Dienstag, 15. Juli 2014

Dissertationsprojekt von Florian Schimpf: "Mensch – Landschaft – Religion: Eine Untersuchung zur Genese, Gestaltung und Wahrnehmung heiliger Naturräume in Kleinasien"

Ein Beitrag von Sarah Prause.

In seinem Dissertationsprojekt untersucht Florian Schimpf "Naturheiligtümer" im westlichen Kleinasien. Sein Ziel ist es, mögliche Konzepte von der Verbindung zwischen Natur und Religion zu beleuchten und der Frage nachzugehen, warum und in welcher Weise unberührter Naturraum eine sakrale Aufladung erfahren hat und zu einem für den Menschen bedeutsamen Zeichen der Anwesenheit von Göttern werden konnte.

Das Spektrum der bisher gesichteten Stätten umfasst sämtliche Typen von Naturmalen: von aiolischen Fels- über lykische Grotten- und kilikische Höhlenheiligtümer bis hin zu karischen Steinkulten.

Das Naturheiligtum


Essentiell für das Dissertationsprojekt und für die Auswahl der zu untersuchenden Stätten ist zunächst eine Definition des Begriffs "Naturheiligtum". Florian Schimpf machte darauf aufmerksam, dass Sinngehalt und Bedeutung des Wortes "Naturheiligtum" zwar naheliegen und intuitiv verständlich seien, eine kanonisierte (wissenschaftliche) Definition des Naturheiligtums bislang jedoch fehle.

Nach dem Versuch, sich über die Kategorisierung des Begriffs einer Definition anzunähern, charakterisiert Herr Schimpf das Naturheiligtum über die Wohnstätte der Gottheit: das Haus der Gottheit sei bei einem Naturheiligtum das Naturmal, nicht der Tempel. Herr Schimpf macht zudem auf die verschiedenen "Typen" von Naturheiligtümern aufmerksam. So beispielsweise auf "natürliche" Orte, wie Felsheiligtümer, Grotten usw., und auf solche Naturheiligtümer, die "künstlich" – vom Menschen – angelegt worden sind.

Anlage und Gestalt der Naturheiligtümer


Der Naturraum war in der Antike nie gänzlich unbelebt. Selbst der durch fortifikatorische Maßnahmen entstandene, innerstädtische Naturraum war dies nicht. Die visuelle Grenze zwischen Stadt und Natur scheint im antiken Glauben keine bedeutsame Rolle gespielt zu haben. So konnten naturverbundene Gottheiten an einem geeigneten Naturmal auch innerhalb des Stadtraumes Verehrung genießen.

Die frühesten bekannten Naturheiligtümer der Griechenstädte entstammen allesamt einer Zeit, da Großbauten den städtebaulichen Alltag und Tempel die meisten Stadtbilder prägten. Man hatte die Wahl zwischen einem naturbelassenen und einem aufwendig gestalteten Kultplatz und entschied sich bewusst für ersteren. Die allermeisten dieser Kultstätten, etwa die ephesischen, samischen und phokaischen Felsheiligtümer, behielten ihr naturbelassenes Äußeres durch die gesamte Antike hinweg bei. Selbst in hellenistischer Zeit, für welche, neben einem zunehmenden Interesse an Naturkulten, ein zunehmender Ausbau von vormals kleinen Kultstätten zu konstatieren ist, wurden Naturheiligtümer intentionell schlicht gehalten. Nach der eingehenden Betrachtung ostgriechischer Felsheiligtümer ließen sich bereits einige Auffälligkeiten beobachten: Das sogenannte Hafenheiligtum von Phokaia bspw. wurde nicht am jungfräulichen, sondern an dem zuvor für den Stadtmauerbau abgetragenen Felsen errichtet. Die heutzutage als Teil eines Klosters bekannte Grotte Spiliani in Samos soll ursprünglich als Steinbruch und anschließend als Nymphenheiligtum gedient haben, und auch bei einem der neu entdeckten Felsheiligtümern am Stadtberg Pergamons sollen Spuren von vorangegangener Steinbruchtätigkeit zu erkennen sein.

