Mittwoch, 10. Mai 2017

"Mehr als nur Schall und Rauch": Vulkane aus interdisziplinärer Perspektive

Ein Beitrag von Katharina Hillenbrand. 

Interdisziplinäres Arbeiten wird in der Forschung immer stärker gefordert. Kritiker bemängeln jedoch, dass dies oft eher zu oberflächlichem Halb- als zu neuem Fachwissen führe. Bei meiner Arbeit konnte ich diese Erfahrung nicht machen: Der Austausch mit Archäologen und Vulkanologen hat meine Forschung zu antiken Konzepten von Vulkanismus auch aus fachlicher Sicht sehr bereichert.
Ausgangspunkt war ein Bündel voll Fragen, die sich im Laufe meiner Arbeit gesammelt hatten: Zu sprachlichen Bildern und technischen Vorstellungen, die Vulkanismus in antiken Texten veranschaulichen, die ich mir aber auch nach dem Wälzen von Literatur nicht hinreichend selbst erklären konnte.

Dank einiger Gespräche mit Vertretern anderer Disziplinen konnte ich mittlerweile aber hinter manche von diesen statt des Frage- ein Ausrufungszeichen setzen. So traf ich mich am 10.02. mit Dr. Michael Herdick, dem Leiter des Kompetenzbereichs Experimentelle Archäologie, einer Außenstelle des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mayen, um über Nutzung, Funktion und Aufbau römischer Öfen zu reden. Dr. Herdick hat sich vielfach experimentell mit antiken und mittelalterlichen Öfen beschäftigt und konnte mir wie kein zweiter Rede und Antwort zu meinen Fragen stehen. Dies mag auf den ersten Blick nicht unmittelbar relevant für antike Konzepte von Vulkanismus sein - tatsächlich werden vulkanische Vorgänge aber in mehreren Passagen mit Öfen verglichen. Das Wissen um die Funktionsweise dieser Technik ließ daher einige Rückschlüsse auf die vermittelten Vorstellungen von Vulkanismus zu.




Abb. 1 und 2: Fumarole und Schlot in der Solfatara bei Pozzuoli (Fotos: Katharina Hillenbrand).


Ähnliche Anregungen brachten auch mehrere Gespräche mit Vertretern anderer Disziplinen während meiner Reise durch die vulkanischen Gebiete Süditaliens vom Vesuv und den Campi Flegrei (siehe Abb. 1 und 2) über die äolischen Inseln zum Ätna (siehe Abb. 3 und 4) vom 26.03. bis 15.04.2017.
Der Austausch mit vor Ort in den Observatorien forschenden Vulkanologen bereicherte nicht nur mein naturwissenschaftliches Wissen über Vulkane. Zu meinem eigenen Erstaunen konnte ich immer wieder frappierende Ähnlichkeiten zwischen antiken Texten und modernen Erklärungsansätzen erkennen: Nicht so sehr in den Prämissen, die durchaus unterschiedlich sind, als vielmehr in den Metaphern und Vergleichen, welche die Vorgänge veranschaulichen sollten. Sind also einige, in der Forschung oft als "merkwürdig" betitelte antike Passagen zu Vulkanen womöglich eher das Ergebnis genauerer Observation? Auch hier konnte ich einen unmittelbaren Nutzen für fachliche Erkenntnisse erzielen.

 

Abb. 3 und 4: Rauchende Krater und heiße Lava am Ätna (Fotos: Katharina Hillenbrand).
Schließlich war auch der Austausch mit vor Ort grabenden Archäologen ein Gewinn. Diese hatten an antiken Heiligtümern geforscht, die vor allem bei hydrothermalen Erscheinungen und Matschvulkanen lagen, einem als sekundärer Vulkanismus bezeichneten Phänomen (Abb. 5 und 6). Die archäologische Sichtweise auf die Kultstätten war eine wichtige Ergänzung; zugleich zeigten sich Parallelen zu Vorstellungen in der antiken Literatur.

Abb. 5 und 6: Matschvulkanismus, Salinelle di San Marco bei Paternò (Fotos: Katharina Hillenbrand).

Antike Konzepte von Vulkanismus, so das Fazit meiner Reisen, lassen sich durch die Beschränkung auf Mittel der Klassischen Philologie zwar erklären. Gleichwohl konnten durch die Einbeziehung anderer Disziplinen viele Überlegungen vertieft oder konkretisiert werden: Es fanden sich in den Texten Spuren anderer Wissensbereiche, die durch den interdisziplinären Austausch auf meine Fragestellung nutzbar angewendet werden konnten. Nicht zuletzt deswegen war es auch mehr als bereichernd, die in den antiken Texten erwähnten Vulkane und Gebiete einmal selbst zu "observieren". All dies ermöglichte es zumindest ein Stück weit, antike Sichtweisen auf Vulkane besser zu verstehen.

Ich danke der DFG und dem Graduiertenkolleg 1876 für die Möglichkeit, die diversen Reisen zu unternehmen. Ich bedanke mich insbesondere auch bei Dr. Michael Herdick vom Kompetenzbereich Experimentelle Archäologie in Mayen, bei Dr. Giovanni Ricciardi und Dr. Tullia Uzzo vom Osservatorio Vesuviano, bei Dr. Stefanco Branca vom Osservatorio Etneo sowie bei Dr. Laura Maniscalco vom Assessorato Beni culturali e dell' Identitá Siciliana für ihre Hilfsbereitschaft, die vielen Anregungen und guten Gespräche.

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