Donnerstag, 15. Juni 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Mari Yamasaki: "Concepts of Seascapes and Marine Fauna in the Eastern Mediterranean Bronze Age"

Ein Beitrag von Katharina Zartner.
 
Am 01. Juni 2017 hat unsere Kollegin Mari Yamasaki ihr im letzten Herbst begonnenes Dissertationsprojekt mit dem Titel "Evolving concepts of seascapes and marine fauna in the Eastern Mediterranean during the Bronze Age" im Rahmen der Plenumssitzung des Graduiertenkollegs vorgestellt. Sowohl den Professor*innen des Trägerkreises als auch den anderen Kollegiat*innen gewährte sie dabei interessante Einblicke in den aktuellen Stand ihrer Arbeit, ihre Methodik sowie in das weitere geplante Vorgehen und die Ziele des Dissertationsvorhabens.

Abb. 1: Küstenlandschaft auf Zypern bei Petra tou Romiou (Foto M. Yamasaki).
 

Fragestellungen und Zielsetzung

Direkt zu Beginn ihres Vortrages nahm Mari Yamasaki eine mögliche kritische Frage vorweg: Warum ist es überhaupt gerechtfertigt, noch einmal zu "seascapes" zu arbeiten, wurde das Thema doch in letzter Zeit in zahlreichen Untersuchungen bearbeitet? Doch gerade die Beschäftigung mit diesen neueren Abhandlungen macht nicht nur deutlich, welche Fortschritte in den letzten Jahrzehnten erzielt wurden, sondern auch, dass noch Lücken innerhalb dieses Forschungsfeldes bestehen. Daher wirft Mari Yamasaki in ihrem Dissertationsprojekt teils grundlegende und bisher unbeantwortete, teils weiterführende und teils gänzliche neue Fragen auf, so zum Beispiel:
 
Was ist überhaupt eine Küste? Diese Frage ist bei weitem nicht so simpel zu beantworten, wie es im ersten Moment vielleicht scheinen mag. Zunächst müssen Kriterien herausgearbeitet werden, die entsprechend der antiken Weltsicht charakteristisch für eine Küste sind und an denen sich somit ein entsprechendes zugrunde liegendes Konzept festmachen lässt. Um solche Kriterien zu definieren, muss die Frage gestellt werden, wie die Landschaft entlang der Küste und das Meer selbst von den Menschen, die dort lebten, wahrgenommen wurden und wie diese mit und in ihrer Umwelt (inter-)agierten. Besonders das Eingreifen in die maritime Landschaft sowie die Nutzung und Ausbeutung von Ressourcen und lokaler Fauna stehen dabei im Fokus. Der geographische Rahmen dieser Untersuchung wird durch jene Staaten und Gesellschaften abgesteckt, die während der Bronzezeit (ca. 2500–1000 v. Chr., mit Fokus auf dem 2. Jt. v. Chr.) direkt am Handel im östlichen Mittelmeerraum beteiligt waren: Ägypten, das Reich von Hatti, der mykenische Kulturkreis sowie die Stadtstaaten entlang der Levante-Küste. In den Blick genommen werden dabei insbesondere die Küstensiedlungen, die eine entscheidende Rolle bei der Entstehung dieses (Handels-)Netzwerkes spielten. Welche Beziehungen bestanden zwischen diesen Siedlungen untereinander, welche Art von Austausch fand zwischen ihnen statt und inwiefern fungierten sie als Vermittler gegenüber dem Landesinneren? Schließlich stellt sich natürlich die wohl wichtigste Frage: Wie lässt sich all das im archäologischen Befund fassen?
 

Ein rätselhafter Fisch – Die Materialgrundlage

Die zuletzt gestellte Frage leitet direkt über zur Materialgrundlage: Welche Quellen können zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen herangezogen werden? Mari Yamasaki wertet für ihre Untersuchung verschiedene Materialgruppen aus: zooarchäologisches Material, Importgüter, bildliche Darstellungen sowie Schriftquellen. Im aktuellen Stadium der Arbeit setzt sie sich verstärkt mit den ersten beiden Gattungen auseinander, während die beiden letztgenannten zu einem späteren Zeitpunkt ausgewertet werden sollen.
 
Das zooarchäologische Material, d.h. die in archäologischen Kontexten erhaltenen Überreste der antiken Fauna, setzt sich im Bereich der Küstensiedlungen v.a. aus Fischknochen, Muscheln und Überresten der sog. Murex-Schnecken (s. Abb. 2), aus deren Sekret man in der Antike Purpur als Färbemittel gewann, zusammen.