Blickbezüge und -achsen konnten eine gewichtige Rolle bei der Ortswahl von Naturheiligtümern spielen, namentlich beim Meterheiligtum von Kapıkaya und den Felsheiligtümern am Stadtberg Pergamons. Womöglich spielten auch andernorts Blickbezüge, wie bspw. beim ephesischen Felsheiligtum, eine nicht ganz unerhebliche Rolle bei der Ortswahl dieser Kultstätten.

Künstlich geschaffene Naturheiligtümer, allen voran Grotten, scheinen in hellenistischer Zeit besonders in Mode gekommen zu sein – stellvertretend sei auf die Grotten auf Rhodos, die weite Teile der Akropolis der am Ausgang des 5. Jhs. v. Chr. durch Synoikismus entstandenen Stadt durchziehen, hingewiesen.

Weiter liegt die Vermutung nahe, dass das Aussehen, bspw. des noch heute als Goldhöhlenhügel bezeichneten Hügels in Phokaia (hier wurden vor wenigen Jahren über 100 Nischen in das gelbe Mergel-Gestein eingetieft gefunden), eine gewichtige Rolle bei der Heiligwerdung von Natur gespielt haben könnte.

Intra murale Naturheiligtümer lassen gewisse Regelmäßigkeiten hinsichtlich ihrer Anlage erkennen. So befinden sie sich in der Regel an Abhängen nahe der Stadtgrenze im innerstädtischen Naturraum. In den Griechenstädten scheinen die Felsheiligtümer überwiegend der Kybele vorbehalten gewesen zu sein und besonders in hellenistischer Zeit im Zuge von Stadtneugründungen, Stadterweiterungen oder umfangreichen Baumaßnahmen intendiert innerstädtisch angelegt worden zu sein.

Transferierung von Naturheiligtümern in den innerstädtischen "Naturraum"


Bislang erscheint es schwer zu beurteilen, ob Naturheiligtümer in der Frühzeit abseits der Siedlungen lagen und erst im Zuge von Stadtvergrößerung und Stadtmauerbau näher an den Bereich der Wohnstadt heran rückten, oder ob sie zu einem späteren Zeitpunkt und damit intendiert im städtischen Wohnraum entstanden. Florian Schimpf weist darauf hin, dass Stadtneugründungen, wie Priene, Herakleia und Rhodos, sowie im Zuge von Baumaßnahmen entstandene Heiligtümer, wie in Pergamon, Limyra oder Trysa, den Schluss nahe legen, dass Naturheiligtümer spätestens in hellenistischer Zeit bewusst innerstädtisch installiert werden konnten. In Herakleia wanderte der alte Kult des Berggottes sogar vom Latmosgebirge hinab in einen künstlichen Höhlenbau im Stadtgebiet. Gottheiten, die vormals am Naturmal verehrt wurden, konnten durchaus in Tempelbauten umziehen. Als erstes mag dies in Lindos auf Rhodos geschehen sein, wo Keramik des späten 2. und frühen 1. Jts. v. Chr. oberhalb der Grotte im Zusammenhang mit Kultaktivität und somit als Indiz für den Kulttransfer aus der Grotte auf das darüber liegende Plateau gedeutet wird. Spätestens ab archaischer Zeit scheint mit dem Tempelbau für Athena Lindia dieser Umzug der Gottheit belegt.

Als Hannibal im Jahre 205/204 v. Chr. Rom bedrohte, zog auf Rat der Sibyllinischen Bücher und des Orakels von Delphi das anikonische Kultbild der Meter vom Dyndimos nach Rom in den Tempel der Magna Mater auf dem Palatin. In Aizanoi traf die Göttermutter ein vergleichbares Schicksal. Ihr Kult in einer Höhle zog in flavischer Zeit in den Monumentalbau für Zeus, wo sie vermutlich als Synnaos neben Zeus unterirdisch in einem Gewölberaum verehrt wurde.

Wie sich zeigte, scheint es durchaus nicht unüblich, dass ein vormaliger Naturkult zu einem späteren Zeitpunkt in einen Tempel umzog. Dem Phänomen der Wanderung von Naturheiligtümern in den innerstädtischen Naturraum oder in einen Tempelbau, wird sich Florian Schimpf zukünftig verstärkt annehmen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen