Donnerstag, 18. Juni 2015

Tagung "Der Tempel als ritueller Raum", Heidelberg, 9.-12. Juni 2015

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling.
 
Die internationale Tagung "Der Tempel als ritueller Raum", die von dem Tübinger Projekt "Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens" ausgerichtet wurde, fand vom 9. bis 12. Juni 2015 im Haus der Heidelberger Akademie der Wissenschaften statt (Abb. 1 und 2). Dabei wurde das Thema "Raum" sowohl in übertragenem, religiös-kulturellem Sinne verstanden als auch ganz real anhand von Strukturen und Raumeinheiten des ägyptischen Tempels untersucht. Zusätzlich wurden Detailanalysen hinsichtlich der Anbringungskonzepte von Bild und Text an den Wänden angestellt. Wie beim Projekt selbst stand dabei die griechisch-römische Epoche Ägyptens im Mittelpunkt (ca. 3. Jh. v. Chr.-3. Jh. n. Chr.), wobei aber stets die Entwicklung seit der pharaonischen Zeit mit in den Blick genommen wurde.
 

Abb. 1 und 2: Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, im Hintergrund das Heidelberger Schloss (Fotos: S. Baumann).

Die insgesamt vier Tage währende Veranstaltung, die rund 30 Vortragende aus Deutschland, Frankreich, Belgien, der Schweiz und den Niederlanden vereinte, wurde in fünf Themenblöcke unterteilt. Themenblock 1 "Architektur, materieller Formenkanon und Grundmuster des Tempelbaus" widmete sich u. a. der Typologie der großen Tempel der griechisch-römischen Epoche Ägyptens, deren Farbnormen und -gestaltung sowie der normativen Anordnung und Kategorisierung von Ritualsequenzen; letzteres anhand des von Joachim F. Quack untersuchten "Buchs vom Tempel".

Zu Themenblock 2 "Architektur und Text" gehörte beispielsweise ein Beitrag von Holger Kockelmann, der mit Stefan Baumann die Tagungsorganisation innehatte, und der darlegte, wie die Dekoration an Eingängen mittels apotropäischer Texte und Darstellungen dem magischen Schutz des Tempelhauses diente. Die Untersuchung von Jan Tattko widmete sich ebenfalls den Türen, wobei er einen Bezug der Inschriften zum dahinterliegenden Raum in den Tempeln von Dendera und Edfu feststellte. Stefan Baumann arbeitete die bereits seit dem Neuen Reich vorliegende Parallelität von Tempel und (herrschaftlichem) Wohnhaus heraus. So kann der in den späten Tempeln belegte Raum Wabet (äg. "die Reine") mit dem Badezimmer gleichgesetzt werden, das Sanktuar hingegen mit dem Schlafzimmer.

Themenblock 3 lieferte "Fallstudien zu bestimmten Raumeinheiten". Dies konnten Räume bestimmter Tempel sein, aber auch die in den meisten Tempeln in zweifacher Ausführung vorliegenden Treppen, wie im Beitrag von Alexa Rickert. Sie untersuchte die Rolle dieser architektonischen Einheit und welchen Einfluss sie auf den Ablauf des Neujahrsrituals hatte, das eine Prozession auf das Dach des Tempels von Dendera enthielt. Dort wurde die Statue der Hauptgöttin des Tempels, Hathor, dem Sonnenlicht ausgesetzt, um sich zu verjüngen und zu erneuern.

Der vierte Themenblock stellte den "Tempel als Spiegel kultisch-ritueller Konzepte" dar. Ebenfalls mit einer Treppe, jedoch in einer abstrakten, Raum und Zeit verbindenden Form, befasste sich die Autorin dieses Beitrags, Victoria Altmann-Wendling. Dabei standen die sogenannten Mondtreppen im Mittelpunkt, die mit 14 Stufen die Tage der zunehmenden Monatshälfte bis zum Vollmond repräsentieren (s. auch mit Foto den Blogbeitrag von Sonja Gerke über den Mond in den religiösen Texten des griechisch-römischen Ägyptens
). 
 
Abb. 3: Die zweite "Mondtreppe" im Tempel von Dendera, angebracht an einer Treppe, die auf das Dach des Pronaos führt (Foto: C. Leitz). 
 
Dabei symbolisieren die Stufen einerseits die Vergrößerung der Leuchtkraft des Himmelskörpers als auch seiner beleuchteten Oberfläche, andererseits ermöglicht die Treppe den mythologischen Aufstieg der darauf befindlichen Götter zum Mond. Durch ihren Eintritt tragen sie nach theologischer Ausdeutung zum Erreichen des Vollmondes bei. Eine reale Treppe neben einer weiteren solchen Darstellung in Dendera gibt zu der Vermutung Anlass, dass das Geschehen der götterweltlichen Ebene innerhalb eines Rituals physisch durch die Priester nachempfunden werden konnte (Abb. 3). Svenja Nagel wagte einen Blick über die Tempeltexte hinaus und legte dar, wie Praktiken in den demotischen und griechischen magischen Papyri zur Schaffung eines rituellen Raums mit den Handlungen im Tempelgründungsritual in Verbindung zu setzen sind.

In der letzten thematischen Einheit ("Der rituelle Raum im Spannungsfeld von Lokalität vs. Überregionalität") wurde z. B. anhand des Tempels von Esna gezeigt, auf welche Weise ortsfremde Götter ins Dekorationsprogramm aufgenommen wurden und wie sie in Bezug zu den lokalen Tempelgottheiten standen. Fabian Wespi stellte dar, dass die scheinbar stark divergierenden Bücherhäuser der Tempel von Philae und Edfu bei genauerer Untersuchung ein normiertes Schema aufweisen. Er setzte dies mit den Angaben eines demotischen Papyrus in Bezug, der Anweisungen für die Handlungen der Priester im Tempel enthält.
 
Abb. 4: Bootsausflug auf dem Neckar (Foto A. Rickert).
 
Den unterhaltsamen Ausgleich zur Fachtagung stellte der Bootsausflug auf dem Neckar dar (Abb. 4), der bei schönstem Wetter ins benachbarte Neckargemünd führte, wo nach dem Aufstieg zur lokalen Burgruine die wohlverdiente Erfrischung im Biergarten wartete
 

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