Abb. 2: Überreste von Murex-Schnecken aus Hala Sultan Tekke (Foto: P. Fischer).
Die systematische Erfassung dieser Daten (biologische Klasse/Familie/Spezies, Menge, Fundort, Fundkontext usw.) anhand von publizierten Ausgrabungsberichten ist eine kleinteilige Arbeit, die sich jedoch schließlich auszahlt. Bei den vergleichenden Auswertungen des gesammelten Datenmaterials lassen sich beispielsweise Aussagen über die Verbreitung bestimmter Arten treffen. Als eindrückliches Beispiel lässt sich der rätselhafte Fall des Lates niloticus anführen, des sog. Viktoriabarsches aus der Familie der Riesenbarsche. Knochen dieser auch bei uns heute beliebten Speisefischart finden sich an zahlreichen der untersuchten Küstenfundorte. Doch warum sind Fischknochen am Meer ein so ungewöhnlicher Fund? Ein anderer Name für diese Fischart liefert einen Hinweis: Nilbarsch. Denn es handelt sich beim Lates niloticus keineswegs um eine im Mittelmeer heimische Art, sondern um einen Süßwasserfisch, der in Flüssen, bspw. im Nil in Ägypten, beheimatet ist. Da die Fischknochen in solch auffälliger Quantität gefunden wurden, kann davon ausgegangen werden, dass diese spezielle Art in größeren Mengen importiert wurde. Warum ein derartiger Aufwand für die Beschaffung einer bestimmten Fischart betrieben wurde, obwohl das Mittelmeer doch ausreichend Möglichkeiten zum Fischfang bot, ist eine der vielen interessanten weiterführenden Fragen, die sich bei der Betrachtung des Materials ergeben und auf die es Antworten zu finden gilt. Einen Hinweis liefert möglicherweise ein in Hala Sultan Tekke (Zypern) gefundener Krater (s. Abb. 3), der die Darstellung von mehreren Fischen zeigt. Noch ist die abgebildete Art nicht eindeutig identifiziert, doch könnte es sich dabei ebenfalls um Nilbarsche handeln.
 
Abb. 3: Mykenischer Krater aus Hala Sultan Tekke (Foto P. Fischer).

Daten aus erster Hand: Archäologische Feldforschung

Mari Yamasaki verwendet für ihre Studie nicht nur bereits veröffentliche Daten, sondern hat außerdem die einzigartige Möglichkeit, Forschungsdaten aus erster Hand einfließen zu lassen. Bereits seit mehreren Jahren ist sie Teil eines internationalen Teams, das im Rahmen des Moni Pyrgos Pentakomo Monagroulli Survey Projektes (kurz: MPM) der Universität Chieti-Pescara (Italien) auf Zypern archäologische Untersuchungen der Küstenlandschaft mittels Surveys/geo-archäologischer Prospektion an Land und unter Wasser durchführt: Ziel des Projektes ist es zum einen festzustellen, inwiefern sich die Nutzung und Ausbeutung der maritimen bzw. der Küstenlandschaft über die Jahrtausende hinweg veränderten, denn Spuren menschlicher Aktivitäten lassen sich in diesem Bereich bereits für das Neolithikum nachweisen. Welches Potential der Nutzung bestand überhaupt zu welcher Zeit und wie wurde mit den bestehenden Ressourcen umgegangen? (Im Blog-Beitrag vom 05.06.2017 berichtet Mari Yamasaki von ihrem Aufenthalt auf Zypern im Mai, von den jüngsten Ergebnissen des Projektes, inwiefern menschliches Eingreifen in die Küstenlandschaften auch ein ganz aktuelles Thema ist und wie dies die Arbeit der Archäolog*innen vor Ort beeinflusst.) Die Untersuchungen ergaben, dass sich der Verlauf der Küstenlinie im Laufe der Zeit stark verändert hat. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass im untersuchten Gebiet ein Fluss direkt ins Mittelmeer mündet, was der antiken Bevölkerung zusätzliche Möglichkeiten der ökonomischen Nutzung bot.

Für Mari Yamasaki ergibt sich durch die Mitarbeit in diesem innovativen und engagierten Projekt die Möglichkeit, wichtige Erkenntnisse über die Rezeption der maritimen Umwelt im Küstenbereich zu gewinnen und diese auch vor Ort selbst nachzuvollziehen. Die Ergebnisse der landschaftsarchäologischen Untersuchungen bilden einen wichtigen Baustein für das Dissertationsprojekt, der in der Zusammenschau mit den anderen untersuchten Quellen (zooarchäologisches Material, Importgüter, ikonographische sowie textliche Belege) schließlich ein Gesamtbild der antiken Konzeption von und der Interaktion mit den "seascapes" bieten wird.

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