöner Tod – lang, rituell, bei vollem Bewusstsein und mit Duftwunder und Engelerscheinung – beschrieben werden. Allerdings entsteht beim Tod des Helden in den höfischen Romanen häufig eine Art Mischform zwischen dem schönen und hässlichen Tod, denn obwohl der Held nach christlichem Vorbild dahinscheidet, befindet er sich auf dem Schlachtfeld in der Ferne und stirbt ohne Beistand durch Priester und Familie.
 

Die Einbalsamierung

Oxana Polozhentseva betonte die auffallend wichtige Rolle der Einbalsamierung in der Darstellung toter Körper in der mittelalterlichen Literatur, die interessanterweise die Diskurse des schönen und hässlichen Todes gleichermaßen betrifft. Die Einbalsamierung erfüllt den Zweck, eine längere Wartezeit zwischen Tod und Bestattung zu überbrücken, in der der Leichnam in perfektem bzw. einigermaßen annehmbarem Zustand verbleibt. Gründe hierfür sind etwa lange Bestattungsfeierlichkeiten und die Anreise von Gästen oder beim Tod in der Fremde die Heimführung des Leichnams. In Einbalsamierungsbeschreibungen nehmen die Ölung, Salbung und das Versehen mit Duftstoffen sowie das anschließende Einschlagen des Leichnams in Stoffe einen hohen Stellenwert als "gute" Behandlung des Leichnams ein. Die Entnahme und das Heimsenden von Organen, insbesondere des Herzens, als pars pro toto kommen vor allem in Zusammenhang mit dem Tod in der Fremde vor. Auch das Kochen der Leiche zum Zweck der Skelettierung hat dort seinen Platz und wird häufig in die Nähe der Kreuzzugthematik gerückt. Allerdings wird das Kochen der Leiche und Heimsenden der Knochen meist als pietätloser Umgang mit dem Leichnam angesehen. In Papst Bonifaz' VIII. Bulle Detestandae feritatis  von 1299 findet sich auch ein konkretes Verbot.
In der deutschen Fassung des Rolandsliedes des Pfaffen Konrad (um 1170) wird einerseits die Bestattung von Soldaten in einem Massengrab auf dem Schlachtfeld thematisiert, andererseits die Einbalsamierung und der Heimtransport dreier adliger Helden (Roland, Olivier und Bischof Turpin), die in derselben Schlacht ums Leben gekommen waren. Die Behandlung toter Körper ist demnach maßgeblich abhängig vom geistlichen und weltlichen sozialen Status der Toten. Der Dichter des Rolandsliedes beschreibt die Einbalsamierung der Helden mit größtem Detailreichtum als einen traditionsreichen und für den Adel angemessenen Brauch. Damit wird im Grunde die reale Praxis der Einbalsamierung vor dem adligen Publikum bestätigt und gutgeheißen.

Ein weiteres interessantes Beispiel, dieses Mal aus der Textgattung des Artusromans, ist der Tod und das "Nachleben" von Parcevals Schwester im Prosa-Lancelot. Während der Gralssuche der Helden sieht Parcevals Schwester, die sie begleitet, ihren Tod herannahen und gibt detaillierte Anweisungen zur Behandlung ihres Leichnams. Ihr toter Körper soll einbalsamiert und auf ein Schiff gelegt werden. Dieses soll ziellos losgeschickt werden, sodass die Schwester irgendwann den Gral erreichen würde. Ihrem Wunsch wird entsprochen und nach ungefähr sieben Jahren erreicht das Schiff tatsächlich den Ort, an dem die Helden zuvor den Gral gefunden hatten. Wie durch ein Wunder am Ziel angekommen, erhält Parcevals Schwester eine fürstliche Bestattung. Die Gralssuche ist eine ausschließlich männlich geprägte aventiure. Eine Frau kann so nur tot daran "teilnehmen". Tatsächlich behält Parcevals Schwester selbst nach ihrem Tod ihre Integrität als Figur innerhalb der Geschichte. Weder ihre Präsenz noch ihre Handlungsfähigkeit gehen verloren, vielmehr erhält ihr Körper nach Tod und Einbalsamierung höchste Mobilität und ist fortan unveränderlich. In diesen Bereichen überflügelt sie alle anderen Figuren in der Geschichte. In diesem Zusammenhang kann die literarische Einbalsamierung Mittel sein, eine Figur über ihre zunächst angelegten Eigenschaften hinaus auf eine andere erzählerische Ebene zu heben und sie räumlich und zeitlich vom Rest der Geschichte abzugrenzen.

 
Mit diesem ersten thematischen Einblick konnte Oxana Polozhentseva dem Plenum verdeutlichen, warum sie tote Körper in der mittelalterlichen Literatur zum Gegenstand ihres Promotionsprojekts erkoren hat. Es ist die Ambivalenz zwischen Alltäglichkeit und Besonderem, zwischen Brutalität des Todes und dem Wunder des Überdauerns im Bemühen der Autoren dieser Zeit, den Tod literarisch zu bewältigen, die fasziniert und möglicherweise auch erschauern lässt.

 

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