Donnerstag, 15. Juni 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Mirna Kjorveziroska: „Zelten – jagen – orientieren. Kulturpraktiken in der Natur im Roman um 1300“

Ein Beitrag von Oxana Polozhentseva.

Am 1. Juni 2017 bekamen die Mitglieder und Gäste des GRK 1876 eine einzigartige Möglichkeit, ihre neugierigen Blicke in das seit Oktober 2016 laufende Dissertationsprojekt von Mirna Kjorveziroska mit dem Titel „Zelten – jagen – orientieren. Kulturpraktiken in der Natur im Roman um 1300“ zu werfen. Die komplizierte Aufgabe, ihr Dissertationsthema in möglichst vielen Facetten innerhalb eines dreißigminütigen Vortrags vorzustellen, meisterte unsere Kollegin mühelos. Der zweiteilig konzipierte Vortrag beinhaltete zum einen einige wort- und ideengeschichtliche Vorbemerkungen zum Leitbegriff des Projektes, ,Natur‘, die dazu beitragen sollten, die zentralen Termini der Dissertation zu konturieren und zu präzisieren, zum anderen drei konkrete Beispiele aus mittelhochdeutschen Texten, die den Themenkomplexen „Jagd“ und „Unterkunft in der Natur“ zugeordnet werden können.


 ,Natur‘ im Mittelalter

Im Mittelhochdeutschen wies das Wort ,Natur‘ eine spezifische semantische Potenz auf, die mit seinem modernen Verständnis nicht vollständig übereinstimmt. Einen Aspekt der mittelalterlichen Vorstellungen bildet ,Natur‘ als Assistentin Gottes, also als eine schöpferische Instanz, die natura naturans, die die anfängliche Schöpfung Gottes auf Erden bewahrt und auch weiterführen darf. Die Personifikation der Natur als Frau Natur in einigen Texten des Mittelalters spiegelt diese Funktion noch deutlicher wider: Sie wirkt als personifiziertes Naturgesetz in der Welt. Diese Dimension der Natur steht aber nicht im Mittelpunkt der Dissertation von Mirna Kjorveziroska. Sie konzentriert sich vielmehr auf die resultative Dimension des Naturbegriffs, also auf Natur als Ergebnis der Schöpfung Gottes. Da der Mensch dabei auch als Teil von Gottes Schöpfung der natura naturata zugeordnet sein soll, ist zu präzisieren, dass es sich im Projekt um die Relation zwischen Mensch und inhumaner Natur handelt.


,Landschaft‘ vs. ,Naturraum‘

Des Weiteren ging unsere Kollegin auf die grundlegenden begrifflichen Unterschiede zwischen den Wörtern ,Landschaft‘ und ,Naturraum‘ ein. Das Wort ,Landschaft‘, das als terminus technicus im Rahmen der Malerei des 16. Jahrhunderts entstand und ein Naturbild als harmonische Ganzheit in der bildhaften Wahrnehmung des Menschen präsentierte, ist im mediävistischen Diskurs als Anachronismus zu vermeiden. Die Natur im Mittelalter erscheint eher als Bündel von einzelnen herausgegriffenen Segmenten und stellt somit keine ästhetische Gesamtschau für den Menschen dar, sondern wird als etwas Unberechenbares und Bedrohliches wahrgenommen. Der Terminus ,Landschaft‘ wird deswegen in der Dissertation konsequent durch das Kompositum ,Naturraum‘ ersetzt.
 

Signifikanz des Projektes im Rahmen des GRK 1876

Das Graduiertenkolleg 1876 „Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ schafft mit seinem Namen einen klaren Rahmen für alle von ihm unterstützten Projekte. Das Dissertationsprojekt von Mirna Kjorveziroska, das dem Forschungsschwerpunkt C – Konzepte von Flora, Fauna und Naturraum – zugeordnet ist, beschäftigt sich, laut der unerwarteten aber zugleich sehr zutreffenden Feststellung unserer Kollegin, mit der im Namen des GRK 1876 enthaltenen Konjunktion ,und‘. Im Fokus der Dissertation stehen die literarisch aufgefassten Begegnungen zwischen Mensch und Natur. Das breite Spektrum solcher Begegnungen lässt sich virtuos in der kleinen Konjunktion komprimieren.


Abb. 1: „Begegnung von Mensch und Natur. Quelle: http://www.desktopimages.org/preview/544857/2842/1500/o.

Tierkörper als Unterkunft: Wal vs. Insel

Eines der in Mirna Kjorveziroskas Vortrag vorgeführten Beispiele war dem Themenkomplex „Unterkunft in der Natur“ zuzuordnen und zeigte, wie man unter Umständen auch einen Tierkörper als Unterkunft des Menschen funktionalisieren kann. Es handelte sich um eine Episode aus dem sogenannten Minne- und Abenteuerroman ,Wilhelm von Österreich‘ (1314), in dem der titelgebende Held sich heimlich auf den Weg macht, um eine wunderschöne Frau, die er im Traum noch als Kind sieht, zu finden. Mit seinem Gefolge fährt er aufs offene Meer und begegnet dem Wal, cetus, auf dessen Rücken ein Wald wächst. Anfänglich entziffern die Seeleute aber die Herkunft der grünen Insel nicht, was dazu führt, dass Wilhelm den vermeintlichen Wald betritt und danach von dem Wal, den man sich im Mittelalter als einen riesengroßen Fisch vorstellte, fortgetragen wird.

Das Motiv des Inselfisches gehört dem weltliterarischen Erbe an und ist daher nicht nur im Kontext des europäischen Mittelalters zu denken. Dieses Motiv findet man in der orientalischen Sindbad-Geschichte in ,Tausendundeiner Nacht‘, in der Brandan-Legende, im ,Physiologus‘ und auch in einigen modernen Märchen. Dabei fällt es auf, dass die uns interessierende Fischoberfläche ganz unterschiedlich aussehen kann, sowohl als eine steinerne Insel als auch als eine ganze dicht besiedelte Stadt.



Abb. 2: ,Brandans Reise‘: Der Wald auf dem Rücken eines Fisches, Cod. Pal. Germ. 60 (160r), um 1460. Quelle: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0331.

Die mittelalterliche Version weist dabei eine interessante Synthese zwischen vegetabiler und animaler Natur auf. Wichtig ist aber, dass sich nicht ein Tier in einem Naturraum befindet, sondern ein Naturraum auf einem Tier. Die hyperbolische Größe des Wales macht es möglich, ihn als eine räumliche Kategorie zu verstehen und in den Begriffen der modernen Raumforschung zu analysieren. Einerseits ist die Fischinsel ein aktiver Raum, der in der Geschichte die menschlichen Handlungen direkt beeinflusst: Wilhelm wird von seinem Gefolge getrennt und in das heidnische Land Zyzya gebracht. Andererseits wird die Fischinsel als Unterkunft für den Titelhelden spezifiziert und weist daher als Raum eine besondere Figurenbezogenheit auf, was als Spezifikum der mittelalterlichen Raumdarstellung zu verstehen ist: Die Räume verschwinden abrupt nach der Vollziehung ihrer Mission in der Handlung, was im Falle des Inselfisches sogar physisch realisiert sein kann.
 

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