Donnerstag, 17. Dezember 2015

Augen auf bei der Methodenwahl

Ein Beitrag von Dominik Berrens.

Unter dem Titel "Augen auf bei der Methodenwahl. Bildwissenschaftliche Theorien zwischen Reflexion und Anwendung in der Ägyptologie und Klassischen Archäologie" präsentierten die beiden Kollegiatinnen Simone Gerhards (Ägyptologie) und Sarah Prause (Archäologie) die gemeinsam erarbeitete Methodik ihrer Promotionsprojekte. Der interessante und lehrreiche Vortrag belegte eindrücklich den Wert interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Was ist ein Bild?

 
Am Anfang des gemeinsamen Vortrages stand die nur vermeintlich triviale Frage, was unter einem Bild zu verstehen sei. Frau Gerhards und Frau Prause beriefen sich dabei auf den Kunsthistoriker Gottfried Böhm und den von ihm herausgegebenen Sammelband "Was ist ein Bild". In Anlehnung an den sogenannten "linguistic turn" prägte er den Begriff "iconic turn" und forderte: "Was der Satz kann (der Logos), das muss auch dem bildnerischen Werk zu Gebote stehen, freilich auf seine Weise"(Fn. 1).
 
Tatsächlich werden die Bildbegriffe in der Ägyptologie und der Klassischen Archäologie nicht deckungsgleich verwendet, was vor allem den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kulturen geschuldet ist. Während etwa in der Klassischen Antike Text und Bild in einem weniger engen Zusammenhang stehen, umfassen ägyptische "Bilder" durchaus Darstellungen, in die Texte integriert sind. Zudem sind bereits die ägyptischen Hieroglyphen sehr "bildhaft".
 
Trotz der Unterschiede im Umfang des Bildbegriffes gleicht sich die Funktion des Bildes in beiden Disziplinen. Als Abbilder einer "konstruierten Wirklichkeit" dienen Bilder als Quelle für Leben, Denken und Vorstellungswelt der zu untersuchenden Kultur. 
 

Theorien und Methoden

 
Bevor sie auf Theorien eingingen, die Grundlage ihrer eigenen Methodik sind, erläuterten die beiden Referentinnen zunächst den Unterschied zwischen Theorie und Methode, wenngleich die beiden Begriffe häufig synonym gebraucht werden: Während eine Theorie ein gedankliches Konstrukt ist, auf das die Forschungsarbeit gründet, versteht man unter der Methodik eine Anwendung gleichförmiger Prinzipien zur Bearbeitung und Bewertung historischer Quellen. Für ein bestimmtes Forschungsprojekt können dabei je nach Fragestellung verschiedene Theorien und vor allem auch Methoden herangezogen werden.
 
Die von Simone Gerhards und Sarah Prause verwendete Methodik ist im Wesentlichen aus drei bildanalytischen Verfahren zusammengesetzt. Eine wichtige Grundlage bildet die sogenannte Semiotik, die sich mit Zeichen, ihrer Bedeutung und Vermittlung im weitesten Sinne beschäftigt. Für die Bildwissenschaften ist hier insbesondere das von Charles William Morris entwickelte Analyseverfahren von Bedeutung, das in den letzten Jahren von Klaus Sach-Hombach weiterentwickelt worden ist.
 
Als zweites wurde die sogenannte ikonographisch-ikonologische Methode erläutert, die auf den Kunsthistoriker Erwin Panofsky zurückgeht. Diese beruht auf drei Schritten: Zunächst wird das Bild "vorikonographisch", d. h. möglichst ohne Interpretation und Deutung, beschrieben. Anschließend folgt die ikonographische Analyse, mit der der Bedeutungssinn des Bildes erfasst wird und etwa Bildthemen oder einzelne Symbole interpretiert werden. Die eigentliche Deutung des Bildes wird in der abschließenden ikonologischen Interpretation vorgenommen, in der das Bild etwa in seinen historischen Kontext eingebettet wird.
 
Zuletzt gingen die Referentinnen noch auf die Diskursanalyse bzw. genauer auf die Bild-Diskursanalyse nach Renggli ein. Im Gegensatz zu den beiden vorher genannten Methoden dient die Diskursanalyse nicht als Werkzeug zur Untersuchung einzelner Bilder, sondern dazu, einen Diskurs – d. h. eine Ordnung von Aussagen und Wissensbeständen – sichtbar zu machen und zu rekonstruieren. Die Diskursanalyse benötigt also zunächst ein möglichst umfangreiches Corpus, anhand dessen untersucht werden kann, welche Themen wie und eventuell auch warum dargestellt werden. Die genaue Vorgehensweise der Diskursanalyse ist jedoch stark vom jeweiligen Material abhängig und nicht streng schematisch.
 
Da all diese dargestellten Methoden Schwachstellen und Grenze aufweisen, entschieden sich Frau Gerhards und Frau Prause für eine kombinierte Methodik aus den drei genannten Grundtypen, die sie für ihre jeweiligen Promotionsprojekte anwenden können.
 

Beispiele aus der Praxis

 
Wie eine solche Anwendung konkret aussehen kann, demonstrierten die beiden Referentinnen anhand eines ausgewählten Beispiels aus ihren Dissertationen. Dabei zeigte Frau Gerhards, wie sie mithilfe eines an die Bild-Diskursanalyse angelehnten Verfahrens verschiedene Darstellungen des erwachenden Osiris zunächst zu einem Corpus zusammenstellt und auf Gemeinsamkeiten und Abweichungen untersucht.
 
Frau Prauses Beispiel zeigte vor allem den Schritt der Kontextualisierung einer Abbildung. Dazu wählte sie Darstellungen des Kampfes zwischen Herakles und dem dreileibigen Riesen Geryoneus aus. Die über 70 verschiedenen Abbildungen unterscheiden sich darin, wie drastisch und explizit der Sieg über das monstrum dargestellt wird. Vor allem Augentraumata, die ein Teil des Promotionsprojektes von Frau Prause sind, tragen zur Erhöhung der Drastik bei.
 
Eine kurze Zusammenfassung der im Rahmen des Vortrags aufgestellten Thesen leitete eine rege Diskussion ein. 
 
Fußnote:
[1] Böhm, Gottfried (Hrsg.): Was ist ein Bild?, München 1994, 30.
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen