Donnerstag, 8. Dezember 2016

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Alexander Pruß – Bildersturm: Ausmaß und Hintergrund von Kulturzerstörung im Nahen Osten

Ein Beitrag von Tim Brandes.
 
Im Sommersemester 2015 nahm Prof. Dr. Alexander Pruß den Ruf der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an und ist seitdem Inhaber des Lehrstuhls für Vorderasiatische Archäologie in Mainz. Schon von Beginn an durfte ihn auch das Graduiertenkolleg "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" willkommen heißen, in dem er sogleich zum Mitglied des Trägerkreises wurde und seitdem maßgeblich zur Erweiterung des Themen- und Forschungsspektrums beigetragen hat.
 
Am 24.11.2016 hielt Herr Pruß nun seine Antrittsvorlesung an der Universität Mainz. Das Thema dieser Vorlesung weist zwar keine direkte Anlehnung an die Forschung des Graduiertenkollegs auf, soll an dieser Stelle aber dennoch Erwähnung finden, da es grundsätzlich alle Altertumswissenschaften berührt und im besonderen Maße natürlich diejenigen, die sich mit dem Alten Orient im weitesten Sinne beschäftigen.
In eben jener Vorlesung mit dem Titel "Bildersturm: Ausmaß und Hintergrund von Kulturzerstörung im Nahen Osten" widmete sich Herr Pruß einem Thema, das vor dem Hintergrund der andauernden bewaffneten Konflikte  sowohl in Syrien als auch im Irak  eine leider allzu aktuelle Brisanz besitzt.
 

Medienwirksame Zerstörung antiker Stätten: Nimrud und Palmyra

Den Verlust für die Forschung machte Herr Pruß eingangs am Beispiel Nimruds fest, einer der Hauptstädte des neuassyrischen Reiches, das bis zum Ende des siebten Jahrhunderts v. Chr. die dominierende politische Macht des Vorderen Orients darstellte. Aus eben jener neuassyrischen Epoche sind unzählige schriftliche und bildliche Zeugnisse überliefert, die sich als unschätzbar wertvoll für die Erforschung des Alten Orients erwiesen haben. So stellen die neuassyrischen Reliefs, u.a. aus Nimrud, die wohl umfangreichste zusammengehörige Gruppe von Bildquellen aus dem Alten Orient insgesamt dar.
Gerade diese antike Ruinenstätte Nimrud hat in jüngster Zeit für traurige Schlagzeilen gesorgt, da sie medienwirksam und somit als deutliche Provokation vom sogenannten IS zerstört wurde. Doch Nimrud war bei weitem nicht die einzige kulturell bedeutsame Stätte, die diesem Schicksal anheim fiel: Inzwischen war mehrfach auch die ebenfalls bedeutsame Stadt Palmyra in Syrien das Ziel gezielter Zerstörungen. So wurde 2015 der bis dato gut erhaltene Baal-Tempel ebenfalls vom IS gesprengt.
 

Weitere, weniger bekannte Formen der Kulturzerstörung

Herr Pruß machte weiterhin darauf aufmerksam, dass diese medienwirksamen Zerstörungen leider bei weitem nicht die einzigen ihrer Art sind. So ist beispielsweise weniger bekannt, dass sich ein erheblicher Anteil dieser Attacken nicht gegen antike, vorislamische Kulturgüter richtet, sondern dass ihnen im Gegenteil v.a. islamisches Kulturgut zum Opfer fällt.
Doch die Zerstörung durch religiöse Extremisten ist gemäß Herrn Pruß leider nicht die einzige Gefahr für die Kulturgüter des Vorderen Orients. Schon bei den ersten Ausgrabungen durch Europäer, die der Methoden der modernen Archäologie entbehrten, wurde mitunter ein erheblicher Schaden angerichtet. Auch heutzutage stellen illegale Raubgrabungen, gerade im Zuge der andauernden Konflikte, ein erhebliches Problem dar und hinterlassen der Forschung einen irreparablen Schaden. Nicht zuletzt kommt es im Rahmen der Kriegshandlungen auch zu unbeabsichtigten Zerstörungen. Als Beispiel führte Herr Pruß Aleppo auf, wo im Zuge der Kampfhandlungen beispielsweise der antike Tempel des Wettergottes sowie die berühmte Freitagsmoschee zerstört wurden.
 
Herr Pruß beendete seine Antrittsvorlesung jedoch mit einem Lichtblick, indem er darauf hinwies, dass es durchaus lokale Bemühungen gibt, in Mitleidenschaft gezogene Kulturgüter wieder zu restaurieren. Er folgerte daraus, dass es im Sinne des Kulturgüterschutzes zu unserer Aufgabe gehört, solche Projekte zu fördern.

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