Montag, 16. Februar 2015

Workshop: Prototype Theory and Egyptian Hieroglyphs (an introduction)

Ein Beitrag von Nadine Gräßler.
 
Vom 6. bis 7. Februar 2015 veranstaltete Prof. Orly Goldwasser im Rahmen des GRK 1876 einen Workshop zur Prototypentheorie und ihrer Anwendung auf die ägyptische Hieroglyphenschrift. Prof. Dr. Orly Goldwasser von der Hebrew University in Israel, die auch schon im November bei dem vom GRK veranstalteten internationalen Workshop "Von der Klassifizierung zum Konzept: Interdisziplinäre Heuristiken zur Konzeptualisierung von Flora, Fauna, Mensch und Landschaft" beteiligt war, ist Ägyptologin mit einem Schwerpunkt auf der Klassifizierung des ägyptischen Schriftsystems und dessen Vergleich mit anderen Sprachen und Schriften der Welt (Fn. 1).

Der Workshop verfolgte das Ziel, bei allen Beteiligten das Verständnis für die Wichtigkeit der Kategorisierung als zentrales Mittel zum Verstehen einer Kultur (in diesem Fall der Altägyptischen) zu sensibilisieren. Dazu wurde in die aus der kognitiven Linguistik stammende Prototypentheorie und ihre Entwicklung eingeführt. Damit verbunden stand die Frage nach der Anwendbarkeit dieser Theorie auf die altägyptische Schrift und den daraus zu gewinnenden Erkenntnissen über mögliche altägyptische Konzepte.
 
Inhaltlich unterstützt wurde der Workshop durch drei Vorträge von Monika Zöller-Engelhardt, Imke Fleuren  und Sonja Gerke, die verschiedene weitere Aspekte der Prototypentheorie sowie der Klassifizierung des Hieroglyphenschriftsystems anhand von verschiedenen Artikeln führender Wissenschaftler auf diesem Gebiet für die anderen Teilnehmer/innen kritisch aufbereitet haben (Fn. 2).
 

Die ägyptische Hieroglyphenschrift

 
In einem ersten Block gab Prof. Goldwasser für die interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe eine Einführung in das Hieroglyphenschriftsystem. Auf besonders anschauliche Weise konnte sie deutlich machen, warum wir die Hieroglyphenschrift sofort als Schrift und nicht als Bild wahrnehmen und wie sie sich von anderen Bilderschriften unterscheidet. Im Gegensatz zum Bild an sich, sind in der Hieroglyphenschrift nämlich keine Größenunterschiede feststellbar, d. h. ein Auge steht bspw. im gleichen Größenverhältnis zu einem Vogel (siehe Abb. 1). Die Hieroglyphenschrift hat zudem ihre hohe Ikonizität im Gegensatz zu anderen Schriften, die ebenfalls auf Bildern beruhen (wie z. B. die Keilschrift) immer beibehalten.
 
Abb. 1: Hieroglypheninschrift aus dem Grab Sethos' I. (Copyright: Jon Bodsworth: http://web.archive.org/web/20030719172306/ http://www.egyptarchive.co.uk/html/british_museum_29.html).
  
Eine Eigenheit der ägyptischen Hieroglyphenschrift ist der Gebrauch von in der Ägyptologie sogenannten Determinativen, die hinter jeder Wurzel eines Wortes stehen. Diese Hieroglyphen haben keinen phonetischen Wert, sondern fungieren als Lesehilfe, da sie semantische Informationen zu dem voranstehenden Wort beinhalten und es in eine Kategorie einordnen (Fn. 3). So ist z. B. hinter dem Wort "Tempel" eine Haus-Hieroglyphe (siehe Abb. 2) abgebildet, um den "Tempel" der Kategorie GEBÄUDE zuzuweisen.
Abb. 2: Haus-Hieroglyphe
Jedes Wort kann durch mehrere Determinative gekennzeichnet sein, wobei man sich – wie Prof. Goldwasser betonte – bewusst sein muss, dass die Auswahl der Determinative nie zufällig erfolgte. Der Schreiber wird immer ein mentales Bild vor Augen gehabt haben, dass sich in der Wahl des Determinativs / der Determinative wiederspiegelt. Durch die hohe Bildhaftigkeit der Schrift wird es somit möglich, die Kategorisierung des Weltbilds und die Art der Wissensorganisation der alten Ägypter nachzuvollziehen.
 

"Determinativ" vs. "Klassifikator" und "Repeater"

 
Nach Prof. Goldwasser ist der in der Ägyptologie geläufige Terminus "Determinativ" zu verbessern in "Klassifikator". Dass sich der Begriff "Determinativ" hartnäckig in der Ägyptologie hält, liegt zum einen an der Fachtradition, zum anderen aber auch daran, dass sich bislang nur wenige mit der Struktur von Determinativen beschäftigt haben. Durch die Änderung der Terminologie in "Klassifikator" werden eine systematische Untersuchung des Hieroglyphenschriftsystems und ein Vergleich mit anderen Klassifikator-Sprachen und -Schriften erst möglich. Im Folgenden wird daher ausschließlich der Terminus "Klassifikator" verwendet. 

