Montag, 4. August 2014

„Ameisen und Bienen – Staatsverfassungen sozialer Insekten“ – Ein Vortrag von Prof. Dr. Niels Werber

Ein Beitrag von Dominik Berrens.

Am 24. Juli 2014 lud das Graduiertenkolleg 1876 zu einem öffentlichen Vortrag des Germanisten und Medienwissenschaftlers Prof. Dr. Niels Werber ein. Herr Werber, der den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft I an der Universität Siegen inne hat, widmet sich in seiner Forschung unter anderem der Frage nach Selbstbeschreibungsformeln der Gesellschaft sowie der Darstellung sozialer Insekten – zwei Forschungsgebiete, die für ihn eng zusammengehören.

Menschliche und tierische Gesellschaft

 
In seinem Vortrag "Ameisen und Bienen – Staatsverfassungen sozialer Insekten" untersuchte Niels Werber die Darstellungen der Gesellschaften von Bienen und Ameisen. Bienen werden seit der Antike traditionell immer als Monarchie verstanden, mit einem mehr oder weniger starken König an der Spitze; Ameisen hingegen werden in der griechisch-römischen Antike (z. B. Aristoteles Historia animalium 1,1 488a 10-14) und auch im Alten Testament (Spr. 6,6-8) als "anarchisch", d. h. ohne Herrscher, beschrieben. Bewunderung erwächst ihnen vor allem aus der Tatsache, dass ihr Gemeinwesen trotz des scheinbaren Fehlens eines Anführers wohl organisiert ist.
In neuzeitlichen Diskursen wird die Ameise immer stärker mit der Vorstellung eines demokratischen Staates in Verbindung gebracht. Die Gesellschaft der Ameisen wird dabei je nach Haltung des Textes zu dieser (menschlichen) Regierungsform entweder negativ, so z. B. in den sogenannten Emblemata des Johannes Sambucus aus dem Jahre 1564 oder positiv dargestellt, so z. B. in Lessings Ernst und Falk.
Bienenstock und Ameisenhaufen können als Legitimation für die jeweils mit ihnen  verknüpfte Herrschaftsform angeführt werden, so z. B. in Flauberts Bouvard und Pécuchet, wo ein monarchistisch eingestellter Diskutant, die Bienen als Beleg für die Monarchie ansieht, woraufhin sein demokratischer Kontrahent die Ameisen als Gegenbeispiel nennt.

Biologie als Soziologie

 
Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts werden in zunehmenden Maße biologische und sozialwissenschaftliche Ansätze und Methoden miteinander verknüpft. Fachgebiete wie Entomologie und Soziologie beeinflussen sich gegenseitig in ihren Theorien und es entstehen neue Fachrichtungen wie die Soziobiologie. Die Insektengesellschaften gelten als Studienobjekte, die auch Erkenntnisse über die menschliche Gesellschaft liefern können. Gesellschaft wird dabei als bloße social aggregation verstanden. Insofern ist ein Insektenstaat ebenso als Gesellschaft anzusehen wie eine menschliche Gemeinschaft. Im Zentrum der Untersuchungen der menschlichen und tierischen Gesellschaften steht dabei nicht mehr das einzelne Individuum, das in beiden Fällen gewissermaßen zum bloßen simple agent innerhalb eines Systems reduziert wird, sondern die Gesellschaft als Ganzes und die Mechanismen, die zu Entscheidungen führen (decision making). Die Frage nach dem rationalen Handeln des einzelnen Insekts (und auch des Menschen), die für die früheren Darstellungen zentral war, wird in diesem Konzept obsolet.

Die Beschreibung des Insektenstaates als Selbstbeschreibung der menschlichen Gesellschaft

 
Beschreibungen von Insektengesellschaften spiegeln so immer auch Vorstellungen von der menschlichen Gesellschaft wider. Dies gilt für die historische ebenso wie für die moderne entomologische Forschung etwa von Edward O. Wilson oder Thomas D. Seeley. Niels Werber zeigte nicht nur in diesem Vortrag, sondern bereits in seinem Aufsatz "Ameisen und Aliens. Zur Wissenschaftsgeschichte von Soziologie und Entomologie" (2011) (Fn. 1) sowie in seinem Buch "Ameisengesellschaften – Eine Faszinationsgeschichte" (2013) (Fn. 2) (besonders S. 159-276), eindrücklich, wie stark diese vermeintlich objektiven naturwissenschaftlichen Darstellung von bestimmten Konzepten über die menschliche Gesellschaft geprägt sind.

Fußnoten:
[1] Werber, N. (2011): Ameisen und Aliens. Zur Wissenschaftsgeschichte von Soziologie und Entomologie, in: Berliner Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte 34, 242-262.
[2] Werber, N. (2013): Ameisengesellschaften – Eine Faszinationsgeschichte. Frankfurt am Main: S. Fischer.

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