Samstag, 3. Dezember 2016

Vortrag von Prof. Salima Ikram – Animals as Intercessors and Ex Votos: The Case of Animal Mummies in Ancient Egypt

Ein Beitrag von Sonja Speck.
 
Am 17. November 2016 konnte das Graduiertenkolleg Prof. Salima Ikram von der Amerikanischen Universität Kairo als Gastrednerin unserer Ringvorlesung "Kult, Kunst und Konsum – Tiere in alten Kulturen" zum Thema "Animals as Intercessors and Ex Votos: The Case of Animal Mummies in Ancient Egypt" begrüßen. Salima Ikram ist die Koryphäe auf dem Gebiet der Tiermumien und dem Phänomen ihrer massenhaften Stiftung in riesigen Katakomben seit der ägyptischen Spätzeit. Aufgrund ihrer herausragenden Expertise in einem der Stammthemen der Ägyptologie, den Mumien, aber auch aufgrund ihrer unerschrockenen und mutigen Art sich diesem Thema von seiner unglamourösen, praktischen Seite zu nähern, ist Salima Ikram als häufig angefragter Gast in Dokumentationen zum Alten Ägypten über die Fachgrenzen hinaus bekannt und geschätzt.
 

Experimentelle Archäologie

Ein zentraler Ansatz von Salima Ikrams Erforschung der Tiermumien ist die Experimentelle Archäologie, d. h. durch Texte und die Mumien selbst überlieferte Mumifizierungstechniken werden an Hasen, Schafen und anderen Tieren ausprobiert und überprüft. Unter anderem stellte Salima Ikram dem Publikum fertiggestellte Hasenmumien, von denen jede einen niedlichen Spitznamen trug, sowie den explodierten Hasen Mopsy vor, der es als Vergleichsprobe nicht bis zur Mumie geschafft hatte. Die Mumifizierung von Tieren läuft genauso ab wie die von Menschen. Ein Unterschied ist, dass bei Tieren das Gehirn meist nicht entfernt wird, da es zu klein ist, um beim Verbleib in der Mumie Schaden anzurichten. Es hat sich im Experiment herausgestellt, dass man für die Arbeit an einer Tiermumie ein ganzes Team von Mumifizierern braucht, insbesondere bei größeren Tieren. Basierend auf archäologischen Funden von Mumifizierungsgeräten und praktischen Experimenten konnte Salima Ikram zudem eine Mumifizierungspraxis nachweisen, die das Auflösen der Innereien durch Zedernöleinläufe und deren anschließende Entfernung über den Anus durch (vorsichtigen!) Druck auf den Körper beinhaltet. Eine andere Technik, die ebenfalls vor allem bei kleineren Tieren angewendet wurde, ist das Eintauchen des ganzen Tieres in eine Mischung aus Öl, Harz und Teer und das anschließende Umwickeln mit Leinenbinden.
 

Bedeutung und Funktion von Tiermumien in Ägypten

Die Mumifizierung in Ägypten diente dazu den Verstorbenen zu vergöttlichen, damit der Ba, eine Art mobiler Teil der Seele, in den Körper zurückkehren und der Verstorbene im Jenseits weiterleben kann. Salima Ikram stellte die Frage in den Raum, ob die Mumifizierung von Tieren darauf schließen lässt, dass man glaubte, dass Tiere ebenso wie die Menschen die ägyptischen Äquivalente einer Seele besaßen. Eindeutig kann diese Frage nicht beantwortet werden, jedoch spricht laut Salima Ikram einiges dafür, dass sie zu bejahen ist.
Darüber hinaus wurden Tiermumien zusätzliche Funktionen zugeteilt, sodass sie in verschiedenen Kontexten vorkommen konnten sowie unterschiedliche Behandlungen erfuhren. Salima Ikram teilt die verschiedenen Arten von Tiermumien folgendermaßen ein:
  1. Haustiere
  2. Nahrung
  3. Heilige Tiere
  4. Votive für bestimmte Götter oder als Geschenke an den königlichen Kult
  5. Andere
Es sind mehrere prominente Fälle bekannt, in denen mumifizierte Haustiere gemeinsam mit den Mumien ihrer Besitzer bestattet wurden. So wurde beispielsweise bei der Gottesgemahlin Maatkare in der Cachette von Deir el-Bahari (DB/TT320) die Mumie eines kleinen Äffchens gefunden. Gräber von einzelnen Tieren existieren auch im Tal der Könige. Man muss davon ausgehen, dass diese Tiere zu Lebzeiten als Haustiere im königlichen Palast gehalten wurden und dem König bzw. der königlichen Familie zuzuordnen sind.
Als wichtigstes Beispiel für die "heiligen Tiere" ist der Apis-Stier zu nennen, dessen Kult bereits in der 1. Dynastie (frühes 3. Jt. v. Chr.) begann. Nach dem Tod des Apis-Stiers wurde sein Leichnam mumifiziert und in einem riesigen Steinsarkophag in den Serapeum-Katakomben bestattet und an die Stelle des verstorbenen Tiers trat ein neuer Apis-Stier.
 