Das ägyptische Hieroglyphensystem besitzt jedoch nicht nur Klassifikatoren, sondern auch sogenannte "Repeater". Diese werden wie die Klassifikatoren hinter die Wurzel eines Wortes gesetzt. Sie enthalten im Gegensatz dazu aber keine weiteren semantischen Informationen oder ordnen in zugehörige Kategorien ein, sondern wiederholen das vorangegangene Wort. Zum Beispiel wird hinter das phonetisch geschriebene Wort "Katze" die Hieroglyphe einer Katze als Repeater (siehe Abb. 3) gesetzt.

Abb. 3: Hieroglyphische Schreibung des Wortes "Katze" mit der Katzenhieroglyphe als Repeater.
Repeater sind ein Merkmal von Klassifikator-Sprachen und können auch in modernen Sprachen nachgewiesen werden.
 

"Women, Fire and Dangerous Things" (Fn. 4)

 
Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der Protoypentheorie und ihrer Anwendung auf die Hieroglyphenschrift, wobei gleichermaßen mögliche inhaltliche Ergebnisse als auch die methodische Vorgehensweise zur Sprache kamen.

Der Mensch nimmt unbewusst Kategorisierungen vor für alles, was um ihn herum ist. Gurken, Paprika, Karotten etc. werden so zum Beispiel in die Kategorie "GEMÜSE" eingeordnet. Von dieser übergeordneten Kategorie können dann weitere Subkategorien gebildet werden (im Fall von Gemüse zum Beispiel nach Geschmack oder Farbe). Eine Kategorisierung von den "Dingen" in der Welt wird seit der Klassischen Antike anhand des Ähnlichkeitsprinzips vorgenommen. Dies ist heute noch der Fall, jedoch ist mittlerweile bekannt, dass der Vorgang der Kategorienbildung im Gehirn weitaus komplexer ist.

Ein Meilenstein in der Erforschung von Kategorien stellt die Prototypentheorie dar, die in den 1970er Jahren von Eleonor Rosch geprägt wurde. Einer der Grundpfeiler dieser Theorie ist, dass es Mitglieder einer Kategorie gibt, die diese am besten vertreten (= der Prototyp). Neben diesem Prototyp gibt es in einer Kategorie natürlich weitere Varianten, die um ihn herum angesiedelt sind und in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten zu ihm aufweisen, die jedoch nicht immer dieselben sein müssen. Der Prototyp wird damit zum repräsentativen Vertreter der jeweiligen Kategorie. So ist in unseren Kreisen bspw. der beste Vertreter eines Taschentuchs das der Firma "Tempo", so dass "Tempo" sogar äquivalent zum Taschentuch gebraucht werden kann. Mit der Kategorisierung von Dingen sind mentale Bilder verbunden, die jeder Mensch automatisch bei der Nennung einer Kategorie vor Augen hat und die dadurch auch individuell geprägt sein können. Dieses mentale Bild bestimmt alle Eigenschaften des Prototypen und aller weiterer Vertreter einer Kategorie.

Kategorien müssen im kognitiven Gedächtnis bereits vorhanden bzw. erlernt worden sein. Das heißt, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen oder Umweltfaktoren auch verschiedene Vorstellungen von Kategorien und damit auch von deren jeweiligen Prototypen haben. Ein berühmtes Beispiel ist der Titel von George Lakoffs Standardwerk zur Kategorisierung "Women, Fire and Dangerous Things": In der Aborigine-Sprache Dyirbal gehören Frauen, Feuer und gefährliche Dinge zu einer gemeinsamen Kategorie. Warum diese Dinge zusammen eine Kategorie bilden, bleibt außenstehenden Personen unklar, da die Art der Klassifizierung nicht bekannt oder erlernt worden ist. 
 

Die Ente als Prototyp des Vogels


Die Klassifikatoren des ägyptischen Hieroglyphenschriftsystems basieren auf den Prototypen der jeweiligen Kategorie. Anders gesagt: Sie sind das Bild, das die Merkmale eine Kategorie am besten vertritt. Durch die hohe Bildhaftigkeit der Schrift ist es somit möglich, die Kategorisierung des Weltbilds und die Art der Wissensorganisation der alten Ägypter nachzuvollziehen. Dabei ist für das alte Ägypten jedoch nicht immer von dem Bild auszugehen, dass die allgemeine Bevölkerung als Prototypen vor Augen hatte, sondern von demjenigen, das die Elite, von denen die Schrift verwendet wurde, als besten Vertreter einer Kategorie empfand.

Ein Beispiel für die Anwendbarkeit der Theorien aus der kognitiven Linguistik auf die ägyptische Schrift ist die Ente als Prototyp der Kategorie VOGEL. Die Hieroglyphe der Ente kann zum einen als Logogramm genau die Bedeutung tragen, die sie darstellt: "Ente".

Abb. 4: Enten-Hieroglyphe
An einem bestimmten Punkt in der Entwicklung der Schrift wurde das Zeichen jedoch von dieser Bedeutung gelöst und zum Prototyp der Kategorie VOGEL abstrahiert. Das Zeichen steht somit als Klassifikator hinter Bezeichnungen jeglicher Vogelarten geschrieben. So kann z.B. der "Falke" mit der Ente als Vogel klassifiziert werden (siehe Abb. 5).

Abb. 5: Hieroglyphische Schreibung des Wortes "Falke" mit der Enten-Hieroglyphe als Klassifikator.
Durch Erkennen eines Klassifikators als Prototyp kann erforscht werden, welches gedankliche Konzept hinter einer bestimmten Kategorie steht. Für das Beispiel der Kategorie VOGEL bedeutet dies methodisch, alle Worte, die mit dem Enten-Klassifikator geschrieben werden, zu sammeln und auszuwerten. Daraus kann erschlossen werden, welche Arten überhaupt der Kategorie VOGEL angehören und welche Eigenschaften diese aufweisen mussten. Ein Abgleich mit Aussagen aus bildlichen Darstellungen und philologischem Material kann diese Erkenntnisse unterstützen. Erst durch die Auswertung aller möglichen Quellen lässt sich schließlich das altägyptische Konzept "Vogel" herausfiltern.

Die Ente als Prototyp der Gattung VOGEL erscheint uns heute sonderbar; wir würden als Prototypen eher eine Art Spatz oder Rotkehlchen vor Augen haben (Fn. 5).
Wasservögel sind jedoch eng mit der für den ägyptischen Kulturkreis wichtigen Nillandschaft verbunden und finden sich sehr häufig in ägyptischen Darstellungen zum Vogelfang oder als Opfergabe. Sie scheinen durch ihre Häufigkeit im Umfeld der Ägypter zum Prototypen geworden zu sein.


Abb. 6: Die Teilnehmer/innen des Workshops (Foto: Simone Gerhards).
Der Workshop brachte in vielerlei Hinsicht Ergebnisse für alle Beteiligten (Abb. 6). Durch die interdisziplinäre Zusammensetzung der Gruppe mit Mitgliedern aus den Fächern Ägyptologie, Linguistik, Assyriologie, Klassische Philologie und Mediävistik wurden viele produktive Diskussionen angeregt und Impulse für eigene Forschungsarbeiten angestoßen. Mit der Konzentration auf einen speziellen Untersuchungsgegenstand (die ägyptische Schrift) konnten die Kenntnisse der Teilnehmer/innen zur Klassifizierung und Kategorisierung vertieft und an einem konkreten Beispiel praktisch angewendet werden. Allen Teilnehmenden wurde die Wichtigkeit von Kategorieneinteilung als Indikator für das Erkennen von Konzepten ins Bewusstsein gerufen. Dies ist gerade für die Graduierten des GRKs von Bedeutung, da das Erforschen antiker Konzepte aus dem Bereich von Mensch und Natur eines der Kernziele des GRKs ist. Nicht zuletzt konnte während des Workshops anschaulich dargestellt werden, wie moderne Theorien auf antikes Material übertragen werden können und welche Möglichkeiten, aber auch welche Grenzen dies umfasst. 

Das Programm der Veranstaltung finden Sie hier.


Fußnoten:
[1] Eine Liste der Publikationen von Prof. Goldwasser finden Sie
hier.
[2] Monika Zöller-Engelhardt präsentierte einen Artikel von O. Goldwasser ("La force de l'icône – le 'signifié élu'", in: N. Beaux / B. Pottier / N. Grimal (Hgg.), Image et conception du monde dans les écritures figuratives (Etudes d'Égyptologie; 10), Paris 2009, 336-371), Imke Fleuren einen Aufsatz von A. Rifkin ("Evidence for a basic level in event taxonomies", in: Memory & Cognition 13/6, 1985, 538-556) und Sonja Gerke eine Publikation von E.-M. Lincke und F. Kammerzell ("Egyptian Classifiers at the Interface of Lexical-semantics and Pragmatics", in: E. Grossmann / J. Winand / St. Polis (Hgg.), Lexical Semantics in Ancient Egyptian (Lingua Aegyptia: Studia monographica; 9), Hamburg 2012, 55-112).
[3] Vgl. dazu das moderne "Hashtagging", bei dem ebenfalls bestimmte Worte in der Schrift markiert, aber nicht mitgesprochen werden.
[4] Titel des gleichnamigen Werks von Lakoff, George, Women, Fire, and Dangerous Things: What Categories Reveal about the Mind, Chicago 1987.
[5] Eleonor Rosch hat in den USA in den 1970ger Jahren in einem Experiment eine Rangfolge für die Kategorie VOGEL erstellt, indem sie Versuchspersonen verschiedene Vogelarten auf einer Skala von 1 bis 7 einordnen ließ. Das Ergebnis war, dass nahezu alle Probanden das Rotkehlchen als bestes Beispiel und damit als Prototypen dieser Kategorie bestimmten.
  

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