Montag, 20. Januar 2014

Workshop "Historische und archäologische Netzwerkanalyse"

Ein Beitrag von Sonja Gerke.

1. Workshop des Doktorandennetzwerks Byzanz


Die Netzwerkanalyse auf dem Vormarsch


Die Netzwerkanalyse ‒ die ursprünglich aus dem Bereich der Sozialwissenschaften stammt ‒ findet immer häufiger Anklang in den Geschichtswissenschaften und ist seit ca. zehn Jahren auch vermehrt in der Archäologie anzutreffen. Um in diese Thematik einzuführen, hat das Doktorandennetzwerk Byzanz der Universität Mainz am 15. und 16. Januar 2014 zu einem Workshop eingeladen, der von Herrn Dr. Johannes Preiser-Kapeller von der Abteilung für Byzanzforschung (Institut für Mittelalterforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften) geleitet wurde. Herrn Preiser-Kapeller gelang es, trotz des enormen Umfangs und der teilweise doch stark mathematischen Grundlagen der Thematik, auf äußerst ansprechende Art und Weise und mit zahlreichen anschaulichen Beispielen die Grundlagen der Netzwerkanalyse, wie Begrifflichkeiten, Darstellungsweise und Analyseverfahren sowie das handwerkliche "Rüstzeug" im Umgang mit dieser Methode zu vermitteln.

Theorie Teil I: "Knoten, Kanten und Degree – grundlegende Konzepte der quantitativen Netzwerkanalyse"


So lautete der Titel des ersten Vortrages, mit dem Herr Preiser-Kapeller im Vortragssaal des RGZM die elementaren Terminologien und Konzepte im Umgang mit Netzwerken vorstellte. Dabei wurde sowohl der Basis-Wortschatz der Kernelemente eines Netzwerkes ‒ Knoten, Kanten, Degree ‒ thematisiert, als auch Analyseverfahren und -methoden, wie z.B. Betweenness, Closeness, strukturelle Äquivalenz/Blockmodeling, Component/Clique/Cluster und vieles mehr. Es wurde deutlich, dass hier sowohl englische als auch deutsche Begrifflichkeiten nebeneinander in Gebrauch sind und sich so etabliert haben.

Theorie Teil II: "Theoretische Überlegungen und Beispiele der archäologischen und historischen Netzwerkanalyse"


Der zweite Teil des Nachmittags wurde von Herrn Preiser-Kapeller mit zahlreichen Beispielen gefüllt, die ‒ aus den unterschiedlichsten Fachbereichen und Zeiten stammend ‒ sowohl positiven als auch negativen Umgang und weiterhin die große Bandbreite und Vielfalt von Netzwerken und ihrer Analyse veranschaulichten. Das Publikum war dazu angehalten, sich zu den einzelnen Beispielen zu äußern sowie Nutzen und Erkenntnisgewinn der jeweiligen Analysen zu diskutieren.

Den größten Anwendungsbereich der Netzwerkanalyse stellen die sozialen Netzwerke dar, d.h. solche, die sich vor allem mit den Beziehungen (Verwandtschaft, Freundschaft) zwischen verschiedenen Individuen oder Familien beschäftigen. Aber auch Objekte oder abstraktere Dinge können in Netzwerken abgebildet werden, so beispielsweise das Verhältnis von Räumen innerhalb eines Gebäudes, von Orten über Handels-/Reiserouten oder Worte innerhalb eines Textes.

Im Falle der Beispiele aus der Archäologie zeigte sich besonders, dass in diesem Bereich sicherlich noch weiterer Forschungsbedarf besteht bzw. stets darauf geachtet werden sollte, dass der Erstellung eines solchen Netzwerkes und der daraus folgenden Analyse eine ausgedehnte Vorarbeit und konkrete Definitionen vorangehen müssen. Zudem wurde die Frage nach dem tatsächlichen Erkenntnisgewinn einiger Anwendungen thematisiert.

Die praktische Umsetzung


Am folgenden Vormittag hatten die Teilnehmer des Workshops die Möglichkeit, in den Räumlichkeiten des Mainzer Instituts für Mathematik anhand der beiden open source-Softwareprogramme ORA (Organizational Risk Analyzer) und Pajek (slowen.: "Spinne") unter der Anleitung von Herrn Preiser-Kapeller auch praktisch in die Welt der Netzwerkanalyse einzutauchen: Anhand von vorbereiteten Test-Netzwerkdateien konnten die beinahe unendlich erscheinenden Funktionen erkundet werden, wobei v.a. das Programm ORA durch seine Benutzerfreundlichkeit und Vielfalt überraschte. Allerdings wurde dabei auch von Herrn Preiser-Kapeller betont, wie verführerisch eine solche "Leichtigkeit" mitunter sein könne und man sich immer genauestens über die Quellenlage, Fragestellungen und Aussagemöglichkeiten seines Materials bewusst sein müsse.

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