Tiermumien als Votive

Zahlenmäßig am häufigsten sind Tiermumien, die als Votive in bestimmten Götterkulten gestiftet wurden. Diese Votive wurden in kilometerlangen unterirdischen Galerien z. B. in Tuna el-Gebel und Saqqara abgelegt und aufbewahrt. Unter den Votivtiermumien sind wiederum die Ibisse, die Thot gestiftet wurden, am häufigsten. Die Haltung von Ibissen ist generell einfach, da man sie lediglich füttern muss, um zu gewährleisten, dass sie an Ort und Stelle bleiben. Auch Katzenmumien sind relativ häufig. Im Röntgenbild ist bei den meisten ein gebrochenes Genick zu erkennen. Katzen wurden demnach speziell für ihre Mumifizierung getötet bzw. geopfert und nicht erst nach einem natürlichen Tod mumifiziert.



Abbildung: Ägyptische Tiermumien (Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:British_museum,_Egypt_mummies_of_animals_(4423733728).jpg).

In den Galerien von Abu Rawash wurden Spitzmausmumien in großer Zahl aufbewahrt. Die Spitzmäuse wurden aufgrund ihrer geringen Größe einzeln in Leinen eingewickelt und anschließend zu mehreren in ein Bündel verpackt oder in winzige Einzelsärge gelegt, die z. T. kleine Spitzmausbronzen auf dem Sargdeckel aufweisen. Die Spitzmaus ist die nächtliche Erscheinung des Sonnengottes, weshalb die Spitzmausmumien mit dem Kult des Sonnengottes in Abu Rawash assoziiert sind.

Saqqara hingegen ist mit Anubis assoziiert. Aufgrund der schakal- und hundeartigen Gestalt des Gottes wurden in Saqqara vor allem Hundemumien gestiftet. In den Katakomben von Saqqara wurden insgesamt 7,8 Millionen von ihnen gefunden, die meisten Tiere waren zum Zeitpunkt ihrer Mumifizierung noch im Welpenalter. Die große Zahl der Hundemumien spricht dafür, dass in der memphitischen Region rund um Saqqara große Hundefarmen allein für den lokalen Kult Welpen produzierten. Die gigantische Menge an Tiermumien allein belegt, welch großes Geschäft mit dem Glauben der Menschen und ihrem Wunsch Votive zu opfern gemacht wurde. Dazu gehörten ebenso wie die Herstellung und der Verkauf der Tiermumien der Bau der Galerien an sich, deren Unterhalt, die Dienste der Priester, die Züchtung der Tiere, die Versorgung der Pilger etc. Man war offenbar gewillt große ökonomische Anstrengungen auf sich zu nehmen, um an den Kulten rund um die Tiermumien teilzunehmen.
 

Tiere und Natur in der Altägyptischen Kultur

Die Tiermumien sind nur ein Beispiel für die zentrale Rolle, die Tiere im Glauben der Alten Ägypter einnahmen. Ein tieferes Verständnis dieser Rolle erfordert laut Salima Ikram nicht nur die Auseinandersetzung mit den kulturellen Hinterlassenschaften des pharaonischen Ägyptens, sondern auch die Beobachtung der Natur. Daher bezeichnet sich Salima Ikram selbst als Anhängerin des Naturdeterminismus. Die Maxime lautet "Nature is a key to culture". Die natürliche Umgebung, die die Menschen in Ägypten vorfanden, bedeutete zugleich Rohstoffgrundlage und Inspiration in Schrift, Architektur und Ikonographie. Auch in Religion und Gesellschaft fanden Tierbeobachtungen Eingang als Metaphern für abstrakte Vorstellungen.
 

Diskussion

In der anschließenden Diskussion kamen verschiedene Tiere, die im Vortrag nicht vorkamen, zur Sprache, darunter die Schweine, von denen bisher keine Mumien gefunden wurden. Eine mögliche Erklärung ist ihre Assoziation mit dem Götterfeind Seth. Ein weiteres mit ihm assoziiertes Tier, der Esel, wurde ebenfalls nicht mumifiziert. Fische und insbesondere Welse können als Mumien in Ritualdeponierungen vorkommen. Allerdings ist unklar, mit welcher Gottheit sie assoziiert wurden. Siedlungsfunde belegen außerdem, dass Welse auch Speisefische waren. Auf die Frage, ob größere Tiere abgesehen von Stieren mumifiziert wurden, nannte Salima Ikram die Pferdemumie, die im Grab des Senenmut, eines der einflussreichsten Beamten unter der Königin Hatschepsut, mit einem Satteltuch in einem Holzsarg bestattet wurde. Das Tier war zum Zeitpunkt seines Todes bereits älter und war wahrscheinlich das geschätzte, persönliche Reittier des Grabherrn. In der Regel wurden bestimmten Göttern jene Tiere als Mumien gestiftet, in deren Gestalt sie gezeigt werden konnten. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Tiermumien dem hybriden Wesen Anubis geopfert wurden. Diese waren vor allem Tiere, die der Gestalt Anubis irgendwie ähnelten, v. a. Hunde, aber auch Schakale, einige Füchse und Hyänen.

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